„WENN WIR JUNG SIND, SIND WIR ALLE FESCH” – PHOEBE VIOLET IM MICA-INTERVIEW

PHOEBE VIOLET zieht einen riesigen Koffer hinter sich her. Die Wiener Künstlerin kommt gerade aus der Schweiz, ein Konzert, zehn Stunden ist sie im Zug gesessen. Jetzt spricht sie über Farben und ihre Musik und über das Wetter, was dasselbe ist, wenn man neugierig ist. Oder verstanden hat, dass das Morgen – dieses „Tomorrow”, so der Titel ihres kommenden Albums – keine Versprechung, sondern Mut sein soll.

Du hast in einem Interview einen schönen Satz gesagt: „Das Leben ist für mich ein Abenteuer der Sinne.” Was bedeutet das für dich?

Phoebe Violet: Ich habe mich viel mit Wahrnehmung beschäftigt. Und mit den Unterschieden, die es in der Wahrnehmung gibt. Das fing mit meinem Sohn an, weil: Er liebt Tiere. Wir haben also ein Buch angeschaut und darin kommt ein Fangschreckenkrebs vor, der eigentlich komplett uninteressant ist. Nur: Er kann zig Mal mehr sehen als Menschen. Trotzdem können wir – gerade in der Kunst – so viel erschaffen, das uns sensibilisiert oder erweitert. Und das ermöglicht wiederum anderen eine neue Wahrnehmung.

Das Wort „Abenteuer” in diesem Satz. Damit geht auch ein Wagnis einher, oder? Man muss sich ja was trauen, um was zu erleben.

Phoebe Violet: Man muss dafür aber nicht nach außen gehen, eher nach innen. Um eben zu schauen, was mit der Außenwelt in einem passiert. Das Abenteuer passiert nämlich in der Neugier, mehr spüren zu wollen. Dafür muss ich nicht nach Neuseeland fliegen. 

Ein Abenteuer kann man immer nur einmal erleben. Wo findest du die ständige Neugier?

Phoebe Violet: Na ja, die Gegenwart ist nie gleich, egal wie oft du sie wiederholst. Gut, es ist etwas anderes, wenn man sich entscheidet, dass sie gleich bleiben soll. Aber sonst … verändert sie sich ständig. Gerade in den Details. Das kann der Regen sein, der nie gleich klingt, wenn er gegen das Fenster prasselt. Ja, das allein ist ein Reiz für mich. Hinzuhören. Und es hören zu können. Dann ist jeder Augenblick eine Überraschung. 

Auch ein Abenteuer?

Phoebe Violet: Ja, das ist mir gerade auf der Zugtoilette passiert. Ich saß da und sie haben die Züge verkoppelt. Es ist ein toller Klang entstanden, der für die meisten wohl Lärm war. Aber für mich ist ein neues Lied entstanden.

Dafür muss man …

Phoebe Violet: Bewusst wahrnehmen. In jedem Lärm steckt eine Verbindung zu etwas. Und die Verbindung stellst du her. Mit deiner Fantasie. Einer Erinnerung. Vielleicht auch gar nicht. Jedenfalls kann man dem Lärm eine Bühne geben und dadurch bekommt er eine Besonderheit. Und unsere Aufmerksamkeit.

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Bei deinem letzten Album war die Stille die Besonderheit. Auf einem aktuellen Stück bekommt die Pauke große Aufmerksamkeit. Zufall?

Phoebe Violet: Ich beschäftige mich genau mit der Frage, welche Botschaft ein Projekt haben soll. Welche musikalische Ästhetik es braucht, damit die Message rüberkommt. Bei „Suspiros”, was „Seufzer” heißt, musste das ein körperliches Loslassen sein, so wie ein Seufzer. Auf dem kommenden Album arbeite ich dagegen extrem frontal. Ich will nichts verstecken. Ich will laut sein.

Und bunt. Im Video spachtelst du rote Farbe über eine Leinwand. In einem älteren Stück schüttest du violette Farbe über dich. Was bedeuten dir Farben?

Phoebe Violet: In jedem Stück steckt eine farbliche Verbindung zu einer Emotion. Ganz einfach könnte man sagen: Rot ist die Liebe, Grün die Hoffnung …

Das ist dir aber zu einfach, nehme ich an?

Phoebe Violet: Ja, ich suche andere Verbindungen. Das Rot ist hier das Töten. Es trägt eine klare Botschaft, die sich auch in der Klangfarbe widerspiegeln soll. Ich arbeite jedenfalls immer visuell. Für mich beginnen Lieder zuerst mit dem Sehen, bevor sie sich klanglich entwickeln. So entsteht ein Soundtrack für das, was ich schon visualisiert habe. 

Du denkst also in Bildern?

Phoebe Violet: Ja, und die Bilder haben eine gewisse Stimmung, eine Wetterstimmung.

Eine Wetterstimmung?

