„Es tut sich viel und ich will wissen, wo es hingeht.“ – Roksy im mica-Interview

Roksy ist ein Wiener Duo, bestehend aus Christiane Niederbacher und Lukas Schretzmayer. Die beiden haben sich 2019 zusammengeschlossen, um neben ihren bisherigen Projekten einen neuen gemeinsamen Sound zu entwickeln. Im Interview mit Romy-Christin Theune sprechen sie über ihr neues Album Leben in Echt, das im November 2025 erschienen ist, mit dem sie sich vom Swing lösen und einen experimentellen Elektro-Pop-Stil verfolgen. In ihrem Album verarbeiten sie persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Beobachtungen. Gleichzeitig sprechen sie über die schwierige Situation kleiner Musiker:innen in Wien, vor allem über fehlende Sichtbarkeit und teils mangelnde Unterstützung. Trotz dieser Herausforderungen bleiben sie optimistisch und lassen sich nicht von ihrem Weg abbringen. 

Christiane, du bist 2019 irgendwann zu Lukas gegangen und hast gesagt: „Hey, lass uns gemeinsam Musik machen.“ Allerdings etwas anderes als Swing – obwohl ihr ja seit fast zehn Jahren zusammen in einer Swingband spielt. Da habe ich mich gefragt: Warum ausgerechnet Lukas? Und warum ein anderer Stil?

Christiane: A hat es sich angeboten, weil ich ihn schon so gut kenne. B wusste ich, dass er musikalisch extrem stark ist, und C arbeiten wir schon lange miteinander, mögen uns und wissen, dass es musikalisch gut passt. Ich kannte auch seine früheren Projekte, und deshalb war für mich klar, dass da noch viel mehr möglich ist als nur Swing.

Und was waren das für frühere Projekte?

Lukas: Bei mir war es am Anfang eigentlich „Robb“. Das hatte damals sogar ein bisschen FM4-Hype. Ich habe mich aber immer recht breit aufgestellt: Ich war in einem instrumentalen Live-Electronic-Trio und habe außerdem in einer Progressive-Rock-Band gespielt – eigentlich alles, was sich irgendwie ergeben hat.

Ich bin die Wunschversion meiner selbst

Würdet ihr sagen, dass Roksy „Niederbacher-Schretzmayer“ ist oder steckt hinter dem Namen auch ein Konzept oder vielleicht sogar ein Alter Ego?

Christiane: Also ich kann das jetzt nur für mich sagen. Roxy, nur mit X geschrieben, ist mein Nickname. Meine Arbeitskolleg:innen wissen, glaube ich, auch gar nicht, dass ich Christiane heiße. (Christiane lacht) Und deswegen ist es für mich tatsächlich so ein Alter Ego. Also ich bin quasi die Wunschversion meiner selbst.

Lukas: Ich glaube, bei mir spielt das gar nicht so eine Rolle. Ich tue mir generell schwer mit dem Alter-Ego-Gedanken. Ich tue mir schwer damit, wer anders zu sein. Und ich glaube, das liegt auch daran, dass ich nie vorne stehe. Ich habe halt auch nie das Mikro in der Hand – zum Glück.

Willst du irgendwann mal hinterm Mikro stehen?

Lukas: Nein, muss nicht unbedingt sein.

Christiane: Ich hätte es gerne mal…

Lukas: Schauen wir mal, was passiert.

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Euer neues Album ist letztes Jahr am 7. November erschienen und heißt „Leben in Echt“. Ein Song, der mir besonders im Kopf hängen geblieben ist, heißt „Maschinerie“. Kritisiert ihr darin die Situation von kleineren Bands in Wien?

Christiane: Kritisieren ist vielleicht ein bisschen zu viel gesagt. Wir wollen eher aufzeigen, dass es gar nicht so einfach ist. Vor allem, wenn man noch nicht so bekannt ist.

