Fuckhead (c) Noise Appeal

„WIR SIND DER BLINDE FLECK IM ÖSTERREICHISCHEN SELBSTBILD DER POPKULTUR“ – DIDI BRUCKMAYR (FUCKHEAD) IM MICA-INTERVIEW

DIDI BRUCKMAYR betreibt die FUCKHEAD-Revue bald 33 Jahre in unterschiedlichen Bandkonstellationen. Als Antithese zur weichgespülten Popästhetik der österreichischen Musikszene wirkt die Band als Abrissbirne zwischen Konvention und Klangkoma. Mit DIDI KERN (Schlagzeug) und MICHAEL STROHMANN (Gitarre) scheppert es seit den frühen 90er Jahren zu Grindcore und Metal, der sich neben Drum & Bass unter Techno-Performances schummelt, um dem Publikum mit Blut und Körperflüssigkeiten ein Fest des Wahnsinns zu unterbreiten. Zuletzt musste man zwar Corona-bedingt Abstand wahren. Der Mythos nebst urbaner Legendenschreibung wächst trotzdem weiter. Wie ihn die katholische Privatschule versaut hat, welche Tipps er von zwölfjährigen YouTubern bekommt und warum es bald einen FUCKHEAD-Zirkus geben könnte, erzählt DIDI BRUCKMAYR in einem Rückblick zu 33 Jahren FUCKHEAD.

Fuckhead wird 33 Jahre jung. Welche Erinnerungen hast du an die Anfänge?

Didi Bruckmayr: In meiner Jugend bin ich verstärkt von zu Hause entwichen und in die Linzer Musikszene eingetaucht. Mit 15 habe ich in Plattengeschäften Rainer Krispel getroffen. Das war um 1981, wir sind in den Läden gestanden und haben uns dieselben Sachen angehört. Außerdem war ich 1976 in England und hab die Geburt von Punkrock miterlebt – aus der Ferne als Tourist, natürlich. Aber ich konnte mitbekommen, was für einen Sog die Bewegung auf manche Leute ausgeübt hat. Als ich in der Nähe der Heimatstadt von Lemmy Kilmister untergebracht war, haben sich alle hinter dem Fernseher versammelt, wenn Top of the Pops im Fernsehen lief. Es gab eine Polykratie der Stile, das hat mir getaugt. Die Landeier waren noch immer Glam-Rocker, ein Teil war massiv auf Disco, das schon 1976 ein Riesending war. 1977 und durch die Bee Gees wurde es noch gewaltiger. Trotzdem haben viele Stile gleichzeitig und nebeneinander existiert. Irgendwann habe ich die ersten Motörhead-Schmierereien entdeckt. Lemmy war anfangs, das sieht man in der Doku „The Filth and the Fury“, Roadie bei den Sex Pistols. Richtig angehört habe ich Motörhead 1978. Ich dachte mir gleich: „Hui, das ist Rock&Roll mit der Trivialität des Punk-Rocks.“ DAF kamen 1981 dazu, Kraftwerk bereits Ende der 1970er. Das war alles elektrisch, da habe ich gemerkt, dass es nicht so sehr ums Können, sondern um die Geräte geht. Sie senden die Botschaft aus. Das war mein Einstieg.

Was hat dich 1976 nach England geführt?

Didi Bruckmayr: Ein Jugendcamp. Ich war in einem englischsprachigen Kindergarten, der eine Jugendgruppe für Schüler betrieb. Dort hat man sich die Mühe gemacht hat, jedes Jahr eine Reise für 30 Jugendliche auszurichten. Das Jugendcamp am Lake Windermere war eine lässige Sache. Dort war das Marineausbildungs-Zentrum der britischen Armee, das im Sommer leer gestanden ist. Wir hatten Kajaks und Segelschiffe. Es hat dauernd geregnet. Außerdem hatten wir ein rüpelhaftes Betreuerteam, das dafür gesorgt hat, das wir auf dem See ständig kentern. Aber wir hatten Spaß. Unsere Gruppe bestand nicht nur aus gutbürgerlichen Kindern aus Austrialandia, sondern auch aus Kindern, die in Arbeiterbezirken von Sheffield, Manchester und Newcastle lebten. Das war schon eine ordentliche Bande, mit diesen muskulösen Landarbeiterkinder. Gegen die Pakistani hat man nur noch gegen Geld Tischtennis spielen dürfen. Das war impressiv.

Hört sich nach Kulturschock auf der Insel an.

Didi Bruckmayr: Zweifellos ein sozialer Kulturschock, kein kultureller. Es gab im ORF bereits 1974 eine Sendung von Rudi Klausnitzer, in der man Videos des Anbeginns der moderneren Popmusik gezeigt hat. Das war das erste Mal, dass ich Kraftwerk und David Bowie gesehen habe. An King Crimson kann ich mich gut erinnern, das war kopflastig. Tangerine Dream haben mich beeindruckt, weil die einen starken Elektronik-Bezug hatten. Trotzdem lief das Experimentelle parallel zu einer Musikszene, die eher auf Rüpelhaftigkeit aus war. Für mich war aber klar, dass etwas passiert. Über die Musicbox auf Ö3, die André Heller gegründet hat, hat man außerdem gehört, dass es auch österreichische Musiker zu imitieren begannen. Novak’s Kapelle, Chuzpe und Blümchen Blau waren für mich ein Quantensprung – letztere zwei waren für mich der Beginn des österreichischen New Waves. Drahdiwaberl gab es zu dieser Zeit natürlich schon länger. Die haben ihre Musik auch mit einer gewissen Ironie rübergebracht. Aber das waren andere Zeiten, da ist man noch relativ schnell angeeckt.

