Mit „Yum!“ entwickelt das interdisziplinäre Kollektiv Studio M.A.R.S. eine dystopische Oper über Macht, Kontrolle, digitale Scheinrealitäten und das obsessive Verlangen, gesehen zu werden – und wurde dafür mit dem renommierten Fedora-Preis in der Kategorie „Digital“ ausgezeichnet. Im Gespräch mit Ania Gleich erzählt Komponistin und künstlerische Leiterin WEN LIU, wie aus einer spontanen Idee ein partizipatives XR-Opernerlebnis wurde, warum das Publikum dabei in Klassen eingeteilt wird – und weshalb Technologie in ihren Arbeiten nie Selbstzweck ist, sondern radikal ins Storytelling greift. Es geht um die Brüche der Hochkultur, um ironisches Glitzern und um die Kunst, sich nicht verbiegen zu lassen.
Wie war das eigentlich – wie wurdest du für Fedora nominiert, und wie lief das alles ab?
Wen Liu: Fedora ist eine europaweite Plattform für Oper und Tanz mit über 130 Fedora Mitgliederorganisationen – das sind größtenteils große Opernhäuser und Festivals bzw. Festspiele. In Österreich sind wir vier Mitglieder: die Staatsoper, die Salzburger Festspiele, die Musiktheatertage Wien und wir, Studio M.A.R.S..
Für den Preis kann man sich nur als Mitglied bewerben – und auch nur als Organisation, nicht als individuelle:r Künstler:in. Die Häuser müssen also Projekte für Künstler:innen einreichen, es geht nicht darum, dass sie sich selbst profilieren.
Verstehe, das grenzt den Zugang schon stark ein.
Wen Liu: Ja, auf jeden Fall. Aber es ist auch fair. Studio M.A.R.S. ist noch nicht so lange Mitglied – erst seit 2023. Gegründet wurde es 2020.
Wie hat sich Studio M.A.R.S. entwickelt?
Wen Liu: Ich bin Komponistin, habe hier in Wien meinen Bachelor und Master gemacht. 2015 bin ich in die USA gegangen, für ein PhD-Studium an der University of California in San Diego. Ich habe dann einige Jahre in Los Angeles gelebt. In Kalifornien hatte ich das Gefühl, dass es kaum Kultur gibt, nur Klischees – und die stimmen leider auch. Ich stand irgendwann an einem Punkt, wo ich dachte: Entweder ich kehre zurück oder ich gründe etwas Eigenes. So ist das Festival M.A.R.S. in Los Angeles entstanden.

Das klingt mutig – und ziemlich cool.
Wen Liu: Die Szene in LA ist riesig, vor allem im Bereich visuelle Kunst. Aber im Bereich zeitgenössischer Musik gab es fast nichts – nur zwei Ensembles, ein Festival, in einer Stadt mit acht Millionen Menschen. Ich war immer stark an Film, Video und visuellem Storytelling interessiert, und so ist M.A.R.S. entstanden: als interdisziplinäres Festival mit einem Fokus auf Technologie, Wissenschaft und bildender Kunst – nicht nur klassische Neue Musik. Ich habe sogar ein Studio aus Wien nach LA geholt – für Hologramm-Design und große Projektionen. Das war immer der Stil von M.A.R.S..
2019 bin ich dann endgültig zurück nach Wien. Ich hatte das Festival in LA dreimal organisiert, aber es wurde einfach zu viel. Eigentlich wollten wir M.A.R.S. auch in Wien etablieren – wir hatten ja bereits einen Namen. Aber dann kam Covid, drei Jahre lang lag alles auf Eis. Trotzdem haben wir als Team weitergearbeitet, und irgendwann kam die Idee, anstelle eines Festivals ein Kollektiv zu gründen – das war für mich nachhaltiger.
Und dann habt ihr angefangen, Opern zu produzieren?
Wen Liu: Genau. Unsere erste Produktion entstand mitten in der Pandemie, als plötzlich alles auf XR (Extended Reality) umgestellt wurde. Ich habe ja schon vorher viel mit Technologie gearbeitet, aber ich bin kein großer Fan von VR – diese Brillen machen mich schwindelig, ich bekomme Kopfschmerzen. Trotzdem haben wir drei große Opern mit VR gemacht.
Ich kenne das – VR kann körperlich sehr anstrengend sein.
