„Das Neue ist niemals das Gleiche.“ – LUDWIG NUSSBICHLER (aspekteFESTIVAL) im mica-Interview

Von 11. bis 15. März findet in Salzburg das aspekteFESTIVAL für Neue Musik statt. Mit zehn Konzerten möchte Intendant Ludwig Nussbichler Impulse für zeitgenössische Musik setzen. Mit dabei sind Ensembles wie PHACE, NAMES und Motus Percussion mit Christoph Sietzen. Nussbichler spricht im mica-Interview mit Theresa Steininger darüber, warum als Motto heuer „Puls“ ausgesucht wurde und wie sich das aspekteFESTIVAL seit den Anfängen vor fast 50 Jahren entwickelt hat.

Warum wurde heuer als Leitgedanke „Puls“ ausgewählt?

Ludwig Nussbichler: „Puls“ bildet den roten Faden für das Festivalprogramm 2026 in dem Sinne, dass der Rhythmus des Herzens und des Atems untrennbar mit Zeitwahrnehmung und emotionalem Erleben verbunden ist. Musik greift diese Parameter auf – in Tempo, Rhythmus und Form – und lotet sie in vielfältigen Konzepten aus: von pulsierend bewegt bis kontemplativ statisch, von komplexer Vielschichtigkeit bis zur Auflösung des Zeitmaßes. Der Puls eröffnet damit einen Denkraum, der Hörgewohnheiten herausfordert und neue Perspektiven ermöglicht.

Was kann „Puls“ in verschiedenen Kompositionen anstoßen, wo beziehungsweise inwiefern setzt sich der Leitgedanke hörbar durch?

Ludwig Nussbichler: Der Leitgedanke wird im Grunde genommen in jeder Komposition hörbar werden, wenn die Zuhörerinnen und Zuhörer ihre Aufmerksamkeit darauf richten. Programme wie das von und mit Christoph Sietzen und seinem Ensemble Motus Percussion oder der Beitrag des Cello-Klavier-Duos Anssi Karttunen und Nicolas Hodges „In Time“ fokussieren jedoch insbesondere auf den rhythmisch pulsierenden Aspekt in der Musik. Das Ensemble PHACE stellt beispielsweise einen anderen Zugang vor: Da wird Puls zu einer Wellenbewegung. Insgesamt hören wir also nicht nur Werke mit einem metrisch orientierten Puls, sondern je nach Stück eine andere Sichtweise auf einen sehr vielschichtigen musikalischen Parameter, der Atem, Tempo, Umgang mit Wiederholung inkludiert. 

Ensemble PHACE
PHACE © Markus Bruckner

„Diese Durchlässigkeit zwischen ästhetischen Strömungen ist kein Nebeneffekt, sondern ein bewusst gepflegtes Profil des Festivals.“

Was zeichnet das aspekteFESTIVAL generell aus und was hebt es sich von anderen seiner Art ab?

Ludwig Nussbichler: Zunächst einmal sind die aspekte eines der wenigen Festivals in Österreich, die ausschließlich Neue Musik programmieren. Insofern gibt es grundsätzlich eine sehr starke Verbundenheit und inhaltliche Nähe zu Festivals wie Wien Modern oder den Klangspuren Schwaz. Wobei ein wesentliches Merkmal unseres kompakten, biennalen Festivals die konsequente Haltung gegenüber dem Zeitgenössischen innerhalb der europäischen Festivallandschaft für Neue Musik ist. Bemerkenswert ist auch die Vielschichtigkeit des Programms. Es verbindet experimentelle Kammermusik, multimediale Formate, elektronische Arbeiten, performative Ansätze und Projekte junger Komponistinnen und Komponisten dramaturgisch zu einem organischen Ganzen. Diese Durchlässigkeit zwischen ästhetischen Strömungen ist kein Nebeneffekt, sondern ein bewusst gepflegtes Profil des Festivals. Hinzu kommt die besondere Rolle, die die Stadt Salzburg als Resonanzraum spielt. In einer Umgebung, die weltweit für musikalische Tradition steht, fungiert das aspekteFESTIVAL als lebendiger Kontrapunkt. Die persönliche, fast familiäre Atmosphäre – eine Qualität, die sich über Jahrzehnte erhalten hat – schafft Bedingungen, unter denen anspruchsvolle neue Werke wirklich entstehen und wachsen können.

Wie haben Sie die heurigen Ensembles ausgesucht und was erwarten Sie sich beispielsweise von welchem Konzert? Vor allem aber welche Werke sind besonders hervorzustreichen?

