„Wir leben in Freiheit“ – NAKED LUNCH im mica-Interview

Wenn eine Formation 25 Jahre alt wird und über Jahrzehnte einen beachtlichen Erfolg verbucht hat, dann lädt die heimische Presse zum Interview und schreibt sich die Finger wund. Huldigungen, Anerkennungen, Retrospektiven. Wir haben uns dafür entschieden, NAKED LUNCH selbst erzählen zu lassen, weniger von Musik, sondern vielmehr von einem Leben mit und rund um die Musik. HERWIG ZAMERNIK und OLIVER WELTER sprachen mit Lucia Laggner.

Naked Lunch feiert 25. Geburtstag. Man kann sich vorstellen, dass in Zeiten dieses Jubiläums auch die Vergangenheit stärker ins Bewusstsein rückt. Ein derartiges Ereignis gleicht einem runden Geburtstag, den man feiert, um sich urplötzlich bewusst zu werden, wie lange man schon auf dieser Welt ist. Als ob es nicht klar wäre, dass jeder Tag ein Tag länger ist. Welche Gedanken gehen Ihnen in dieser Zeit durch den Kopf?

Herwig Zamernik: In Wahrheit haben diese 25 Jahre mit dem Altern zu tun. Im Zuge solcher Jubiläen wird man sich dessen bewusst. Zu viel darf man darüber gar nicht nachdenken und ich persönlich tue das auch nicht. Jeder Tag ist ein neuer Tag und jeder Tag könnte ein Jubiläum sein.

Oliver Welter: Man muss ergänzen, dass wir in diesen Dingen relativ schlecht sind. Wir hätten auf dieses Jubiläum vergessen. Unsere Plattenfirma hat uns darauf aufmerksam gemacht. Sie musste auch geradezu Überzeugungsarbeit leisten, damit wir ein neues Album aufnehmen. Letztlich müssen wir uns dafür ja auch nicht schämen, sondern es ist gut, sich auch mal selbst zu feiern. Ich bin jemand, der seinen Geburtstag kategorisch nicht feiert. Die Reflexion in Bezug auf diese 25 Jahre ist eigentlich erst mit den Interviews losgegangen. Vergessenes kommt zum Vorschein, man denkt wieder an gewisse Ereignisse. Das muss nicht wahnsinnig psychologisch oder kontemplativ sein. Man erinnert sich einfach. Das macht schon auch Spaß.

Herwig Zamernik: In unserer gemeinsamen Vergangenheit als Naked Lunch war auch vieles sehr zwiespältig. Das hat uns dazu veranlasst, nicht mehr viel darüber zu reden, weil im Erinnern ja auch viel Konfliktpotenzial liegt. Das haben wir fünfzehn Jahre lang durchgezogen. Erst durch den letzten Promotiontag und durch Interviews haben wir nach zig Jahren wieder über die Vergangenheit gesprochen.

Und das war dann kein Problem?

Herwig Zamernik: Problem war es keines, aber wir haben uns unfassbar angesoffen. Das haben die letzten Interviewpartnerinnen und -partner auch schmerzlich zu spüren bekommen. Es war lustig, hat aber auch zusammengepasst.

Oliver Welter: Ich glaube schon, dass wir einen Punkt erreicht haben, an dem wir uns nicht selbst überschätzen. Wir postulieren das nicht nach außen und glauben auch nicht, dass Naked Lunch die bedeutendste Band der letzten 25 Jahre ist. Wir stellen uns in Relation zu anderen Dingen. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht und viel miteinander geschaffen. Andere Menschen, die so lange in einem Betrieb arbeiten, tun das allerdings auch.

Herwig Zamernik: Ich finde, es ist eine Mischung aus Betrieb und Familie. Naked Lunch ist für mich schon eine erweiterte, enge Familie. Und das ist im Großen und Ganzen auch gut. Aufarbeiten müssen wir nicht viel. Wir haben ja niemanden umgebracht. Nicht einmal uns gegenseitig.

Sie haben in den vergangenen Jahren einige Interviews geführt und Fragen beantwortet und werden das auch in den kommenden Wochen zur Genüge tun. Um hier ein bisschen anders vorzugehen, würde ich Ihnen gerne 23 Begriffe nennen und Sie darum bitten, assoziativ zu antworten.

Routine?

