Bild Binder & Krieglstein
Binder & Krieglstein (c) Clara Wildberger

"Wenn ich Platten verkaufe, dann von dieser!"- Rainer Binder-Krieglstein im mica-Interview

Rainer Binder-Krieglstein über saubere Pop-Songs hart am Limit, Massive Attack für Arme, Trash und die musikalische Notwendigkeit, Freunde zu enttäuschen. Eigentlich hätte das neue Binder & Krieglstein-Album “Alles verloren” längst erscheinen sollen, der unmittelbar bevorstehender Auftritt im Wiener Radiokulturhaus war als Release-Party geplant. Doch dann gewann Produzent Stefan Hantel, besser bekannt als DJ Shantel, den World Music Award, was die Prioritäten kurzfristig verschob. Das mica traf einen Rainer Binder-Krieglstein, der es nicht mehr erwarten kann, bis sein neues Album endlich in den Läden steht.

Wie geht’s?

Rainer Binder-Krieglstein: Eigentlich gut, aber ich bin ein wenig unruhig, weil der Album-Release jetzt schon zum zweiten Mal nach hinten raus geschoben wurde. Aber das weißt Du ja ohnehin schon.

Wann genau hätte das Album denn ursprünglich erscheinen sollen?

Rainer Binder-Krieglstein: Im Mai.

Was ja grundsätzlich kein schlechtes Datum ist.

Rainer Binder-Krieglstein: Ja, nur gab´s da noch nicht einmal ein fertiges Demo. Zuerst hat es von Seiten des Labelchefs geheißen “Wir machen erst was, wenn das Master da ist”. So hat sich das anfänglich schon einmal ziemlich raus gezögert. Und dann gewann Shantel auch noch den World Music-Award. Da haben wir uns entschlossen, einstweilen einmal drei Nummern vorab zu produzieren

War von vornherein ein Release in Deutschland geplant?

Rainer Binder-Krieglstein: Ja.

Wie war das bei Deinem letzten Album?

Rainer Binder-Krieglstein: Das lief in Deutschland auch ein bisschen. “Wir wissen nicht…” vom letzten Album fing jetzt gerade erst in Deutschland an zu laufen, weil es auf ein paar Samplern drauf war.

Das ist aber doch optimal, oder nicht? Ich meine, wenn ein alter Track gerade Airplay hat und der Release des neuen Albums genau in diese Phase fällt.

Rainer Binder-Krieglstein: Naja, der Rainer von Vielen, der auf “Alles verloren” singt…

Der Sieger des Protest-Songcontests?

Rainer Binder-Krieglstein: Genau der. Rainer wohnt in der Nähe von Ulm und dort läuft “Alles verloren” schon auf Rotation. Das ist jetzt nur leider viel zu früh. Denn bis das Album draußen ist, vergeht wie gesagt noch eine ganze Weile.

Wie bist du zu Rainer von Vielen gekommen?

Rainer Binder-Krieglstein: Rainer traf ich, als ich in der Jury des Protest-Songcontests saß. Er gewann im Jahr 2005 und trat dann heuer als Gaststar auf. Wir haben uns im Hotel kennen gelernt und kurzerhand beschlossen, dass es doch eine gute Idee wäre, gemeinsam etwas zu machen. Das nächste Mal, als ich dann auf dem Weg nach Frankfurt war, hab ich im Allgäu einen Zwischenstopp eingelegt und zwei Tage bei ihm auf seinem Bauernhof verbracht. Wir haben gemeinsam getextet und er hat die Nummern eingesungen. Fertig produziert hat es schließlich Shantel.

Auch der Titel “Alles verloren” klingt nach Protest.

Rainer Binder-Krieglstein: Der Song hat sich eigentlich vom anfänglichen Protest, den er enthielt, sehr weit weg entwickelt. In der nun vorliegenden Fassung handelt “Alles verloren” eher von der Katharsis, die man durchschreiten muss, um im Leben zum Richtigen zu finden. Indem man alles verliert und dann durch den Verlust erst drauf kommt…

Dass man eh nichts braucht?