Ludwig Nussbichler: Das aspekteFESTIVAL vereint seit seiner Gründung vor fast 50 Jahren künstlerische Qualität mit gegenwärtiger Relevanz und Spielfreude. Die diesjährigen Werke und Künstlerinnen sowie Künstler sollen den Festivalgedanken fortführen. Eröffnet werden die aspekte 2026 durch das Münchener Kammerorchester. Das Ensemble steht mit dem Dirigenten Bas Wiegers für kammermusikalische Präzision mit orchestraler Atmung – und für Mut im Umgang mit Klangfarben. In Claude Viviers „Zipangu“ zeigt es seine Fähigkeit, Farbmodulation und Bogentechniken organisch zu verdichten. Sarah Glojnarićs „Everything, Always“ verlangt Offenheit für hybrides Musiktheater und eine humorvoll-intelligente Selbstreflexion der Komposition. Johannes Maria Stauds „Stachel“ stellt das Ensemble in wechselnde „Aggregatzustände“ und mit dem Auftragswerk an Alexandra Karastoyanova-Hermentin setzen wir ein bewusstes Zeichen für die Gegenwart. NAMES steht exemplarisch für eine junge Salzburger Szene, die etablierte Positionen wie solche von Peter Ablinger und Bernhard Lang mit neuen Auftragswerken von Matthias Leboucher und Anton Rune Lindström verschaltet. Mich reizt die performative Intelligenz des Ensembles: Click-Tracks, superschnelle Playbacks, Elektronik – alles wird musikalisch im Puls der Gegenwart argumentiert, nicht nur ausgeführt. Das Kuss Quartett vereint kammermusikalische Kultur mit Abenteuerlust; Sarah Maria Sun bringt eine stimmlich-dramaturgische Brillanz ein, die Glojnarićs Kopfhörer-Format als Podcast-Live-Hybrid trägt. Hier werden Katastrophen-Narrative nicht illustriert, sondern reflektiert. Das Format Next Generation entstand aus dem Wunsch, Hochschulen und professionelle Praxis enger zu verschränken. Mit PHACE und in Kooperation mit Ö1 vergeben wir Kompositionsaufträge an ausgewählte Studierende. Meine Erwartung: Uraufführungsenergie – und die Erfahrung, wie ein exzellentes Ensemble neue Stimmen auf Augenhöhe trägt und formt. Und das oenm steht seit fünf Jahrzehnten für präzise Ensemblekultur und kluge Dramaturgie. Harrison Birtwistles „Secret Theatre“ als „instrumentales Rollenspiel“ bildet eine Achse, um die herum Jakob Gruchmanns „Dickicht“, Fabián Panisellos „Seven Japanese Sketches“ und die Uraufführung von Herbert Grassl ein Vokabular der Rollenwechsel entfalten.

Ensemble NAMES
Ensemble NAMES (c) Fabian Schober

Welche der geplanten Werke sind Auftragsarbeiten und welche Bedeutung ist solchen Aufträgen für die Entwicklung der Musik hierzulande zuzumessen?

Ludwig Nussbichler: Kompositionsaufträge sind ein sichtbares Zeichen für die Lebendigkeit der zeitgenössischen Musikkultur: Jede Zeit hat ihren Zeitgeschmack, der oft fundamental anders ist als alles, was in der Musikgeschichte bisher passiert ist. Um solche Werke aufführen zu können, müssen sie neu im Jetzt entstehen. Die Leidenschaft der aspekte ist es, solche Musik für die Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen, in dem man sie aufführt. Wir werden im März zwölf Uraufführungen erleben – von Alexander Bauer, Parham Behzad, Herbert Grassl, Alexandra Karastoyanova-Hermentin, Egemen Kurt, Matthias Leboucher, Anton Lindström, Reinhold Schinwald, Noh SeungJu, Germán Toro Pérez, Tímea Urban und Dominik Wilnauer-Leitner.

„Diese Neugierde möchten wir weiter fördern.“

In den aspekteSPIELRÄUMEN gilt es auch hervorragende junge Interpret:innen Neuer Musik hervorzuheben, was ist Ihnen dabei wichtig?

Ludwig Nussbichler: Die aspekteSPIELRÄUME sind unser Bekenntnis zur künstlerischen Nachwuchsförderung in Salzburg. Wir holen junge Musikerinnen und Musiker auf die Bühne, die zeitgenössische Musik technisch souverän und gestalterisch eigenständig präsentieren. Mir ist dabei wichtig, dass dieses Projekt ein Ort der Begegnung und des Austauschs wird. Denn ich beobachte seit Jahren, dass die nächste Generation natürlich und lustvoll mit Neuer Musik umgeht. Diese Neugierde möchten wir weiter fördern.

Was ist seit den Anfängen vor fast 50 Jahren gleich, was hat sich verändert?

Ludwig Nussbichler: Das Neue ist niemals das Gleiche, es wandelt sich kontinuierlich. Diesen Wandel aufzuspüren, dafür sind die aspekte seit 50 Jahren ein Seismograf. In den 1970er Jahren war die ästhetische Landschaft von Avantgarde, Serialismus, Klangforschung und radikalen Experimenten geprägt. Heute zeigt sich das Feld deutlich pluralistischer: Komponistinnen und Komponisten bewegen sich frei zwischen Spektralismus, Elektronik, Post-Minimalismus, performativen Formaten, hybriden Medien und gesellschaftspolitischen Themen. Diesen Wandel haben die aspekte aktiv mitvollzogen und ihr Programm kontinuierlich geöffnet.

Auch die Rolle des Publikums hat sich verändert. Während früher vor allem ein spezialisiertes, oft akademisch geprägtes Publikum angesprochen wurde, ist es heute breiter, neugieriger, diverser – und zugleich anspruchsvoll. Vermittlung, Kontextualisierung und neue Formate wie Gespräche, Workshops und interdisziplinäre Projekte sind dadurch wichtiger geworden. Parallel dazu hat das Festival in seiner organisatorischen Struktur eine deutliche Professionalisierung und Internationalisierung erfahren.

Ein wesentlicher Motor der Veränderungen ist die technologische Entwicklung. Elektronische Musik, Live-Elektronik, Multimedia, Video, KI-basierte Komposition und immersive Formate – all das war in den Anfangsjahren zwar schon in Ansätzen erkennbar, gewinnt aber deutlich an Bedeutung. Der Kernauftrag, zeitgenössische Musik hör- und sichtbar zu machen und in Salzburg zu verankern, ist unverändert. Der Mut zum Neuen, die Lust am Risiko und die Offenheit für Ungehörtes prägen das Festival bis heute. Ebenso geblieben ist die besondere Nähe zu den Künstlerinnen und Künstlern.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Theresa Steininger

Link:
aspekteFESTIVAL