Otto Lechner (c) Daniela Matejschek

„Cerha ist dabei und Dvořák, da geht es wirklich durch die Jahrhunderte“ – OTTO LECHNER im mica-Interview

Zum dritten Mal ist der Akkordeonist OTTO LECHNER heuer als Kurator beim Festival KUNST IN DER KARTAUSE in Aggsbach in der Wachau im Einsatz. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählte LECHNER, der in der Region aufgewachsen ist, welches Spannungsverhältnis er zwischen Akkordeon und Kirchenorgel sieht und warum er heuer das KOEHNE QUARTETT ins Zentrum des Festivals gerückt hat.

Das Festival Kunst in der Kartause wird zum dritten Mal von dir kuratiert. Wie kam das?

Otto Lechner: Das Festival gibt es eigentlich schon länger, allerdings in anderer Form. Ich stamme ja aus der Gegend und auch ich habe davon eigentlich kaum etwas mitbekommen. Das war früher eher eine elitäre Insider-Geschichte. Dann hat man mich gebeten, das Festival zu kuratieren. Ich habe mich am Anfang eher dagegen gesträubt, weil ich so nahe dran war, dass ich mir gedacht habe, dass ich das lieber nicht mache.

Warum hast du die Aufgabe letztlich doch übernommen?

Otto Lechner: Im Zentrum des Festivals steht ja die Kartause Aggsbach mit einer wunderschönen Kirche und einer wunderschönen Orgel, und das war dann doch verführerisch. Auch weil ich selbst wieder dazu komme, Orgel zu spielen.

Otto Lechner (c) Osaka

Du wirst heuer die Orgel bespielen, auf der du einst als Kind gespielt hast.

Otto Lechner: Das ist für mich eine spannende Geschichte. Das Festival heißt heuer auch „Mit Pfeifen und Zungen“, weil sich diese Spannung zwischen Akkordeon und Orgel durch mein Leben gezogen hat. Diese Spannung, dieses relativ kleine Akkordeon zu bedienen, das doch noch sehr mit der eigenen Atmung verbunden ist, oder eben diese riesige Maschine Orgel, die eigentlich die Kirche als Resonanzkörper hat. Das ist ja ein gigantisches Musikinstrument, wenn du es als Gesamtes mit dem Haus betrachtest. So muss man es eigentlich sehen!

Gegen den Besinnlichkeitszwang

 Die Kartause ist ein rund 650 Jahre altes Gebäude. Wie wirkt denn so ein historischer Ort auf ein Festival, auf die Musikerinnen und Musiker ein?

Otto Lechner: Ich sage jetzt mal ganz platt: Eine Kirche ist eine Kirche. Da sind sich diese Gebäude schon irgendwie ähnlich, die erzeugen eine bestimmte Vorsicht in der Bewegung. Andererseits entsteht auch die Lust, gegen diese Art von Besinnlichkeitszwang Akzente zu setzen. Es ist beides: Es erzeugt Vorsicht und Respekt. Aber wir sind ausgeprägte Künstlerpersönlichkeiten, die auf diesen Respekt mit ein bisschen Trotz reagieren.

Am Eröffnungstag werdet ihr den sogenannten Meditationsgarten bespielen und im Programm steht „Eröffnungsritual“ statt „Konzert“. Ist das dem Ort geschuldet und was passiert bei der Eröffnung?

Otto Lechner: Das ist eine relativ einfache Sache, die ich jetzt zum dritten Mal mit Hansi Tschiritsch mache. Der ist ja Instrumentenbauer und beschäftigt sich mit so heiklen Dingen wie Obertönen. Man ist in dieser heiklen Nähe zu Esoterik oder so und man versucht, irgendwie lustig damit umzugehen. Ich und Hans Tschiritsch haben, ich weiß es nicht, Ende der 1980er-Jahre mit dem Ersten Strengen Kammerorchester angefangen, wir kennen uns schon sehr gut und machen da zu zweit eine Sache, die vielleicht etwas Heiliges andeutet, es aber nicht ist.

Ein wichtiger Aspekt bei einem Ritual ist die Wiederholung. Inwiefern schwingt das mit? Besteht die Wiederholung darin, dass wieder ihr beide das Festival eröffnet?

Otto Lechner: Ja, weil wir das Festival immer so eröffnet haben. So gerät uns das zum Ritual.

Pirchner, Cerha, Lechner

Es wird im Rahmen des Festivals eine Bustour mit den Besucherinnen und Besuchern geben. Wohin geht die Fahrt und was werdet ihr dem Publikum zeigen?