Rainer Binder-Krieglstein: Genau. Weil man ja auch nichts zu verlieren hat, wenn man nichts hat. Erst wenn man nichts mehr hat, merkt man, wo man wirklich steht.

Ist “Alles verloren” eine Art Konzept-Album?

Rainer Binder-Krieglstein: Eigentlich nicht wirklich. Einzig das mit meinem Familienwappen auf dem Cover ist Konzept.

Ist das ironisch gemeint?

Rainer Binder-Krieglstein: Klar.

Dann ist das mit der Abstammung aus einem alten Adelsgeschlecht wahr?

Rainer Binder-Krieglstein: Ja.

Und der Rest der Familie verdient sein Geld mit der Verwaltung von Schlössern?

Rainer Binder-Krieglstein: So ungefähr. Ein Familienzweig besitzt schon noch Schlösser, so viel ich weiß.

In Graz und Umgebung?

Rainer Binder-Krieglstein: Überall. Erst neulich hat mir Gerald Votava erzählt, dass es sogar in Wien ein Anwesen der Binder-Krieglsteins gab. Mittlerweile wurde es zum Kinderheim umfunktioniert. Früher war das halt so in Adelskreisen: Man kaufte sich ein Schloss, um den Rest seines Lebens dafür zu schöpfen. Heute besteht unsere Familie hauptsächlich aus Juristen.

Du bist ein wenig aus der Art geschlagen?

Rainer Binder-Krieglstein: Glaube schon. Zum Titel ist noch Folgendes zu sagen: Mein neues Album ist sehr positiv. Man könnte auch sagen “Gute Laune”-Musik. Und da dachte ich, diese äußerst positive Grundstimmung müsste man durch den Titel “Alles verloren” ein wenig brechen.

Die Sachen, die ich von Dir kenne, würde ich als alles andere als Gute Laune-Musik bezeichnen…

Rainer Binder-Krieglstein: Da musst Du Dir die neuen Sachen erst einmal anhören. Die sind wirklich ganz anders.

War dieser Schwenk gewollt oder ist er einfach passiert?

Rainer Binder-Krieglstein: Schon gewollt. Das nahm mit der ersten von Shantel produzierten Nummer “Wir wissen nicht…”, einem Reggae mit Balkan-Einflüssen, seinen Anfang. Mittlerweile wird der Song sogar in Guatemala gespielt. International ist die Nummer einfach sehr gut gelaufen und war auf zahlreichen Samplern vertreten. Auf “High Fidelity” zum Beispiel, einem Reggae-Sampler aus den USA mit Riesen-Auflage. Dieser Erfolg war verantwortlich für die Entscheidung, weiter mit Shantel zu arbeiten. Denn wenn schon die eine Nummer mit ihm als Produzenten so gut funktioniert, wieso soll man dann nicht eine weitere oder ein ganzes Album gemeinsam machen?

Wie bist Du anfänglich zu Shantel gekommen?

Rainer Binder-Krieglstein: Über die Feste im Grazer Volkshaus. Eine aus der Weltmusikszene kommende Band namens “Deishovida”, die dort immer probte und von der mittlerweile zwei Musiker bei mir spielen, hatte Shantel zwei Mal als DJ gebucht. Damals machte er noch keine Balkan-Sound, sondern reine Elektronik. Seine Auftritte gefielen mir sehr gut. Später hörte ich dann auch noch den Remix eines deutschen Hip Hop-Tracks, der mir auch gefiel. Als es dann schließlich darum ging, von der ersten Platte eine Single auzukoppeln, hatten Stefan Auer von Zeiger Records und ich die gemeinsame Idee, doch ihn mit einem Remix zu beauftragen. So kam eines zum anderen. Ganz verfügt Shantel über einen ziemlich fokussierten Stil in Richtung Pop, was unglaublich gut zu meiner Musik passt.