Oliver Welter: „Routine“ ist oft ein negativ besetzter Begriff. Für mich ist er es allerdings gar nicht. Ich mag routinierte Abläufe sehr gerne. Wenn wir beispielsweise auf der Bühne gut sind, ist das ein Resultat von Routine. An sich ist sie etwas Gutes, wenn man eine Tätigkeit aufgrund dessen besser ausführen kann.

Herwig Zamernik: Routine kann in anderen Beziehungen auch der Tod sein. Es geht darum, wie man damit umgeht.

Leidenschaft?

Herwig Zamernik: Das Um und Auf.

Oliver Welter: Ja.

„Tatsächlich hängt das Musikerdasein stark mit Routine, Arbeit und Organisation zusammen.“

Musikerdasein?

Herwig Zamernik: Das stellt man sich als Nichtmusikerin beziehungsweise Nichtmusiker immer ganz anders vor, als es ist. In Wahrheit muss man sich, wie in jedem anderen freien Beruf, sehr gut organisieren und man braucht eine große Leidenschaft für das eigene Tun. Tatsächlich hängt das Musikerdasein stark mit Routine, Arbeit und Organisation zusammen. Ich brenne immer noch dafür und würde nicht tauschen.

Bühne?

Oliver Welter: Das Beste überhaupt. Aber man muss es mögen. Wenn ein Mensch auf der Bühne steht, kann man sehen, ob das der Fall ist. Ich kann nicht sagen, ob ich auf der Bühne gut bin, aber ich weiß, dass ich mich sehr gern auf einer Bühne veräußere. Ohne diesen Ort würde ich mich in meinem Leben schwertun.

Erfolg?

Herwig Zamernik: Eigentlich langweilt es mich, über Erfolg nachzudenken. Für viele ist es ein dominierendes Thema. Ist es Erfolg, dass wir in einer westlichen Welt sitzen und die ganze Zeit darüber nachdenken, wie schlecht alles sei, obwohl alles bis obenhin vollgestopft ist? Das ist alles sehr abgehoben und eigentlich ekelhaft. Alle wollen erfolgreich sein, besuchen Workshops mit dem Titel „How to be successful“ und kaufen sich Bücher von irgendwelchen Scharlatanen, die ihnen den Weg zum Erfolg weisen. Ich empfinde das als abschreckend.

„An sich sind auch wir in unserem Tun einer Tradition verpflichtet […]“

Tradition?

Oliver Welter:
Aus Kärnten kommend ist dieser Begriff sehr schwierig zu bewerten. Er ist und wird negativ besetzt. An sich sind auch wir in unserem Tun einer Tradition verpflichtet und auch wir bedienen uns oft unbewusst tradierter Elemente.

Herwig Zamernik: Leider wird dieser Begriff so dermaßen missbraucht. Die Rechten schreiben ihn sich auf ihre Fahnen. Daher können wir Links-links-Radikalen mit dem Begriff schwer umgehen. Möglicherweise sollten wir ihn wieder mehr an uns reißen.

Heimat?

Herwig Zamernik: Das ist mir eigentlich wirklich wurscht. Ich finde es schön, wenn jemand es als angenehm und erdend empfindet, eine Heimat zu haben. Aber auch dieser Begriff wird von den Rechten benutzt und missbraucht.

Studio?

Herwig Zamernik: Studio ist gleich Werkstatt.

Trends?

Oliver Welter: Wenn es um Jugendkulturen geht, ist ein Trend mit vielem verbunden. Lifestyle, Haltung, Musik. Wanda steht für was. Die machen nicht einfach Lieder, sondern die stehen für etwas. Aber nicht für Konformismus. Das finde ich super. Tocotronic hat dazu ein großartige Lied geschrieben: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“. Man dürstet danach, nicht nur Teil eines Trends, sondern einer Bewegung zu sein.

Einflüsse, Prägungen?

Oliver Welter:
Einflüsse sind enorm wichtig und man ist nie von ihnen befreit. Ich kann Ihnen sofort die Singersongwriterinnen und Singersongwriter nennen, die ich super finde und immer schon super gefunden habe. Und ich finde gut, dass es so ist. Ich finde es wichtig, dass man die Einflüsse in der eigenen Musik auch hört.

Geld?

Oliver Welter: Wir haben oft darüber geredet. Ein Leben mit Geld ist einfach besser als eines ohne. Diese seltsame Aussage, dass Geld allein nicht glücklich macht, ist schon etwas absurd. Denn kein Geld zu besitzen, macht sehr unglücklich.

