„DENEN WAR DAS ZU DEPRI, ABER UNS HAT ES GETAUGT” – MARKUS KIENZL IM MICA-INTERVIEW

MARKUS KIENZL kennen die, die ihn kennen. Nostalgische Kulturredakteure als Mitglied der SOFA SURFERS. Aufmerksame Abonnenten als Musikproduzenten zum Ibiza-Leiberl. Und sein Wikipedia-Artikel als unvollständige Auflistung einer erfolgreichen Karriere. Eine, die damals begann, in den Neunzigern. Und immer noch andauert. Für Filme und Serien und Videospiele und Tatorte. Zuletzt erschien „Three” (VÖ: Monoscope Audio), ein Soloalbum und ein „Heimkommen”, wie KIENZL im Interview sagt.

Ging sich der Porsche nicht aus oder ist Hip-Hop die sozialverträglichere Midlife-Crisis?

Markus Kienzl: Wie, der Porsche ist sich nicht ausgegangen, das hab ich ja immer schon gemacht.

Deswegen meine ich.

Markus Kienzl: Na, die letzten acht Jahre habe ich intensiv Filmmusik gemacht, andere Grenzen ausgelotet. Von Streicher-Arrangements bis hin zu Klaviergedudel. Das waren Ausflüge in Welten, die ich nicht kannte. Und daraus entstanden Soundtracks für Serien wie „Der Pass” oder „Die Ibiza-Affäre”. Daneben habe ich aber immer Lust gehabt, auf bummtschak gerade, minimalistische Beats zu machen – ohne immer genau auf die Emotion zu hören. 

Also zurück …

Markus Kienzl: Zu meinen Roots, da fühl ich mich zu Hause, auch wenn ich gerne Filmmusik produziere. Deshalb mache ich das so, wie ich es kenne. Ich habe aber auch neue Einflüsse, ich höre ja viel.

Ja?

Markus Kienzl: Na, mich interessiert das voll. Ich bin sicher niemand, der sagt, früher war alles leiwander und jetzt ist es nur noch scheiße. Von denen gibt es genug, die klingen wie mein Großvater und schimpfen. Dabei müssten sie nur suchen. Es gibt neue Entwicklungen in allem. Natürlich bedient man sich da und dort. Aber das war immer schon so.

Manche sagen, es klingt alles so wie in den 90ern.

Markus Kienzl: Ich kann mir die Sachen aus den 90ern nicht mehr anhören. Die eigenen sowieso nicht, aber auch das andere. Mich interessiert eher, welche neuen Feelings möglich sind. Eine Zeitlang bin ich auf dieses Cloud-Rap-Ding abgefahren, aber nur die österreichischen Sachen. Das deutsche war mir zu ernst. Dann wird auch Cloud Rap deppert

Was hast du gehört, Yung Hurn?

Markus Kienzl: Oder Moneyboy, jedenfalls mit Abstrichen. Das hat so ein bisschen einen …

Meme-Faktor?

Markus Kienzl: Genau, das Absurde stellt ans Künstlerische eine Frage. Und das ist doch schön. Vor allem sind da überall Trip-Hop-Elemente zu hören.

Die kannst du nicht abstreifen, oder?

Markus Kienzl: Gar nicht. Ich habe es ja schon anders probiert. Nach einer Zeit komme ich immer dorthin zurück, wo ich gestartet bin. Das ist wie eine Reise. Ich gehe los, sehe viel Neues und probiere viel Neues. So realisiere ich, dass ich das Neue brauchen kann. Aber manchmal komme ich kurz nach Hause und erhole mich.

Die Filmmusik ist deine Reise und dein neues Album das bekannte Daheim?

Markus Kienzl: Es ist ja wie ein Abschluss. „Three” könnte das Ende einer Trilogie sein, zumindest steht das im Pressetext. Und ich merke: Es wird ein Abschluss sein für diese Art von Musik.

„ES IST VIELLEICHT NICHT RICHTIG, ABER ES IST GUT.”

Weil seit der letzten Veröffentlichung vor 15 Jahren eh niemand gewartet hat?

Markus Kienzl: Ja, niemand hat gewartet auf das neue Album vom Kienzl. Manche Nummern sind außerdem rumgelegen, als Idee. Und weil ein paar weitere dazu kamen, dachte ich mir: Einzelne Tracks zu veröffentlichen, das macht für mich keinen Sinn. Aber ein Album, das ist doch gut. Es ist vielleicht nicht richtig, aber es ist gut – für die Aufmerksamkeit.

Außer du wärst famous auf TikTok.

Markus Kienzl: Na, der Drake wird keine Angst haben, eine einzelne Nummer rauszubringen. Aber es geht halt unter, wenn niemand wartet.

