„Wir möchten einen Resonanzraum schaffen, in dem Emotionen nicht unterdrückt oder verschönert werden.“ – Thelonious Hamel und Jakob Vasak im mica-Interview

Mit der EP „My Dear Friend“ nehmen uns die an der FH Puch-Urstein in Salzburg ausgebildeten Klangforscher Thelonious Hamel und Jakob Vasak auf eine elektroakustische Reise zwischen imaginären Landscapes und spontan-skizzenhaft belassenen Soundscapes mit. Die beiden, vor allem für ihre Arbeiten zwischen Film-Soundtracks, Scores und Installationen, auch international bekannten Musiker mixen dabei Field-Field-Recordings mit Studio-Experimenten und freien Improvisationen zu ebenso spannenden wie stets unvorhersehbaren Sound-Skulpturen. Für mica hat sich Didi Neidhart mit Thelonious Hamel und Jakob Vasak einem Gespräch über u.a. Elektroakustik, Klangarbeit und einem selbstgebauten Instrument namens „Kobophon“ getroffen.

Ihr kennt euch beide von der FH Puch-Urstein in Salzburg, Aber wie seid ihr jetzt als Duo zusammengekommen?

Thelonious Hamel: Wir haben beide an der FH Salzburg Multimedia Art im Bereich Audio studiert und uns von Anfang an sehr gut verstanden. Die eigentliche Zusammenarbeit als Duo begann mit einem Score für einen Spot des Kollektiv Senfblau. Das war während Covid und fand noch remote statt. Schon bei diesem Projekt haben wir gemerkt, dass wir eine sehr ähnliche musikalische Sprache sprechen und intuitiv auf einer Ebene arbeiten.

Jakob Vasak: Danach haben wir uns für einige Zeit ein Studio in einem der Common Rooms am Campus eingerichtet. Dort haben wir über Tage und Nächte hinweg gearbeitet, gejammt und komponiert – und uns auch gemeinsam ein Klavier über Willhaben gekauft, welches wir erstmal restauriert haben. Daraus hat sich eine sehr enge und tiefe Freundschaft entwickelt.

Ihr arbeitet beide ja auch unabhängig voneinander schon länger im Bereich Film-Soundtracks, Scores und Installationen. Wie schlägt sich das in eure Arbeitsweise nieder, wenn es um Songs, bzw. Tracks geht?

Jakob Vasak: Also speziell in diesem Fall hatten wir die Idee, die ganze EP nicht wie Musik zu mischen, sondern vielmehr den Approach zu nehmen, dass wir die Orte, an denen die Musik imaginativ passiert, in den Vordergrund stellen und die einzelnen musikalischen Elemente an diesem Ort platzieren. Das ganze Hörerlebnis sollte dann eher wie ein Film wirken als wie einfache Tracks. Da war ganz viel Kopfkino mit dabei beim Mischen.

Thelonious Hamel: Unsere Arbeit im Filmbereich prägt definitiv, wie wir Musik als Duo machen. Auch wenn wir an autonomen Tracks arbeiten, ist das Bildliche immer von alleine präsent – ganz unbewusst. Man hört das auch auf unserer aktuellen EP „My Dear Friend“: Die Stücke klingen nicht nur als einzelne Tracks, sondern tragen eine klare, eigene und gemeinsame Story in sich. Wir komponieren und mischen sie so, dass sie wie eine kleine Soundreise leben, fast wie ein Hörstück, das einen durch unterschiedliche Räume, Erlebnisse, Zustände und Stimmungen führt.

Jakob und ich haben auch unser Masterprojekt gemeinsam realisiert – „Before Meaning Comes“, ein Experimentalfilm, bei dem wir den üblichen Prozess umgedreht haben: Nicht die Musik folgte dem Bild, sondern die Bilder sind aus unseren musikalischen Kompositionen heraus entstanden. Für mich persönlich ist das Hören, das Präsenteste, was ich wahrnehme, und so entstehen gewisse Bilder von alleine – die aber ganz unterschiedlich aussehen können.

Auch wenn wir unabhängig voneinander arbeiten, teilen wir ein ähnliches Verständnis von Atmosphäre und Raum. So bilden sich selbst ohne konkretes Bild innere Filme – im übertragenen Sinne.