Soziale Medien?

Herwig Zamernik: Sie sind fixer Bestandteil unseres zeitgemäßen Lebens. Viele beschweren sich darüber, andere können nicht ohne. Ich finde es super, wenn Michael Marco Fitzthum (Wanda) sagt, dass er kein Internet braucht. Es ist allerdings eine Sonderstellung, sich so versperren zu können. Und möglicherweise entgeht einem in dieser Abstinenz auch ein Teil des Lebens, das jetzt gerade passiert. Darüber kann man diskutieren.

Oliver Welter: Als im 19. Jahrhundert das Telefon erfunden wurde, haben sich auch einige gedacht, das sei das Ende der Welt. Es geht immer darum, wie ich selbst mit Entwicklungen und Neuerungen umgehe. Wenn sich irgendwelche Nerds zwanzig Stunden am Tag in den sozialen Medien herumtreiben und deshalb keinen Sex haben, ist das nicht mein Problem. Ich mach beides. Gleichzeitig.

„Du bist verantwortlich für alles, was du dir vertraut machst.“

Verantwortung?

Herwig Zamernik: Ich habe selbst Kinder und für sie Verantwortung. Das ist gut so.

Oliver Welter: Mein Leben hat sich entschieden zum Besseren verändert, seit ich Vater geworden bin. Bis dahin war ich für mich selbst verantwortlich, aber dann stellt sich urplötzlich dieses Gefühl ein, ganz konkret für jemand anderen verantwortlich zu sein. Das war und ist ausschließlich positiv.

Herwig Zamernik: Der kleine Prinz sagt: „Du bist verantwortlich für alles, was du dir vertraut machst.“ In dem Moment, wo wir hier zu dritt sitzen, entsteht auch Verantwortung. Wenn wir auf Ihre Fragen nur Schwachsinn antworten würden, dann hätten Sie ein Problem, weil wir unsere Verantwortung bewusst ablegen würden.

Tournee?

Herwig Zamernik: Ich bin gerne auf Tournee. Man fährt den ganzen Tag von A nach B, kommt in einem Ort und einem neuen Raum an, spielt ein Konzert und muss sich währenddessen um nichts anderes kümmern, an nichts anderes denken. Wir sind allerdings auch gar nie so lange und exzessiv auf Tour, dass wir tourmüde werden könnten.

Zukunft?

Oliver Welter: Schaut schlecht aus bei mir.

Dummheit?

Oliver Welter: Mich hat es eigentlich schon als Jugendlicher gestört, dass man sich dafür rechtfertigen muss, nicht dumm sein zu wollen. Wenn man da im Fußballverein in der Kabine ein Buch gelesen hat, dann war man gleich der Supergscheite. Ich finde es unglaublich wichtig, dass sich Menschen für Themen – was auch immer siees sein mögen – aktiv und bewusst interessieren.

Kritik?

Herwig Zamernik: Kritik auszuteilen ist wichtig, und sie anzunehmen ist es auch. Das braucht der Mensch.

Oliver Welter: Philosophisch betrachtet ist dieser Begriff wahnsinnig wichtig. Thomas Edlinger, den ich sehr schätze, hat gerade ein Buch über die Geschichte der Kritik geschrieben. Für mich persönlich ist Kritik ein zentrales Element im Leben. Der kritische Mensch ist mir lieber als der unkritische. Sich hinzustellen und Kritik zu üben bedeutet, dass ich mich mit etwas beschäftige.

„Fans sind das Salz in der Suppe.“

Fans?

Oliver Welter: Fans sind das Salz in der Suppe. Ohne sie sind wir auf verlorenem Posten. Ich halte Aussagen wie „Wir machen das nur für uns“ überhaupt nicht aus. Im Schaffensprozess sind wir auch auf uns konzentriert, aber natürlich ist die Zustimmung – gerade bei Konzerten – total wichtig. Das können so schöne Stunden sein. Der Begriff „Fan“ ist mir sehr vertraut, weil ich mich auch selbst immer wieder als solcher sehe.

Herwig Zamernik: Was gibt es Schöneres, als wenn man etwas macht, von dem die Menschen Fans sind. Das heißt ja, dass sie verstehen, was man tut, und einen dadurch enorm unterstützen. Fans sind geil.

Musikpreise?