Der Drake lizenziert aber – anders als du – keinen Soundtrack für eine Arte-Serie.

Markus Kienzl: Timo Novotny, der Regisseur der Serie, kenne ich schon lange. Er wollte ursprünglich eine eigene Filmmusik dafür haben. Aber dafür hatte ich keine Zeit. Also wollte er diese Nummern hören. Und das …

Passt bei einer Serie über U-Bahnen sehr gut, nicht?

Markus Kienzl: Klar, die Musik hat was Urbanes, sie ist grimy.

Und es machen alte Bekannte mit. Oddateee, Tania Saedi, …

Markus Kienzl: Ja, das ist mein Dorf. Ich muss mich nicht erklären, man nutzt sich nicht aus. „Wonderful World” war zum Beispiel ein Pitch für einen Werbejingle bei einer gschissenen Bank. Denen war das zu depri, aber uns hat es getaugt. 

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War es für dich auch wichtig, deine Geschichte zu erzählen. Und nicht die für eine … Bank?

Markus Kienzl: Na ja, wer mich anruft, will eh, dass mein Gefühl drinnen ist. Ich könnte mich auch nicht komplett davon absondern. Ich lebe in meiner Musik. Für alles andere wäre ich zu wenig gelernter Musiker. 

Du bist reingerutscht in die Filmmusik?

Markus Kienzl: Es hat früh begonnen, 1995 für „Wirehead”, ein Kurzfilm von Timo Novotny. Danach haben wir mit den Sofa Surfers auch schon Visuals gehabt, mit VHS-Kassetten, ein riesiger Aufwand. Aber wir hatten die Energie …

Ist die weg?

Markus Kienzl: Na, gar nicht. Damals hast du die Energie aber gebraucht, sonst wäre es nicht anders gegangen. Das ist heute anders. Ich beneide aber niemanden, der sich heute als Producer durchkämpfen muss, das ganze Social Media und so weiter …

Taugt dir nicht, oder?

Markus Kienzl: Ich poste nicht mein Essen oder wo ich hinfahre. Andere machen das und sind es. Ich bin das nicht.

Du könntest wieder bei Rockstar anklopfen.

Markus Kienzl: Der, der mich damals ausgewählt hat, sitzt nicht mehr dort, glaube ich. Es würde aber Sinn machen. Mir hat das damals ja getaugt. Auch weil ich Gamer bin. Ich hab das dann gespielt und meinen Namen unten gesehen und bin durch L.A. gefahren. Das war super.

Spielst du immer noch?

Markus Kienzl: Hauptsächlich Fifa. Für den Rest habe ich keine Zeit. Vor allem für Adventures. 

Die Fifa-Soundtracks waren immer super!

Markus Kienzl: Ich habe die Musik seit jeher abgeschaltet, weil ich sie nicht zwischendurch hören will. Meine Frau schaut aber viele Serien und dann hör ich die Musik nach einem Tag, an dem ich nur Filmmusik komponiert habe und denke mir, oje.

Ist die beste Filmmusik nicht die, die man nicht hört?

Markus Kienzl: Jein, ich glaube, man kann mittlerweile beides schaffen. Dass es gut passt und dass man ihr Aufmerksamkeit schenken muss. Das ist bei „Die Ibiza-Affäre” gut gelungen.

„DIESER TATORT WAR WIRKLICH EIN FILM.”

Den Oddateee hast du dort aber nicht untergebracht.

Markus Kienzl: Dafür habe ich ihn aber einmal in einer Tatort-Folge reingebracht, der beste Tatort, Team München. Da konnte ich „Grimy” unterbringen, aber in einer ganz anderen Version. 

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Im Tatort bin ich gar nicht drinnen.

Markus Kienzl: Ich auch nicht. Die Geschichten sind ja meistens furchtbar gaga. Aber dieser Tatort war wirklich ein Film.

Mir war das immer zu nostalgisch.

Markus Kienzl: Ja, es ist Kult, sogar in der Punkhütte schauen sie das, überall treffen sie sich, um Tatort zu schauen, obwohl man sich das meistens nur mit Bauchweh anschauen kann.

Was sagen eigentlich deine Töchter zu deiner Musik?

Markus Kienzl: Ihnen taugt das. Ich mein, sie sind nicht komplett begeistert und sagen „yeah”, aber es ist zumindest nicht cringe für sie. Glaube ich zumindest.

Danke für deine Zeit!

Christoph Benkeser

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Links:
Markus Kienzl (Wikipedia)
Markus Kienzl (Instagram)
Markus Kienzl (Discogs)
blankton (Website)