Hannes Tschürtz (c) Elisabeth Anna

15 Jahre im Dienste des österreichischen Indiepop – Hannes Tschürtz über INK MUSIC

HANNES TSCHÜRTZ hat INK MUSIC 2001 als Label gegründet. Seither hat sich der Tätigkeitsbereich um ein Vielfaches erweitert. INK MUSIC, das dieser Tage sein 15-jähriges Bestehen feiert, ist heute auch Booking- und Promotionagentur, Verlag und vieles mehr und zählt damit zu den bedeutendsten Playern in der österreichischen Popszene.

Begonnen hat alles Mitte der 1990er Jahre im beschaulichen Burgenland, als sich der große Musikliebhaber Hannes Tschürtz in den Dienst des Festivalveranstalters in Wiesen stellte. Der Job brachte mit sich, dass er einige lokale Acts näher kennenlernte und sich mit ihnen auch anfreundete. Eine dieser Bands nannte sich Garish. Eine talentierte junge jedoch unerfahrene Combo mit Potential, die überregional aber noch nicht wirklich in Erscheinung getreten war. Hannes Tschürtz nahm sie unter seine Fittiche, unterstützte sie mit Ratschlägen und begann in der Region Konzerte für sie aufzustellen. Ein Einsatz, der – wie sich recht bald zeigte – schnell zum Erfolg führte. Garish wurden österreichweit als eine der damals wenigen wirklich bedeutenden Acts aus dem Indiebereich bekannt.

Die Geschichte wiederholte sich kurz darauf mit den ebenfalls aus dem Burgenland stammenden Zeronic. Hannes Tschürtz – zu der Zeit bereits in Wien und bei der damals noch ausschließlich auf Promo ausgerichteten Agentur Monkey tätig – begab sich für die Band auf die Suche nach einem geeigneten Label. Eine Aufgabe, die sich Anfang der 2000er Jahre quasi als Unmöglichkeit darstellte. „Die Labellandschaft in Österreich war zur damaligen Zeit sehr dürr. Viele Indielabels, die es heute gibt, waren damals noch nicht gegründet. Zudem begann der Downfall der Majorlabels, die sich aufgrund dieser für sie negativen Entwicklung auch nicht wirklich experimentierfreudig zeigten“, so der Burgenländer. Er fragte bei Monkey-Gründer Walter Gröbchen nach, ob der sich nicht vorstellen könnte, ein Label zu gründen, blitzte mit seinem Vorschlag aber ab. „Ich war also gezwungen, selbst eines zu gründen, was ich mit INK Music dann auch tat.“ Das war 2001.

Was sich im ersten Moment vielleicht als eine aus der Not heraus geborene Hauruckaktion liest, zeigt sich bei näherer Betrachtung als ein mehr oder weniger ausgeklügelter Plan. Hannes Tschürtz war aufgrund seiner bis dahin gemachten Erfahrungen im Musikbereich von Anfang an klar, wie er sein Unternehmen führen wollte und in welche Richtung es sich entwickeln sollte. Er hatte eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie die Sachen zu laufen haben. Es ging ihm vor allem darum, die ganze Geschichte langfristig anzulegen und offen zu gestalten, sprich sich und sein Unternehmen immer den jeweiligen Gegebenheiten und Entwicklungen anzupassen.

Fehlende Strukturen

Der Wille war also da, nur behinderte oder zumindest verlangsamte zunächst das Fehlen fast sämtlicher Strukturen in der heimischen Musikwirtschaft die rasche Umsetzung der ambitionierten Ziele. „Österreich war diesbezüglich damals eine absolut tote Landschaft. Es gab einfach kaum Vorbilder, an denen man sich irgendwie orientieren hätte können, kaum Netzwerke, die einem zur Verfügung gestanden wären. Und auch im Bereich der Ausbildung, in deren Rahmen man das Labelgeschäft hätte lernen können, war eigentlich nicht existent. Daher bestand die Arbeit im Prinzip zu 98 Prozent aus Learning by Doing. Man schaute sich da und dort bei dem einen oder anderen ein Bissl was ab und probierte einfach aus. Hat es funktioniert war es gut, wenn nicht, probierte man etwas anderes aus. Das klassische Try and Error Prinzip halt. So ist es eigentlich über die Jahre hinweg gegangen. Und das war damals auch der einzig sinnvolle Weg“, so Hannes Tschürtz, der heute neben all seinen Tätigkeiten auch Musikwirtschaftslehrgänge an diversen Fachhochschulen hält.

15jahre-ink

Die Essenz der Tätigkeit seines Unternehmens begriff der Burgenländer in der Entwicklung von Künstlerkarrieren. „Mein Ansatz war, immer so nah wie möglich am Künstler zu sein und die Künstlerentwicklung so gut wie möglich zu befördern. Es geht darum, den Künstler als Marke zu begreifen, die man stark aufbauen muss“, so der INK-Chef. Natürlich ist dies noch keine Garantie dafür, dass sich der Erfolg auch tatsächlich einstellt, aber das Prinzip der Nachhaltigkeit steht bis heute an der Spitze aller Überlegungen einer Ausrichtung des Unternehmens.