„Das ganze Hörerlebnis sollte dann eher wie ein Film wirken als wie einfache Tracks.“

Die Tracks erinnern bisweilen an Momentaufnahmen bzw. an Stimmungsbilder und haben dadurch auch einen durchaus fragilen Charakter. War es euch diese Skizzenhaftigkeit (auch im Kontrast zu wichtig überproduzierten KI-Sachen) wichtig, oder hör ich da was raus, was von euch vielleicht gar nicht so intendiert war?

Jakob Vasak: Mit KI direkt hat es wahrscheinlich nichts zu tun, aber es ist schon eine Idee dahinter. Die ganze Musik ist aus freier Improvisation heraus entstanden. Dabei ging es nie darum, ein fertiges Produkt zu erschaffen, sondern vielmehr ums gemeinsame Musizieren.

Dementsprechend sind auch überall kleine “Fehler” und Gespräche im Hintergrund zu hören, die genauso Teil der Momentaufnahme waren wie die Musik selbst. Nach der Idee, diese Aufnahmen zu veröffentlichen, kamen dann die Kontextualisierung und Platzierung an konkreten Orten in der Natur dazu, um das, was wir gemeinsam gefühlt haben, als Szenen wieder-erlebbar zu machen.

Thelonious Hamel: Im Zentrum steht für uns die Freundschaft – und der direkte, offene Austausch – die Ehrlichkeit. Über die Jahre lernt man, wie extrem wertvoll es ist, Gefühle und Gedanken klar miteinander zu teilen und daraus gemeinsam etwas zu formen. Diese Offenheit prägt auch die Musik. Wir möchten einen Resonanzraum schaffen, in dem Emotionen nicht unterdrückt oder verschönert werden, sondern spürbar bleiben und damit in Austausch gehen.

Mich interessiert ein befreites Hören. Ein Hören, das nicht sofort bewertet oder einordnet, sondern einfach da ist. Ich mache selbst viel ernste, fast ausschließlich ernste Musik. Und genau deshalb hat mir manchmal ein Moment von Humor gefehlt – nicht im Sinne von Albernheit, sondern als Leichtigkeit innerhalb der Tiefe. Diese EP ist aus einer sehr magischen Freundschaft entstanden, aus Dankbarkeit und Freude. Und ich glaube, das ist einer der schönsten Gründe, Musik zu teilen: mit der Welt, mit Menschen, mit Freund:innen – und vielleicht auch mit zukünftigen Freundschaften.

Diese Musik will nichts. Sie muss nichts beweisen. Sie leuchtet für sich – gerade in dunkleren Zeiten. Vielleicht schenkt sie ein wenig Wärme. Vielleicht erinnert sie daran, dass wir sehr viel Licht in uns allen tragen.

Nach dem ersten Durchhören fiel mir auf, dass da gar nicht mal so viel Elektronik vorkommt. Spontan würde ich eher sagen, die Hauptinstrumente sind akustische Gitarre und Klarinette. Wie kam es zu solch einer Entscheidung bzgl. der Klänge mit denen ihr arbeiten wolltet?

Jakob Vasak: Ich finde, dass akustische Instrumente inklusive der Stimme der direkteste und intimste Weg sind, um musikalisch miteinander zu kommunizieren. Dabei ist es ganz und gar nicht wichtig, wie gut man diese beherrscht, sondern es geht uns einzig allein um den Ausdruck dahinter und die Frequenzen, die dabei im Raum entstehen.

Thelonious Hamel: Wir wollten Klang nicht als perfekt kontrollierbares Werkzeug einsetzen, sondern als etwas Lebendiges – mit kleinen Ungenauigkeiten, mit Reibungen, mit Momenten, die vielleicht nicht „sauber“ im klassischen Sinn sind, aber emotional tragen. Diese Offenheit im Spiel schafft eine Nähe, die uns sehr interessiert hat.

Die Elektronik ist dennoch präsent, allerdings weniger in Form klassischer Synthesizer oder klar erkennbarer elektronischer Sounds. Vieles ist elektroakustisch gedacht: über Resonanzräume aufgenommen, weiterverarbeitet, mit Field Recordings kombiniert und im Mischprozess verfremdet oder verschoben. Uns hat vor allem interessiert, wie sich akustische Klänge im Raum verhalten und wie man durch Aufnahme- und Mischtechniken neue Resonanzen erzeugen kann.

