„CHRIS MARTIN NICKT MIR ZU UND SAGT: PLAY THE WHOLE SONG” – OSKAR HAAG IM MICA-INTERVIEW

Ein paar Tattoos sind dazugekommen, seitdem wir uns das letzte Mal unterhalten haben. Die Nikotinbeutel, die er sich unter den mittlerweile ausgeprägten Oberlippenbart steckt, sind auch neu. Ansonsten ist OSKAR HAAG immer noch OSKAR HAAG – ein 20-jähriger Musiker, der lacht und lange über Fragen nachdenkt und dann Dinge sagt wie: „Manchmal finde ich mich schon sehr gut!”

Der Klagenfurter Songwriter ist seit „Stargazing” und seinem, na ja: kometenhaften Popfestaufstieg ein bisschen älter geworden. Die Kuscheldecke des ersten Albums („auf das ja niemand gewartet hat, oder?”) ist ausgefranst. Das zweite Album („Lost Cause”) ist das erste Mal ein Scherbenhaufen und erscheint am 25. September 2026 bei Lullaby Records

Was seine Steuerberaterin davon hält, wird die kommende Tour zeigen. Wie ein Stadionsuperstar darüber denkt, weiß OSKAR HAAG schon jetzt. Ein Interview über falsche Zuschreibungen, echte Wut und den Moment, in dem er Coldplay-Sänger Chris Martin beeindruckt hat.

Text: Christoph Gleich

Wer schreibt eigentlich deine Pressetexte?

Oskar Haag: Mein Papa, weil: Der kann schreiben

Da steht nämlich, man habe dein Album – „diesen großen Wurf” – von einem „20-Jährigen so nicht erwarten” dürfen. Wer ist dieses „man”?

Oskar Haag: Das ist eine gute Frage. Vielleicht ist es das, was er in meine Altersgruppe hineinprojiziert. Oder aber einfach nur ein schmackhaft geschriebener Pressetext, ich weiß es nicht. Ich kann es nur erahnen. Schließlich gibt es schon einen Schritt, vom ersten zum zweiten Album.

Na ja, dein erstes Album war die Kuscheldecke („Teenage Lullabies”), das neue ist der Scherbenhaufen. Da ist offensichtlich was passiert: Du bist kein Teenager mehr.

Oskar Haag: Absolut. Ich bin ehrlicher geworden, vielleicht auch reflektierter. Manche Themen der Songs verstehe ich jetzt, im Nachhinein, besser als zuvor. Während des Schreibens denke ich darüber aber gar nicht nach. Ich weiß nur, ich habe Dinge … verarbeitet … 

Das klingt so nach Psychoanalyse …

Oskar Haag: Ja, deshalb sage ich lieber, dass ich mich in manche Themen hineingesteckt habe. Das trifft es besser, auch weil gerade der Anfang des Albums schwierig war. Mein Vater hat mir da viel geholfen. Er hat gesagt, das zweite Album sei das schwierigste. Für das erste hat man ja das ganze Leben Zeit – niemand wartet darauf. Beim zweiten entsteht ein Zeitdruck. Gleichzeitig habe ich mir eingeredet: Ich muss jetzt ein zweites Album schreiben. Dabei habe ich eine Zeitlang nicht gesehen, dass ich einfach nur das tun muss, was ich ohnehin tue: Songs schreiben, einen nach dem anderen, immer so weiter.

Das ist wie beim Tennis: Du kannst im dritten Satz aussichtslos hinten sein, was zählt ist trotzdem nur der nächste Punkt.

Oskar Haag: Genau, aber: Alles drumherum auszublenden, ist schwierig! Ich musste also verstehen, warum ich mir so einen Druck mache. Erst dann konnte ich verstehen, was das für ein Album wird. So entstand „Lost Cause”, so entstand der Coming-of-Age-Vibe, der sich durch alle Songs durchzieht.

„MANCHMAL ENTSTEHT EIN BLÖDSINN, EIN ANDERES MAL KOMMT GAR NICHTS DABEI RAUS.”

Es sind 15 Songs geworden. Das ist in Zeiten von Spotify-Short-Tracks fast schon ein bürgerlicher Roman. Warum diese Maßlosigkeit?

Oskar Haag: Paul McCartney hat mal gesagt: Songwriting is a habit. Das ist es für mich auch. Ich denke nicht darüber nach, es ist mein Alltag. Manchmal entsteht zwar ein Blödsinn, ein anderes Mal kommt gar nichts dabei raus. In diesen Phasen zweifle ich auch ernsthaft an meinem Songwriting. Eine Woche später schreibe ich aber doch wieder ein gutes Lied.

