„Wir wollen Mädchen zeigen, dass man Musik machen kann, ohne Scheu.“ – INA THOMANN und DORIS ZIMMERMANN im mica-Interview

Das GIRLS ROCK CAMP ist ein Ferienlager, in dem Mädchen und junge Frauen die Möglichkeit haben, sich an Instrumente heranzutrauen und Bands zu gründen. Die Idee von mehr selbstermächtigten jungen Frauen in der Musik kommt von der Riot-Grrrl-Bewegung aus Amerika. Aus dieser Subkultur, die schon seit den 1990ern gegen die männliche Dominanz in der Musikszene protestiert, ist ein weltweites Netzwerk aus Camps entstanden, die die Ideen der Bewegung jungen Frauen näherbringen sollen. INA THOMANN und DORIS ZIMMERMANN sind zwei der Organisatorinnen des österreichischen GIRLS ROCK CAMP, das vor fünf Jahren das erste Mal stattfand. Anlässlich des Jubiläums hat sich Anne-Marie Darok mit ihnen über die beiden heurigen Camps, über Empowerment und die vielseitigen Teilnehmerinnen unterhalten.

Bitte fassen Sie das Projekt Girls Rock Camp kurz zusammen.

Ina Thomann: Das Girls Rock Camp ist ein Musikcamp für Mädchen und junge Frauen, in diesem Jahr reicht das Alter von 13 bis 24. In der Woche gründen die Mädchen Bands, haben Bandproben und Workshops, in denen sie nicht nur technisches Wissen erwerben können, sondern auch etwas über Songwriting lernen. Das Wichtige ist, dass sie selbst alles ausprobieren können und so ein wenig in die Musik- und Popkultur eingeführt werden.

Doris Zimmermann:  Das steht alles in einem feministischen Kontext, weswegen sich die Workshops nicht nur auf Musik konzentrieren, sondern die Mädchen auch erfahren können, wie es ist, wenn man selbst auf der Bühne steht und sich dort behauptet. Empowerment ist ein wichtiges Stichwort für uns.

Ina Thomann: Wichtig ist auch, dass sich die Teilnehmerinnen nicht über Castingshows vorstellen müssen, um mitmachen zu können. Es geht darum, dass man auch mal schlecht sein darf, man muss nicht immer alles perfekt präsentieren. Man darf sich ausprobieren und mit dem Schlechten spielen. Wir erwarten nicht, dass die Mädchen jemals ein Instrument in der Hand gehabt haben.

Doris Zimmermann:  Und dass etwas als schlecht bewertet wird, stellen wir auch infrage. Nur weil es auf der Musikschule heißt, dass etwas nicht gut oder schön genug ist, bedeutet das nicht, dass man sich hundertprozentig an diesen Anspruch halten muss. Vor allem, was das Technische betrifft.

Wer sind die Mädchen, die an Ihren Camps teilnehmen? Und wie erfahren sie davon?

Ina Thomann: Wir haben einen Feedback-Fragebogen, den wir nach der Woche austeilen, weil es uns ja auch interessiert, wie die Mädchen davon erfahren. Und es gibt wirklich unterschiedliche Wege zu uns. Zum Teil werden die Mädchen über die Medien darauf aufmerksam oder sie werden von den Musikschullehrerinnen und -lehrern darauf hingewiesen. Genauso gibt es Mundpropaganda oder die Mütter kriegen das irgendwo mit und erzählen es der Tochter.

Würden Sie sagen, dass die Mädchen, die bei Ihnen teilnehmen, an sich eher selbstbewusst sind?

Doris Zimmermann: Ich würde sagen, dass sie eben so viel Selbstbewusstsein haben, dass sie an einem Feriencamp teilnehmen. Es ist ganz verschieden. Es hat in den letzten Jahren auch ältere Teilnehmerinnen gegeben, die schon ein bisschen mehr wussten und selbstverständlicher an die Sache herangingen. Die waren zum Teil auch schon in feministischen Kreisen unterwegs und haben dadurch ein anderes Selbstbewusstsein entwickelt. Dann gibt es natürlich auch jüngere Mädels, die vielleicht auch von ihren Eltern motiviert wurden. Die haben dann auch eine andere Herangehensweise an die ganze Sache.

„Es gibt eben viel mehr Vorbilder für Sängerinnen als für Musikerinnen. Ich habe schon das Gefühl, dass wir nicht versuchen, davon wegzukommen, aber den Fokus auf die Instrumente zu lenken.“

Bleiben nach dem Camp Freundschaften bestehen?

Ina Thomann: Auf jeden Fall! Es gibt noch immer Bands, die sich bei einem Girls Rock Camp gebildet haben und noch immer gemeinsam Musik machen.

Es ist ja häufig so, dass Mädchen durch Castingshows und einfach auch durch die Popkultur vermittelt wird, dass sie sich vor allem als Sängerinnen in der Musikwelt behaupten können. Ich habe aber das Gefühl, dass es bei Ihren Camps eher um instrumentelle Musik geht. Habe ich das richtig verstanden?

Ina Thomann:
Ich finde, es steht alles gleichberechtigt da.

Doris Zimmermann: Ja, aber da ist natürlich etwas dran, dass sich viele junge Frauen nur in der Rolle der Sängerin sehen. Es gibt eben viel mehr Vorbilder für Sängerinnen als für Musikerinnen. Ich habe schon das Gefühl, dass wir nicht versuchen, davon wegzukommen, aber den Fokus auf die Instrumente zu lenken.

