Stepan Sobanov hat sich als Komponist auf die Musik für Videospiele spezialisiert. Wie das kam, ob er davon leben kann und was ihm die Teilnahme am Open Call des Projekts Let the Music Play Games brachte, verriet er Markus Deisenberger.
Wie kamst du zu Musik, wie kamst du zu Videospielen?
Stepan Sobanov: Ich habe als Kind wie viele andere auch auf der Playstation 1 gespielt. Das hat Spaß gemacht, und irgendwann mal habe ich mit zwölf Jahren dann realisiert, dass da jemand extra Musik dafür gemacht hat. Sofort war dieser erste Anreiz da, aber dann hat es mich zuerst einmal in Richtung Songs und Filmmusik getrieben. Ich wollte das in die Hand nehmen, studieren.
Was du dann auch gemacht hast.
Stepan Sobanov: Ja, ich habe auf der mdw den ersten Studienabschnitt in Komposition und Musiktheorie absolviert, d.h. eine wirklich klassisch-zeitgenössische Musikausbildung durchlaufen, und dann im zweiten Abschnitt Medienkomposition mit Schwerpunkt Filmmusik gewählt.
Wie ging es weiter?
Stepan Sobanov: In den Jahren 2019, 2020 durfte ich für ein Videospiel für Nintendo Switch namens Tilt Pack die Musik beitragen, und da habe ich richtig gemerkt, wie viel Spaß mir das macht. Danach gab es Sachen, die dazwischengekommen sind – ich bin Papa geworden und habe angefangen zu unterrichten, es waren einfach andere Prioritäten – aber verlassen hat mich die Faszination nie, und mit Ende 2024 habe ich mir einfach ein Herz gefasst und mich auf Videospiele spezialisiert. Ich mache zwar nach wie vor auch andere Sachen wie zum Beispiel Audio-Branding für Firmen, aber der Fokus liegt auf Videospielen, was für mich zu einem “Full-Circle-Moment” geführt hat: Denn Videospiele waren als Kind der Initialimpuls, um überhaupt in Richtung Musik zu gehen und was auszuprobieren.
Videospiele waren tatsächlich der Grund, Musik zu studieren?
Stepan Sobanov: Ja schon, ich habe zwar auch Blockflöte gespielt, auf der Musikschule gelernt und dann auch Gitarre gespielt, aber dieses Kompositorische, wirklich neue Musik schaffen zu wollen, kam durch die Liebe zur Videospielmusik.
Wie bist du dazu gekommen, für das Nintendo-Spiel Tilt Pack die Musik zu komponieren?
Stepan Sobanov: Über eine Konferenz damals für Videospielentwickler, in deren Rahmen es ein Game Jam gab. Da treffen sich Spielentwickler mit Komponisten und entwickeln in Teams – oft innerhalb kürzester Zeit, im konkreten Fall waren es nur 48 Stunden – einen Spielprototypen. Ich habe mich damals mit zwei deutschen Spielentwicklern zusammengetan und für einen Prototypen Musik gemacht. Ein paar Jahre später sind sie auf mich zurückgekommen. Sie hatten diesen Prototypen inzwischen eingereicht und eine Förderung bekommen. Weil ihnen die Musik, die ich gemacht hatte, so gut gefallen hatte, wollten sie, dass ich mit ihnen gemeinsam an der Vollversion des Spiels arbeite. So hat sich das ergeben.
Wie bist du zum Projekt “Let the Music Play Games”, einem europäischen Projekt, das sich der Innovation an der Schnittstelle von Musik- und Videospielindustrie verschrieben hat und an dem auch das mica beteiligt ist, gekommen? Wie bist du darauf aufmerksam geworden?
Stepan Sobanov: Einerseits durch den Newsletter, den ich von Anfang an verfolgt habe, andererseits hat mich eine Kollegin darauf aufmerksam gemacht. Jene Kollegin, die Sounddesign macht und mit der ich gemeinsam die Firma Inquill Audio gegründet habe.
Was hat die die Teilnahme am Open Call gebracht, was hat es ausgelöst?
Stepan Sobanov: Dadurch, dass das Projekt einerseits für Spielentwickler ausgelegt ist, andererseits aber auch für Musiker und Music Business-Expertinnen, gab es manchmal Themen, die einem schon ein bisschen vertrauter waren, andere waren komplettes Neuland. Das war sehr interessant und ungemein abwechslungsreich. Es war spannend, die Leute, die man von Online-Kursen kannte, im finnischen Tampere zu treffen und einfach mal einen menschlichen Austausch zu haben. Ich weiß nicht, wie es kommendes Jahr sein wird, aber dieses Jahr hat man sehr schnell gemerkt, dass alle Leute besonders an Musikrecht interessiert sind, sowohl von der Entwicklerseite als auch von der Komponist:innenseite – und das war sicher eine ganz, ganz große Anregung, wieso ich das jetzt ein bisschen aktiver in die Hand genommen habe.
