Wien modern?

Das Skandalkonzert vom 31. März 1913 hat wie selten deutlich in der Geschichte zuvor ein tief verwurzeltes Phänomen aufgezeigt: die Diskrepanz zwischen einem als notwendig empfundenen künstlerischem Tun und der ästhetischen Erwartungshaltung eines durchaus emanzipierten, sich der Kunstbeurteilung daher selbstbewusst anheischig machenden Publikums, gerade in Wien, wo zuvor auf mildere Weise die Dispute zwischen Brahms- und Bruckneranhängern geführt wurden.

Dass ausgerechnet Wien vom Schicksal eine Vorreiterrolle in Sachen neuer Musik zugespielt wurde, und nicht etwa Berlin oder Paris (trotz der in Paris fast gleichzeitig zum Wiener Skandalkonzert stattgefunden habenden Sacre-Erschütterung), mag kein Zufall sein, brodelte es doch dort um die Jahrhundertwende in fast allen Bereichen der Kunst – und nicht nur dort. Zudem dürfte gerade in Wien der Innovationsdruck vor schier übermächtiger historischer Bürde auf den Komponisten besonders gelastet haben. Nur hier konnte die Gruppe um Arnold Schönberg entstehen. Und auch nur als Gruppe konnte sie erfolgreich werden, denn mit der Etikettierung „Zweite Wiener Schule“ (selbst wenn als Terminus erst später eingebürgert) ließ sich – vor dem Hintergrund einer „Ersten“ – am besten Aufmerksamkeit erringen. Nicht die Idee einer Gruppierung an sich war neu. Da gab es in Russland „Das mächtige Häuflein“, in Frankreich entstand die „Groupe des Six“. Es war die deklarierte und beanspruchte Vorreiterstellung: die Avantgarde im eigentlichen Sinn des Wortes, die, wenn auch selbsternannte, Elite innovativer musikalischer Kunst.

Dieses Denken sollte sich zunächst durchsetzen, zumindest in Zentraleuropa. Noch unter Adornos geistiger Regentschaft schien der Führungsanspruch einer kleinen, elitären Komponistengruppe ungebrochen, obgleich die ersten Grunderschütterungen, nicht zuletzt durch John Cage (pikanterweise Schönbergs Schüler), bereits in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts sich zeigten. Im Zuge der globalen Öffnungen, Destabilisierungen politischer Natur und weltweiten Vernetzungen ist die Situation der neuen Musik inzwischen eine grundsätzlich andere geworden. Ein Symposium über Künftiges in Sachen Musik muss von anderen Prämissen ausgehen als solchen der Schönberg-Schule vor 100 Jahren oder jenen zu Gründerzeiten der Darmstädter Ferienkurse etwa.

Statt eine Prognose zu stellen, wie künftig die Musik aussehen wird oder gar auszusehen hat –  ein heute wahrhaft vermessenes Unterfangen – wären die Fragen anders zu stellen: Was bedeutet heute „neu“ in der Musik oder „modern“? Welche Rolle spielt Wien/Österreich in dieser globalen Gemengelage? Wie weit lassen sich Grenzen zwischen E- und U-Musik heute noch aufrechterhalten? Wo finden in der Musik – wenn überhaupt – heute noch Skandale statt und was sind die Ursachen? Leitfigur – Leidfigur / Kunstfigur- Kultfigur? Diese und andere Schlagworte umreißen das komplexe Themengebiet des Symposions. (14. -16. Juni 2013, Wiener Konzerthaus)

 

http://www.komponistenbund.at/
https://www.musicaustria.at/mica/aktuelles-projekte/hausnachrichten/neue-musik-heute-symposium-zur-aktuellen-situation-der-neuen