Christoph Pepe Auers neues Album heißt „Lake“, und es ist ohne Bass und mit Cello und Synthesizer nicht nur neuerlich ungewöhnlich besetzt, sein Titel ist auch unbewusst programmatisch geraten. Mit Markus Deisenberger sprach er über die emotionale Achterbahnfahrt seiner Entstehung, welche Rolle Wein dabei spielte, und wie es ist, wenn man nach längerer Zeit unter Wasser wieder auftaucht.
Der Grund, warum es mit dem Album ein wenig länger gedauert hat, ist, dass du eine Operation am Zwerchfell hattest. Das stelle ich mir für einen Saxophonisten unangenehm bis existenzbedrohend vor.
Christoph Pepe Auer: Ja. Ich hatte einen Zwerchfellbruch – eine Abnutzungserscheinung, die vom Ausmaß her so massiv war, dass man sie operieren musste, was mich wie in einem schlechten Film zwang, sechs Monate Pause zu machen. Das war, als ob jemand zu dir sagt, dass du deinen Beruf sechs Monate nicht mehr ausüben kannst. Ein ziemlicher Einschnitt. Ein Schock. Und dann muss man das einfach annehmen, worin ich mittlerweile ganz gut bin.
Wieso bist du gut darin?
Christoph Pepe Auer: Ich hatte mal einen Bergunfall, bin beim hochalpinen Wandern abgestürzt und musste mit dem Helikopter geborgen werden. Mit Abseilen und dem vollen Programm. Da trug ich sechs verschiedene Knochenbrüche davon und war lange auf Reha, was mich insgesamt zu fast einem halben Jahr Pause zwang. Ich habe also Erfahrung darin, in so einer Situation zu sein und sie annehmen zu müssen. Aber dieses Mal war es noch viel schlimmer, weil ich nicht spielen durfte. Und ich fühlte mich auch keineswegs krank, durfte nur nichts tragen und nicht spielen und hatte viel Zeit, mir Gedanken zu machen.
Die du offenbar genutzt hast, wir das aktuelle Album zeigt.
Christoph Pepe Auer: Wir haben das Album noch vor meiner Operation aufgenommen – in dem Wissen, danach gut damit durchstarten zu können. Vieles konnte ich im Voraus planen.
Im März hast du dein erstes Konzert nach der OP gespielt. Wie lief das?
Christoph Pepe Auer: Das war eine sehr spannende Erfahrung für mich, denn ich musste erst herausfinden, wie es sich anfühlt, wieder zu spielen. Natürlich war da im Vorfeld auch etwas Angst dabei. Erstaunlich war dann aber, dass schon der erste Ton genauso klang wie früher – damit hätte ich nicht gerechnet. Nur an der Ausdauer hat es noch ein wenig gefehlt. Also habe ich mit gezielten Übungen begonnen, und inzwischen ist alles wieder wie zuvor. Heute kann ich ganz entspannt darüber sprechen, aber damals war es wirklich eine emotionale Achterbahnfahrt. Im Nachhinein passt das sogar ganz gut zum Albumtitel Lake – das ist mir erst jetzt so richtig bewusst geworden. Vielleicht habe ich den Titel unterbewusst gewählt, weil es bei mir tatsächlich ums Wiederauftauchen ging. Es hat sich wirklich so angefühlt, als wäre ich eine Zeit lang untergetaucht – und dann wieder an die Oberfläche gekommen.
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Interessant. Als ich die Titel „Lake“ und „Cloud“ las, habe ich zuallererst vermutet, dass du viel in der Natur warst und sich das auf die Titelgebung ausgewirkt hat.
Christoph Pepe Auer: Das sowieso. „Cloud“ ist die erste Single, die rausgekommen ist…
… und „Lake“ ist die zweite, zu der es ein bemerkenswertes Video gibt.