Wenn ihr jetzt die Möglichkeit habt, etwas zu sagen: Was sollte sich konkret ändern? Wo seht ihr aktuell die größten Baustellen für junge Musiker:innen, in Wien?

Christiane: Vor allem bei der Sichtbarkeit. Also, dass Medien und Radio mehr Plattform für kleinere Acts schaffen. Und auch bei Line-ups, weil es oft dieselben Acts trifft.

Lukas: Gerade als Newcomer kennt man meistens nicht so viele Leute. Und selbst wenn man Kontakte hat, traut sich heutzutage kaum jemand. Dann ist es oft so: „Ah, ich beobachte es erstmal und schaue, was die Band schafft.“ Und den Großen rennen sie hinterher. Aber wenn sie dann nach fünf oder zehn Jahren Erfolg haben, kommen plötzlich alle an. Eine Art von wünschenswertem Commitment wäre, dass jemand sagt: „Ich mag eure Musik, ich möchte euch unterstützen.“

Wer ist da konkret gemeint? Bookingagenturen, Locations?

Lukas: Für uns eigentlich alle. Man hat ja zwangsläufig mit allen mal Kontakt. Und es zieht sich eigentlich wie ein roter Faden durch, dass man fast ausnahmslos abgelehnt wird, weil sich einfach keiner traut.

Christiane: Bei Locations kommt oft dazu, dass man auch als kleiner Act dafür zahlen muss. Gleichzeitig ist es aber auch fair, dass Musiker:innen bezahlt werden. Finanziell rentiert sich das dann aber auf Dauer halt einfach nicht.

Und zeitlich geht das natürlich auch nicht auf. Ihr habt euch ja zusammengeschlossen, weil ihr primär zusammen Musik machen wollt. Und dann noch währenddessen, sich mit Booking, Marketing und Social Media zu beschäftigen…

Lukas: Da geht viel Zeit drauf.

Christiane: Genau.

Also halten wir fest: Mehr Sichtbarkeit für kleinere Bands und versuchen, diese mehr zu unterstützen und nicht immer nur nach oben zu schauen, zu denen, die sowieso schon viel Aufmerksamkeit bekommen. Ich glaube, da sind viele bei euch.

Christiane: Ich rede auch mit vielen, und ich glaube, alle wünschen sich das – vor allem die kleineren Acts –, wissen aber auch, dass es einfach nicht so ist und wir letztlich alle im gleichen Teich schwimmen.

Bleiben wir beim Album. Der Song A.A.B.L.” – wofür steht das?

Christiane: Es heißt „Aller, allerbestes Leben“. Der Ausdruck kommt aus der Gastro, wo ich schon sehr lange arbeite. Seit 11 Jahren im selben Betrieb. Wenn extrem viel los ist und man kurz durchatmen kann, fragt man sich gegenseitig: „Wie geht’s dir?“ und dann haben wir diesen Begriff – „A.A.B.L.“ Aber das ist natürlich dann auch immer ein bisschen ironisch gemeint.

Ich finde die Entwicklung spannend. Es tut sich viel und ich will wissen, wo es hingeht

Wenn ihr euer allerbestes Leben beschreiben würdet – wie würde das aussehen?

Lukas: Schwierige Frage. Ich glaube gar nicht, dass sich so viel ändern müsste. Viele sagen ja, sie wollen im Lotto gewinnen oder so, aber man hat auch schon oft gehört, dass das nicht wirklich etwas besser macht. Vor allem verändert man sich dann auch durch manche Sachen und ich weiß nicht, ob ich Lust habe, mich groß zu verändern. Ich bin eigentlich ganz zufrieden, wie es ist.
Ich hätte nur gerne eine bessere Work-Life-Balance. Oft habe ich das Gefühl, der Tag ist zu schnell vorbei und man schafft zu wenig. Wenn ich sehe, wie andere arbeiten, noch Rad fahren und sich mit Freunden treffen und trotzdem sieben bis acht Stunden schlafen, frage ich mich: „Wie macht’s ihr das?“. Daran arbeite ich, ansonsten würde ich nicht viel ändern. Ich finde die Entwicklung spannend, wie sie gerade ist. Es tut sich viel und ich will wissen, wo es hingeht.