Einige dieser Klangmomente sind tatsächlich aus Experimenten entstanden – wir haben Dinge ausprobiert und waren selbst überrascht, wie bestimmte Resonanzverschiebungen oder Überlagerungen funktioniert haben. Dieser forschende, spielerische Zugang war zentral. Es geht weniger um die Trennung zwischen akustisch und elektronisch, sondern um das Zusammenspiel – um einen Raum, in dem beides organisch ineinandergreift.

„Wir komponieren und mischen sie so, dass sie wie eine kleine Soundreise leben, fast wie ein Hörstück.“

Daneben knistert und knastert und rauscht es ja auch gehörig. Dadurch entstehen ambieske Landschaften, die durchaus einen Diskurs zwischen den Polen Landscapes und Soundscapes evozieren. Aber wie geht ihr da an das Klangmaterial heran bzw. wie organisierte ihr es?

Jakob Vasak: All diese Sounds sind Teil der Orte, an denen die Musik gedacht ist. Thelo und ich sind, nachdem wir beschlossen haben, unsere Improvisationen zu veröffentlichen, gemeinsam in die Natur gefahren, um Orte zu finden, an denen unsere Musik stattfinden kann. Dabei habe ich lange Zeit damit verbracht, zu recherchieren, wo man in Europa noch Orte findet, an denen keine Autos oder Industrie hörbar sind. Dafür sind wir an einen der am wenigsten besiedelten Orte Mitteleuropas, den Böhmerwald in Tschechien, gefahren. Dort lebt außerdem mit etwa 30 Stück die einzige Elchpopulation in Mittel- und Westeuropa. 

Neben einigen Elchfußabdrücken im Schnee haben wir dann auch ein paar wunderschöne Orte im Wald gefunden, die mit dem, was wir vorhatten, resoniert haben und auch akustisch interessant waren. Danach haben wir zusätzlich zu den Ambiance-Aufnahmen noch Foleys arrangiert, um die Stories zu unterstützen. Sei es, dass man plötzlich über den Fluss fliegt, oder dass Kobolde den Wald umschmeißen. Man kann sich natürlich immer selbst aussuchen, was da wirklich passiert…



Übrigens, vollkommen absurd, wie aufwändig es ist, in Europa einen Ort zu finden, an dem man wirklich nur Natur hört – auch ein kleiner Aufruf, mal beim Wandern und Spazierengehen darauf zu achten, ob da nicht doch mehr Flugzeuge und Autobahnen im Hintergrund laufen, als man gedacht hat…

Thelonious Hamel: Wir haben unglaublich viel Material aufgenommen – oft ohne zu wissen, ob es je veröffentlicht wird. Manche Klänge bleiben einfach. Sie hinterlassen eine eigene Spur. Und diesen Spuren sind wir gefolgt, so wie wir den Elchspuren gefolgt sind. Wir saßen nachts im Winter draußen und haben einfach gelauscht. Das Knacken von gefrorenem Moos unter den Schritten, entfernte Geräusche, Rascheln, Tiere, die wir nicht sehen konnten, Stille.

Solche Erfahrungen strukturieren das Material fast von selbst. Wenn wir später arrangieren & mischen, erinnern wir uns an die Situation. Das Rauschen ist dann nicht nur Textur, sondern Teil einer echten Erinnerung. So organisiert sich vieles organisch.

Wieviel entsteht dabei aus freier Improvisation und nach welchen Kriterien entscheidet ihr mit welchen Impro-Parts weitergearbeitet wird und mit welchen nicht?

Thelonious Hamel: Sehr viel. Wir gehen oft ohne konkretes Ziel ins Studio. Das Zusammensein ist Teil des Prozesses. Vorher gibt es oft kleine Rituale – einen Tee, ein Mittagessen oder einfach ein Gespräch, in dem wir uns erzählen, zuhören und im Moment sind. Manchmal sitzen wir mehrere Stunden zusammen, ohne zu spielen, und am nächsten Tag nehmen wir einfach auf.

Wenn wir dann improvisieren, entstehen manche Ideen spontan, andere basieren auf kleinen Vorschlägen: ein Grundton, eine Melodie, eine energetische Struktur. Diese Ausgangspunkte helfen uns, in der Improvisation einen Rahmen zu finden, aber die eigentliche Komposition entsteht aus dem Moment heraus. Wir hören genau hin, tauschen uns aus und wählen intuitiv aus, welche Passagen weiterverarbeitet werden.