Wie bist du an deren Musik gekommen?

Didi Bruckmayr: Das katholische Bildungsservice hat damals Rezensionen über Tonträger an Schulen ausgeschickt. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Man rezensierte Songs von Novak’s Kapelle und Drahdiwaberl. Gerade Novak’s Kapelle hatten hinterfotzige, religionskritische Texte –, das ist bearbeitet und mit „Abzuraten“ klassifiziert worden. Für uns war das ein Hinweis, dass wir uns das beschaffen müssen.

Wo hast du die Platten beschafft? 

Didi Bruckmayr: Die Linzer Hartlauer-Filiale hatte ein ungewöhnliches Plattensortiment, weil dort der Schachinger Günther arbeitete. Jener stellte auch die Platten vom Plattenvertrieb Ixtuluh Records, also die Firma des späteren Posthofmusik-Managers Werner Ponesch, in die Regale. Schachinger arbeitete später auch in der Filiale von MEKI auf der Landstraße, wo er das Sortiment ohne Wissen der Firmenchefs weiterhin mit Ixtuluh-Artikeln erweiterte und die Filiale zu einem Mekka der Indie-Fans machte. Dort kaufte ich Talking Heads und meine ewige Lieblingsplatte von Laurie Anderson, „Big Science“, mit dem Superhit „O Superman“. Schachinger musste letztlich seinen Hut nehmen und eröffnete seinen eigenen Shop Wahn und Sinn Records – mein Wallfahrtsort. Ich erstand dort zum Beispiel die „Zeichnungen des Patienten OT“ der Einstürzenden Neubauten und „Hear Nothing See Nothing Say Nothing“ von Discharge, womit Industrial Music und brutaler metallischer Britpunk mit Endzeit-Texten endgültig in meinem Kinderzimmer angekommen waren.

Und das alles, weil der katholische Verband Rezensionen ausgeschickt hat, um die Platten zu verhindern.

Didi Bruckmayr: Ich war in einer katholischen Privatschule, dort hat man das ausgehängt. Einer unserer Pater war Musikprofessor. In der Mittagspause hat er seinen Plattenspieler angeworfen und die Schüler ersucht, Platten mitzubringen. Novak’s Kapelle habe ich bei ihm zwar nicht gehört, aber dafür haben wir uns die Sex Pistols gegeben, als endlich „Never Mind The Bollocks“ in Österreich auftauchte. Der Pater hat das interessant gefunden. Als klassisch trainierter Musiker meinte er aber, dass ihm das ein bisserl trivial erscheine. Als Alternative hat er uns den Classic-Rock von Saga vorgespielt. Wir konnten alle koexistieren.

Platten mit blasphemischen Texte an einer katholischen Privatschule aufzulegen ist auch nicht schlecht. 

Didi Bruckmayr: Es geht nicht nur um Form und Inhalt, sondern auch um den Schein. Nicht alles ist so, wie es gemeint ist. Es kann auch Spaß dabei sein. Vieles ist nicht direkt an handwerkliche Fertigkeiten gebunden. Der Content war da, aber eine Zeitlang war „the medium the message“. Für mich war diese Einstellung inspirierend.

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Wie hat sich diese Einstellung weiterentwickelt? 

Didi Bruckmayr: Solche Erlebnisse wie an der katholischen Privatschule habe ich über die Jahrzehnte immer wieder gehabt. Ich habe den ersten Jungle-Rave in Österreich miterlebt. Techno habe ich verfolgt, als die ganze Sache noch Acid House hieß. Jeff Mills im Space Jungle/U4 war ein Game-Changer. Gleichzeitig existierten Death Metal und Black Metal für mich nebenher. Das nehme ich alles weiterhin nicht besonders ernst, aber die Form als solche war immer ansprechend. Auch wenn es aus Sicht des Inhalts einen künstlerisch zweifelhaften Wert für mich hat.

Wie meinst du das?

Didi Bruckmayr: Nazi-Black Metal hör ich mir nicht an. Der lebt nur von der Form, die Texte sind nicht verständlich. Es geht um die Chiffren, die drumherum angereichert sind. Trotzdem sind die Mukke und die Videos grenzwertig interessant produziert. Als jemand, der aus der linken Ecke kommt, verarbeite ich das Thema wissenschaftlich. Ich weiß sehr schnell, wo das herkommt und was das soll.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Form und Inhalt in der Musik über die letzten Jahrzehnte verändert? 