Wann ist ein Lied gut?

Oskar Haag: Wenn ich es gut finde. Natürlich hole ich mir irgendwann Feedback, aber: Meine Meinung ist die wichtigste. Deswegen mag ich übrigens auch meinen Werdegang. Ich wollte ja nie Musiker werden.

Du warst es aber auf einmal.

Oskar Haag: Ja, ich habe Musik in meinem Kinderzimmer gemacht.

Und plötzlich bist du in der Karlskirche gesessen.

Oskar Haag: Voll, aber: Erst danach war Musiker-sein auf einmal eine Option.

Albumcover "Lost Cause"
Albumcover “Lost-Cause”, Bild © Michelle Rassnitzer

Dein Papa hat dich im Pressetext „Universaltalent” genannt. Das klingt ein bisschen nach Volkshochschule.

Oskar Haag: Ja, gut. Ich kann Songs schreiben und singen und Instrumente spielen. Aber ich bin wahnsinnig schlecht in vielen anderen Sachen, zum Beispiel darin, meine Steuer zu machen.

Gut, wer will das schon sein?

Oskar Haag: Meine Steuerberaterin.

Eben, die sollen das gerne machen.

Oskar Haag: Ich würde mich jedenfalls nicht als Universaltalent beschreiben. Wahrscheinlich würde er das auch nicht.

Er hat es aber getan.

Oskar Haag: Er meint wohl, dass ich vielschichtig bin. Ich habe außerdem nicht den einen Sound. Als Beatles-Fan ist mir das ziemlich wichtig. Ich muss mich verändern, ich will mich nicht langweilen. Ich mache einfach Musik – nicht, weil ich jemandem ein Album schulde, sondern weil es nichts auf der Welt gibt, das mir mehr Spaß macht als Musik.

Bild des Musikers Oskar Haag
Oskar Haag © Michelle Rassnitzer

Die Generation, für die du laut Papas Pressebrief sprichst, soll „friedlich, freigeistig, bunt und divers” sein. Das klingt wahnsinnig brav. Wo ist die Wut?

Oskar Haag: Na ja, da steckt schon Wut in unserer Generation. So leicht haben wir es nämlich nicht, wie uns immer attestiert wird. Ich mache mir aber keine Sorgen um meine Zukunft. Ich lebe sie ja schon. 

Du meinst, du bist Musiker und wirst Musiker sein?

Oskar Haag: Ja, ich habe es deshalb auch leichter als andere. Ich kann einen Song schreiben und was sagen und laut sein. Viel mehr können wir eh nicht machen. Oder wer aus unserer Generation soll sich mit einem Nine-to-Five-Job noch ein Haus erarbeiten können? Allein einen Nine-to-Five-Job zu finden, ist immer schwieriger. 

Keine Angst vor der Zukunft zu haben, ist dahingehend ein Statement.

Oskar Haag: Ich muss mich korrigieren. Keine Angst, das stimmt nicht. Ich bin … beruhigter

Weil du dich als No-Name nicht mehr durch den Soundpark durchwurschteln musst und das Wunderkind schon warst?

Oskar Haag: Ich habe eine gewisse Sicherheit als Künstler, ja. Allerdings bin ich froh, dass ich zu einer Zeit angefangen habe, als man ohne virale TikToks noch entdeckt werden konnte. 

Hätte „Stargazing” sonst funktioniert?

Oskar Haag: Maybe. Es wäre aber wohl daran gescheitert, dass ich es hasse, TikToks zu machen. Dafür kann ich mich zu wenig … verstellen. 

Hast du TikTok schon mal deinstalliert?

Oskar Haag: Na, nie. Aber ich bin nicht übertrieben viel am Handy.

Was ist deine Bildschirmzeit?

Oskar Haag: Fünf, sechs Stunden am Tag. Das ist normal, oder?

Sag du es mir.

Oskar Haag: Na ja, ich habe letztens eine coole Debatte im britischen Fernsehen gesehen. Eine hat sich aufgeregt, dass die Jugendlichen nur noch am Handy hängen. Der Jugendliche hat gekontert: Wer hat denn die ganzen Algorithmen geschrieben, die genau das verursachen? Ich finde, er hat einen Punkt. Wir können jedenfalls nichts dafür, dass ihr uns abhängig gemacht habt!

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Die Frage ist halt: Abhängig wovon? Von immergleichen Inhalten, die wir Content nennen?