Du hast einen eigenen Lizenzierungsvertrag entworfen. Der Hintergrund ist: Meistens werden Musikproduzent:innen von den Spielefirmen zum Buy Out gedrängt, d.h. sie werden vertraglich dazu verpflichtet, für eine bestimmte Summe auf alle Rechte zu verzichten. Genau das soll sich zugunsten der Urheber:innen ändern.
Stepan Sobanov: Genau. Die Message, die bei mir durchgekommen ist, war immer: Du kannst eh nicht viel machen, so ist halt die Videospielindustrie. Du musst einfach das Buyout in Kauf nehmen, und wenn du das nicht willst, dann ist das nicht das richtige Umfeld für dich. Und alle Projekte, die ich vor 2024 hatte, habe ich deshalb auch auf Buyout-Basis gemacht. Und ja, das ändert sich jetzt ordentlich. Also: Noch ist nichts in Stein gemeißelt, aber es schaut sehr gut aus, dass sich etwas ändern wird.

Warum ändert sich das? Weil ein Umdenken stattfindet? Weil Game-Entwickler einsehen, dass sie für ihre Zwecke gar nicht alle Rechte brauchen?
Stepan Sobanov: Einerseits ist das Timing gerade gut, weil die AKM seit einer Weile ein Abkommen mit Plattformen wie z.B. Twitch (ein interaktiver Livestreaming-Service, der für u.a. für Gaming genutzt wird, Anm.) hat. Und das ist natürlich eine gute Entwicklung, weil es die Game Developer jetzt weniger abschreckt, wenn man ihnen sagt, dass man bei der AKM gemeldet ist, was ja irgendwie schon mal Grundlage dafür ist, dass die Rechteübertragung kein volles Buyout ist. Und es bestehen zwar viele Ähnlichkeiten und ähnliche Werte zwischen Musik- und Gamingindustrie, aber weil es letztlich dann doch verschiedene Medien sind, gibt es viele Punkte, wo es sich nicht überschneidet. In der Vergangenheit hat das dazu geführt, dass die Spielentwickler:innen nicht wirklich den Standpunkt von den Musiker:innen und Komponist:innen, die für Spiele Musik machen möchten, verstanden haben und umgekehrt Komponist:innen und Musiker:innen nicht das Businessmodell der Gaming-Industrie bzw. wie genau das strukturiert ist. In diesem Sinne war und ist das Projekt Let the Music Play Games natürlich eine großartige Sache, weil die Lager aufeinander zugehen und voneinander lernen. Ich hatte schon davor durch Konferenzen und diverse Events die Möglichkeit, diese Synergien zu nutzen bzw. diese beiden Welten ganz gut kennenzulernen, aber LTMPG hat das nochmal verdichtet. Wenn man sich gemeinsam in einem Raum trifft, ist es viel einfacher, über solche Sachen zu sprechen.
Hat dich Let The Music Play Games in deinem Weg bestärkt?
Stepan Sobanov: Ja, schon auf jeden Fall. Ich kann die Teilnahme uneingeschränkt empfehlen.
Was machst du jetzt gerade? Woran arbeitest du?
Stepan Sobanov: Der April ist der intensivste Monat, den ich jemals hatte, aber ich sehe das als positive Challenge. Diese Woche habe ich noch einen Vortrag für die Spielfabrique, und sonst arbeite ich gerade an drei Videospielprojekten.
Sind das Indie-Projekte?
Stepan Sobanov: Ja. Der Erfolgsweg, den die meisten Composer gehen, ist, dass man sich halt von Indie-Game zu Indie-Game hocharbeitet. Nicht, dass mein Endziel unbedingt wäre, für große AAA-Games zu komponieren, weil ich selber eigentlich Indie-Games präferiere. Von dem her fühle ich mich auch sehr wohl in dem Bereich.
Derzeit sind es zwei österreichische Indie-Games und ein tschechisches Indie-Game, an denen ich gerade aktiv arbeite, und ein paar Sachen sind noch in der Pipeline. Ich bin dankbar, dass ich davon leben kann.
Ein schöner Schlusssatz. Vielleicht eine letzte Frage noch: Was sind die wichtigsten Aspekte, die Game-Musik von anderer Musik unterscheidet?
Stepan Sobanov: Es gibt zwei Aspekte: Das eine ist: Die Musik ist interaktiv. Je nachdem, was der Spieler macht, reagiert die Musik. Das andere ist die Dynamik. Trotz Interaktion gibt es im Spiel z.B. einen Tag-Nacht-Zyklus. Die Musik passt sich von Stunde zu Stunde an. Es gibt also dynamische und interaktive Ebenen. Letzten Endes ist es wie ein interaktiver Tanz, bei dem die Musik mit den Spielern interagiert. Es ist ein total faszinierendes Thema. Deshalb mache ich es so gerne.
Vielen Dank für das Gespräch.
Markus Deisenberger
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Hier der Link zum Open Call von Let the Music Play Games.
Bis zum 15. Mai 2026 um 23:59 Uhr können Interessierte noch einreichen.