Didi Bruckmayr: Die Form ist entscheidend geworden. Das hängt mit den Streaming-Diensten zusammen und den Maschinen, die im Hintergrund arbeiten. Es gibt einen klaren Schematismus. Das sagt dir jedes Label, gerade wenn man cluborientiert arbeitet, muss man sich an die DJ-Formate halten, d.h.: wie viele Takte hat das Intro, wann kommt der Drop und so weiter. Experimente schätzt man dadurch weniger. Außerdem gibt es inzwischen viele gute Produzenten, die mit dem Riesenrucksack der Musikgeschichte nicht belastet sind. Bei manchen Sachen können sie gar nicht fladern, weil sie es nicht kennen – oder sie fladern bei der Kopie. Wir reden hier von Gebrauchsmusik. Die hat mich immer interessiert, weil ich mich immer mehr als Entertainer gesehen habe.

Siehst du dich heute auch als Entertainer?

Didi Bruckmayr: Wir sind alte Knacker. Alle zehn Jahre taucht irgendjemand auf, um uns zu sagen, wie abgewrackt unsere Karriere sei. Ich sage immer: „Welche Karriere?“ Die hat es in der Form nie gegeben. Trotzdem waren von Anfang an Leute da, die uns gesagt haben, dass wir uns für irgendetwas entscheiden müssen. „Wollt’s ihr Metal sein? Wollt’s ihr Kunst machen oder Noise-Rock?

Alles Fragen, die ihr erfolgreich unbeantwortet gelassen habt. Nach 33 Jahren Fuckhead kann man immer noch nicht sagen, um was es geht. Eine Leistung.

Didi Bruckmayr: Eigentlich schon, sofern man sich das später nicht vorwirft. Es war bald nach unserer Gründung klar, dass wir auf die Art, wie wir es machen, Spaß haben und weiterhin unsere Interessen verfolgen wollen. Unter den vorherrschenden Marktbedingungen war das immer unvernünftig. Aber nur so haben wir weitermachen können, ohne dass wir uns streiten. Es hat immer wieder Wechsel in der Band gegeben, nur einmal ist es im Streit auseinandergegangen. Der Rest waren Ermüdungserscheinungen. Wir eiern also auch ein bisserl herum. Trotzdem müssen wir uns bemühen und besser werden, einfach weil sich das Publikum permanent verändert. Zu unseren Shows kommen alle paar Jahre ganz andere Leute.

Fuckhead-Fans sind nicht mit euch mitgewachsen?

Didi Bruckmayr: Viele kommen nicht mehr. Mit den Sitzkonzerten momentan ist es noch absurder. Von 50 Leuten, die früher immer kamen, kommt vielleicht noch eine Person. Aktuell hören sich die Leute das Konzert im Sitzen an, niemand hat Angst, von uns angegangen zu werden. Beim Konzert im Chelsea war das erstaunlich. David Krispel [Produktionsverantwortlicher im Chelsea; Anm] hat mich darauf hingewiesen, dass durch die Sitzkonzerte ein anderes Publikum erscheinen würde. Tatsächlich waren die Leute deutlich älter als unser normales Publikum. Sie waren gut gekleidet, weil sie wissen, dass sie von uns nicht angepatzt werden, haben sich hingesetzt und unser Konzert entspannt angehört, um nach dem Konzert mit drei Gin Tonic im Hirn nach Hause zu gehen, ohne unser Merchandising zu kaufen. Das ist ruinös für Leute, die weiterhin dieser Form von Konzert-Geschäftsmodell folgen müssen.

Wie war das bei anderen Konzerten, die ihr zuletzt gespielt habt?

Didi Bruckmayr: In Bratislava durfte sich das Publikum mit Maskenpflicht indoor bewegen. Das hat eine ganz andere Anmutung, es kamen viel jüngere Leute. Die Frage ist, ob man diese absurde Situation der Sitzkonzerte erdulden will oder ob man es lassen sollte. Ich kann es nicht beantworten, sondern beobachte nur, dass sich die Kultur verstärkt ins Freie verlagert. Es gibt wieder illegale Raves. Wir werden die Rückkehr der „Sound System Culture“ erleben. Das wird nicht die Dimensionen wie früher erreichen. Aber kleinere Bass Culture-Gschichteln wird es sicher häufiger geben.

Keine ideale Lösung für eine Band, die mit tiefen Frequenzen hantiert.

Didi Bruckmayr: Die Sub-Bässe sind mir heilig. Die verlieren sich draußen. Aber was will man tun, die Leute müssen dann halt näher an die Speaker. Ich war froh, dass das Festival in Innsbruck [Heart of Noise Festival; Anm] stattfinden konnte. Wir waren dort ursprünglich als Gaukler für ein Outdoor-Konzert gebucht. Irgendwann hieß es, dass wir im Saal auftreten werden. Es ging auch darum zu zeigen, dass man da ist, dass es ein Leben mit Flexibilität gibt. Die Sponsorenlogik ist ein anderer Faktor. Wenn du ein Festival zwei Mal hintereinander aussetzt, kann man davon ausgehen, dass es gar nicht mehr zurückkommt. Deshalb muss man – mit allen Mängeln – weiterwerkeln. Ansonsten wird dieser Kulturbereich verschwinden.

Das klingt sehr pessimistisch.