Interessant finde ich, dass Improvisation für uns stark mit Atmosphäre zusammenhängt. Viele Aufnahmen entstanden im Winter. Für mich ist Improvisation so auch ein Ausdruck von Freundschaft: Wir schenken ein Stück von uns, von unseren Gefühlen, in die Musik hinein. Das macht sie für uns wertvoll und lebendig. Die Auswahl der Parts geschieht also weniger nach Regeln, sondern nach dem, was uns im Moment berührt und welche Geschichten uns die Spuren erzählen.

„Wir wollten Klang nicht als perfekt kontrollierbares Werkzeug einsetzen, sondern als etwas Lebendiges.“

Ein Rahmen-Thema der EP ist Freundschaft. Wie kann man sich das im Kompositions- und Produktions-Prozess vorstellen?

Thelonious Hamel: Freundschaft ist kein Konzept für uns. Sie ist die Grundlage der Zusammenarbeit, ohne jemals darüber nachzudenken. Und vielleicht hört man genau das.

Jakob Vasak: Freundschaft ist ein Ort an dem man sich sicher fühlt, an dem man laut denken kann, an dem man keine Fehler machen kann, weil man aufgehoben wird. Diese Atmosphäre ist absolut zentral für unsere Musik und soll sich auch darüber hinaus ausbreiten dürfen.

Thelonious Hamel: Freundschaft ist etwas, das bleibt. Sie ist die Grundlage mit Haltung, auf der wir musikalisch arbeiten, und gibt uns Sicherheit, um offen zu sein. Diese Sicherheit spiegelt sich in der EP wider: Die Stücke sollen vor allem ehrlich und lebendig sein, manchmal auch lustig oder ulkig, ohne dass wir das künstlich erzwingen möchten, sondern aus der Natürlichkeit heraus, die im Kreis vertrauter Freund:innen entsteht.

Der Produktionsprozess ist genauso direkt wie unsere Freundschaft. Manche Tracks entstehen in Studios, manche in Hütten, Wohnzimmern oder ganz beiläufig bei Gesprächen. Ein gutes Beispiel: Jakob lebt in Berlin, und für einen Track fehlte noch ein Stimm-Element. Also haben wir einfach über einen Online-Call aufgenommen, ohne fancy Mikrofone – nur über den Lautsprecher der Handys. Dieses Rohmaterial wurde Teil der Komposition, weil es die Situation, unsere Nähe und unsere Verbindung widerspiegelt.

Freundschaft zeigt sich also nicht nur in der Atmosphäre der Musik, sondern auch in den Entscheidungen, die wir treffen: Wir erlauben uns Freiräume, spielen mit Improvisation, Humor und kleinen Überraschungen. Diese Offenheit ist für uns das Wertvollste: die Dankbarkeit, gemeinsam etwas zu schaffen, das spürbar aus unserer Verbindung entsteht und allen Freundschaften dankt.

Im Promotext verweist ihr auf „elektroakustischer Klangarbeit“. Ich denke jetzt mal, das gilt bei euch für alle Klangquellen (also auch für die „akustischen“). Aber wie würdet ihr den Aspekt „elektroakustisch“ für euch definieren. Gehts da mehr ums Klanggestalten oder ums Hören?

Thelonious Hamel: Elektroakustische Klangarbeit klingt vielleicht etwas sperrig, für uns ist es aber eher eine Art Symbiose aus beiden Welten – akustisch und elektronisch. Es geht darum, dass die Instrumente dort enden, wo die Elektronik beginnt, und umgekehrt. Beide beeinflussen sich gegenseitig, werden transformiert und bearbeitet, oft auch live.

Für mich persönlich ist das immer eine Mischung aus Hören und Gestalten. Über das bewusste Zuhören entsteht das Gestalten, und das Gestalten wiederum verändert das Hören. Diese Rückkopplung prägt unseren Umgang mit allen Klangquellen, egal ob Gitarre, Klarinette, Field Recording oder elektronische Sounds. Am Ende ist die Grenze zwischen akustisch und elektronisch weniger wichtig als die Aufmerksamkeit für Klang, Resonanz und den Moment, in dem beides aufeinandertrifft.



Jakob Vasak: Es sind neben den Instrumenten auch Lucier-artige Raumresonanzen, die wir durch X-maliges Re-Amping entdeckt haben, zu hören. Außerdem lief neben unseren Jams oft als Grundton eine Drone meines selbstgebauten Instruments, das man durchaus der Elektroakustik zuordnen kann.