Apropos Pop. Wie kam es eigentlich zu der an die Wiener Downbeat-Geschichte angelehnten Namensgebung Binder & Krieglstein?

Rainer Binder-Krieglstein: Die Idee hatte damals Christian Fuchs, mit dem ich bei Fetish 69 zusammen spielte.

Was war die Intention? Wolltest Du am Hype mitnaschen oder ihn ironisch brechen?

Rainer Binder-Krieglstein: Ironisch brechen natürlich.

Aber von den Medien wurde das nicht immer so rezipiert.

Rainer Binder-Krieglstein: Wenn man meine Musik und mich kennt, lässt das eigentlich nur eine Auslegung zu.

Aber verkauft wurde das erste Album schon auch im Elektronik-Sektor. Oder lass es mich anders formulieren: In all diesen Lifestyle-Blättern, von denen beinahe jedes Bücher- und CD-Tipps abgibt, wurde die Platte oftmals empfohlen. In den meisten Fällen wohl, ohne dass die zuständigen Redakteure sie vorher je gehört hätten. Aber gerade dadurch wurde das Album doch wohl meist in einem völlig falschen Kontext, nämlich in dem der Wiener Downbeat-Szene, beworben.

Rainer Binder-Krieglstein: Grundsätzlich stimmt das sicherlich. Andererseits gab es auf dem ersten Album ja auch noch rein elektronische Nummern. Nur waren selbst die schon ein ziemliches Stück wilder als die Lounge-Geschichten aus der Wiener Elektronik-Szene. Aber abgesehen davon hat die Häufigkeit dieser Empfehlungen sicher auch damit zu tun, dass es sich einfach um ein österreichisches Produkt handelte, von denen es damals einfach nicht so viele gab. Wie dem auch sei: Als Künstler kannst du froh sein, wenn du in einem solchen Magazin genannt wirst. Die Kritiken waren zumeist ja auch nicht schlecht. Außerdem kann ich mich darüber, dass Musik falsch verstanden wird, nicht aufregen. Man muss sogar davon ausgehen, dass sie falsch verstanden wird. Ich persönlich habe es auch nie drauf angelegt, verstanden zu werden.

Mit der Wiener Elektronik-Szene hat Dich niemals etwas verbunden?

Rainer Binder-Krieglstein: Doch. Die “Toxic Lounge”.

Toxic Lounge war der Fetish 69-Ableger?

Rainer Binder-Krieglstein: So ist es. Düster, aber doch schon recht elegant.

Hast Du auf dem Album nur Schlagzeug gespielt?

Rainer Binder-Krieglstein: Nein. Zusätzlich dazu hab ich auch schon die Musik programmiert. Eine Art Premiere. In der Zeit, als ich mit dem Christian Fuchs gemeinsam in einer Wohnung gewohnt habe, hat eigentlich alles angefangen.

Du hast einmal in Wien gelebt?

Rainer Binder-Krieglstein: Ja, zwei Jahre lang.

Warum habt ihr das Toxic-Lounge-Konzept nicht weiter verfolgt?

Rainer Binder-Krieglstein: Die Gedanken, warum aus etwas nichts geworden ist, mach ich mir nie. Umgekehrt bilde ich mir ja auch nichts ein, wenn etwas geklappt hat. So ist es halt einfach, das hat man hinzunehmen. Es gibt so viele schöne Sachen, die einfach untergehen. Wenn die Toxic-Lounge ein Problem hatte, dann vielleicht, dass sie zu wenig originär war.

Du meinst in Zeiten der Trip-Hop-Bewegung?

Rainer Binder-Krieglstein: Genau. Das war einfach die Zeit, als alle in diese Kerbe schlugen. Und war unser Ding war halt auch eindeutig in die Richtung angelegt. Für viele bist du dann halt schnell einmal eine Art Massive Attack für Arme.

Zur Dualität Musiker und Komponist. Wie hat sich das eigentlich entwickelt?