Didi Bruckmayr: Vielleicht ist es die Zeit, was völlig Neues zu machen. Manche Leute sind existenziell bedroht, viele Clubs wird es wegreißen, vor allem solche in teuren Städten. Nur Punk-Rocker werden weiterleben und damit auch DIY-verwandte Kulturen. Aber alles, was Kultur als Ware begreift und profitorientiert arbeiten muss, wird es schwierig haben.

Auch weil die Kulturnation Österreich bei Konzerthaus und Staatsoper aufzuhören scheint. 

Didi Bruckmayr: Mein Cousin, Sigi Aigner, der auch lange bei Fuckhead mitgewirkt hat, ist Sänger in der Staatsoper. Er kennt die Diskussion von zwei Seiten. Als langjähriges Mitglied im Zusatzchor ist er Selbstständiger. Die sind, sofern ich das richtig verstanden habe, bisher auch durch jeden Rost gefallen. Mittlerweile läuft das Geschäft aber wieder an: „The Show must go on.“

Weil finanzielle Hilfen die Hochkultur absichern. Im subkulturellen Bereich sieht das anders aus.

Didi Bruckmayr: Bis heute interessiert es die wenigsten Leute, was wir machen. Die verstehen es auch nicht. Ich scheue die Politik, habe aber manchmal mit diversen Proponenten zu tun, die bei Empfängen auftauchen. Der oberösterreichische Landeshauptmann war ein Schulkollege meines Bruders und hat zumindest eine Ahnung, was wir auf der Bühne anstellen. Sorgen hat er natürlich andere. Mit Respekt und Hochachtung alleine ist aber niemandem geholfen. Vor 20 Jahren, es ging um die Kirchensteuer, hat mich eine Frau gefragt, wie ich überhaupt so leben könne. Ich schaue gerne in die Luft, hab ich ihr gesagt. „Das macht mich glücklich.“ Für die Dame war es völlig unverständlich, wie man so einen Lebensentwurf haben kann – und so geht es vielen. Ich habe lange auf der Fachhochschule in Salzburg im Bereich audiovisuelle Medien unterrichtet. Die linearen Karrieren sind kürzer geworden. Früher waren es verstärkt Quereinsteiger, dann kamen Maturanten ohne kulturgeschichtliches Bewusstsein. Die Mehrheit der Leute wollen aber eine gewisse Sicherheit in ihrem Leben haben, zumindest ein Zeugnis und hoffen, in einer Agentur oder einem fetten Label unterkommen zu können. Ihnen klarzumachen, wie der Markt wirklich funktioniert, sie systematisch zu desillusionieren, war die Aufgabe von Dinosauriern wie mir.

Was bei vielen offenkundig funktioniert hat. 

Didi Bruckmayr: Wenige haben deprimiert nach Gratis-Praktika abgebrochen, viele haben unverdrossen weitergemacht und werden hoffentlich ihr Glück finden. Einer wurde sogar im Bereich CGI ein Star. Der studierte aber nicht bei mir. Außerdem haben sie den Bildungszweig später abgebaut, weil es kein Geld mehr gegeben hat. Die im weiteren Sinne geisteswissenschaftlichen angesiedelten Disziplinen sind die ersten, die sterben, weil es um arbeitsmarkttaugliche Praxis geht.

Angewandte Kompetenzen als Produktion von effizienten Skills statt kritisches Denken und nachhaltiges Lernen. 

Didi Bruckmayr: Das ist das Spannungsfeld zwischen Uni und Fachhochschule. In Zeiten wie diesen, kann ich den Leuten nicht ohne Gewissensbisse anraten, Musikproduzent zu werden. Dass Leute, wie ein rappender Konditor oder eine Influencerin aus Salzburg ohne Belegung von Bildungseinrichtung beachtlich erfolgreich werden, ist halt auch so eine Sache, die manche Fachkraft und manchen Absolventen genannter Einrichtungen ärgert. Der erste Dance-Hit der Salzburger Klangkarussell, der auf einem schnöden Factory-Sample-Pack basierte, erboste seinerzeit einige Besserwisser.

Damit schlägst du die Brücke zur Aufmerksamkeitsökonomie. 

Didi Bruckmayr: Es ist eine völlig andere Welt, die ich mir mit Interesse verfolge. Im Sommer hat mir ein zwölfjähriger YouTuber einen Vortrag gehalten, wie man das ganze Online-Dings richtig mache. Über die Jahre haben uns diverse Labelchefs immer wieder vorgeschlagen, Social-Media-Workshops zu belegen. Die Sache ist für uns aber vorbei. Wir sind nicht die Zielgruppe und zu patschert dafür. Ich bin einmal in einen Shitstorm hineingezogen worden, der eigentlich gar keiner war. Vielleicht ist das für jüngere Leute weniger strapaziös, aber ich habe es als belastend empfunden. Außerdem reklamieren Influencer eine Wahrhaftigkeit für sich. Die Bilder, die von uns im Netz sind, sind durchaus wahr – aber wir sind auf der Bühne nicht authentisch. Wir machen es mit Hingabe, sind aber Kunstfiguren und Projektionsflächen. Je unattraktiver, je älter, je hermetischer sie sind, desto weniger Gefahr geht von uns fröhlich-resignativen Wüterichen auf der Bühne aus. Immerhin kann man viel hineininterpretieren.