Ina Thomann: Wir versuchen, das indirekt zu machen. Am ersten Camp-Tag haben wir die Instrumentenkurse, wo die Mädchen in kürzester Zeit bis zu drei Instrumente ausprobieren können. Also ist es so, dass sie, selbst wenn sie von Anfang an gesagt haben, dass sie nur singen möchten, trotzdem mindestens zwei Instrumente ausprobieren müssen. Und davon kommen sie auch nicht weg. Sie sind quasi positiv dazu gezwungen, das auch zu probieren. Dann merken sie oft, dass etwa ein Schlagzeug ziemlich leiwand sein kann.

Von wem werden die Workshops abgehalten?

Doris Zimmermann: Es gibt Bandcoachs, die die frisch gegründeten Bands eine Woche lang unterstützen und im Proberaum dabei sind. Es sind immer zwei Coachs pro Band. Diese Frauen sind Musikerinnen mit viel Bühnenerfahrung. Unter anderem sind das Theresa Adamski von Crystal Soda Cream, Katie Trenk von den Sex Jams und Laura Landergott von Ja, Panik.

Ina Thomann: Für uns ist es wichtig, dass diese Coachs aktiv in dem Bereich unterwegs sind, den sie den Mädchen näherbringen sollen.

Doris Zimmermann: Das ist dann auch abhängig von den Genres. Wenn es etwa um den Textproduktionsworkshop geht, suchen wir uns gezielt Frauen, die den Fokus mehr auf den Texten haben. Also das wären zum Beispiel Rapperinnen. Bei den musiktechnischen Workshops wiederum stehen diejenigen im Vordergrund, die musizieren.

Haben Sie das Gefühl, dass das Girls Rock Camp auch der österreichischen Musikszene auf die Sprünge hilft?

Ina Thomann: Auf jeden Fall helfen die Camps dabei, den Mädchen die Szene näherzubringen. Sie kommen so vermehrt in Berührung mit der österreichischen Musik.

Wie holen Sie sich Feedback zu den Camps? Und fällt dieses eher positiv oder auch mal negativ aus?

Ina Thomann: Feedback von den Mädchen bekommen wir definitiv. Die Art des Feedbacks ist abhängig davon, was wir sie nach den Camps fragen, also vom Fragebogen. Aber auch während der Woche kommt Feedback. Ich finde es schön, zu merken, dass es ihnen gut gefällt und dass sich bei ihnen viel tut, was sie vielleicht selbst gar nicht so merken. Es ist aber schon vorgekommen, dass sich auch die Eltern per Mail bedanken. Manchmal sind das Mütter, die sich wünschen, dass es so etwas auch zu ihrer Zeit gegeben hätte. Das Feedback ist eigentlich durch die Bank positiv.
Und es ist für uns wichtig, dass die eine Woche Girls Rock Camp ein männerfreier Raum ist, was bedeutet, dass nicht nur wir Organisatorinnen Frauen sind, sondern auch alle anderen, die mitmachen. Und selbst wenn die Mädchen am Anfang meinen, dass es ihnen egal ist, ob Männer dabei sind, ist es oft so, dass sie nach der Woche sagen, dass ihnen das gut gefallen hat.

Die Girls Rock Camps sind auf der ganzen Welt vertreten. Ist die Organisation wie ein Franchise? Und wo ist der Ursprung des Ganzen?

Ina Thomann: Der Ursprung ist in Amerika und es ist kein Franchise. Es gibt diese Association, der man sich anschließen kann, wenn man ein Camp macht. Und in der Girls Rock Camp Association gibt es ein European Committee, wo sich die europäischen Camps austauschen können. Das ist deswegen, weil es schon einen Unterschied zwischen dem amerikanischen und dem europäischen System gibt.

Gibt das European Committee auch Regeln vor, wie ein Girls Rock Camp auszusehen hat?

Doris Zimmermann: Jedes Land organisiert sich unterschiedlich, man ist eigentlich autonom unterwegs. Es gibt schon ein europäisches Treffen aller Girls Rock Camps, wo man sich austauschen und neue Ideen entwickeln kann.

Können Sie mir etwas über die diesjährigen Schwerpunkte sagen?

Doris Zimmermann: „girls.music.video“ ist der heurige Schwerpunkt des Linzer Camps. Es ist so, dass es ein paar Workshops gibt, die einen TV-mäßigen Schwerpunkt haben. Entweder soll ein Musikvideo mit dem Handy produziert werden oder ein Musikprogramm fürs Fernsehen gestaltet werden. Die jungen Frauen und Mädchen sollen dadurch reflektieren können, wie sie sich vor der Kamera darstellen. Unter „Safer Spaces“ verstehen wir wiederum keinen richtigen Schwerpunkt, sondern eher ein Motto, unter dem sich die Teilnehmerinnen Gedanken dazu machen können, was es heißt, eine Woche ohne Burschen zu sein und sich in einem männerfreien Raum zu bewegen.

Ina Thomann: „Best of 5 Jahre“ ist der zweite Schwerpunkt und da lassen wir die besten, beliebtesten Workshops der letzten Jahre neu aufleben.

Was ist das große gemeinsame Ziel der Girls Rock Camps?

Doris Zimmermann: Wir wollen mehr Mädchen zeigen, dass man Musik einfach tun und machen kann, ohne Scheu. Und selbst wenn ich nicht von Anfang an ein Profi bin, kann ich mir alles selbst beibringen. Die Selbstbehauptung ist das oberste Gebot alles Girls Rock Camps.

Danke für Gespräch.

Anne-Marie Darok

Fotos Girls Rock Camp: Astrid Knie

http://girlsrock.at/
http://www.pinknoise.or.at/