„WIR WOLLEN NICHT EIN ZWEI-MANN-PROJEKT MIT BAND SEIN, SONDERN EIN BANDPROJEKT“ – DOWNERS & MILK IM MICA-INTERVIEW

Eben hat die Band um MAXIM ECZYK und MICHAEL „ZOS“ VARGA ihr Debüt-Album „Songs of Fear and Flight“ (Closing Time) veröffentlicht, das im Bereich Indie-Folk angesiedelt ist. Auch wenn eine musikalische Einordnung von DOWNERS & MILK gar nicht so leicht ist, wie die beiden im Gespräch mit Jürgen Plank erzählen. Sie berichten außerdem, welcher Erkenntnisse sie aus der Arbeit am ersten Album für zukünftige Veröffentlichungen mitnehmen und warum „Zos“ nicht gerne auf Bühnen steigt.

Wie ist denn der Gründungsmythos von Downers & Milk?

Michael Varga: Wir haben uns über gemeinsame Freunde kennengelernt, uns mal getroffen und begonnen, im Wohnzimmer miteinander Musik zu machen. Die Lieder waren ursprünglich für Maxims alte Band, Vicious. Es hat einige Zeit gedauert, bevor Downers & Milk gegründet worden ist.

Warum habt ihr nicht bei Vicious weiter gemacht, sondern etwas Neues begonnen?

Maxim Eczyk: Vicious habe ich mit meinem besten Freund betrieben, der ist aber nach Berlin gezogen und so hat sich das Projekt erübrigt und verlaufen. Deshalb war es dann klar, dass Zos und ich ein neues Projekt starten, obwohl Zos von Anfang an gesagt hat, dass er nicht auf eine Bühne steigen will. Mein Anstoß war aber, doch an die Öffentlichkeit zu gehen.

Bühne oder Studio?

Warum willst du nicht auf die Bühne, Michael?

Michael Varga: Na ja, ich schaue mir lieber andere auf Bühnen an und ich schaue mir lieber die Welt an, als selbst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Dass man eine ‚Rampensau’ sein kann, verstehe ich noch immer nicht. Ich empfinde es nicht als angenehm, wenn man im Fokus der Aufmerksamkeit ist. Mittlerweile habe ich mich aber an die Bühnensituation gewöhnt und sie ist für mich akzeptabel.

Liegt dir eher das Produzieren im Studio?

Michael Varga: Das ist das, was ich in den letzten zehn Jahren gemacht habe. Ich habe in erster Linie für andere Musikerinnen und Musiker produziert und geschrieben und arrangiert. In dieser Rolle, im Hintergrund stehend, habe ich mich eigentlich immer sehr wohl gefühlt. Bei einem Konzert selbst im Publikum zu stehen und die Show zu genießen anstatt arbeiten zu müssen.

Mit wem hast du zusammengearbeitet und in welche Richtung hast du produziert?

Bild Downers & Milk
Downers & Milk (c) Manuel Gruber

Michael Varga: Unter anderem eh für Vicious. Lustigerweise auch ziemlich viel Reggae. Und ich habe auch Einiges im Hip-Hop-Bereich gemacht, da waren auch Sachen von RAF Camora dabei. Oder ein Album von Junior Kelly. Vieles ist im Freundes- und Bekanntenkreis passiert, das ist nicht immer alles veröffentlicht worden. Mir ist es immer darum gegangen, die Idee von jemandem zu beleben. 

Jetzt ist aber euer Debüt-Album fertig, wie seid ihr das angegangen?

Maxim Eczyk: Das Album hat einen ziemlich langen Zeitraum umfasst. Unsere erste EP haben wir im Jahr 2018 herausgebracht. Danach haben wir erst die Band gegründet, mit 7 Musikern, weil wir die davor produzierten Sachen auch live aufführen wollten. Die Songs selbst sind zum Teil noch viel älter.

So ein Album ist ein Arbeits- und ein Lernprozess. Was habt ihr bei diesem Album für die nächste Produktion gelernt?

Michael Varga: Sehr lange haben wir nur zu zweit an den Liedern gearbeitet, beim Aufnehmen waren wir zu siebent. Da hat sich gezeigt – und das haben wir auf jeden Fall gelernt –, dass musikalische Einflüsse von Bandmitgliedern sehr wertvoll sind und sehr viel ausmachen können und das wird auch in der Zukunft in den Arbeitsprozess integriert werden. Dass wir schon im Entstehungsprozess der einzelnen Lieder die Band mehr einbinden. Weil jeder Musiker für sich großartig ist und sich maßgeblich bei den Aufnahmen eingebracht und das Gesicht der Musik beeinflusst hat. Wir wollen nicht ein Zwei-Mann-Projekt mit Band sein, sondern ein Bandprojekt. 

„Oft hat man eine unbewusste Annahme von Grandiosität und Unendlichkeit“

Damit ganz konkret zu eurer Musik, ein Stück heißt „Borrowed Years“ – wann sind denn aus eurer Sicht Jahre geborgt?

Maxim Eczyk: Die Entstehungsgeschichte hinter diesem Lied ist ganz lustig, weil Zos mir dieses Lied zum Geburtstag geschrieben und geschenkt hat. Da kann er sicher mehr dazu sagen, was er sich dabei gedacht hat.