Christiane: Ja, ich habe es mir schon ein bisschen konkreter ausgemalt… Ich hätte gern irgendwann ein Häuschen am Strand in Italien.

Ihr kommt beide nicht direkt aus Wien. Christiane aus Südtirol, Lukas aus Niederösterreich. Hat euch Wien über die Jahre mehr inspiriert oder herausgefordert?

Lukas: Ich bin gern nach Wien gezogen. Ich hatte auch schon immer einen Wien-Bezug, war hier in der Schule und später als Student. Gerade die Musikszene war damals sehr wichtig – Sessions, Projekte, Austausch. Also es war schon sehr inspirierend eine Zeit lang. Mittlerweile ist es so, nicht jeder hat mehr so viel Zeit wie früher. Alles ist ein bisschen ruhiger geworden. Man hat mehr Verantwortung, weniger Zeit und der Kater dauert länger. (Alle lachen) Ich freue mich inzwischen dann aber auch sehr, wenn ich wieder in die Natur komme.

Christiane: Geht mir ähnlich. Ich liebe die Stadt nach wie vor, aber ich freue mich auch immer mal wieder rauszukommen. Und dann aber auch immer wieder zurückzukommen.

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Christiane, du hast einen klassischen Hintergrund. Was sagt deine Familie zu eurem Elektro-Pop?

Christiane: (Christiane lacht) Ich glaube, sie finden es gut, dass ich Musik mache, weil mein Papa ja Kirchenmusiker war und das wurde dann an mich weitergegeben. Ich habe dann auch Musik studiert, klassisch und vorher Jazz. Ich glaube, das Swing-Projekt, die Susis, gefallen ihnen besser. Aber sie finden es super, dass ich dahinterstehe.

Und bei dir, Lukas?

Lukas: Eigentlich sehr gut. Bei neuen Projekten dauert es immer ein bisschen, bis die Leute grundsätzlich mit einem neuen Projekt warm werden. Ich habe mit Klassik begonnen, bin dann in den Jazz gegangen, und von meinen Eltern gab es immer ein bisschen den Wunsch oder die Vorstellung, dass ich ein großer Jazzmusiker werde. Gleichzeitig habe ich aber schon immer viel mit Sounds und elektronischer Musik gearbeitet – deshalb war dieser Schritt für mein Umfeld nicht so überraschend.

Das hört man auch stark in euren Liedern, dass ihr sehr experimentierfreudig seid und das, was ihr gerade fühlt, in eurer Musik ausdrückt.

Christiane: Genau, also ziemlich ungefiltert.

„Ungefiltert“ passt sehr gut und ist superwichtig in der heutigen Zeit, gerade auch was die Social-Media-Welt angeht. Ich glaube, wir können alle mal eine gute Portion Unverfälschtheit vertragen. Ein wiederkehrendes Motiv in eurer Musik ist das Spiel mit Selbstoptimierung und dieser glitzernden Selbstdarstellung von manchen Menschen. Was fasziniert euch daran, wie sich Menschen heutzutage inszenieren?

Christiane: Ich finde es spannend, mich in andere Menschen hineinzuversetzen. Zu verstehen, wie sie die Welt sehen. Also, dass ich halt verstehe, was da abgeht. Also zum Beispiel bei unserem Song „Egotrip“ habe ich versucht, mich in jemanden hineinzuversetzen, den ich kenne und der wirklich so ist. Und dann habe ich mich gefragt: „Oke, wieso eigentlich?“. Und dann dachte ich, ich versuche jetzt einfach mal kurz in seine Welt hineinzuschlüpfen und mich reinzufühlen, was er so fühlt. Und ich merke tatsächlich, wenn wir das live spielen, die Energie ist eine andere. Das ist beängstigend und gleichzeitig richtig cool. Dieser Moment von diesem Egotrip auf der Bühne ist sehr erhaben. Einfach mal in eine Welt schlüpfen, mit der man selbst sonst gar nicht so viel zu tun hat.