„MAN HÄTTE DIESE KONTROVERSEN AUFBAUEN KÖNNEN, UM JEDEN TAG EINE NEUE EPISODE HINZUZUFÜGEN.“

Es gibt unzählige urbanen Legenden über dich und Fuckhead. 

Didi Bruckmayr: Manches ist wahr, anderes ist fortgeschrieben worden. Das kann bis zu einem gewissen Maß belastend werden. Aber wenn man in den Wald hineinschreit, muss man damit rechnen, dass irgendwann etwas zurückkommt, was einem nicht gefällt. Generell waren die meisten Sachen harmlos. Viele Legenden haben sich die Leute erdacht. Eigentlich ist das auch Marketing, nur haben wir es nie kapitalisiert. Man hätte auf diesen Kontroversen aufbauen können, um jeden Tag eine neue Episode hinzuzufügen.

Wärst du der Typ dafür? 

Didi Bruckmayr: So geschwätzig ich bin, so wenig liegt mir diese Form von Öffentlichkeit, weil ich mich nicht jeden Tag darauf konzentrieren will.

Die fiktiven Mythen gehen mit realen Erwartungen einher. Das Publikum erwartet sich live etwas, das es davor gelesen oder gehört hat. Hattet ihr jemals das Gefühl, diesen Erwartungen nicht gerecht zu werden?

Didi Bruckmayr: Wir haben das schnell weggeschoben. Nach dem Blutvergießen auf manchen Shows hat es einen Knackpunkt gegeben. Das Publikum war nur noch sensationslüstern, hat weitere Ausschreitungen erwartet. Das zog Leute mit dubiosen Angeboten an.

War das zu der Zeit, als du dich auf der Bühne aufgehängt hast? 

Didi Bruckmayr: Ja, als das vorbei war, wollten es manche Leute nicht einsehen. Es sind Unfälle passiert, die eigentlich lustig waren, aber nicht für jeden Beteiligten. Das waren Unfälle, die der Spontanität und dem Dilettantismus geschuldet waren, der bei uns nach wie vor eine große Rolle spielt. Trotzdem haben uns diese Vorfälle bei manchen Leuten eine schlechte Nachrede eingebracht. Andere waren begeistert. Mit der Jim Rose Sideshow haben wir zum Beispiel in Linz gespielt. Promoter war Herwig Zawinul, der Sohn von Joe Zawinul. Die Jim Rose Sideshow war eine Revue, die durch die USA getourt ist, mit Metal-Bands wie Pantera. Es gab Schwertschlucker und solche Dinge, wie man sie aus dem Zirkus der 20er Jahre kennt … Freaks, Verrenkungskünstler und so weiter. Wir haben dort gespielt, das kam gut an –, bis auf einen Moment, der Unfug war. Eine Frau hat schließlich gemeint, dass uns als Zirkusband eine lange Karriere bevorstünde: „Aber wenn ihr euch weiter so aus dem Fenster raushängt’s – und wir haben vernommen, dass ihr zur Mäßigung angehalten wurdet – dann werdet ihr euch oder irgendjemandem im Publikum sehr bald ernsthaft weh tun“, hat sie gesagt. Konkret hieß das: „Ihr müsst euch auf etwas konzentrieren, die Härte rausnehmen und tourneefähig werden.“ Man habe den Eindruck gehabt, wir würden uns psychisch verausgaben. So etwas hielten wir nicht 30 oder 40 Mal hintereinander aus. Das war ein guter Hinweis, den ein Bandmitglied damals als unzweckmäßig und spießig hingenommen hat. Die Diskussion gab es aber immer in der Band – und mit dem Publikum.

Inwiefern kamen die Veränderungen von außen?

Didi Bruckmayr: Wir haben auf die Meinungen des Publikums immer reagiert. Nach einem Eklat, bei dem es Ohnmachtsanfälle im Publikum gab, haben später Leute angerufen, um mir zu sagen, dass sie mich auf meinem Weg in die Finsternis nicht mehr weiterbegleiten. Bis zu diesem Punkt sei es ein lustiger Energieaustausch, ein Happening gewesen, aber in dem Moment, in dem ich angefangen habe, Leute zu verletzen, wollten sie mir – und „meinen Gehilfen“, wie sie meinten, nicht mehr helfen. Dabei habe ich mich immer als Primus inter pares bezeichnet. Soll heißen: Wir haben alles gemeinsam gemacht. Allerdings soll diese Tatsache nicht darüber hinwegtäuschen, dass manche Verletzungen tief sitzen. Das tut mir leid. Ich habe mich bei vielen Leuten über Jahre entschuldigt. Manch andere waren dagegen mitleidslos. Sie haben mich in kurzer Zeit hintereinander in Shows gesehen und mir dann enttäuscht gesagt, dass sie sich mehr erwartet haben.

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Die aktuellen Shows und deren Performance-Charakter kann man mit früheren tatsächlich nicht vergleichen.

