ANGER, das sind Nora Pider und Julian Angerer. Die beiden kennen sich seit sie Teenager sind und kommen ursprünglich aus Brixen in Südtirol. Zuletzt hat das Duo, das mittlerweile in Wien wohnt, mit „Bau a Stodt au über die Wolken Gonz weit oben glei neben dir“ ein Album veröffentlicht, auf dem sie zum ersten Mal im Südtiroler Dialekt singen. Im Interview mit Clemens Engert sprechen Julian und Nora unter anderem über die Idee hinter dem neuen Album, die Szene in ihrer Heimat und die Wichtigkeit von Mental Health-Awareness.
Ihr stammt aus Brixen in Südtirol. Wie kann man sich die dortige Szene vorstellen?
Anger: Insgesamt beobachten wir, dass sich vieles tut. Es gibt neben etablierten Acts auch coole aufstrebende KünstlerInnen (z.B. Dana Tempesta, Alex The Judge, hijss, Raphael Lloyd, Nina Chiodin, Tulpenkind) und einen neuen Aufschwung. Es wird auch immer mehr gefördert und es gibt immer wieder Veranstalter:innen und Venues, die abseits des Mainstreams sehr coole Sachen machen. Musikalisch beobachten wir, quer durch alle Genres, so etwas wie eine neue Dialektwelle – also junge Artists, die sich im Dialekt ausprobieren und Songs veröffentlichen (z.B. Scamige Buben, Manu Mischkonsum usw.). Das eröffnet neue Dinge und wir sind gespannt, was sich da noch entwickelt.
„Deutschsprachige Musik aus Südtirol bewegt sich in einem Raum, der historisch, sprachlich und kulturell sehr eng mit Österreich verbunden ist.“
Wie sieht es mit der medialen Wahrnehmung aus?
Anger: Bands hierzulande (in Südtirol, Anm. der Redaktion) verkaufen regelmäßig kleine Venues aus, touren durch Europa oder verkaufen viel Merchandising, ohne dass das groß besprochen wird. Es fehlen die Medien, die sich kontinuierlich dafür interessieren oder das überhaupt wahrnehmen. So etwas wie eine echte Branchenszene gibt es noch nicht. Um medial stattzufinden, braucht es größere Erfolge, einen Amadeus oder eine ESC-Teilnahme.
In diesem Zusammenhang stellt sich für uns schon auch eine grundsätzliche kulturpolitische Frage. Deutschsprachige Musik aus Südtirol bewegt sich in einem Raum, der historisch, sprachlich und kulturell sehr eng mit Österreich verbunden ist. Viele Künstlerinnen und Künstler aus Südtirol wachsen mit österreichischen Medien, Ausbildungswegen und Referenzen auf. Eine stärkere Berücksichtigung und Unterstützung durch österreichische Kulturinstitutionen und Medien wie FM4 würde dieser Realität aus unserer Sicht gut entsprechen. Dabei geht es nicht um nationale Zugehörigkeit, sondern um eine offene und zeitgemäße Kulturförderung, die Sprachräume, Minderheitenkontexte und gewachsene kulturelle Verbindungen über Grenzen hinweg ernst nimmt und sichtbar macht.
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Warum hat es euch nach Wien gezogen?
Anger: Wir sind beide zum Studieren nach Wien gegangen, nicht primär wegen der Musikszene. Die haben wir erst viel später kennengelernt. Aber wir hatten beide immer das Gefühl, dass wir etwas machen und nach außen gehen müssen. Das ist einfach ein Teil von uns. Wir haben beide auch künstlerische Fächer studiert und die Kunst eigentlich immer an die erste Stelle gestellt.
„Wir wollten ausprobieren, wie sich schnelles Arbeiten anfühlt.“
Ihr habt im Laufe eurer Karriere Songs auf Hochdeutsch, auf Italienisch, auf Englisch und nun eben auch im Südtiroler Dialekt performt. Was war der Grund für diese Entwicklung?