Rainer Binder-Krieglstein: Als Schlagzeiger war ich bei Fetish 69 immer auch schon am Arrangieren beteiligt, was alle unheimlich genervt hat. Das letzte Fetish 69-Album produzierte dann eigentlich schon ich. Gemeinsam mit dem Mario Thaler in Weilheim.

Einem der wesentlichen Proponenten der mittlerweile weltberühmt gewordenen Weilheimer-Szene?

Rainer Binder-Krieglstein: Genau. In dem Studio, in dem dort alle aufnehmen.

Findest Du es nicht seltsam, dass in einem kleinen bayerischen Ort so viel entstehen kann?

Rainer Binder-Krieglstein: Doch. Sehr seltsam sogar.

Warum funktioniert etwas Derartiges bei uns nicht?

Rainer Binder-Krieglstein: Eine Zeit lang hat es ja eh recht gut funktioniert, als Wien zur Weltstadt der neuen Popmusik ausgerufen wurde. Kanonisiert auf der ganzen Welt.

Das sind wie wieder bei Binder & Krieglstein. Klingt der Vienna Music-Hype noch nach als eine Art negatives Lounge-Stigma, das man nicht mehr los wird?

Rainer Binder-Krieglstein: Nein. Ich hab das nie so empfunden. Ich gebe Dir schon recht, dass ich teilweise sicherlich falsch rezipiert wurde. Um aber Teil dieses Ganzen zu sein, habe ich insgesamt wohl zu wenig Platten verkauft. Weit weniger als ein Klaus Waldeck zum Beispiel.

Wie viele Exemplare des ersten Albums gingen denn über den Ladentisch?

Rainer Binder-Krieglstein: Insgesamt um die 5.000 Stück.

Das ist doch nicht wirklich wenig.

Rainer Binder-Krieglstein: Für Österreich nicht. Aber im Ausland ging halt wenig bis gar nichts.

Wie wichtig ist Dir eigentlich die “Trash-Komponente” in Deiner Musik?

Rainer Binder-Krieglstein: Mir ist das “Trashige” schon sehr wichtig. Aber auch den Leuten, mit denen ich mich umgebe, ist das ungemein wichtig. Meiner Sängerin Maki etwa. Sobald es zu glatt wird, will sie nicht mehr.

Wie habt Maki und Du einander gefunden?
Rainer Binder-Krieglstein: Ich hab sie einmal auf einem Fest mit zwei Hip Hoppern performen sehen. Das hat mir sofort gefallen, weil sie eine so gewaltige Bühnen-Präsenz hat. Im Anschluss daran hab ich sie einfach gefragt, ob wir nicht mal gemeinsam spielen könnten.

Das ganze mica ist Fan von Maki.

Rainer Binder-Krieglstein: Wirklich? Sie hat eine unglaubliche Präsenz. Weißt Du, schön und richtig singen können viele, weil sie sich ihr ganzes Leben mit nichts anderem beschäftigen. Aber Credibility rüber zu bringen und schwierige Situationen zu meistern ist eine ganz andere Kategorie. Mir ist Ausdruck viel wichtiger als der richtige Ton.

Apropos “schwierige Situationen meistern”. Ich hab euch bei “Lebt und arbeitet in Wien” in der Kunsthalle gesehen.

Rainer Binder-Krieglstein: Gemeinsam mit SV Damenkraft?

Genau.

Rainer Binder-Krieglstein: Ich kann mich erinnern und weiß, was Du meinst. Da herrschte insgesamt eine schreckliche Gesamtstimmung. Aber Maki hat sie alle mitgerissen. Mit dem Risiko freilich, dass manche Dinge daneben gehen. Aber so lange die Party stimmt, ist das ja auch voll in Ordnung. Vor allem auf kleinen Feste mit merkwürdigen Gästen, die nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, brauchst du jemanden wie sie.

Wie viel kommt eigentlich von Dir und wie viel vom Band, wenn Du live Schlagzeug spielst?

Rainer Binder-Krieglstein: Sehr unterschiedlich. Manchmal hab ich nur eine ganz zarte Snare dabei, dann wieder kommt mehr vom Band als ich selbst spiele. Bei der neuen Platte wird jedenfalls mehr live gespielt als bisher.