Didi Bruckmayr: Momentan sind sogar wir auf der Bühne dazu angehalten, Abstand zu halten. Man muss sich überlegen, was man liefern kann, um noch einen Restgehalt rüberzubringen. Das hat mit den großen Zeiten der Fuckhead-Revue nichts zu tun. Wir möchten dort wieder hin, denken aktuell über Salon-Veranstaltungen nach. Wir haben auch darüber halluziniert, dass wir eine große Revue mit Lärm und Schmutz auf die Bühne bringen, aber momentan sind die Rahmenbedingungen schwierig. Man müsste es kleiner machen. Dadurch wird es prätentiöser, weil man Dinge interpretiert oder aufarbeitet, die einen geprägt haben.

Was hat dich geprägt? 

Didi Bruckmayr: Für mich und meine Kumpanen waren es viele David-Lynch-Momente wie zum Beispiele jene der Solisten in „Blue Velvet“. Lynch hat sich immer explizite Interpreten wie Little Jimmy Scott ausgesucht. Übrigens haben wir schon einmal als Tanzband gespielt, fast unverstärkt. Auf der Heimfahrt von unserem Konzert in Innsbruck [Heart of Noise Festival; Anm.] haben wir uns im Spaß überlegt, unsere ganzen Obsessionen und unsere Favourite Tracks auf neue Art zu bringen – mit rudimentärer Elektronik, eingetanzt auf die Essenz. Vielleicht scheitern wir damit, weil wir einfach zu schlecht sind oder der Sänger ständig falsch singt. Aber wir werden es probieren, weil es wieder eine Gaudi geben muss.

Wie würde das konkret aussehen? 

Didi Bruckmayr: Ich habe schon länger ein Zirkusprojekt im Kopf –, auch weil ich eine Zeitlang einen kleinen Zirkus betrieben habe.

Du hast einen eigenen Zirkus betrieben? 

Didi Bruckmayr: Den Zirkus Hieronymus für die Kulturhauptstadt Linz 2009. Ich war Zirkusdirektor, konnte Spezialisten und Dilettanten zusammenbringen, die mehrere Revues aufgeführt haben – in einem kleinen Zirkuszelt. Dort sah ich, dass man Leuten viel zumuten kann. Inzwischen habe ich Artisten getroffen, die das alles professionell gelernt haben. Ich habe sogar einen prominenten Zauberkünstler in meiner engen Verwandtschaft, eine Nichte, die Artistin wird und kenne viele Tänzerinnen. Man müsste sie alle zusammenbringen.

Warum auch nicht? 

Didi Bruckmayr: Ich hatte einen Sozialarbeiter als Untermieter, der selber DJ war. einer der ersten House-DJs von Oberösterreich, DJ Willi. Der hat unsere Exzesse miterlebt und gesagt, dass wir mal etwas ganz Ruhiges probieren sollten, so in die Richtung von Scott Walker. Der hat uns ja 2000 nach England eingeladen. Als Musiker hat er viel Lärm mit Stille und Kammermusik und sonderbar-exaltierte Bariton gepaart. Jede Platte war ein Millionengrab.

Scott Walker hat seine Karriere als Popmusiker begonnen und als Experimenteller beendet. 

Didi Bruckmayr: Die letzten Platten waren völlig wahnsinnig für ein Label, das mit Cocteau Twins, Dead Can Dance und Shoegaze-Pop berühmt geworden ist. Und dann liefert er dort diese Meisterwerke ab, die für die meisten Leute unverständlich waren. 4AD hat es aber verstanden.

Wie war deine Beziehung zu Scott Walker?

Viele Jahre nachdem er uns nach England eingeladen hat, habe ich ihn, mit einem Etat der Kulturhauptstadt Linz, einladen wollen. Sein Manager hat uns geschrieben, dass Scott gerne an uns denke, aber nie wieder auftreten werde. Das war Jahre vor seinem Tod, in einer Phase, in der er sich in seinen Headspace zurückgezogen hat. Seine letzten Alben waren eine musikalische Meditation. So etwas könnten wir nicht machen. Wir brauchen das Feedback vom Publikum. Manchmal kommen junge Leute, die uns sagen, dass unsere Show das Ärgste gewesen sei, dass sie jemals gesehen haben. Ich sage: „Okay, da habt’s ihr aber ein schönes Kopfkino gehabt und ihr glaubt’s die ganzen Geschichten, die euch reingedrückt worden sind.“

 „DIE FORM MAG SICH ÄNDERN, DER INHALT AUCH – ABER EIN GEWISSER GEIST WALTET IN DIESER ANGELEGENHEIT. DESHALB GIBT ES KEINEN GRUND AUFZUHÖREN.“

Diese Geschichten schwingen bei Fuckhead mit. Man will sich fast bestätigt fühlen, nicht?

Didi Bruckmayr: Mit Botschaften aus dem Unbewussten für das Unbewusste können viele etwas anfangen. Das ist das Geheimnis von Fuckhead. Es waren über 30 Jahre Leute auf unseren Shows. Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber es ist immer jemand gekommen, hat Interesse bekundet oder Forderungen angemeldet. So lange es diese Bereitschaft gibt, machen wir es. Die Form mag sich ändern, der Inhalt auch –, aber ein gewisser Geist waltet in dieser Angelegenheit. Deshalb gibt es keinen Grund aufzuhören.