Wen Liu: Total. Deshalb haben wir bei unserer ersten Oper auf iPads gesetzt. Mich interessiert die Interaktion mit dem Publikum – dass die Menschen nicht nur zuschauen, sondern aktiv Teil der Erzählung werden. Ich finde es spannend, diese Aufmerksamkeit, die sonst aufs Handy wandert, bewusst in die Dramaturgie einzubauen.
Weil die Leute ohnehin die ganze Zeit Second Screening betreiben …
Wen Liu: Eben. Also warum das nicht nutzen? Unsere erste Oper war eine Kooperation mit dem Theater Bonn. Das Stück hieß „Speculum Maius“ und wir hatten 200 iPads im Einsatz – das Publikum konnte so Einfluss auf das Geschehen nehmen. Natürlich hat technisch nicht alles funktioniert, aber es war ein wichtiger erster Schritt.

„ICH WOLLTE, DASS DIE GESCHICHTE VON EINEM REIN WEIBLICHEN TEAM ERZÄHLT WIRD“
Und was kam danach?
Wen Liu: Danach haben wir ein interdisziplinäres Tanzstück in Thailand realisiert. „Yum!“, unsere aktuelle Produktion, ist die dritte oder vierte größere Arbeit. Die ersten beiden entstanden noch unabhängig von Fedora, aber „Yum!“ ist die erste Produktion, die wir als Fedora-Mitglied einreichen konnten.
Und ist das aktuelle Team eine Weiterentwicklung aus dem alten M.A.R.S.-Team in den USA?
Wen Liu: Nein. Das Festival in den USA war ein abgeschlossenes Projekt. Das aktuelle Team ist hier in Europa entstanden – und wechselt je nach Projekt. Bei „Speculum Maius“ haben wir mit vielen Leuten aus Bonn gearbeitet, in Thailand mit lokalen Musiker:innen. „Yum!“ ist ein sehr internationales Team – mit Beteiligten aus London, Paris, Belgien und Brasilien. Aber alle sind Frauen. Das war mir wichtig, weil es inhaltlich um feministische Perspektiven und schwarzen Humor geht. Ich wollte, dass diese Geschichte von einem rein weiblichen Team erzählt wird.
Kommen wir zu „Yum!“: Wie ist die Idee dazu entstanden? Gab es einen konkreten Auslöser?
Wen Liu: Die Idee entstand 2023 bei einer Opera-Maker-Residency von ENOA – einer inzwischen eingestellten EU-Plattform für Opernschaffende. Dort wurden wir in Gruppen eingeteilt und hatten einen Tag Zeit, ein neues Opernkonzept zu entwickeln. Ich habe dem Team von meinen Erfahrungen mit XR und partizipativer Oper erzählt – was gut funktioniert hat und was nicht.
Daraufhin entstand gemeinsam die Idee zu einem dystopischen Dinner-Setting. In der Welt von „Yum!“ gibt es wegen Klimakrise und Umweltzerstörung kein echtes Essen mehr – keine Austern, keine Delikatessen. Die Superreichen versuchen trotzdem, dieses luxuriöse Lebensgefühl künstlich wiederherzustellen. Das Stück ist eine Kritik an technologischem Eskapismus und Fake-Environments – an dieser Obsession mit schönen Oberflächen, Filtern, Social Media.
Das erinnert an Filme wie „The Menu“ oder „Triangle of Sadness“, oder?
Wen Liu: Ja! „Triangle of Sadness“ war ein klarer Referenzpunkt. Das spielt auch auf einem Boot mit reichen Leuten, die in ihrer eigenen Blase leben. Essen ist da ein starkes Symbol – es verdichtet soziale Ungleichheiten, zeigt Absurditäten auf. In „Yum!“ geht es auch darum: Man zahlt 200 Euro für eine Auster, obwohl die Umwelt kollabiert. Es geht nicht mehr ums Essen, sondern nur darum, dabei zu sein – sichtbar zu sein und in dieser Fake-Welt präsent zu wirken.
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Es geht also immer darum, gesehen zu werden, oder?
Wen Liu: Ja, genau. Wenn du Teil dieser Welt bist, geht es vor allem darum, gesehen zu werden. Das Stück „Yum!“ handelt im Kern von Identität, Klasse und Selbstbezogenheit. Die Idee entstand eigentlich ganz spontan – bei einer Präsentation in La Monnaie. Wir haben das Konzept dort vorgestellt, und alle meinten: „Ihr müsst das unbedingt weiterverfolgen!“ Es war ursprünglich nur eine Brainstorming-Session, niemand hat damit gerechnet, dass es wirklich etwas wird.