Anger: Unser neues Album „Bau a Stodt au über die Wolken gonz weit oben glei neben dir“ ist, wie der Titel schon vermuten lässt, ein sehr persönliches Album. Es ist ein Abschiedsalbum, quasi ein Lebewohl-Album für eine Person, ohne die es uns als Act so nicht geben würde. Diese Person hat uns immer Mut zugesprochen und uns begleitet. Es war ein sehr therapeutischer Prozess, das Album zu schreiben und aufzunehmen. Wir haben es in unterschiedlichen Sprachen versucht, sind dann aber zum Schluss gekommen, dass es im Dialekt passieren muss. Das heißt zwar nicht, dass wir von jetzt an nur mehr Dialektmusik machen, aber es war für den Moment sehr passend.
Wir haben das Album in Rekordzeit aufgenommen, weil es genau so sein sollte, wie es sich im Moment der ersten Demo-Idee angefühlt hat. Das ist uns gelungen. Vieles, was man tut, kann man sowieso erst im Nachhinein verstehen und deswegen wollten wir ausprobieren, wie sich schnelles Arbeiten anfühlt. Es scheint zu uns zu passen und hoffentlich können wir noch viele Alben in dem Tempo machen. Der Dialekt hat den Prozess natürlich auch vereinfacht. Zu singen, wie man spricht, lässt viele Fragen gar nicht erst entstehen.
Ihr spendet alle Einnahmen, die durch die CD- und Vinlyverkäufe eures aktuellen Albums „Bau a Stodt au über die Wolken gonz weit oben glei neben dir“, an das Südtiroler Kinderdorf. Ist soziales Engagement ein integraler Bestandteil eurer künstlerischen Tätigkeit?
Anger: In den letzten drei Jahren sind viele Dinge in unserem Umfeld passiert, die uns maßgeblich geprägt haben. Das Album hat uns sehr viel zurückgegeben. Es hat uns wieder geradegerückt und zurück auf die Bühne gebracht. Es hat uns wieder daran erinnert, wer wir sind und was wir machen wollen. Wir sprechen „Mental Health“-Themen an und versuchen, sensibel darauf hinzuweisen: Wenn es euch schlecht geht, sucht euch jemanden. Es gibt da auch am Land sehr gute Möglichkeiten. Die Spende ist ein Zeichen und unterstreicht diese Message. Für eine Band unserer Größe ist das nicht selbstverständlich. Wir sind dankbar für UnterstützerInnen aus der Region, die uns das ermöglichen. Kunst ist immer auch politisch.
„Religion ist omnipräsent und hat uns massiv geprägt.“
Auf eurer Website findet sich die Textzeile „koaner glab an Gott … Und koaner glab an sich“. Was wollt ihr damit genau aussagen? Spielt das Thema Religion in eurem Schaffen eine gewisse Rolle?
Anger: Ja und nein. Religion ist omnipräsent und hat uns massiv geprägt. Für uns ist diese Zeile die stärkste des Albums. Es ist ein Generationen-Ding. Die meisten verstehen, was damit gemeint ist. Im Grunde ist es eine existentialistische Frage.
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Wenn ihr drei Attribute wählen könntet, die eure Musik beschreiben – welche wären das?
Anger: Für das aktuelle Album: sanft, fragil und schön.
Gibt es einen Film in der Filmgeschichte, zu dem ihr gerne die musikalische Untermalung beigesteuert hättet?
Anger: Ja, „The Hand of God“ von Sorrentino, mit „Du bisch wia die Sunne“ als Titelsong. Schöner Film, große Empfehlung.
Was steht für euch im Jahr 2026 alles an?
Anger: ANGER wird zehn Jahre alt – zehn Jahre, in denen Musik immer an erster Stelle stand. Es gab kaum Pausen. 2026 werden wir weitermachen wie zuvor. Ein Highlight wird aber bestimmt das Konzert am 1. August mit der Bürgerkapelle Brixen. Wir arrangieren dabei Songs für mindestens 40 Blasinstrumente. Es ist ein Versuch, zwei scheinbar völlig unterschiedliche Welten für einen Abend zusammenzubringen und unsere Songs gemeinsam zu performen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Clemens Engert
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Live-Termine:
20.03.2025 – Stadttheater Bruneck, Südtirol
01.08.2025 – Hofburg Brixen, Südtirol
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