Zwischen künstlicher Intelligenz, Luxus-Dystopie und Opernwelt entwickelt die Komponistin und Regisseurin WEN LIU derzeit eines der ungewöhnlichsten und damit spannendsten Musiktheaterprojekte der kommenden Festspielsaison. Die XR-/Mixed-Reality-Oper „YUM!“, die bereits mit dem FEDORA Digital Prize ausgezeichnet wurde und im August bei den BREGENZER FESTSPIELEN Weltpremiere feiert, verwandelt ein exklusives Dinner in eine bissige Versuchsanordnung über Macht, Sichtbarkeit und digitale Selbstinszenierung. Aus dem Gespräch mit Ania Gleich entwickelt sich ein Werkstattbericht über technische Experimente, dramaturgische Wendungen, personelle Turbulenzen und darüber, wie die dystopischen Mechanismen des Stücks plötzlich auch Teil der eigenen Produktionsrealität wurden.
Wir befinden uns in einer Zukunft, die der Gegenwart verdächtig ähnlich sieht: Der rote Teppich ist ausgerollt. Nur die VIPs der Welt dürfen an die lange Tafel schreiten, Platz nehmen und Teil jener Sphäre werden, in der Aufmerksamkeit längst Macht bedeutet. Eine Stimme im Hintergrund sagt mechanisch, fast schon übertrieben künstlich: „Welcome to the world of D. You are the special ones. Tonight we ask: Who are the chosen ones?“ D. ist dabei nicht nur ein Buchstabe. D steht für „Digital“, „Dream“, „Dystopia“, „Destiny“, aber auch für den Namen der Gastgeberin des fikitionalen Dinnerabends: Madame D. Das Publikum blickt auf einen beleuchteten Speisesaal. Dort essen Menschen in luxuriösen Gewändern von Tellern voller unansehnlicher Jelly-Masse, die erst durch digitale Filter wie luxuriöse Delikatessen wirkt. Alles wirkt gleichzeitig absurd und seltsam vertraut. Ist das die Zukunft? Oder längst schon die Gegenwart? Was passiert, wenn selbst Leere noch exklusiv vermarktet werden kann?

Diesen Fragen widmet sich „YUM!“, die dystopische XR-/Mixed-Reality-Oper von Wen Liu und Studio M.A.R.S., die im vergangenen April mit dem FEDORA Digital Prize ausgezeichnet wurde und im August bei den Bregenzer Festspiele ihre Weltpremiere feiert. Seit mittlerweile zwei Jahren arbeitet Liu gemeinsam mit ihrem Team an dem Stück, das durch die Kooperation mit den Bregenzer Festspielen nun in seine finale Phase geht. Zwischen XR-Design, Kompositionsarbeit und dramaturgischer Zuspitzung war der Entstehungsprozess jedoch auch von Turbulenzen, personellen Umbrüchen und Konflikten geprägt. Im Zentrum steht dabei ein Abendessen für sogenannte „Chosen Ones“ – Influencer:innen, Politiker:innen, Celebrities und andere Symbolfiguren einer Welt, in der Sichtbarkeit zur Währung geworden ist. „Alle wollen ein Stück vom Kuchen“, sagt Liu über die Dynamiken, die nicht nur das Stück selbst prägen, sondern zunehmend auch dessen Produktionsrealität. „YUM!“ entwirft damit keine ferne Science-Fiction-Dystopie, sondern eine Realität, die längst begonnen hat.
Wenn Fine Dining zur Dystopie wird
Man kennt ähnliche Szenarien bereits aus Filmen wie „The Menu“, „Triangle of Sadness“ oder Serien wie „The White Lotus“: Reichtum wird zur grotesken Performance, Luxus zur absurden Leerstelle. „YUM!“ treibt diese Idee jedoch noch weiter und erweitert sie durch den gezielten Einsatz von XR- und Mixed-Reality-Elementen um eine Ebene, die das Publikum nicht nur beobachten, sondern körperlich erfahren soll. Gerade durch die Zusammenarbeit mit den Bregenzer Festspielen habe das Stück, erzählt Liu, im vergangenen Jahr zunehmend konkrete Form angenommen. Aus dem ursprünglich geplanten Gastspiel sei immer stärker eine tatsächliche Ko-Produktion geworden. Gemeinsam mit Dramaturgin Anke Rauthmann und Intendantin Lilli Paasikivi wurde die Geschichte geschärft, verdichtet und dramaturgisch neu aufgebaut. „You need more drama, more shitstorm“, erinnert sich Liu lachend an frühe Gespräche mit dem Team in Bregenz.