Christoph Pepe Auer: Ja, das Video wurde nicht an, sondern in einem Tiroler Bergsee gedreht. Wir haben so lange gespielt, bis wir untergingen. Das heißt: Wir sind vom Ufer langsam reingegangen und haben dabei live musiziert. Spielen, bis man untergeht sozusagen. Ich schaue immer, dass meine Videos live mit einem guten Sound aufgenommen sind, aber draußen in der Natur spielen. Mit tollen Kameraleuten und tollen Drohnen-Shots.
Das letzte Album war kammermusikalisch und elektronisch angelegt. Wie siehst du im Vergleich dazu das aktuelle?
Christoph Pepe Auer: Vor zehn Jahren war ziemlich genau der Start, auf diese Art zu musizieren. Da entstanden die Ur-Band und ihr erstes Album „Songs I like“. „White Noise“ folgte dann 2019. Und nun also „Lake“, das dritte Album. Ich sehe die drei Alben ein bisschen als zusammenhängende Trilogie. Vorher war ich eher im Modern Mainstream und im Traditional Jazz unterwegs. Erst mit dem ersten dieser drei Alben hat sich mir diese neue Welt eröffnet: Einen analogen Synthesizer und ein Cello dazu zu nehmen.
Und du spielst auf dem Album mehr Bassklarinette als Saxophon.
Christoph Pepe Auer: Ja, es ist mehr Klarinette drauf als Saxophon, genau. Wahrscheinlich ist es jeweils ein Drittel Klarinette, eines Bassklarinette und ein Drittel Saxophon.
Was war der Grund dafür?
Christoph Pepe Auer: Das hat sich einfach so entwickelt.
Immer wieder hatte ich beim Hören des Albums den Eindruck, es wäre der Soundtrack zu einem (imaginären) Film
Christoph Pepe Auer: Seltsam. Die Assoziation höre ich oft. Beim letzten Mal haben mir viele Leute gesagt, sie würden das Album so gerne beim Autofahren hören, weil es sich bei manchen Songs zumindest wie ein Roadtrip anfühle. Die Komplexität liegt bei meiner Musik weniger im Harmonischem als im Rhythmus und im Sounddesign. Wir haben uns sehr genau überlegt, wie das klingt. Die Band hat eigentlich gar keinen Bass, sondern wir wechseln uns in dieser Rolle ab. Einmal übernimmt das Cello die Bassfunktion, dann der Synthesizer, die Bassklarinette oder mein Spezialinstrument, die Kontrabassklarinette: Ein zwei Meter hohes Ding, das von der Range tiefer als der Kontrabass geht, aber ein fragiles, sehr leises Instrument ist. Jeder, der das Instrument zum ersten Mal sieht, erwartet sich, dass dieses riesige Instrument sehr laut sein muss. Ist es aber nicht. Eigentlich ist es leicht und hat einen leicht knarrigen Sound. Wie eine Holztür, die sich leicht knarzend öffnet. Wenn man die Kontrabassklarinette barfuß auf dem Parkettboden spielt, merkt man wie der Boden schwingt. Das hat etwas sehr Erdiges.

Wie kam es zu dem Namen „White Noise“?
Christoph Pepe Auer: Das beruht auf zwei Ideen. Einmal kennt man „White Noise“ aus dem Bereich der Tontechnik. Dort verwendet man den Begriff für das Klangbild, das man erhält, wenn man bei alten Radios den Sender nicht einschaltet. Aber auch in der Natur findet man „White Noise“: Beim Klang eines Wasserfalls etwa. Man meint damit durchgehende Sounds, bei denen alle Frequenzen gleichmäßig vorhanden sind, wodurch ein gleichmäßiges Klangbild entsteht. Dieses Bild, dass man auch Instrumente so platzieren kann, dass es frequenztechnisch gut miteinander harmoniert und ausgeglichen ist, hat mir immer gut gefallen. Das wäre die Grundidee. Gleichzeitig dient der Begriff in der Wissenschaft dazu, Sounds zu umschreiben, die Gehirnwellen aktivieren oder beruhigen. Es gibt Studien, wonach man bei bestimmten Noise-Beschallungen besser lernen kann. Die Bandbreite, was dieser Begriff alles in sich trägt, hat mich begeistert.