Die Grenze ist nur der eigene Tod. 

Didi Bruckmayr: Ich stelle es mir lustig vor, wenn wir das noch einige Jahre machen. Kürzlich ist die neue AC/DC-Single erschienen, die sind mittlerweile alle über 70, wirklich eine Marke und halten sich genau an die Formen. Das müssen wir alles nicht tun. Wir brauchen nicht einmal Song-Formate. Dadurch haben wir viele Freiheiten, brauchen aber auch nicht jammern, wenn es nicht funktioniert. Aber das wollten wir ohnehin nie. Die meisten guten Ratschläge, die man uns über die Jahre gegeben hat, haben nicht funktioniert.

Welche Ratschläge waren das? 

Didi Bruckmayr: Eine Gesangslehrerin hat einmal zu mir gesagt, dass ich eine Wahl habe: „Du kannst diese ungewöhnliche tiefe Stimme halten, indem ich dir zeige, was du machen kannst, damit sie die nächsten Jahrzehnte überlebt“, sagte sie. „Oder du wirst ein drittklassiger Bariton werden und keine Chance haben.“ Die Message war klar: Bewahre dir deine geistigen Freiheiten. Mein Cousin hat eine Gesangsausbildung. Früher war er in einer Death Metal-Band und hat sich gegen das Risiko entschieden – aus gutem Grund. Bei uns gab es keinen Grund, das Risiko zu scheuen, weil außer Freude nichts zu erwarten war.

Inwiefern hätte euch die Anpassung an die Konvention die Freude genommen? 

Didi Bruckmayr: In den 90ern kam jemand von EMI Records auf uns zu. Zu dem Zeitpunkt war gerade „1. Outside“ von David Bowie draußen, ein kommerzieller Misserfolg. Sie haben uns aber gefragt, ob wir nicht eine Nummer machen könnten, die in die Richtung von „Hello Spaceboy“ geht. Bei den damaligen Masterminds in der Band führte das zu einer geistigen Verkrampfung. Das Gefühl, den dubiosen Werten von Fuckhead und gleichzeitig den kommerziellen Verheißungen entsprechen zu müssen, brachte Qual mit sich. Die Platte wurde zwar gut, allerdings waren die Auftraggeber enttäuscht. Hier wurde die Saat für weitere Zerwürfnisse gesät.

Wie haben sich die Zerwürfnisse gezeigt? 

Didi Bruckmayr: Größere Unzufriedenheit, Vorwürfe des vorsätzlichen Dilettantismus, der Verweigerung des professionellen Arbeitens – und immer die Meinung, dass man große Chancen gehabt hätte. Bei Fuckhead habe ich das immer als Sturm im Wasserglas bezeichnet. Es war schon attraktiv, dass man mit diesen Angeboten auf uns zugekommen ist, es kam aber nicht von ungefähr. Schließlich waren diese Leute weitläufige Bekannte von Bandmitgliedern. Am freien Markt hätten wir uns nicht gefunden.

Aus den Zwängen des freien Markts habt ihr euch immer herausgenommen? 

Didi Bruckmayr: Es ging bei uns immer über klassische DIY-Netzwerke. So sind wir auch ins Ausland gekommen. Der Befund war, dass es keinen Marktwert außerhalb der Szene gegeben hat. Auf dem kommerziellen Markt, der das Echolot einschaltet, um zu eruieren, ob irgendjemand die Gravitation, die Masse und Oberfläche zu Erfolg hat, war das nie da. Es wäre Selbstbetrug, das heute zu behaupten, weil wir immer Underground waren.

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Ihr habt euch gegen die Kohle und für die Knotenpunkte entschieden.

Didi Bruckmayr: Wir hatten eigentlich keine Wahl. Es haben sich immer neue Knoten ergeben, weil Leute nachkommen, die es „unvernünftigerweise“ weiterführen. Für Fuckhead bin ich dem verstorbenen Labelchef von Gash Records, Edi Ehn sowie Dominik Uhl von Noise Appeal Records für die risikofreudige aber umsichtige Labelarbeit dankbar. Früher gab es immer wieder Rechtsstreitigkeiten. Das bezog sich auf die kommerzielleren Wipeout und strahlte auf Fuckhead aus, weil ich in beiden Bands aktiv war und zeitweilig beide auf denselben Labels oder in denselben Vertrieben waren. Da kam es zu einem unschönen Rechtsstreit, der zwar in einem Vergleich endete, aber hässliche Geschäftspraktiken und auch Versäumnisse von Verwertungsgesellschaften zu Tage brachte. Unser altes Label wollte uns nicht ziehen lassen, als wir im UK auf ein großes Label wollten. Sie klagten uns, fielen aber um weitere Geschäfte um und hatten zusätzlichen Ärger mit anderen Parteien. Wir waren zu sorglos, die anderen zu ängstlich oder zu gierig. Gemeinsam hätten wir vieles erreichen können. So endete alles in provinzieller Bitterkeit. Der Schaden war so oder so angerichtet. Aber wir hatten gleich wieder neue, tolle Ideen.