Verstehe. Und dann habt ihr entschieden, das Stück umzusetzen?
Wen Liu: Ja. Ich habe dann mit dem Team weiter an der Idee gearbeitet. Da waren wir schon bei Fedora Mitglied, und viele meinten: Das Stück passt perfekt zu diesem Preis. Also habe ich die Bewerbung eingereicht. Das war letztes Jahr im Mai. Mit der eigentlichen Arbeit am Stück haben wir Ende 2023 begonnen.
Kannst du mich vielleicht einmal durch das Stück führen – sozusagen als Teil des Publikums? Was sehe ich, was passiert?
Wen Liu: Es geht um soziale Klassen – und zwar sehr konkret. Wir haben drei Kategorien im Publikum: VIP, zweite Klasse und dritte Klasse. Man kann bei der Ticketbuchung ein VIP-Ticket auswählen – es wird teilweise gelost –, und dann sitzt man auf der Bühne, an einem riesigen, extrem luxuriösen Dinner-Table, zusammen mit Performer:innen.
Auf der Bühne sind fünf Darsteller:innen und ein Streichquartett – alles in einem Setting wie aus „Titanic“. Das Restaurant gehört Madame Gigi, der Hauptfigur. Sie ist so etwas wie eine Kultführerin in einer dystopischen Welt, eine machtbesessene Figur, die Kontrolle ausüben will – über alles. Sie ist an der Spitze einer Pyramide, die auf Ausgrenzung, Reichtum und Macht basiert.
Also ein Endzeit-Restaurant für Superreiche?
Wen Liu: Genau. Und es geht dabei viel um Manipulation – auch mit und durch Technologie. Dieses Restaurant ist eine absurde, dekadente Parallelgesellschaft. Die vier weiteren Performer:innen haben alle eigene Charaktere mit bestimmten Backgrounds – einer ist zum Beispiel eine Art Elon-Musk-Typ, der selbst nach Macht strebt. Es geht auch viel um das Besessen-Sein von Status und Exklusivität – und um die Absurdität dieses Lifestyles.
Und moralische Urteile meidet ihr bewusst?
Wen Liu: Ganz genau. Wir wollten keine Schwarz-Weiß-Erzählung. Es geht eher um eine ambivalente Charakterzeichnung. Ich liebe zum Beispiel Serien wie „White Lotus“, wo alle Figuren irgendwie komplett gaga sind, aber man mag sie trotzdem. Diese Figuren sind alle problematisch, aber faszinierend. Das ist das Spannende. Bei „Yum!“ ist es ähnlich: Ich arbeite in den letzten Jahren viel mit schwarzem Humor. Für mich ist das eine Art Verarbeitung – eine Möglichkeit, mit dem Irrsinn umzugehen, der gerade passiert. Ich finde, durch diesen absurden Humor kann man Dinge erzählen, ohne belehrend zu wirken.
„DIE VIERTE WAND WIRD BEWUSST GEBROCHEN“
Also darf man auch lachen – obwohl alles so krank ist?
Wen Liu: Unbedingt! „Yum!“ ist absurd, überzeichnet – aber gleichzeitig auch emotional. Ich will, dass das Publikum die Figuren mag, obwohl sie völlig verdreht sind.
Und wie läuft das konkret ab? Wenn ich Glück habe, lande ich auf der Bühne …?
Wen Liu: Genau. Wir haben einen Testlauf in Luxemburg gemacht, bei dem viele gesagt haben: „Ich würde nie auf der Bühne sitzen wollen – da schauen 200 Leute zu!“ Andere wiederum haben gesagt: „Ich will unbedingt da oben sein!“ Es gibt also etwa zwölf Zuschauer:innen, die entweder freiwillig oder per Los auf der Bühne sitzen – und direkt mit den Performer:innen interagieren.
Also ist man wirklich Teil der Handlung? Man redet auch mit?
Wen Liu: Ja, genau. Es ist kein passives Zusehen, sondern aktives Teilnehmen. Die vierte Wand wird bewusst gebrochen. Madame Gigi spielt mit dem Publikum, manipuliert es, zieht es in die Handlung hinein.
Und gibt es auch digitale Ebenen?
Wen Liu: Ja. Drei oder vier Leute bekommen während der Show VR-Brillen. Die sehen eine andere, exklusive Perspektive – eine digitale Welt. Andere bekommen eine App, die bestimmte Inhalte freischaltet. Und dann gibt es noch das normale Publikum im Saal – die dritte Klasse sozusagen. Die sehen Projektionen, haben aber keine Interaktion mit dem Digitalen.
