Bild Laura Rafetseder
Laura Rfetseder (c) Jürgen Plank

„Auf dem Weg zur Insel Einsamkeit“ – LAURA RAFETSEDER im mica-Interview

Mit „Swimmers in the Arctic Sea“ präsentierte die aus Niederösterreich stammende Sängerin LAURA RAFETSEDER im Oktober 2016 ihr neues Album. Die Liedermacherin im Interview mit Jürgen Plank über das künstlerische Konzept hinter dem Album, über politische und persönliche Inhalte in ihren Liedern und übers Grimassen-Schneiden mit Billy Bragg.

Erzählen Sie bitte vom Konzept hinter Ihrem neuen Album „Swimmers in the Arctic Sea“.

Laura Rafetseder: Es ist ein Konzeptalbum, auf dem es um Solidarisierung und Entsolidarisierung in Zeiten der Krise geht. Das verbindende Element ist die Insel Einsamkeit, die es wirklich gibt. Sie liegt in der Kara-See im Nordpolarmeer. Sie ist am Cover drauf und kommt auch in zwei Liedern vor.

Wofür steht diese Insel?

Laura Rafetseder: Sie ist eine Metapher für die Verfasstheit unserer Gesellschaft. Dass der Kapitalismus uns in Isolierung und in Spaltung hält. Darauf gehen die Lieder ein und auf Gegenbewegungen dazu, sowie auf bestehende Ansätze zur Solidarisierung. Es sind natürlich auch Liebeslieder dabei, es gibt ein Lied zur Flüchtlingskrise und „Beating Hearts“ kann man auf alle möglichen Dinge umlegen. Ich bin Alleinerzieherin und da hat man auch Sorgen, wie sich das alles finanziell ausgeht. Vieles macht einem Angst, weil die Zeiten unsicherer werden und ich glaube, das geht vielen so. Das ist dann wieder ein verbindendes Element, durch das man diese Einsamkeit auch wieder überwinden kann.

Welche Gegenbewegungen thematisieren Sie konkret gegen diese Endsolidarisierung?

Laura Rafetseder: Zwei Lieder, „Those who made no sound“ und „The day after tomorrow“ beziehen sich auf Griechenland. „Those who made no sound“ war inspiriert von einem Vorfall 2013 mit ErdbeerarbeiterInnen, die es gewagt haben, ihre Löhne zu verlangen und angeschossen worden sind. Das fand ich so arg, dass ich dieses Lied darüber geschrieben habe. Es fängt als Liebeslied an und wird dann zum Protestsong.

„Es zeichnet meiner Meinung nach einen guten Song aus, dass er etwas Universelles ausdrückt, was auf viele verschiedene Situationen passt“

Was können Sie zum Lied „The day after tomorrow“ sagen?

Laura Rafetseder: Das war eigentlich ein Auftragswerk für das Post-Apokalypse-Festival im Jahr 2011. Es war als Bob Dylan-artiger Song angelegt, als Fantasie über den Tag nach dem morgigen Tag. Und auch das passt total gut auf Griechenland, weil man es heute letztlich als ein politisches Lied über die Krise in Griechenland lesen könnte. Ich finde gut an den Liedern, dass sie mehrere Ebenen haben und auf mehrere Dinge passen. Es zeichnet meiner Meinung nach einen guten Song aus, dass er etwas Universelles ausdrückt, was auf viele verschiedene Situationen passt.

Welche Ebenen haben die neuen Lieder noch?

Laura Rafetseder: Zum einen ist das die große, globale Ebene, auf der es um das Politische geht. Und dann gibt es auch noch die Mikro-Ebene, auf der es eigentlich um das geht, was nach der Liebe kommt. „We were young and wounded“ geht zum Beispiel darauf ein, auch „Blues in your lovers eyes“. Wenn die Liebe weggeht, bleibt man alleine zurück und dann muss man lernen sich selbst zu lieben und die Ruhe in sich selbst zu finden. Das ist auch ein bisschen das Thema des Albums.

Wie ist der CD-Titel „Swimmers in the Arctic Sea“ erklärbar?

Laura Rafertseder (c) Jürgen Plank

Laura Rafetseder: Ich habe verschiedene Titel überlegt und „Swimmers in the Arctic Sea“ war eine Zeile aus dem Lied „Hostile Shore“ und darin heißt es, dass wir verloren im Nordpolarmeer herumschwimmen und eigentlich Schiffe bauen sollten. Das ist eine Aufforderung, etwas zu tun und sich der Situation nicht hilflos auszusetzen. Ich fand das Bild schön, dass wir alle auf unserem Weg zur Insel Einsamkeit sind, Einzelkämpfer sind. Aber in Wirklichkeit sollten wir zusammenhalten, weil wir alle dieselben Interessen haben sollten. Die arctic sea hängt dann auch mit der sozialen Kälte zusammen, die in Österreich in letzter Zeit zu spüren ist.

