PETER KUTIN lässt Lautsprecher im Kreis drehen, er sagt: „ROTOЯ ist wie eine Band.” Weil das live ein bisschen wahnsinnig ausschaut, war KUTIN damit schon an illustren Orten wie Montreal oder Krakau oder Lustenau. Inzwischen gibt es mit „Circular Divisions” auch eine LP, die auf KUTINS Mitgründerlabel Ventil Records erschienen ist. „Ein Projektabschluss”, sagt er. Denn es folgen andere Dinge, unter Umständen: Hollywood. Oder ein paar neue Zeilen, die das Gesagte noch geschriebener wirken lassen.
Christoph Benkeser
Wer hätte gedacht, dass sich Leute einen drehenden Lautsprecher anschauen?
Peter Kutin: Das ist tatsächlich das Besondere an dem Stück. ROTOЯ – SONIC BODY funktioniert als Live-Performance trotz der Abwesenheit menschlicher Präsenz. Stünden Patrik Lechner und ich für das Publikum eindeutig sichtbar auf der Bühne, müssten sich die Leute zwangsläufig über uns als Personen Gedanken machen. Die unvermeidliche Assoziationskette Sympathie, Antipathie, Geschlecht, Style und so weiter fällt also weg. Einzig ein Lautsprecherobjekt steht im Fokus, das sich durch unseren gezielten Live-Einsatz von Projektion, Licht, Sound und Geschwindigkeit als Festkörper scheinbar auflöst und einen anderen Korridor für die Wahrnehmung eröffnet. Plötzlich sind wir vierzig Minuten vor einem drehenden Lautsprecher gestanden und haben nichts vermisst.
Bei unserem letzten Gespräch haben wir besprochen, dass du einen Magier-Workshop absolvieren willst. Dabei ist ROTOЯ eigentlich ein sehr langer … Zaubertrick?
Peter Kutin: Hm, irgendwie schon. Pro Sekunde fliegen im schnellsten Fall zwölf Hörner an einem vorbei. Sobald sich darauf jedoch Bilder oder Lichter bewegen, die eine parallele Struktur weben, geht so etwas wie Zauberei los.

Ich habe ROTOR bei einer Show in Innsbruck gesehen und mir gedacht: Hoffentlich hält das alles.
Peter Kutin: Die Grundangst vor dem Unfall ist Teil der Show. Das war schon bei der Vorgängerarbeit TORSO so. Diese Urangst, dass ein Überhöhen der Geschwindigkeit zum unvermeidbaren Unfall, der Katastrophe führt, wird also bewusst getriggert. Ich kann aber entwarnen: Selbst wenn sich ein Horn lösen oder das ganze Teil umkippen sollte – die Konstruktion dreht sich einfach nicht schnell genug, um tatsächlich Fremdschaden anzurichten. Der Unfall wäre nicht mal spektakulär, sondern einfach nur sehr peinlich und eine Demaskierung des Zaubertricks.
Ihr fährt eine riesige, einigermaßen unhandlich aussehende Lautsprecherkonstruktion durch die Welt. Eigentlich utopisch, oder?
Peter Kutin: Es ist nicht so riesig und passt auch ins Flugzeug, wenn es sein muss. Dazu kommt, dass wir das Stück eigentlich nie in Wien spielen – insofern war es schlau, es so zu skalieren, dass sich damit reisen lässt. Mit ROTOЯ und in verschiedenen Konstellationen (PLF oder im AV-Duo mit Patrik (Lechner, Anm.) haben wir unter anderem am Eröffnungstag von Unsound in Krakau oder Mutek Tokyo gespielt. Das waren schon schöne Erlebnisse. Zur Utopie, keine Ahnung … als Künstler muss ich Formate anders denken können oder dürfen. Eine Band zu betreiben, ist in Zeiten wie diesen mindestens genauso utopisch.
Du gehst den anderen Weg und stellst mit dem Lautsprecher das Instrument aus?