Oliver Welter: Gut, dass es sie gibt.

Musikvideos?

Oliver Welter: Ich habe die Entstehung und den Untergang dieses Mediums erlebt. Damals war das wahnsinnig spannend, denn es ist eine Ebene entstanden, die davor einfach nicht vorhanden war. Für mich hat es sich allerdings erschöpft. Heute machen mich Musikvideos eher müde. Das hat sicher auch mit einer persönlichen Übersättigung zu tun, aber auch damit, dass immer wieder das Gleiche gebracht wird.

Herwig Zamernik: Für mich ist es gerade umgekehrt. Früher haben mich Musikvideo-Drehtage immer ein bisschen angezipft. Mittlerweile finde ich diesen Prozess total spannend. Ich sehe immer wieder Videos, die so stimmig sind, dass sie mich sprachlos machen.

„Ewige Jugendlichkeit wäre allerdings auch langweilig.“

Jugend und Alter?

Herwig Zamernik: Mein Sohn hat heute beim Frühstück gesagt: „Papa, weißt du eigentlich, dass Menschen, die sich im Alter mit Computern beschäftigen, weniger alzheimergefährdet sind als Menschen, die es nicht tun?“ Das hat mich angeregt. Wenn man sich mit Dingen beschäftigt, dann altert man langsamer. Das ist der Trick.

Oliver Welter: An und für sich ist das Altern scheiße. Noch betrifft es uns ja nicht, aber auf uns wartet ein ewiges Siechtum, sich nicht mehr bewegen können, Demenz. Daran kann ich nun wirklich nichts gut finden. Ewige Jugendlichkeit wäre allerdings auch langweilig.

Herwig Zamernik: Ich kenne Menschen, die sind über siebzig und sind immer noch sehr aktiv. Das ist mein ewiger Positivismus, aber ich denke, dass man auch gemütlich altern kann. Wenn ich mich nur mehr schlecht fühle und vor mich hin sieche, dann spring ich einfach wo runter.

Oliver Welter: Stell dir vor, du sitzt dann im Alter auf einer Parkbank, eine fünfundzwanzigjährige schöne Frau geht vorbei und denkt maximal daran, dir beim Aufstehen helfen zu wollen. Das ist doch übel.

Freiheit?

Herwig Zamernik: Wir haben leicht reden. Wir leben in Freiheit.

Oliver Welter: In Herwig und meinem Leben ist die Freiheit ein großes Thema. Wir haben uns ja nicht am 28. März 1984 überlegt, dass wir Musiker sein wollen. Das ist sicher auch aus einem ausgeprägten Freiheitsgedanken entstanden. Für mich wäre ein Leben, in dem meine Freiheit eingeschränkt ist – wie etwa bei jedem Nine-to-five-Job – fürchterlich. In einem klassischen Arbeitsverhältnis würde ich mich nach zwei Wochen ganz einfach umbringen. Das hielte ich nicht aus. Ich mache ein klassisches Leben einfach nicht mit, das nehme ich mir heraus. Wenn man sich für so einen Weg entscheidet, dann kann es natürlich sein, dass man auch mal für längere Zeit existenzielle Tiefen überwinden muss.

Genuss?

Oliver Welter: „Genuss“ ist ebenso wie die Leidenschaft ein sehr zentraler Begriff in meinem Leben. Wenn man so hedonistisch veranlagt ist wie ich, dann ist der Genuss ganz essenziell. Ich kann mit genussfreien Menschen und einer genussreglementierenden Gesellschaft nichts anfangen. Ich glaube, dass man ebenso genussvoll vier Bücher am Tag lesen kann, wie man genussvoll auf den Berg gehen oder sich täglich vier Spritzen Heroin gebe kann. Wer schreibt uns vor, was davon kein oder ein Genuss sein soll?

Herwig Zamernik: All diese Begriffe, die wir besprochen haben, zeigen mir wieder, dass alles so dermaßen überfüllt ist. Am besten sollten wir alles haben, alles können und alles unterbringen. Wir sollten Erfolg haben, genießen, die Freiheit nicht aus den Augen verlieren und auch im Alter noch glücklich sein. Es gibt für alles eine Anleitung und durch all das Sinnieren, ob man alles richtig macht, zerstört man das eigentliche Erlebnis.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Lucia Laggner

Fotos Naked Lunch (c) Ingo Pertramer

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