Also sie beobachten – wie bei einem Reality-Format von außen?
Wen Liu: Ja! Sie sehen alles, aber sind nicht Teil des Spiels. Gleichzeitig wissen sie nicht, wer auf der Bühne Performer:in ist und wer nicht. Das erzeugt eine gewisse Verunsicherung – und ist Teil der Erfahrung.
Und die digitalen Inhalte – was zeigen die?
Wen Liu: Normalerweise wird die digitale Welt idealisiert – alles ist gefiltert, schön, perfekt. Wir drehen das um. Bei uns zeigt die digitale Welt die dunkle Seite der Figuren. Sie wird zum Spiegel der Realität – nicht zur Illusion. Du siehst in VR nicht etwas „Schönes“, sondern das Unheimliche, das Reale, das Menschliche.

Spannend – also eine Art umgekehrtes Instagram?
Wen Liu: Ja, genau! Normalerweise denkst du: „Oh, das sieht real aus“, aber es ist Fake. Wir zeigen: „Das ist Fake – und doch die Wahrheit.“ Es gibt viele solcher Twists im Stück.
Klingt, als würde sich die Geschichte auch ständig verändern?
Wen Liu: Ja, das tut sie. Es ist kein klassisches Dinnertheater, aber es spielt mit der Idee von Fine Dining, exklusivem Genuss, Macht, Kontrolle. Und natürlich mit der Dynamik zwischen Publikum und Performance.
Und wie oft habt ihr das schon aufgeführt?
Wen Liu: Bisher noch gar nicht. Wir sind gerade mitten im Schreibprozess. Letztes Jahr in Luxemburg hatten wir nur einen Test – eine zehntägige Residency am Nationaltheater. Dort haben wir an ersten Texten, Musikideen und Interaktionsformaten gearbeitet.
Also wird es eine richtige Uraufführung geben?
Wen Liu: Ja, die Weltpremiere ist für August 2026 geplant – in Österreich. Ich darf den Ort aber noch nicht offiziell nennen …
Was sind denn die Herausforderungen bei der Realisierung des Stücks? Es ist ja technisch komplex – mit Live-Performer:innen, verschiedenen Technologien … Was passiert, wenn etwas nicht funktioniert? Ich stelle mir vor, dass man viel improvisieren muss. Aber das gehört wohl dazu, oder?
Wen Liu: Ja, ich habe inzwischen ziemlich viel Erfahrung mit Technologie in Live-Performances. Und natürlich – egal wie viel man vorbereitet – irgendwas geht immer schief. Du kannst dir Szenarien überlegen, was passieren könnte, und dann passiert etwas völlig anderes. Das ist einfach Teil des Prozesses. Besonders bei Live-Elektronik oder VR ist das Risiko immer da.
Was das Stück betrifft: Wir starten ab Juni intensiv mit dem Libretto und dem Storywriting. Bis jetzt war noch nichts offiziell in Produktion. Mir ist wichtig, dass wir eine starke Geschichte erzählen. Es ist eine originelle Story – keine Adaption, kein Klassiker.
Also ist die Technologie in die Story selbst integriert?
Wen Liu: Genau. Für mich muss Technologie inhaltlich Sinn machen. Ich hasse es, wenn etwas nur benutzt wird, weil es „cool“ aussieht oder gerade im Trend ist. Viele machen einfach VR oder Projektionen, weil es gerade alle machen. Das ist nicht mein Zugang.
Bei uns geht es immer darum, mit Technologie neue Formen von Erleben oder Erzählen zu schaffen. Bei „Yum!“ zum Beispiel ist XR nicht einfach ein Effekt – es ist zentraler Bestandteil der Geschichte. Dieses „Behind the Lens“-Motiv ist essenziell für die Erzählung.
„FÜR VIELE HÄUSER IST ALLES MIT TECHNOLOGIE UND INNOVATION DAS LETZTE, WORAN SIE DENKEN.“
Verstehe. Und die technische Umsetzung – stresst dich das?
Wen Liu: Nein, eigentlich nicht. Ich arbeite mit XR Vienna, das ist eine super Community. Wir haben großartige Leute für das Design – und auch eine Beraterin, die sowohl technisch als auch künstlerisch denkt. Das ist extrem hilfreich.
Weil man sonst aneinander vorbeiredet?
Wen Liu: Ja, total. Ich habe oft mit Engineering- oder Coding-Leuten gearbeitet. Es sind wirklich zwei verschiedene Sprachen. Aber wenn man beide Seiten kennt, wird es einfacher.