„Vollkommen absurd, wie aufwändig es ist, in Europa einen Ort zu finden, an dem man wirklich nur Natur hört.“

In der Bio von Jakob wird ein selbstgebautes, elektroakustisches Instrument namens „Kobophon“. Was hat es damit auf sich und hören wir davon auch etwas auf „My Dear Friend“?

Jakob Vasak: Genau, das Kobophon ist durchaus Teil der EP geworden, allerdings in diesem Fall eher hintergründig. Das Kobophon ist ein elektroakustisches Saiteninstrument. Es basiert auf einem geschlossenen Rückkopplungssystem zwischen Saiten und Korpus: Die Schwingungen der Saiten werden erfasst und über ein internes Transducersystem physisch in die Holzkonstruktion zurückgeleitet. Der Korpus fungiert dabei nicht als passiver Resonanzraum, sondern als aktiver Teil eines zirkulären energetischen Prozesses.

Die Entwicklung des Instruments hängt eng mit meiner kompositorischen Arbeit an abstraktem Klangmaterial und Resonanz zusammen. Mich interessiert die Frage, wie sich Klang als eigenständiges, sich selbst organisierendes Feld denken lässt – jenseits klar identifizierbarer Klangquellen. Das Kobophon ist deshalb als eigenständiges System konzipiert, das Rückkopplung nicht nur erzeugt, sondern differenziert steuert. Innerhalb dieses feedbackbasierten Kreislaufs können einzelne Resonanzen und Teiltöne gezielt angeregt, verstärkt oder abgeschwächt werden. Dadurch geraten die Saiten in Schwingungszustände, die über ihre Grundfrequenzen hinausgehen, Obertöne und sekundäre Moden werden zu aktiven klanglichen Akteuren.

Bild der beiden Klangforscher Thelonious Hamel und Jakob Vasak
Thelonious Hamel und Jakob Vasak © Philippe Gerlach

Der entstehende Klang ist das Resultat kontinuierlicher Wechselwirkungen zwischen Material, Spannung und Rückkopplung. Feedback erscheint hier nicht als Nebeneffekt, sondern als formbares strukturelles Prinzip. Gleichzeitig bleibt alles vollständig akustisch hörbar und wird mikrofonisch abgenommen. Das Instrument bewegt sich damit in einem Zwischenraum von akustischem Instrument und elektroakustischem System, ohne sich eindeutig einer Kategorie zuordnen zu lassen.

Was wir auf der EP hören, ist noch der erste experimentelle Prototyp, der auch im Soundtrack zu „2000 Meters To Andriivka“ verwendet wurde. Da waren leider viele meiner Klangideen noch nicht zu 100% umsetzbar. Allerdings habe ich vor Kurzem eine weiterentwickelte Version des Instruments fertiggestellt, von der es bald noch mehr zu hören geben wird.

Thelonious Hamel: Das Kobophon hat Jakob selbst gebaut, und für mich war es unglaublich schön, im Studio mitzuerleben, wie er mir gezeigt hat, wie es gespielt wird. Man merkt sofort, dass da nicht nur ein Instrument steht, sondern ein System, das man verstehen und gemeinsam erkunden muss.

Was ich daran besonders spannend finde, ist dieser Gedanke, akustische Instrumente nicht einfach zu verstärken, sondern sie strukturell elektroakustisch zu erweitern. Dieses Forschen an Resonanz, Feedback und Materialität verbindet uns beide auch in unseren eigenen Instrumenten. Bei mir ist es zum Beispiel ein Feedback-Monochord, das in eine ähnliche Richtung denkt. Es geht weniger darum, wer welches Instrument spielt, sondern um ein gemeinsames Interesse daran, wie sich akustische Systeme so erweitern lassen, dass sie beginnen, ein Eigenleben zu entwickeln.

Manche Tracks entstehen in Studios, manche in Hütten, Wohnzimmern oder ganz beiläufig bei Gesprächen.“

Bei „Like Lighthearted Spirits“ kommen plötzlich Vocals mit ins Spiel. Das klingt ein bisschen wie rituelle Gesänge aus einer imaginierten Nordpol-Nacht. War die Stimme „als Instrument“ schon immer Teil eurer Konzeptionen für die EP oder ist die eher spontan dazugekommen?