Wie kam es zur Abbildung der Insel Einsamkeit am Cover der CD?

Laura Rafetseder: Mir ist eingefallen, dass ich ja mit Angela Dorrer eine Künstlerin kenne, die sich mit Kartographie beschäftigt und sie hat mir die Insel dann gezeichnet – und so ergibt das ein schönes Ganzes.

Wem gehört denn diese reale Insel heute?

Laura Rafetseder: Die Insel Einsamkeit gehört zu Russland. Sie hat einen russischen, aber auch einen norwegischen Namen. Das ist eine winzige Insel.

„Die Zeiten werden politischer“

Wie würden Sie Ihre Entwicklung selbst sehen? Werden Sie immer politischer oder ist das nur ein Eindruck, der gerade bei mir entsteht?

Laura Rafetseder: Die Zeiten werden politischer. Als Singer-Songwriter schreibt man oft über das, was man kennt. Da geht es um das Ich, das Ich und das Ich. Nur: je härter die Zeiten werden, desto mehr stellt das Ich fest, dass es auf verlorenem Posten steht und desto mehr muss es sich mit der Umwelt auseinander setzen. Ich habe gemerkt: Je härter die Zeiten geworden sind, desto mehr habe ich begonnen, nach außen zu reflektieren.

Sie haben zwei Mal beim FM4-Protestsongcontest teilgenommen. Wie wichtig ist so eine Plattform?

Laura Rafetseder: Ich finde das sehr wichtig, weil es ein Status Quo davon ist, wo das Bewusstsein steht und wie die Stimmung gerade ist. Ich finde, dass der Protestsongcontest in den letzten Jahren politischer geworden ist. Dass Themen stärker reflektiert worden sind und einen Raum gefunden haben, in dem es auch Diskussionen und Debatten gegeben hat, die total spannend waren.

Wer wirkt denn auf Ihrer CD „Swimmers in the Arctic Sea“ mit, welche Gäste haben Sie eingeladen?

Laura Rafetseder: Das sind alles Leute, die in der Wiener Singer-Songwriter-Szene sehr umtriebig sind. Mit dabei ist Stephan „Stoney“ Steiner, der meiner Meinung nach einer der besten Fiddler in Wien ist. Er ist stark präsent und spielt bei sieben Liedern die Violine. Patrizia Sieweck hat bei drei Liedern die zweite Stimme gesungen, ich mag zweite Stimmen sehr. Marc Bruckner und Markus Brandstetter haben bei einigen Liedern mitgewirkt, mit Bass, Ukulele etwa und Gernot Feldner hat bei vier Liedern Piano gespielt.

Wie ich weiß, verehren Sie The Beatles und Ihr Vater ist auch Musiker. Inwiefern hat das musikalische Elternhaus Ihr musikalisches Schaffen geprägt?

Laura Rafetseder: Mein Vater kommt eher von der Bob Dylan-Seite, weniger von den Beatles. Ich bin aber ständig mit Musik beschallt worden, als Heranwachsende. Zweitens hat mein Vater wirklich jeden Abend Klavier gespielt und das hat mich musikalisch stark geprägt. Meine Lieder sind seinen sicher nicht unähnlich. Mein Vater hat etwa Gedichte vertont und das waren auch meine ersten Schritte. Er hat mir beigebracht, dass man Texte sehr ernst nehmen muss. Ich habe dann auch Gedichte vertont, wie er und das war eine gute Übung für das Formfinden. Musik wirkt natürlich auch abseits des Textes, aber ich finde, die Worte sind schon wichtig.

„Es gibt ein Foto, auf dem Billy Bragg und ich miteinander Grimassen schneiden, um meinen kleinen Sohn zum Lachen zu bringen“

Was war bisher eines Ihrer schönsten Erlebnisse als Musikerin?

Laura Rafetseder: Vorgruppe von Billy Bragg sein und auf der Regenbogenparade vor 15.000 Leuten spielen! Ich wollte immer mal als Vorgruppe von jemandem spielen, den ich bewundere und beim Konzert von Billy Bragg in Graz das war das erste Mal, dass ich in die Nähe von so jemandem gekommen bin. Alle Musiker sind ja auch Fans, letztlich.

Wie haben Sie Billy Bragg erlebt?

Laura Rafetseder: Er war total nett und zugänglich. Es gibt ein Foto, auf dem Billy Bragg und ich miteinander Grimassen schneiden, um meinen kleinen Sohn zum Lachen zu bringen. (lacht)

Danke für das Interview.

Jürgen Plank

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