Zum dreizehnten Mal findet Anfang November im ORF Funkhaus Dornbirn das Fest für zeitgenössische Musik und Literatur aus Vorarlberg statt. Eine Kooperation des Ensemble Plus, des Symphonieorchesters Vorarlberg sowie des Literaturhauses Vorarlberg in Zusammenarbeit mit dem ORF Vorarlberg bietet alljährlich Einblicke, und im Laufe der Zeit einen Rundumblick, über das aktuelle künstlerische Schaffen des Landes.
Die musikalische Szene ist vielfältig und bunt, wie das aktuelle Programm zeigt. Vom Nachmittag bis in die Nacht stehen unterschiedliche musikalische Genres im Zentrum des Interesses. Das Ensemble Plus präsentiert etablierte Kompositionen von Peter Herbert, Du Yun und Luciano Berio und stellt neue Werke von Martin Theodor Gut, Anna Maly, Michael Naphegyi und Gerda Poppa vor. Auch das Symphonieorchester Vorarlberg wartet mit einer facettenreichen Werkauswahl auf. Unter der Leitung von Paul-Boris Kertsman erklingt im Publikumsstudio das Auftragswerk des Wiener Komponisten Carl Tertio Druml erstmals. Ergänzend wird das Programm mit einem Orchesterwerk von HK Gruber sowie einer Komposition der britischen Komponistin Hannah Kendall.
Dem Neuen auch im Orchester einen Raum bieten
Seit dem vergangenen Jahr ist Gerald Mair Geschäftsführer des Symphonieorchesters Vorarlberg und künftig für dessen Programm verantwortlich. Das SOV soll bei Texte & Töne auch den Vorarlberger Musikschaffenden ein Podium bieten, denn selten ergeben sich Gelegenheiten, für ein Kammerorchester oder eine größere Besetzung zu komponieren. Der Zusammenarbeit zwischen Komponierenden und dem Orchester kommt genau in diesem Rahmen eine bedeutende Rolle zu. Diese Idee ist in den vergangenen Jahren in den Hintergrund geraten. Doch Gerald Mair richtet den Blick nun verstärkt auf die Gegenwart. Es gehe ihm nicht nur darum, ‚zumindest‘ beim Festival Texte & Töne Kompositionen von Vorarlberger Musikschaffenden aufzuführen, sondern auch in den Abonnementkonzerten. Zum anderen möchte er aber auch zeitgenössischen Komponist:innen außerhalb der Landesgrenzen die Möglichkeit eröffnen, mit dem SOV zusammenzuarbeiten, erklärt der Geschäftsführer. „Für die Inhalte bei Texte & Töne werde ich mich intensiv mit dem Festivalleiter und Kurator Guy Speyers abstimmen. Er ist ein versierter Musiker in diesem Genre. Das Festivalprogramm soll in sich stimmig sein und da braucht es eine Person, die den Gesamtüberblick bewahrt.“

Teer und Honig auf dem E-Scheit
In Vorarlberg bisher wenig bekannt ist der aus Hohenems stammende, in Krems lebende Musiker, Komponist und Pädagoge Martin Theodor Gut. Er stellt bei Texte & Töne ein von ihm erfundenes Instrument vor, das Elektroscheit. Es erinnert an ein Monochord, bei dem die Tonhöhen durch die Teilung der Saiten erzeugt werden. Er sei durch die Beschäftigung mit dem E-Bass auf die Idee gekommen, dieses Instrument zu entwickeln. Beim Musizieren habe er sich oft dabei ertappt, dass er eine Saite auf ihre verschiedenen Klangfarben abgeklopft habe. „Das war eine Welt voller Staunen“, erinnert sich Martin T. Gut. „Ich habe gedacht, anstatt der Finger beziehungsweise der Hand könnte ich auch den Tonabnehmer verschieben.“ Gedacht – getan und das Elektroscheit war erfunden.
Sein Werk „Teer und Honig“ für Elektroscheit und Zuspielung wird im ORF Funkhaus uraufgeführt. Welche musikalischen Entsprechungen Martin Gut für die außermusikalischen Konsistenzen gefunden hat, gilt es akustisch zu entdecken. Zudem wird das dritte Streichquartett präsentiert, dessen Titel „24/7, 365/1, Waking up with my wife“ bereits die Denkrichtung vorgibt. „Dem ersten Teil verleiht ein Tempokanon auf Grundlage einer achttaktigen pentatonischen Melodie seine einheitliche Grundstimmung, während der zweite Teil in mehrere, unterschiedliche Abschnitte mit unterschiedlichen Stimmungen gegliedert ist“, erläutert der Komponist.
Am Anfang stand ein kaputtes Bandoneon
Anna Maly war beim Festival Texte & Töne 2024 vertreten. In diesem Jahr präsentiert die aus Bludenz stammende und in Graz lebende Künstlerin das größer besetzte Ensemblewerk „Anwesendes Abwesen“ für Violine, Viola, Violoncello, Flöte, Klarinette und Trompete.