Oskar Haag: Es ist schon ein Problem, dass alles immer gleicher wird. Das ist ja auch in der Musik so. So viele Leute machen den gleichen Schaß, weil es funktioniert. Jede Person, die zwei Mal im Berghain war, muss jetzt Techno-Rap machen. Damit habe ich prinzipiell kein Problem – ich finde Ikkimel zum Beispiel super. Aber alle, die das nachmachen, puh … Langeweile!

„ER HAT SICH AN MEINEN NAMEN ERINNERT UND ALLEN ERZÄHLT, WIE GEIL ER DAS FAND – DASS ICH VOR IHM DIESEN SONG GESPIELT HABE.”

Du hast für „Lost Cause” mit Lukas Klement gearbeitet, der auch, sagen wir: sogenannte Pophymnen produziert. Klingst du jetzt mehr nach Coldplay oder er mehr nach WG-Zimmer?

Oskar Haag: Ich würde mich inzwischen irgendwo dazwischen einordnen. Allein schon wegen der Klavierballade „Der Kuss”. Das ist der größte Song, den ich bisher geschrieben habe. Und weil du Coldplay sagst: Chris Martin mag ihn tatsächlich!

Geh!

Oskar Haag: Kein Schmäh! 

Wie?

Oskar Haag: Coldplay haben vier ausverkaufte Konzerte im Ernst-Happel-Stadion gespielt. An einem der Abende haben ein paar ausgewählte Musiker:innen aus Wien eine Einladung für ein Treffen mit Chris Martin bekommen. Ich war also in einer abgesperrten Bar, super Catering, super Leute. Irgendwann kommt er rein. Wir haben uns dann in einen Kreis gesetzt, kurze Vorstellungsrunde. Anschließend haben alle nacheinander 60 Sekunden von einem ihrer Songs gespielt. Ich wusste: Ich habe den „Kuss”, aber keine Aufnahme davon. Zum Glück stand da ein Klavier rum. Ich habe also gefragt, ob ich ein Stück des Songs live spielen darf. Er hat sich dann hinter mich gestellt, mir auf die Finger geschaut. Als ich fertig war, nickt er und sagt: Play the whole song! 

Geh!

Oskar Haag: Ja, ich war der Einzige, der mehr als 60 Sekunden vorspielen durfte. Am nächsten Tag habe ich ihn nochmal getroffen, weil: Ich war auf die Aftershowparty des Konzerts eingeladen. Dort habe ich zuerst gar niemanden gekannt – bis auf seinen Vocal Coach und seinen besten Freund, die beide am Vortag dabei waren. Chris kam jedenfalls dazu. Er hat sich an meinen Namen erinnert und allen erzählt, wie geil er das fand – dass ich gestern als Jüngster der Runde vor ihm diesen Song gespielt habe. 

Das ist Hollywood!

Oskar Haag: Ja, das war für mich ein arger Moment. Ich liebe die ersten drei Coldplay-Alben. Chris Martin ist für mich ein Wahnsinns-Songwriter! Das von ihm zu hören …

Wie bleibt man danach … bescheiden?

Oskar Haag: Ich komme nach der Aftershowparty heim. Dort: ein paar Freunde, von denen vier beim Konzert waren. Ich habe gesagt, sorry, ich muss kurz in mein Zimmer. Ich bin also zehn Minuten auf meinem Bett gesessen, ein bisschen klar in meinem Kopf geworden. Dann bin ich raus und habe alles erzählt.

Bild des Musikers Oskar Haag
Oskar Haag © Michelle Rassnitzer

Wenn du diese Geschichte in ein paar Jahren in einem Interview lesen müsstest: Wie würdest du den Typen, der sie erzählt, finden?

Oskar Haag: Ziemlich cool. Aber: Ich finde mich auch jetzt gut, wenn ich die Geschichte erzählen darf. Einer der größten Songwriter unserer Zeit findet deinen Song gut. Das ist arg!

Oskar, zum Abschluss: Vor ein paar Jahren hast du im Interview gesagt, in Wien gäbe es nirgends gescheite Kärntner Kasnudeln. Hast du das Problem gelöst, oder musstest du dich kulinarisch anpassen?

Oskar Haag: Na, im Achten gibt es das Schlipf & Co. Die sind eh super, aber zu teuer. Das Gute: Wenn ich nach Klagenfurt fahre, macht meine Mama inzwischen immer Kasnudeln. Ich fahre also hin, esse drei Tage nur Kasnudeln. Das reicht dann die nächsten drei Monate oder so.

Mahlzeit! Und danke für deine Zeit!

Christoph Gleich

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