Peter Kutin: ROTOЯ bespielt sich wie ein Instrument. Niemand drückt hier PLAY und wartet 40 Minuten. Es ist eine performative Arbeit, akustisch und visuell tatsächlich wie eine Band. Das heißt, wir müssen live kommunizieren und eine Vielzahl von Entscheidungen treffen. Jeder Raum, jeder Ort ist, klingt, reflektiert und schluckt das Licht anders. Komponieren heißt Instrument-Bauen, hat Helmut Lachenmann gesagt. Das erscheint mir bei ROTOЯ auf eigenwillige Art und Weise erfüllt worden zu sein.
Wieso war es dir wichtig, das mit „Circular Divisions” auf Platte zu fixieren?
Peter Kutin: Das Objekt hat klanglich spezifische Eigenschaften – Vorzüge sowie Nachteile. Was in meinem Studio auf genormten Lautsprechern gut klingt, funktioniert meist nicht am Objekt. Es klingt zu eigen. Für die Produktion der LP wollte ich den visuellen Aspekt vollkommen auflösen und für die Platte ganz Ohr sein. Dafür habe ich vor allem mit verschiedenen Mikrofonpositionen experimentiert. Das Objekt erzeugt eine akustische Kreisbahn um 360 Grad. Diese kann an verschiedenen Punkten mit Mikrofonen abgegriffen, also punktuell verstärkt werden. Daher auch der Titel: „Circular Divisions”. Durch verschiedene Teilungen des Kreises lässt sich ein spannendes Stereobild und eine eigenwillige Polymetrik erzeugen. Das Ergebnis lässt sich anhören, ohne das Objekt jemals gesehen zu haben. Ich bin sehr happy mit dem Resultat. Für mich ist es eine Art Instrumentalstudie.
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Dafür braucht es trotzdem den Raum, oder?
Peter Kutin: ROTOR ist definitiv eine Arbeit, die den Raum restrukturiert und in Anspruch nimmt. Dementsprechend schwer ist es, sie zu dokumentieren. Als Foto und Video büsst sie Qualität ein – das ist natürlich schlecht für unsere instagrammisierte Gesellschaft.
Als Komponist bin ich ohnehin ständig darum bemüht, die visuelle Dominanz zu brechen, aber das wird zunehmend schwieriger. Selbst-Darstellung und Visualisierung werden immer extremer. Bewusste Täuschung steht hoch im Kurs … Online erfolgreich, aber privat in Depression.
Du entwickelst ROTOR seit Jahren. Hat es sich irgendwann ausgezaubert?
Peter Kutin: Technisch ließe sich noch lange weiter arbeiten, um neue Zaubertricks zu etablieren. Mit Mess-Stroboskopen könnte man schöne Ergebnisse erzielen, als würde sich der rotierende Festkörper übergangslos in die andere Richtung drehen. Das ist visuell spannend, weil man die Netzhaut austrickst und eine physikalisch vollkommen unmögliche Richtungsänderung zeigt. Dahingehend forschen wir ein weiter – aber ohne Druck. Wenn sich gute Festivals und Gelegenheiten bieten, spielen wir die Arbeit wahnsinnig gerne. Die Platte ist trotzdem wie ein dokumentierter Abschluss eines Prozesses, auch um den Fokus wieder auf neue Projekte oder neue Aspekte richten zu können.
Ja?
Peter Kutin: Ja, ich orientiere mich derzeit recht konsequent in Richtung Film. Also Kino.
Wieso Kino?

Peter Kutin: Na ja. Ich kann mich sehr lange mit einer einzigen Sache auseinandersetzen. Im Falle von Musik ist dies manchmal schwieriger, sich die nötige Infrastruktur dafür zu schaffen. Im Bereich Film ist es möglich, lange zu planen und zu denken. Das liegt mir. Außerdem bin ich Cineast. Kino ist für mich immer noch eine faszinierende und auch musikalisch sowie klanglich ergiebige Kunstform.
Ich habe ja an einigen international durchwegs wichtigen Filmen musikalisch und im Sounddesign mitgearbeitet und dabei Lernprozesses durchlaufen, auch was Dramaturgie betrifft. Die Erfahrungen haben mir nun so viel Vertrauen gegeben, es in Zusammenarbeit mit Flo Kindlinger selbst aus der Regieposition zu versuchen. Ich bin einigermaßen lange im Underground verhaftet und will da auch niemals weg. Ich finde es aber spannend, diese Ästhetiken und vor allem dieses Mindset mit den Mitteln des Kinos zu verknüpfen.
„ICH MUSS ES NUR DENKEN KÖNNEN, ODER FURIOS SCHEITERN.”
Das heißt, du machst auch keinen akademischen Film?
Peter Kutin: Wir machen ein Noisical.
Ein Noisical?
Peter Kutin: Ja, kein Musical, sondern ein Noisical. Ich habe über die Jahre gelernt: Am besten gleich ein eigenes Format erfinden. Ich muss es nur denken können. Oder furios scheitern.
Und woraus besteht ein Noisical?
Peter Kutin: Es gibt tatsächlich einen Entwurf für ein mehr oder weniger ernsthaftes Manifest aus zehn Punkten. Einer unserer Punkte war: Dass sich im Zuge des Projekts eine vollkommen neue Band gründet, die mindestens bei zwei wichtigen, international anerkannten Festivals auftritt. Nun freue ich mich jedes Mal wie ein frischgepresster Schilling, wenn EAERES spielen.
Das heißt, hinter Peter Kutin steht in Zukunft nicht nur Komponist und Produzent, sondern auch Regisseur?
Peter Kutin: Ja, es ist ein bisschen Abenteuer, Neuland, Expedition, es bedarf auch Chuzpe. Wir haben zum Beispiel impulstanz eine abendfüllende Show versprochen, damit wir im Odeon drehen können. Die Leute hätten meiner Meinung nach einfach zugeschaut, während wir Filmszenen drehen. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass das nicht genug ist, sondern dass wir eine Show liefern, plötzlich zu Theatermachern werden müssen. Also stampften wir mit unseren knapp vierzig Beteiligten in chronischer Unterbesetzung eine Show aus dem Boden. Ein Tag technische Einrichtung, dann eine Generalprobe, sofort die erste Show. Keine Probebühnen davor. Und die Bude voll! Absurderweise hat es geklappt – für Filmmaterial wie auch für Publikum. Sogar gute Kritiken haben wir bekommen – dabei war die Performance nicht das Hauptprojekt, sondern vielmehr eine Nebenbaustelle.
Danke für deine Zeit!
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Links:
Peter Kutin (klingt.org)
Peter Kutin (music austria)
Peter Kutin (Homepage)
Peter Kutin (Instagram)
„Circular Visions Vol.1” (Homepage)