Lukas: Deswegen, das ist ja das ganze Album eigentlich. Also manche Dinge sind persönliche Erlebnisse, manche Dinge sind Beobachtungen und manche sind in Rollen geschlüpft und deswegen „Leben in echt“.

Die Figur in eurem Lied „Snob“ wirkt sehr überzeichnet und fällt dadurch stark auf. Mich interessiert, ob ihr dabei eine konkrete Person im Kopf hattet oder ob der Song eher aus Beobachtungen entstanden ist – also aus gesellschaftlichen Typen, die euch im Alltag begegnet sind?

Christiane: Ich war auf einer Veranstaltung und da waren eben ein paar aus dieser gesellschaftlichen Gruppe oder Schicht, wenn man es so nennen will und ich war sehr erstaunt und sehr fasziniert, habe den ganzen Abend nur beobachtet. Diese Faszination für die Menschen hat mich nicht losgelassen. Am nächsten Tag hatte ich dann schon zwei Strophen darüber geschrieben.

Das Ende eures letzten Songs „Plan A“ hat mich sehr berührt. Es ist ganz anders als der Rest des Albums. Was hat euch dazu verleitet, ein so ruhiges Ende zu komponieren?

Lukas: Es ist doch eine recht nachdenkliche Nummer und die Message dahinter eine starke. Mit „Snob“ und „Egotrip“ haben wir ein paar eher druckvollere Nummern. Aber bei der Nummer wollten wir, dass die Message des Songs nachhallen kann. Bei mir stellt sich dabei immer eine gewisse Melancholie ein und ich stelle mir den Zuhörer vor, wie er das zu Hause hört und darüber nachdenkt. Das Klavier soll das ein bisschen unterstützen. Außerdem beginnt das Album mit dem Intro, das auch instrumental ist, baut auf und so ebbt es am Ende eben wieder mit dem Instrumentalen ab.

Ich muss unbedingt einen Song über die Gastro schreiben

Gibt es Themen der Gegenwart, die nach dem nächsten Roksy-Song schreien?

Christiane: Ich hab schon ein paar! Ich muss unbedingt einen Song über die Gastro schreiben, ich bin schon so lange dabei und habe schon so viel mitgeschrieben, jetzt muss ich es nur noch in einen Text verpacken, mit dem ich zufrieden bin. Dann habe ich noch einen Song angefangen über Selbstvertrauen. Und einen Aggro-Song über den Mief der Monarchie. (Alle lachen)

Auf die Songs freue ich mich schon sehr!

Lukas: Ich mich auch! (Lukas lacht)

Welcher Song liegt euch persönlich am meisten am Herzen?

Lukas: Wir haben uns schon oft gefragt – und auch oft darüber gesprochen –, was eigentlich unser Lieblingslied ist.
Ich glaube, das gibt es so nicht. Mir fällt es leichter zu sagen, welche Songs ich eher loslassen könnte – zu welchen ich nicht so den Bezug habe. Aber einen Song herauszupicken, das ist schwierig.

Irgendwelche Abschlussworte?

Christiane: Wenn alle ein bisschen mehr aufeinander achten, einander zuhören und versuchen zu verstehen, dann glaube ich, geht es uns allen besser.

Vielen Dank für das Interview. Ich hoffe, es hat euch auch gefallen.

Christiane & Lukas: Ja, sehr. Vielen Dank!

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Romy-Christin Theune

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Links:
Roksy – Instagram
Roksy – Homepage
„Leben in Echt“ – Spotify