Wie kam es zur ungewöhnlichen Besetzung der Band?
Christoph Pepe Auer: Ich habe lange überlegt. Dadurch, dass ich viel die Bassklarinette verwende, wollte ich der Besetzung mit einem Kontrabass aus dem Weg gehen. Sobald du nämlich den Kontrabass dabeihast, ist in dieser Klangwelt schon so viel abgedeckt. Wir vergeben die Rolle des Basses unterschiedlich – jeder übernimmt diese Funktion mal mit seinem Instrument – was das Arrangieren unheimlich spannend macht. Oft wechselt das auch innerhalb eines Songs hin und her. Niemand hat eine fixe Funktion, niemand spielt nur Melodie oder nur Harmonie. Und zum Ausgleich, damit man auch die ganz tiefen Töne dabeihat, haben wir den Bass-Synth eingesetzt. Das war die Sound-Idee. Ein weiterer triftiger Grund, ein Cello einzusetzen, ist natürlich auch die Person, die es spielt: Clemens Sainitzer. Jede Instrumenten-entscheidung ist ja immer auch eine Personenentscheidung. Er spielt es einfach super. Den Pianisten Michael Tiefenbacher kenne ich schon aus meiner Tiroler Zeit. Er kommt auch von dort, wo ich aufgewachsen bin. Aus Rum, einer kleinen Ortschaft zwischen Hall und Innsbruck.
War die Arbeit am Album gehetzt, weil du es unbedingt fertigmachen wolltest?
Christoph Pepe Auer: Nein, ich hatte schon genug Zeit und Muße, die Stücke zu schreiben und einzuproben. Wir hatten im Tonstudio, dem „Wavegarden“ in Retz, auch eine sehr gute Zeit. Das Spezielle ist, dass dort ein Steinway D-Flügel steht. Es gibt nicht viele Studios, in denen ein so gutes Klavier drinsteht. Und: Man fährt aus Wien raus und findet dort einen ganz eigenen Kosmos vor. Ich finde es immer gut, für Aufnahmen raus aus Wien zu kommen, damit man nicht im Alltag drinsitzt. Ich finde, man kann so besser in die Musik eintauchen.
Wir lang habt ihr fürs Aufnehmen gebraucht?
Christoph Pepe Auer: Drei Tage.
Das stelle ich mir sehr intensiv vor.
Christoph Pepe Auer: Wir haben die Zeit genutzt, aber es war nie stressig. Unser Schlagzeuger der Band ist ein absoluter Weinkenner, macht gerade die Weinakademie. Er hat uns gut betreut.
„Chokladkaka“ ist eine alte Nummer, die es in der Version ´25 auf das Album geschafft hat. Ich kenne eine alte Version des Songs, die du gemeinsam mit Manu Delago gespielt hast.
Christoph Pepe Auer: Die gibt es auch, ja, aber es gibt viele Versionen dieses Songs.
Wieso musste er noch einmal sein?
Christoph Pepe Auer: Gute Frage. Die Nummer gibt es schon seit zwanzig Jahren, und irgendwie habe ich sie fast in jeder Band gespielt: Vom Duo bis zur Bigband. Ich habe vor langer Zeit ein Erasmus-Jahr in Schweden absolviert, deshalb dieses Wort, es ist die schwedische Bezeichnung für einen saftigen Schokoladekuchen, dieses typische Stockholmer Ding. Das Stück begleitet mich seitdem. Auf dem letzten Album „White Noise“ war es einmal nicht oben, und dann habe ich es bereut. Es wollte einfach wiederkommen.
In einem alten Video spielt ihr beide – Manu Delago und du – die Nummer in einem interessanten, sehr privaten Setting. Was war das für eine Location?