Grundsätzlich doch toll, oder?

Rainer Binder-Krieglstein: Nicht wirklich. Wenn ich bei meinen Auftritten so viele Leute dabei hab, verdiene ich letztlich nichts mehr. Das ist aber genau jener Part, mit dem ich mein Leben bestreiten muss.

Das ist die eine Seite. Die andere ist aber, dass Elektonik-Acts teilweise im Verruf stehen, sie würden bei ihren Live-Auftritten nichts weiter tun als die Play-Taste zu drücken. Ergo, so heißt es zumindest immer wieder in den Medien, seien ihre Live-Auftritte in alle Regel entbehrlich.

Rainer Binder-Krieglstein: Das Problem hatte ich nie. Diese Weltmeisterlichkeit, die immer wieder kolportiert wird, habe ich längst abgelegt. Wie gut jemand singt und wie gut jemand Gitarre spielt, ist völlig sekundär. Das Gesamtding muss funktionieren. Bei mir gibt’s da an den Einzelzutaten sicher noch etliches zu verbessern. Aber ich glaube nicht, dass es als Gesamtding besser funktioniert hätte, wäre mehr live gespielt worden. Im Gegenteil: Sample-Spounds sind teilweise sehr wichtig. Manche Sounds schneide ich zusammen und pitche sie dann so weit rauf, dass sie schlicht unspielbar werden.

Ich glaube, die Medien haben dabei aber doch eher diese optischen Aufheller im Visier, die es leider immer wieder gibt. Damit meine ich einen Gitarristen, der auf der Bühne steht und erkennbar kaum etwas zum Sound beiträgt. Wenn live das meiste von Band kommt, sollte man auch dazu stehen und nicht so tun als ob. Findest Du nicht?

Rainer Binder-Krieglstein: Wie hieß doch gleich diese Band, bei der zehn Gitarren unisono ein Riff spielen. Wenn das zum Beispiel von Band kommt und mein Gitarrist etwas Verzerrtes drüber spielt, dann ist das doch voll OK. Das Problem ist doch oft, dass ich mich nicht darauf verlassen kann, dass der fette Sound auf Band vom Tontechniker dann auch wirklich so fett aufgeblasen wird. Oder umgekehrt: Wenn es zu laut ist, fährt es voll aus du hörst es am Monitor nicht. Wir haben schon alles probiert. Mit E-Kits etc. etc. Vergiss es. Aber sonst hast Du schon recht damit, dass man nicht etwas vorgeben darf, was nicht ist. Aber eine schon vorhandene Gitarre live zu verstärken, damit der Sound voller wird oder durch das Zusammenspiel etwas neues entsteht, ist schon OK. Du merkst es so oder so am Publikum, das zum Großteil aus Nichtmusikern besteht. An deren Gesichtern und Reaktionen kannst du am besten ablesen, ob sie sich fühlen, als würden sie angelogen oder ob die Performance für sie in sich stimmig ist.
Ein markiges Gitarrenriff wiederum muss visualisiert sein. Wenn das nur aus dem Off kommt, wirkt es komisch. Da muss ich dann schon einen Gitarristen auf die Bühne stellen, weil es ja auch um die Physis geht, die das Publikum miterleben kann. Rainer von Vielen andererseits werde ich – so wie es die Sofa Surfers früher machten – über Videoloienwand zuspielen müssen.
Ich hab so viele verschiedene Sänger, die ich live nicht annähernd alle live aufbieten kann. Das wäre einfach nicht finanzierbar.

Wie hat Dir das neue Sofa Surfers-Album eigentlich gefallen?
Rainer Binder-Krieglstein: Nicht so gut wie dir früheren.

Es gibt viele, die das genaue Gegenteil behaupten

Rainer Binder-Krieglstein: Wirklich? Wer zum Beispiel?