Jakob Vasak: Die Nordpolnacht finde ich eine fantastische Metapher! Das Erste, was mir einfällt bei der Frage, ob das geplant oder spontan war, ist: Es war ein Überfall. Wir haben die Stimmen nach einer wohl schon sehr langen Studio-Nacht aufgenommen und fanden, dass das musikalische Gefühl, das kommuniziert wird, sehr speziell ist und den nötigen Un-Ernst bringt, den Freundschaft auch hat und braucht. 

Thelonious Hamel: Auf gewisse Weise hat es tatsächlich einen rituellen Charakter: Es aktiviert etwas Magisches, das die Tracks auflädt. Dabei ging es darum, Dinge rauszulassen, die man sonst in der Öffentlichkeit zurückhalten würde. Dinge, die an einem Ort der Freundschaft aber Platz haben.

Jakob Vasak: Es geht schon auch um den Blödsinn, und um Unfug und eine Art zu singen, die überhaupt nicht der Norm entspricht und von manchen vielleicht sogar als unästhetisch empfunden wird.

Thelonious Hamel: Wir nutzen die Stimme nicht, um ein perfektes Bild zu erzeugen, sondern um Körper, Emotion und Klang zusammenzubringen. Dadurch entsteht eine Energie, die positiv, klar und leicht ist – wie ein kleines, magisches Ritual, das den Raum der Musik mit Freundschaft, Freude und Lebendigkeit füllt. Das ist auch der Moment, in dem die Musik für uns selbst und für die Zuhörenden besonders spürbar wird.

Apropos Nordpol: Woher kommt diese doch etwas sehr winterlich-skandinavische Grundstimmung, die teilweise auch gut zu isländisch-skandinavischen Krimis passen würde?

Jakob Vasak: Es war auch immer kalt.

Thelonious Hamel: Wir haben die Musik und Sounds tatsächlich nur in kalten Jahreszeiten aufgenommen, und ich glaube, das prägt den Klang stark. Vielleicht liegt es daran, dass uns immer um uns herum kalt war und wir etwas Warmes schaffen wollten – nicht physisch, sondern ein Gefühl von Wärme und Nähe.

Es gab zum Beispiel diesen Moment mitten in der Nacht, nach stundenlangem Spielen, wo wir einfach aufgehört haben und plötzlich alles leuchtend und warm wirkte. Dieses Zusammenspiel von Kälte draußen und Wärme im Moment ist wahrscheinlich der Ursprung dieser nordischen Grundstimmung (, die nicht geplant war). Ich bin gespannt, wie sich unsere Musik verändern wird, wenn wir einmal im Sommer aufnehmen

„Es geht darum, dass die Instrumente dort enden, wo die Elektronik beginnt, und umgekehrt.“

Wie habt ihr euch das Ganze eigentlich finanziert?

Thelonious Hamel: Ein großer Dank geht an die Musik-Tonträger-Sonderförderung der Stadt Salzburg 2025. Dadurch konnten wir unter anderem ein professionelles Mastering organisieren (Danke an Svilen Angelov für deine tolle Arbeit) und Studios mieten. Ergänzt wurde das durch unsere eigene Arbeit und viel Eigenleistung, die wir ohnehin immer in unsere Projekte investieren.

Die Förderung war der einzige externe Finanzierungsteil, alles andere haben wir selbst getragen. So war es uns möglich, endlich als Duo Musik zu veröffentlichen, die nicht aus Filmprojekten oder Ähnlichem entstanden ist, sondern wirklich unsere eigene Musik darstellt.

Wird es weitere Zusammenarbeiten geben bzw. Live-Präsentationen?



Jakob Vasak: Ganz sicher, wir arbeiten gerade schon an einer LP, bei der das Musikalische noch mehr im Vordergrund steht als hier.

Thelonious Hamel: Ja, auf jeden Fall. Wir werden so viel wie möglich live spielen, um den Charakter unserer Musik auch direkt erlebbar zu machen – das, was wir hier in Teilen im Interview besprochen haben, entsteht ja oft erst im Moment und im Raum.

Obwohl unsere Musiken, die wir gemeinsam machen, sehr unterschiedlich klingen, folgen sie immer derselben Philosophie/Grundgefühl, und das soll auch live spürbar werden können.

Danke für die Antworten.

Didi Neidhart

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Jakob Vasak & Thelonious Hamel (bandcamp)