Christoph Pepe Auer: Wir haben für eine DVD-Produktion damals eine Ausschreibung gemacht, in der sich Leute mit ihren Wohnzimmern bewerben konnten, und haben dann unter den Bewerber:innen acht ausgesucht und dort jeweils ein Konzert gespielt. Die Konzerte haben wir mitgefilmt. Auf die DVD haben wir dann jeweils einen Song von jeweils einem Wohnzimmer genommen.
Schöne Idee. Im Video kommt einmal eine ältere Dame ins Bild, die den Tränen nahe ist.
Christoph Pepe Auer: Man ist schon sehr nah bei den Leuten, wenn man bei ihnen zu Hause spielt.
Mein Lieblingsmoment ist, wenn Manu Delago deine Saxophonklappen drückt.
Christoph Pepe Auer: (lacht) Gegenseitig aushelfen ist wichtig.
Eine Nummer auf dem neuen Album heißt „Rhythm of Life“. Was ist dein Rhythm of Life?
Entspannt, aber trotzdem hochkonzentriert wie die Nummer daherkommt?
Christoph Pepe Auer: Super Assoziation. Ein Scherz, der aber 60% Wahrheit in sich trägt, ist ja der, dass man sein ganzes Leben lang ohnedies immer wieder die gleichen Lieder komponiert. Und es stimmt ja auch: Obwohl man das Gefühl hat, jedes Mal etwas Neues zu schreiben, ist die Grundidee dieselbe. Oder, sagen wir, man hat zwei, drei Ideen, die man variiert. Der Rhythmus der Nummer ist einer, den ich sicher schon zwanzig Mal komponiert, aber in unterschiedliche Formen gegossen habe. Mein Lebensrhythmus also, den ich immer wieder schreibe.

Auf einem Album will man Abwechslung bieten und trotzdem einer bestimmten Klangsprache treu bleiben. Wie erlebst du diese Spannung?
Christoph Pepe Auer: Man will einen roten Faden bieten, es sollen aber energetisch Wellen drinnen hat. Ich sehe da das Album und das Live-Spielen als zwei unterschiedliche Medien und versuche nie, mit der CD das Live-Konzert darzustellen. Die Soli sind auf einem Album kürzer, live gibt es mehr Freiheiten. Auf dem Album ist es komprimierter, ausgecheckter, näher an der Idee. Live lässt sich der Moment gestalten.
Totale Impro also?
Christoph Pepe Auer: Im Rahmen der Ideen, ja. Das kann man nicht verhindern, im positivsten Sinne nicht.
Was hat es mit dem „Dreierkarton“ auf sich?
Christoph Pepe Auer: Das ist die einzige Nummer, die ich gemeinsam mit unserem Schlagzeuger, Christian Grobauer, geschrieben habe. Der Begriff kam von ihm: In einem Dreierkarton sind immer drei Flaschen Wein zu je einem Dreiviertelliter drin. Drei Mal drei Viertel also.
Wie kamst du eigentlich zum Saxophon bzw. zur Klarinette?
Christoph Pepe Auer: Ich bin in Tirol mit der Volksmusik aufgewachsen, habe zehn Jahre Ziehharmonika gespielt. Mein Großvater war Kapellmeister der Polizeimusik, ein sehr ambitionierter Hobbymusiker. Irgendwann kam die Klarinette dazu, weil sie in der Volksmusik immer als ein Instrument galt, das etwas wert ist. Und von der Klarinette war es nicht mehr weit zum Saxophon. Auch beim Schlagzeug war ich aber dabei und eigentlich auch schon besser als auf dem Saxophon. Vor dem Studium war das die große Entscheidung: Schlagzeug oder Saxophon?
Hast du es jemals bereut. Dich für das Saxophon entschieden zu haben?
Christoph Pepe Auer: Nein, nie. Obwohl: Einmal schon, aber nur kurz. Vor der OP.
Vielen Dank für das Gespräch.
Markus Deisenberger
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Christoph Pepe Auer live:
30.05. Treibhaus, Innsbruck
31.05. Café Stockwerk, Graz
01.06. Porgy & Bess, Wien
23.09. Theaterstübchen, Kassel (DE)
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