Otto Lechner: Das hängt damit zusammen, dass heuer im Zentrum des Festivals das Koehne Quartett steht. Das sind vier Frauen, die ein Streichquartett bilden. Sie werden sich in drei verschiedenen Kirchen in Solos, Duos und Trios vorstellen. Als Quartett spielen sie erst am nächsten Tag. Da wird es Musik aus dem Frühbarock bis hin zu Musik von Werner Pirchner und mir geben. Cerha ist dabei und Dvořák, da geht es wirklich durch die Jahrhunderte. Ein alter Freund von mir, Richard Steurer, ist Spezialist für Kulturreisen und der wird im Bus die Leute mit den Werken ein bisschen vertraut machen. Man kann im Kleinen auf den Geschmack kommen, was denn so eine Kulturreise sein könnte. Das Ganze ist aber eine Miniatur.

„Mit dem KOEHNE QUARTETT arbeite ich schon seit rund fünfundzwanzig Jahren immer wieder zusammen.“

Warum hast du als Kurator heuer das Koehne Quartett ins Zentrum von Kunst in der Kartause gestellt?

Otto Lechner: Mit dem Koehne Quartett arbeite ich schon seit rund fünfundzwanzig Jahren immer wieder zusammen. Wir haben viele Dinge gemacht, die mit Joseph Haydn zusammenhängen. Wir haben regelmäßig Veranstaltungen im Haydn-Kulturhaus gemacht, bei denen ich zu Streichquartetten improvisiert habe. Oder wir haben Arien für Streichquartett bearbeitet. Für mich ist das Festival eine Möglichkeit, die Leute, mit denen ich schon viel erlebt habe und die für mich wirklich wichtig waren und wichtig sind, einzuladen. Und da gehört das Koehne Quartett unter der Leitung von Joanna Lewis unbedingt dazu.

Inwiefern bemühst du dich bei der Programmierung um einen hohen Anteil ein weiblichen Künstlern?

Otto Lechner: Das klingt ein bisschen großspurig, aber ich habe das immer mit einer großen Selbstverständlichkeit getan. Das ergibt sich dann sozusagen aus dem, was ich den letzten Jahrzehnten gemacht habe. Dafür brauche ich kein Konzept, sondern das war eigentlich immer selbstverständlich.

Wird es heuer eine neue Formation mit den Kolleginnen und Kollegen geben, die es davor noch nicht gegeben hat?

Otto Lechner: Ja, ein paar Sachen wird man ausprobieren. Die Improvisationen meiner Frau, Anne Bennent, zu denen Karl Ritter spielen wird, hat es in dieser Form auch noch nicht gegeben. Ich werde auch mit dem Koehne Quartett wieder Neues probieren. 

Das Festival schlägt im Programm die Brücke von Klassik zu Blues und freier Improvisation.

Otto Lechner: Beim Festival geht es wirklich um ein Nebeneinander und Miteinander von klassischen Formen und allen möglichen Gestalten der Improvisation und der improvisierten Musik und des Spontanen. Bis hin zu einem Blueskonzert mit Alex Miksch, das aber nicht in der Kirche stattfinden wird, sondern auf einer alten Ritterburg.

„Die Kraft der Veränderung durch Musik stelle ich in Zweifel, die muss ich auch in Zweifel stellen. Da muss man schon bescheiden sein.“

Otto Lechner (c) Osaka

Am Programmfolder steht neben deinem Bild der Satz: „Wenn Musik wirklich etwas verändern könnte …“ Was deutet dieser Satz an?

Otto Lechner: Ich weiß nicht, ob das ganze Zitat da steht, ich habe eigentlich geschrieben: „Wenn Musik wirklich etwas verändern könnte, dann wäre sie längst verboten.“ Es geht irgendwie darum: Mit der Zeit wird man auch bescheiden. Ich bin mir zwar dessen bewusst, dass ich als Künstler schon einen Beitrag dazu leisten kann, dass Österreich jetzt nicht gleich in den nächsten fünf Jahren ein nationalsozialistischer Staat wird. Ich bin mir jedoch auch dessen bewusst, dass man auch hübsch bescheiden sein muss, und ich denke mir, dass ich mit dem Festival etwas tun möchte, was klimatisch etwas anderes ist. Dass es jenseits von Ängsten, Profit und Gier eine Art gibt, wie sich Menschen benehmen können. Und so eine Atmosphäre herzustellen, dass auch die Leute am Land ein bisschen ein Gefühl dafür kriegen. Und auch dafür, dass Musik zu den komplexen Leistungen der Menschheit gehört, auf die man sich vielleicht eher konzentrieren könnte als darauf, irgendwelchen Blödsinn zu kolportieren. Da also eine Alternative zu bieten. Die Kraft der Veränderung durch Musik stelle ich in Zweifel, die muss ich auch in Zweifel stellen. Da muss man schon bescheiden sein.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Jürgen Plank

 

Termin:
29. August – 1. September 2019, Kartause Aggsbach, Aggsbach Dorf 33, 3642 Aggsbach Dorf

Links:
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Kunst in der Kartause (Website)
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Koehne Quartett (Website)