Karl Fluch etwa schrieb im Standard, dass sie zu einer Direktheit gefunden hätten, die ihnen im Vergleich zur früher manches Mal konturlosen Elektronik-Extravagazia gut stehe. Stark verkürzt wieder gegeben.

Rainer Binder-Krieglstein: Hmm, ich persönlich erwarte mir von den Sofa Surfers immer ein wenig Hollywood. Im Vergleich zu früher war mir das dieses mal einfach zu wenig ausproduziert. Außerdem finde ich nicht, dass man, wenn man auf die vierzig zugeht, unbedingt die Metal-Gitarre auspacken muss. Auch wenn man sie so gut spielen kann wie eben in diesem Fall. Das, was der Sofa Surfers-Gitarrist macht, ist nämlich extrem intelligent. Dass es den Musikern Spaß macht, ist aber nicht das, was ich mir von dieser Band erwarte.
In Deutschland herrschte Ratlosigkeit. Mitunter hieß es, ob denn das jetzt eine Art Rage Against The Machine für Intellektuelle sei. Ich würde sagen, das Album ist eine klassische Musikerplatte. Damit meine ich, dass man mit dieser Platte in Musikerkreisen enorme Credibility bekommt. Insgesamt geht es mehr um die Freude am Spielen als die Übersetzung ans Publikum. Was man sich durchaus leisten kann und was auch OK ist, so lange es Spaß macht.
Bei meinem neuen Album wird das genaue Gegenteil eintreten.  Alle meine Freunde werden sich von mir abwenden und sich fassungslos fragen “Was ist das denn für eine Scheiße?” Und fremde Leute, die nicht einmal annähernd aus meinem musikalischen Milieu stammen, werden auf mich zukommen, um mir mitzuteilen, dass ihnen das gefällt. Davon bin ich ziemlich überzeugt. Erste Tests haben genau diese Ergebnisse erzielt.

Und wieso?

Rainer Binder-Krieglstein: Weil nun all die Eckigkeit und Kantigkeit aus meiner Musik draußen ist. Aber das wollte ich auch so. Ich wollte nicht mehr aus der Not eine Tugend machen, nur weil ich es einfach nicht besser konnte. So wurde ein ums andere Mal mangelhafte Produktion in Richtung Lo-Fi-Ästhetik frisiert. Dieses Mal wollte ich wirklich einmal saubere Pop-Songs.

Ist das nicht die logische Entwicklung, die alle musikalischen Projekte, ob nun Band oder Venue, durchlaufen? Von der rebellischen Autonomie über die Professionalisierung bis hin zur Kommerzialisierung, bis irgendwann der Freiraum fehlt und neue Dinge entstehen, die diesen ursprünglichen Freiraum wieder bieten?

Rainer Binder-Krieglstein: Unbedingt. Das ganze Leben funktioniert so. Als eine Art Weiterentwicklung, bei der nicht alle mitmachen. Mit dem Erfolg geht immer auch seht viel Kritik einher. Du hebst ab und machst für dich das Richtige. Hinter dir hast du im selben Moment aber eine riesige Schimpforgie, die du bis zu einem gewissen Grad überhören musst, sonst zerbrichst du daran. Was sicherlich auch viele tun.

Schwingt da auch Neid mit?

Rainer Binder-Krieglstein: Ob Neid dabei ist, ist eigentlich egal. Es gefällt einfach vielen nicht mehr, was du machst. Und das ist bewusst oder unbewusst auch der Grund dafür, warum viele gar nicht erst anfangen, erfolgreich zu sein. Weil sie unglaubliche Angst davor haben, dass die Schulterklopfer irgendwann einmal das Weite suchen und nicht mehr bei ihnen sind. Ich glaube, dass, wenn ich Platten verkaufe, dann von dieser jetzt. Schau: Mein Milieu ist ja klein. Du brauchst Dir ja bloß den Standard anzuschauen: Der hat eine Auflage von 70.000 Stück. Die Kleine Zeitung hingegen hat 250.000, obwohl sie ein kleines Provinznblatt ist. Vergegenwärtigt man sich das, weiß man, wo die wirklichen Relationen liegen.