Ideen, die trotz Schaden und Betrug seit 33 Jahren funktionieren. Fuckhead würde eine Lücke in der österreichischen Musikwelt hinterlassen.

Didi Bruckmayr: Wahrscheinlich. Allein schon als blank space. Bei Chronologien, wie sie Walter Gröbchen organisiert hat, hat man uns nicht aufgenommen. Leute sind ihn zwar angestiegen, aber er hat gemeint: „Ich kenn sie eh, aber die sind ja kein Pop.“ Vermutlich eine weitere urbane Legende, über die ich sehr lachen muss, weil es mir einerlei ist. Uns gibt es, auch wenn wir nicht da sind. Wir sind der blinde Fleck im österreichischen Selbstbild der Popkultur.

Damit eckt man natürlich an.

Didi Bruckmayr: Es ist nicht so, dass man uns immer gemocht hat. Die Wiener Obergscheiden feindeten uns schnell an, haben uns aber hinnehmen müssen als wir zu groß wurden. Andere haben uns als blöde Drecksschweine bezeichnet, was gezeigt hat, dass die ironische Distanz bei vielen fehlt. Wir kommen aus dem Hardcore, dort haben wir für Verstörung gesorgt, weil alles wahrhaftig sein muss. Wobei ich mit Punk-Rock sozialisiert worden bin, und da war alles erlaubt: die Kostüme, die Rollenbilder. Im Hardcore, den Linz auf die Landkarte gebracht hat, war das puritanisch. Da hast du dir keinen falschen Sager erlauben dürfen, sonst musstest du dich rechtfertigen. Es gab viele hinterfotzige Fanzine-Rezensionen, viele haben sich geärgert. Aber wir waren weiterhin in Bewegung und hatten irgendwann den größeren Aktionsradius als die Puritaner.

Wie nimmst du diese Zuordnung heute wahr?

Didi Bruckmayr: Ich kann sagen, dass ich Member of the Curch of Napalm Death ist. Das ist ein Bekenntnis. Die sind über 50, ich bin über 50. Es geht weiterhin gewaltig zu und mit denen werde ich würdelos alt.

Man hängt sich ein Label um, das sorgt für Distanz.

Didi Bruckmayr: Klar, dann bist du Metaller oder Grindcore-Fan. Das ist abweisende Musik, die man live gehört haben muss – ähnlich wie bei Techno. Entweder willst du die Bässe spüren, oder du lasst es sein. Das erklärt den Schematismus. Alles folgt gewissen produktionstechnischen Richtlinien, die ich nicht immer teile. Trotzdem muss man hingehen, um es zu verstehen. Man kann sich diese Musik zu Hause nicht anhören. Deshalb ist die ganze Clubkultur in der Krise.

Und die Räume, in denen sie stattfindet.

Didi Bruckmayr: Es ist ein soziales Event, ein Feiertag, der über Stunden oder Tage geht. Das war der Quantensprung: Im Hardcore ist alles kürzer geworden, bis es plötzlich wieder länger geworden ist. Die Maschinen haben die Musik gemacht. Das haben Kraftwerk oder Depeche Mode angedeutet. DAF haben eine Originalität des Minimalismus hineingebracht. Kein Wunder, dass Robert Görl in den Techno weitergewandert ist. Ich habe später auch in diesem Zirkel gearbeitet, war im alten Ultraschall in München. Man musste es erlebt haben. Später einzusteigen war schwieriger, weil sich die Musik permanent weiterentwickelt hat – bis heute. Mittlerweile gibt es geistesgestörte Bässe, alles ist sehr schnell oder sehr langsam, sehr sauber oder sehr räudig. Das ist das weite Feld der Bass-Music. Der Gangsta-Rap hat das gut hinbekommen. Bazzazian [deutscher Produzent, Anm.] kommt ursprünglich aus dem Hardcore-Bereich, bevor er mit Drum Machines Hip-Hop-Beats gebaut hat. Für ihn geht es in seinen Produktionen um die Energie von früher. Das ist auf ein spezielles Publikum ausgelegt, das keine Hi-Fi-Anlage besitzt oder nur über Kopfhörer oder massive Car-HI-Fi-Systeme horcht. Mit Wipeout spielte ich einmal den Support für Scorn, die Industrial-Dub-Band von Ex-Napalm Death-Drummer Mick Harris. Mit Nicholas Bullen war noch ein weiteres Ex-Mitglied dabei. Scorn kombinierten Bässe und Beats der britischen Sound System Culture mit Dark Ambient und Elementen aus Grindcore und Post-Industrial. Die schweren, verschleppten Beats, die tiefen Bässe, der Lärm der Gitarren, Klangfetzen, Stimmen in endlosen Delay-Schleifen. Pink Floyd und Krautrock schickten kursorische Nachrichten. Der DJ spielte dazu Breakbeats. Und schon tat sich für mich die nächste Tür auf. Alles kann, soll und muss koexistieren.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Christoph Benkeser

 

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