Phoebe Violet: Ja, wenn ich Musik höre, stelle ich mir Regen oder ein Gewitter oder einfach nur die Sonne vor. Ich beziehe mich also immer auf den Himmel. Dieser Parameter verändert die Umgebung. Er entscheidet, wie wir eine Farbe wahrnehmen. Er entscheidet, was wir sehen.

Artwork „Que No Maten” 

Das aktuelle Stück ist laut, ein Gewitter?

Phoebe Violet: Ja, aber nach dem Gewitter scheint wieder die Sonne. Die Ruhe ist schließlich stark. Schreien dagegen ist es nicht. Man merkt das in einer Diskussion, oder? Die Person, die ausflippt, hat weniger Kraft als die Person, die die Ruhe bewahrt. Trotzdem muss man in manchen Momenten laut sein. Es ist wie das Meer. Manchmal rauschen die Wellen, dann säuselt es sanft. Diese Balance braucht es. Der Körper kann nicht nur ruhig sein. Sogar Mönche machen Gartenarbeit. 

Gleichzeitig entsteht ein Drang, sich bewegen zu wollen, wenn man sich nicht bewegt hat.

Phoebe Violet: Ja, manchmal fühle ich mich deswegen wie ein Baum. Es wachsen die Früchte und dann schüttelt er sie ab. So ging es mir mit diesem Album. Das Thema Krieg war da, es musste aus mir hinaus. Also bin ich ins Studio gegangen und habe mich geschüttelt. Das war wie eine Katharsis.

Es hört sich jedenfalls nach einer Anstrengung an.

Phoebe Violet: Das ist es für mich nicht. Wenn ich Ruhe brauche oder laut sein muss, höre ich auf meinen Körper. Das ist keine Anstrengung. Natürlich bin ich in dieser Zeit kaum ansprechbar. Auf Dauer wäre das für die Umgebung also doch … anstrengend. Aber für mich ist der Prozess großartig. Ich tauche ein in den Klang. Sonst existiert nichts. Ich liebe diesen Fluss. Ich freue mich aber auch, in die Realität zurückzukehren. Es kommt ja immer mehr.

Es gibt also keinen Bruch, es geht einfach … weiter?

Phoebe Violet: Ja, es folgt dem Fluss und der Fluss ist nie gleich. Wahrscheinlich bin ich in meiner Arbeit deshalb optimistisch. Es gibt keine negativen Wellen.

„WIESO SOLLTE MAN ETWAS ERST MORGEN TUN, WENN MAN ES JETZT TUN KANN?”

Dein kommendes Album heißt „Tomorrow”. In der aktuellen Welt möchte man dahinter ein unsichtbares Fragezeichen lesen. Wenn du darüber sprichst, lese ich eher ein Ausrufezeichen.

Phoebe Violet: Weißt du, ich habe das Konzept der Zeit lange nicht verstanden. Selbst als Erwachsene nicht. Erst seitdem meine Kinder geboren sind, verstehe ich Zeit ein bisschen besser. Sie leben in Phasen. Früher bin ich aufgewacht und geboren und am Ende des Tages bin ich eingeschlafen und gestorben. Dazu muss man wissen: Ich habe in meiner Jugend sehr intensiv gelebt. Ein Morgen hat eigentlich nicht existiert. Das war aber kein Pessimismus vor der Zukunft. Ich habe eher jede Sekunde der Gegenwart geliebt. Die Vorstellung, das Leben aufzuschieben in eine Zeit, die noch gar nicht existiert …

In der Hoffnung, dass sie doch irgendwann existieren wird …

Phoebe Violet: Oder in der Hoffnung, dass man sie nicht erleben muss. Es kann nämlich auch eine Ausrede sein, etwas unter den Teppich zu kehren. Das habe ich nicht verstanden: Wieso sollte man etwas erst morgen tun, wenn man es jetzt tun kann? 

Das ist …

Phoebe Violet: Tatsächlich anstrengend, zumindest auf Dauer. Man ist in einem Dauerstress. 

Man kann das auch nur allein so machen. Ist das der Grund, warum du zur Autodidaktin geworden bist?

Phoebe Violet: Genau. Du musst es sogar allein machen. Ich habe so gearbeitet. Artworks entworfen, Videos gedreht, alles gemacht. Irgendwann habe ich gemerkt, ich bin müde. 

„Tomorrow” ist also auch eine Erkenntnis von dir?

Phoebe Violet: Ja, das Morgen ist für mich zu einem Moment der Hoffnung geworden. Unsere Sinne, sie hören nicht auf wahrzunehmen. Sie können sich nur weiterentwickeln. 

Da sind wir wieder beim Abenteuer

Phoebe Violet: Damit geht aber eine Verantwortung einher. Du entscheidest, was reinkommt und was rauskommt. Das macht dich aus. Wenn wir jung sind, sind wir alle fesch. Wenn wir älter werden, verfestigt sich der Konsum unserer Sinne. Manchmal sehen wir erst dann, was wir nicht gesehen haben.

Danke für deine Zeit!

Christoph Benkeser

Phoebe Violet stellt ihr Album „Tomorrow” am 23. Oktober 2026 im Wiener Porgy & Bess vor

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