Michael Varga: Alle unsere Lebensjahre sind letztlich geborgt. Im Endeffekt muss man die Summe der gelebten Jahre wieder abgeben. Es war ein Lied mit einem Schmunzeln, ich habe mir gedacht: wenn man jemandem ein Lied zum Geburtstag schenkt, sollte es ein Lied über die Vergänglichkeit sein. Unsere Lebenszeit ist vergänglich und man lebt selten in dem Bewusstsein, dass es so ist. Oft hat man eine unbewusste Annahme von Grandiosität und Unendlichkeit. Zumindest lebt und agiert man oft so, aber es ist ernüchternd, sich bewusst zu machen, wie endlich und unwichtig eine individuelle Existenz tatsächlich ist.

Schreibt ihr die Lieder miteinander?

Maxim Eczyk: Die Texte schreibt jeder für sich. Die Ausführung und die Musik machen wir dann miteinander, in nächtlichen Sessions.

Michael Varga: Zu dritt: Maxim, Fernet und ich.

Kommt dabei immer etwas heraus oder gibt es auch Leerläufe?

Maxim Eczyk: Da gibt es auch Leerläufe, aber meistens entsteht genug, um damit weiter zu machen. Viele Songs, wie etwa „Island“, das ist jetzt sogar der Opener des Albums, haben wir bei irgendeiner Session kreiert. Dann ist das Lied untergegangen. Erst beim Heraussuchen der Demos haben wir das Stück wieder entdeckt und uns gesagt: „Wow, das ist ja cool! Warum haben wir das verworfen?“

Michael Varga: Das ist in einem schwarzen Loch versunken und plötzlich war das Lied wieder da und hat uns beide überrascht.

Gut, dass ihr „Island“ ansprecht, das habe ich mir notiert, weil es mich – und das ist klarerweise ein Kompliment – musikalisch an Nick Cave erinnert.

Maxim Eczyk: Ich persönlich bin Nick Cave-Fan und vor allem auch Warren Ellis-Fan und fühle mich natürlich geschmeichelt. Aber es war nicht die Intention wie Nick Cave oder The Bad Seeds zu klingen. Textlich bin ich da schon woanders, weil man sich mit so jemandem nicht messen möchte.

Michael Varga: Ich habe eher immer Probleme damit, uns mit anderen zu vergleichen. Etwa wenn jemand fragt: Wie klingt ihr denn? Es ist eher schwierig, uns ein konkretes Genre zuzuordnen. Der Vergleich mit Nick Cave kommt immer wieder mal auf, ich würde das nicht so hören, fühle mich aber geschmeichelt.

Maxim Eczyk: Ich finde die Vergleiche immer ganz spannend, vor allem, weil man dadurch neue Bands kennenlernt. Ein Freund hat mal gemeint: das klingt so wie Bill Callahan. Den kannte ich noch nicht und ich bin inzwischen ein großer Fan geworden.

„Ein Streaming-Konzert ist einfach nicht mit einem Live-Konzert vergleichbar“

Wie ist es für euch zwischen den Lockdowns inmitten einer Pandemie zu veröffentlichen?

Maxim Eczyk: Wir wollten ja eigentlich schon im November 2020 veröffentlichen, weil wir beim Waves Festival gespielt hätten und im Musikverein. Das Waves Festival hat dann nur digital stattgefunden und das Konzert im Musikverein wurde auf Februar verschoben. Das konnte dann wieder nicht stattfinden und das war schon sehr frustrierend. Aber wir haben gesagt, dass wir nicht noch einmal verschieben wollen. Das Ding muss jetzt raus! Ja, was sollen wir machen? Wir arbeiten mit dem, was wir haben und hoffen, dass wir bald wieder Konzerte spielen können.

Eine Möglichkeit, bei der man auch den Bühnenauftritt vermeiden kann, ist das Video-Streaming von Konzerten. Wäre das eine Lösung für dich, Zos?

Michael Varga: Nein, wir sind beide keine Fans von diesem Konzept. Wann hast du dir denn das letzte Mal ein Streaming-Konzert angeschaut? Also, man schaut für drei Minuten hinein und schaltet dann ab. Die Leute haben die Aufmerksamkeitsschwelle von einem Hamster und der Aufwand bei einem Streaming-Konzert ist sehr groß. Damit man dann eine Handvoll Leute für drei Minuten erreicht. Es ist einfach etwas anderes. Da ist mir jedes gut produzierte YouTube-Video lieber, als ein schlecht klingender Live-Stream. Ein Streaming-Konzert ist einfach nicht mit einem Live-Konzert vergleichbar. Die Emotion kommt nicht rüber, wir sind keine großen Fans davon.

Geburt und Befreiung

Gibt es ein besonderes Erlebnis, das ihr mit diesem Album verbindet?

Maxim Eczyk: Für mich ist das wirklich die gesamte Zeit der Produktion. Auch von dem Punkt weg, an dem wir gesagt haben: jetzt haben wir eine Band. Damit habe ich den Zos überrascht, denn die zusätzlichen fünf Musiker habe ich ohne sein Wissen zusammengetrommelt, um eine Probe zu machen. Zu diesem Album gehört dieser ganze Prozess.

Michael Varga: Für mich war der größte Moment der Tag des Releases. Weil ich seit 2018 fast nichts anderes als die Arbeit an diesem Album gemacht habe. Und die Arbeit an den Videos, etwa zu „Islands“. Für mich ist es sowohl eine Geburt als auch eine Befreiung. Es ist jetzt viel musikalische Altlast abgelegt worden und dadurch ist jetzt wieder Platz für neue Musik und das war mir sehr wichtig.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

 

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