Anna Maly studierte Elektrotechnik-Tontechnik und Computermusik an der TU Graz sowie Klangkunst an der Kunstuniversität Graz und arbeitet in der angewandten Forschung für akustische Signalverarbeitung. In ihrem neuesten Werk geht sie der originellen Frage nach, wie etwas Abwesendes anwesend sein kann. „Ein von der Bühne abwesendes Instrument, ein kaputtes Bandoneon, ist hier das Abwesen. Für das Stück wurde es auseinandergebaut und wieder zusammengesetzt. Die alten, knisternden Lamellen, das Öffnen und Schließen, die stecken gebliebenen Knöpfe, die eingerasteten Akkorde, die rasselnden Schrauben sind anwesendes Klangmaterial des abwesenden Wesens“, erklärt Anna Maly. Zuerst habe sie die Aufnahmen des kaputten Bandoneons digital verarbeitet und daraus das instrumentale Material entwickelt. „Das ursprüngliche Klangmaterial hat die Komposition geführt und geleitet.“
Horn und Ensemble als gleichberechtigte Partner
Gerda Poppa darf sich über zahlreiche Kompositionsaufträge freuen. Unter anderem schrieb sie dem Hornisten Jonas Ellensohn ein Werk auf den Leib, das er sich für seine Bachelor-Abschlussprüfung gewünscht hatte. Die Vorgaben waren klar: Virtuose Teile, die Verwendung des Naturhorns, vielfältige Spielweisen und Effekte sollten die Musikalität und die Persönlichkeit des Musikers zum Ausdruck bringen. „Pas de deux“ wurde ein voller Erfolg. Im Rahmen von Texte & Töne spielt Jonas Ellensohn das ursprünglich für Horn und Klavier komponierte Werk in einer neuen Fassung für Horn, Violine, Viola, Violoncello, Kontrabass, Flöte, Klarinette, Fagott, Posaune, Klavier und Schlagwerk.
Ein stiller Aufstand
In der gleichen Besetzung ist Peter Herbert mit seinem Werk „Quiet Riot“ im ORF Funkhaus präsent. Der Titel beschreibt treffend die Stilmittel von Peter Herbert, die seinen kompositorischen Ausdruck charakterisieren. Ein „Stiller Aufstand“ verbindet zwei Begriffe, die in sich widersprüchlich sind. Diese Idee ist in „Quiet Riot“ in die Musik übertragen. Das Werk „beginnt mit leisen Sounds, vielen ‚extended techniques‘ in den Streichern, und mit jedem weiteren Teil des Stücks wird’s konkreter und dichter vor der wieder stillen Coda“, gibt der Komponist einen Einblick.
Von den Sehnsüchten einer Kakerlake
Im Juli erregte das Ensemble Plus mit seinem Konzert „Tanz der Kakerlaken“ viel Aufmerksamkeit. Unter anderem stand das musiktheatralische Werk „Cockroach’s Tarantella“ auf dem Programm, das Bettina Barnay-Walser mit ihrer ausdrucksvollen Interpretationskraft belebte. Sie erzählte darin die Geschichte einer Kakerlake, deren größter Wunsch es ist, ein Mensch zu werden. Aufgrund des großen Erfolges ist die Performance nun noch einmal zu hören.
In die Tiefenschichten der Gesellschaft hinein hören
Die ursprüngliche Idee des Festivals, Texte & Töne in einen unmittelbaren künstlerischen Austausch zu bringen, hat sich im Laufe der Jahre geändert. Autor:innen stellen nicht mehr unveröffentlichte Texte vor, sondern lesen aus Romanen, die in diesem Jahr publiziert wurden. Frauke Kühn vom Literaturhaus Vorarlberg hat Michael Köhlmeier, Gesa Olkusz und Sarah Kuratle mit ihren Romanen „Die Verdorbenen“, „Die Sprache meines Bruders“ sowie „Chimäre“ eingeladen. Literatur höre in die Tiefenschichten unserer Gegenwart hinein, und damit in ihre Widersprüche, ihre Verletzlichkeit sowie in ihre Sehnsucht nach Verbindung, erklärt Frauke Kühn. „Michael Köhlmeier tut das, indem er die alten Fragen nach Schuld, Liebe und moralischer Verantwortung mit jener erzählerischen Wucht neu verhandelt, die weit über das Persönliche hinausweist. Gesa Olkusz ist da ein leiser, aber nicht weniger präziser Kontrapunkt: Ihre Sprache klingt nach Stille, nach dem Atem der Worte und öffnet gleichzeitig die zerbrechlichen Räume zwischen den Menschen. Sarah Kuratle schließlich entwirft mit ‚Chimäre‘ ein poetisches Zukunftsbild, in dem ökologische, soziale und existenzielle Fragen miteinander verwoben sind.“
Gemeinsam individuelle Klangräume ausschöpfen
Zum Abschluss des Festivals verwandelt sich das ORF-Studio in einen Club, den das Ensemble Plus heuer mit dem Schlagzeuger, Produzenten und Bandleader Michael Naphegyi bespielt. Er ist im Bereich des Jazz und der improvisierten Musik sowie Live-Performance tätig. Die Verschmelzung der Kunstsparten ist ihm ein besonderes Anliegen.
Im Auftrag von Guy Speyers komponierte er „Symbiosis“, in dem kreative Wechselspiele zwischen traditioneller sowie grafischer Notation und Improvisation geschaffen werden. Seine Musik versteht Michael Naphegyi als „‚zappaeske‘ Grundhaltung zur Kunst, stets offen für neue Experimente, im Sinne eines Umbaues von Genreschubladen zu einem großen chaotischen Schrank ohne Türen und Regale, aber mit Ecken und Kanten.“
Silvia Thurner
Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im November 2025 erschienen.
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Termin
Samstag, 8. November 2025, ab 15 Uhr
Texte & Töne
ORF Funkhaus Dornbirn
Werke von M. Gut; A. Maly; S. Andreyev; G. Poppa; P. Herbert; D. Yun; H. Kendall; C.T. Druml; HK Gruber und M. Naphegyi
Texte von M. Köhlmeier; G. Olkusz und S. Kuratle
Ensemble Plus, Thomas Gertner, Leitung
Symphonieorchester Vorarlberg, Paul-Boris Kertsman, Leitung.
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Links:
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Ensemble Plus
Symphonieorchester Vorarlberg
Literaturhaus Vorarlberg