Was stresst dich dann?
Wen Liu: Die Story. Die Figuren, ihre Bögen, wie alles zusammenkommt – das ist mein Fokus. Auch der schwarze Humor, der mitschwingen soll, ist schwierig gut zu balancieren. Der darf nicht verloren gehen, muss aber auch flexibel auf Situationen reagieren können.
Und deine Librettistin kommt aus Großbritannien, oder?
Wen Liu: Ja, genau. Und sie hat diesen klassischen britischen Humor – ich liebe das! Diese Art von trockenem, bösem Witz fehlt mir manchmal hier. Im deutschsprachigen Theater ist vieles so ernst, fast fad. Da passiert oft wenig mit Ironie.
Eine letzte Frage zu „Yum!“: Ihr seid bei Fedora in der Rubrik „Digital“. Fedora konzentriert sich ja auf Oper und Tanz – klassische, oft privilegierte Kunstformen. Inwiefern versteht sich „Yum!“ auch als Kritik an der Institution Oper selbst?
Wen Liu: Oh, das ist eine schwierige Frage. Ich finde, Fedora selbst ist eine großartige Organisation, die wirklich neue Opernformen unterstützt – auch mit Technologie, neuen Erzählweisen, non-traditional Opera. Es ist eine der wenigen Plattformen in Europa, die das ernsthaft tun – auch finanziell.
Spiegelt sich das auch im Stück selbst wider? Ihr spielt ja mit Klassenunterschieden – auch in der Struktur des Publikums. Ist das ein direkter Kommentar auf die Opernwelt?
Wen Liu: Ja, natürlich. Ich liebe klassische Musik – ich war selbst klassisch ausgebildete Pianistin. Ich finde, diese Kunstform ist wichtig. Aber sie muss sich weiterentwickeln. Sonst verliert sie ihre Relevanz. In Österreich ist es besonders schwierig, mit neuen Produktionen in die Opernhäuser zu kommen. Für viele Häuser ist alles mit Technologie und Innovation das Letzte, woran sie denken.
Also sowohl auf Seiten des Publikums als auch der Institutionen.
Wen Liu: Genau. Das Interesse für Neues ist oft gering. Deshalb war es für uns fast ein Wunder, dass wir überhaupt bei Fedora nominiert – und jetzt auch ausgezeichnet – wurden.
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Wie hast du dich nach der offiziellen Verkündung gefühlt – als Gewinnerin?
Wen Liu: Ich muss sagen, diese Zeit seit der Nominierung bis zur Verleihung hat uns extrem viel Aufmerksamkeit gebracht. „Yum!“ ist ja erst unsere dritte Opernproduktion. Wir sind ein sehr junges Kollektiv. Und jetzt kennt uns fast jedes Opernhaus in Europa. Das hat wirklich etwas verändert – auch was Netzwerke und Einladungen angeht. Das ist sehr viel wert.
Wir stehen am Anfang. Und gleichzeitig mitten in einem Spannungsfeld. Auch was Studio M.A.R.S. betrifft – besonders meine Rolle als Frau in einer Leitungsposition. Das ist nicht leicht.
Inwiefern?
Wen Liu: Ich habe in den letzten Monaten viel mit anderen Frauen gesprochen – erst kürzlich für das mica in der Reihe „Behind the Scenes“. Als Komponistin ist es okay, aber sobald du als Artistic Director auftrittst, wird es schwierig. Dann hast du nämlich männliche Kollegen – egal, was sie im Team machen, egal ob Künstler, oder Techniker – und wenn du öfter mal Nein sagst, wirst du schnell als schwierig abgestempelt.
Weil du nicht brav „Ja und Amen“ sagst?
Wen Liu: Genau. Es wird als emotional, irrational, persönlich ausgelegt. Dabei geht es einfach um professionelle Entscheidungen.
Und das männliche Ego hält das nicht aus.
Wen Liu: Nein. Ich habe deshalb entschieden: „Yum!“ist ein all-female Team. Nicht als Marketing, sondern weil es einfach besser funktioniert. Wir sind mit drei Frauen gestartet – das funktioniert. Sobald ein Mann dabei ist, gibt es sofort Reibung, oft auch Machtdynamiken. Ich hatte keine Lust mehr darauf.
Das ist auf jeden Fall auch ein Statement.
Wen Liu: Ja, das darfst du ruhig so schreiben.
Mach ich. Danke für das Gespräch!
Ania Gleich
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