Dieser nachhaltige Ansatz bedingte eine Erweiterung auf andere Bereiche. INK Music sollte sich nicht nur als Label, sondern auch als eine Firma, die den Künstlern quasi ein Rundumservice (Booking, Promo, Verlag u.v.m.) anbietet, etablieren. Das Gesamtpaket macht nämlich die Marke aus. „Wenn eine Marke stark ist, kannst du Alben, Livekonzerte, Sync-Placements und was auch immer gut verkaufen. Wenn man sich dagegen nur auf einzelne Produkte konzentriert, ist man immer schlechter dran“, so die Meinung des umtriebigen Burgenländers.

Der lange Atem

Wann INK Music dann schließlich so richtig durchzustarten begann, kann Hannes Tschürtz nicht an einem singulären Ereignis festmachen. Es waren eher viele kleinere Ereignisse, die INK Music erfolgreich auf Kurs gehalten haben. Und natürlich gab es Höhen und Tiefen. „Man braucht einen langen Atem, das auf jeden Fall. Eine Firma ist ein ewiges Labor. Du baust immer etwas um oder etwas Neues auf.“

Und Bilderbuch? Groß geworden ist diese Band doch bei INK Music. „Rückblickend könnte ich natürlich sagen, dass der für das Unternehmen entscheidende Moment der war, Bilderbuch unter Vertrag zu nehmen. Aber damals 2008/2009 – als wir mit der Band zu arbeiten begannen – war es unmöglich abzusehen, dass sich der Einsatz sechs Jahre später tatsächlich auszahlen würde.“

Auf die Frage, ab welchem Zeitpunkt ein Projekt für ihn einen Erfolg darstellt, meint Hannes Tschürtz: „Erfolg ist nicht unbedingt immer an Größe oder an Ticketverkäufen in der Wiener Stadthalle messbar. Erfolg kann etwas sehr Individuelles sein. Es kann durchaus sein, dass ein Act zwar nicht unbedingt atemberaubend viele Platten oder Tickets verkauft, im Synchronizing-Markt aber super funktioniert und Geld einbringt.“ Man muss von Band zu Band differenzieren, die Erwartungen anpassen. Man könne nicht hoffen, dass ein jeder Act ganz groß durchstarten und den großen internationalen Erfolg feiern wird. 

Die Gründe für den Aufstieg der österreichischen Popszene

In die Zeit von INK Music fällt auch der bis heute anhaltende Aufstieg der österreichischen Popszene. Lief diese vor etwa fünfzehn Jahren noch unter jeder Wahrnehmungsschwelle, zeigt sie sich heute so erfolgreich wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Für Hannes Tschürtz hat diese positive Entwicklung – neben der Breite der musikalischen Vielfalt und Qualität – auch viel mit dem Anwachsen des Selbstbewusstseins der heimischen Musikwirtschaft im Gesamten zu tun. Für ihn hat dieses Selbstbewusstsein viel mit dem entstandenen Wettbewerb zu tun. Die beflügelt die Szene und bringt sie weiter. „Die Arbeit ist durch das Auftreten von vielen verschiedenen Playern herausfordernder und damit auch viel spannender“, so der Burgenländer.

Aber nicht nur der Wettbewerb alleine kann als ausschlaggebender Grund genannt werden. Auch andere Dinge wie etwa das Popfest Wien haben zur Wiederauferstehung der heimischen Szene beigetragen, wobei „2005 hätte dich wahrscheinlich jeder, dem du eine solche Idee unterbreitet hast, aus der Stadt hinausgelacht.“ Heute, so Hannes Tschürtz, stellt das Popfest eine Selbstverständlichkeit dar und hat extrem viel Positives bewirkt.

Die Zukunft

Wie sieht es nun in der Zukunft aus? Was muss bewerkstelligt werden, um die positive Entwicklung der österreichischen Szene weiter voranzutreiben? Und worin sehen Hannes Tschürtz und sein Team ihre Aufgaben? „Wir wollen mit unseren Erfahrungen, die wir in den letzten Jahren gesammelt haben, dabei mithelfen, dass, wenn wieder so eine Band, die das Potential wie etwa Bilderbuch hat, auf der Bildfläche auftaucht, diese nicht mehr sieben, sondern vielleicht nur drei Jahre für den Durchbruch braucht.“ Die Leute in der heimischen Musikwirtschaft wüssten heute mehr, wie man am Rad dreht. „Natürlich muss sich eine Band immer noch selbst entwickeln, aber wir können die Rahmenbedingungen schaffen, die es einer Band leichter machen, erfolgreich zu reüssieren.“ Es geht darum, das Potential einer Band zu erkennen, ihr die Möglichkeit geben, dieses zu entfalten und es im Idealfall abzuschöpfen. Darin sieht Hannes Tschürtz in der Zukunft die Hauptaufgabe, wobei er einschränkend anmerkt, dass sich so ein Vorgang nicht industrialisieren lässt. „Man kann nicht hunderte Bands zu Bilderbuch machen.“

Michael Ternai

Links:
INK Music
INK Music (Facebook)

WUK – Veranstaltung “15 Jahre INK Music”
16. Septermber, WUK, Wien, 18.30
mit u.a. Yalta Club, Farewell Dear Ghost