Parallel dazu wurde auch die technische Ebene immer präziser ausgearbeitet. Statt klassischem Virtual Reality setzt „YUM!“ auf Mixed und Extended Reality, also digitale Erweiterungen einer weiterhin sichtbaren Realität. „Es ist eher wie bei der Apple Vision Pro: Du siehst noch die reale Welt, aber erweitert“, erklärt Liu. „Für mich ist klassisches VR ehrlich gesagt langweilig. Ich hasse dieses komplette Abschneiden von der Realität. Mixed Reality ist viel interessanter.“ Dabei geht es Liu nie um Technologie als bloßen Effekt. Die digitalen Ebenen sollen die Realität nicht ersetzen, sondern sie gerade so weit verschieben, dass ihre Absurditäten noch deutlicher hervortreten. Das Publikum blickt auf Luxus, Macht und Selbstinszenierung und erkennt darin trotzdem permanent die eigene Gegenwart wieder. Ironischerweise begann genau diese dystopische Dynamik irgendwann auch den Entstehungsprozess des Stücks selbst einzuholen. Kurz nach der Auszeichnung mit dem FEDORA Digital Prize im vergangenen Jahr stellte sich heraus, dass zentrale Elemente von „YUM!“ – inklusive Figurenkonstellationen, visueller Ideen und ganzer Textpassagen – in einer anderen Produktion auftauchten. Gerade diese Erfahrung habe die ursprüngliche Geschichte letztlich nochmals verändert und geschärft, erzählt Liu.
Zwischen Kontrolle und Chaos

Wen Liu vereint innerhalb von „YUM!“ gleich mehrere Rollen gleichzeitig: Sie ist nicht nur Produzentin und kreative Leiterin des Projekts, sondern auch Komponistin der über 200 Seiten umfassenden Partitur. Wie angelehnt an das berühmte Streichquartett beim Untergang der Titanic begleiten auch hier Streicher den gesamten Abend musikalisch – irgendwo zwischen Hintergrundmusik eines Luxusrestaurants und opernhafter Zuspitzung. Gerade musikalisch sei „YUM!“ dabei eine besondere Herausforderung gewesen, erzählt Liu. Anders als in klassischen Opern befinden sich beinahe alle Figuren permanent gleichzeitig auf der Bühne. Es gibt keine klassischen Arien, denn „alle wollen einander überlegen sein“, sagt Liu. Gleichzeitig müsse die Musik aber trotzdem Raum schaffen, Spannung tragen und die verschiedenen Ebenen des Stücks zusammenhalten.
Außerdem funktioniert „YUM!“ über unterschiedliche Formen von Teilnahme. Während die Sänger:innen und Performer:innen den Abend kontrollieren, sitzen ausgewählte VIP-Gäste direkt mit am Tisch und interagieren über ihre Smartphones mit der digitalen Welt von Madame D. Das restliche Publikum beobachtet wiederum beides gleichzeitig: die Performance ebenso wie die Reaktionen jener Menschen, die plötzlich selbst Teil des Stücks werden. Wer sehen darf, wer gesehen wird und wer überhaupt Teil des Abends werden darf, bleibt streng hierarchisiert. Schon während erster technischer Testläufe wirkte die Bühne weniger wie eine Opernprobe, sondern mehr wie ein dystopischer Galaabend kurz vor dem Kontrollverlust. Auch die Suche nach der richtigen Madame D. wurde dabei Teil dieses Prozesses. Mit großer Unterstützung der Intendantin Lilli Paasikivi und des Casting-Prozesses der Bregenzer Festspiele habe Liu lange nach einer Person gesucht, „die dich wirklich klein fühlen lässt“, erzählt sie lachend. Die schließlich gefundene Sängerin aus Finnland sei privat zwar „super nett“, besitze auf der Bühne jedoch genau jene dominante Präsenz, die die Figur brauche.
Viele Fragen werden sich trotzdem erst im Probenprozess beantworten lassen, der im Juli beginnt: Wie reagieren die Menschen am Tisch tatsächlich auf die Situation? Wie stabil bleibt das fragile Timing zwischen Musik, Projektionen, Mixed Reality und Live-Performance? Was passiert, wenn jemand plötzlich aus seiner Rolle ausbricht? Vielleicht liegt genau darin eine der eigentlichen Erkenntnisse von „YUM!“: Dieses Stück bringt ständig neue Herausforderungen hervor, gerade weil es so viele Ebenen miteinander verbindet: Musiktheater, Technologie, Publikum, Essen, Kontrolle, Kontrollverlust. Über die zwei Jahre der Entwicklung hinweg gab es immer wieder Unsicherheit, Umwege und auch Drama. Aber vielleicht gehört genau das zur Natur dieses Projekts, und vielleicht auch zum Leben selbst. Oder wie Regisseurin Wen Liu es formuliert: „Mit der Zeit habe ich gerade aus dieser Unsicherheit Vertrauen gewonnen: nicht alles kontrollieren zu müssen, nicht alles vorher wissen zu können, sondern den Prozess geschehen zu lassen. Ich kann es nicht allen recht machen.“
Ania Gleich
Die Weltpremiere von YUM! findet am 20. August im Rahmen der Bregenzer Festspiele statt.
https://bregenzerfestspiele.com/de/musiktheater/yum
Links:
Wen Liu (Website)
Wen Liu (Facebook)
Studio M.A.R.S. (Website)
Studio M.A.R.S. (Instagram)
„BEI UNS ZEIGT DIE DIGITALE WELT DIE DUNKLE SEITE DER FIGUREN“ – WEN LIU (STUDIO M.A.R.S.) IM MICA-INTERVIEW