Womit wir beim Thema Medien angekommen wären. Hierzulande ist es doch unglaublich schwierig, in den in Frage kommenden Medien so vorzukommen, dass wirklich etwas weiter geht.

Rainer Binder-Krieglstein: Wenn, wie Du gesagt hast, ein Lifestyle-Magazin über mein Album schreibt, ohne dass es ihnen jetzt milieutechnisch reinpasst, meistens aus der reinen Wiederholung anderer Medien heraus, dann überwindest du auch die Grenzen zu anderen Menschen, die du normal nicht erreichen würdest.

Das wäre, wenn es intendiert wäre, der größte Verdienst eines guten Promotion-Arbeiters. Dass er die Dinge auch dort unterbringt, wo es nicht auf Anhieb logisch erscheint. Wenn etwa Dein neues Album in der Freundin empfohlen wird und sich jemand das Album kauft, weil er sich denkt “Na wenn es dem Gap und der Freundin gefallen hat…”, dann war das wirklich gute Promo-Arbeit. Aber ich habe eher gemeint, was selbstverständlich ist. Eine Review jeweils im Standard, der Kleinen Zeitung und ein, zwei Musikmagazinen. Bewegt das allein in Summe etwas?

Rainer Binder-Krieglstein: Schwer zu sagen. Es kommt schon sehr auf die Musik an. Selbst die beste Musik ist, wenn sie nicht nah genug am Hörer ist, schwer zu verkaufen. Der Moment, der diese gewisse Medienwirksamkeit bringt, ist unglaublich schwer zu erklären. Aber es liegt schon hauptsächlich an der Musik.

Wie ist Die letztes Album vermarktet worden?

Rainer Binder-Krieglstein: Gar nicht. Es gab schon Interesse aus Deutschland. Da müsstest du dann aber so viel nachhaken, networken… Du bräuchtest professionelle Leute, die wiederum nicht leistbar sind.

Und selbst?

Rainer Binder-Krieglstein: Ich mache so etwas nicht.

Ist ja auch eine Frage der Fokussierung, oder?

Rainer Binder-Krieglstein: Es gibt schon auch Leute, denen das Spaß macht. Mir halt nicht. Ich kann das auch gar nicht.

Du bist also hauptberuflich Musiker und Komponist?

Rainer Binder-Krieglstein: Ja, aber nicht mehr lange, wenn es so weiter geht (lacht). Derzeit bin ich – nicht zuletzt, weil sich der Release so verzögert – hart am Limit. Wenn ich auf dem Level bleibe, auf dem ich mich befinde, wird das auch so bleiben. Das ist auf Dauer schon sehr anstrengend.

Dann ist der Spruch in deinem Pressetext vom “Mann von Welt mit Klo am Gang” gar nicht so weit her geholt?

Rainer Binder-Krieglstein: Ich komme langsam in das Alter, in dem meine Freunde von früher Musiker werden wollen, weil sie sich mehr und mehr von ihren lukrativen Jobs distanzieren. Das Ganze ist ein Wechselspiel von Sicherheit und Spaß. Nur: der Spaß ist ja lange nicht so lustig, wenn dir die Sicherheit fehlt. Es bleibt immer dieses “Mittelding”. Ich habe den Punkt erreicht, an dem ich mir schon gerne einmal eine tolle Wohnung in Graz als Homebase zulegen würde, was aber ohne fixe Einkünfte über ein paar Jahre hinweg einfach nicht machbar ist. Auf solche Sicherheiten zu verzichten, damit muss man sich abfinden, denn es ist eine Entscheidung, die man gefällt hat. “Ich mache nur Musik” klingt halt toll und ich wollte es auch immer, aber selbst muss man sich mitunter einreden, dass das eh super ist.

Wie wichtig ist Dir politische Message?

Rainer Binder-Krieglstein: Enorm wichtig. Ich glaube auch, dass politische Message über Kleidung, Auftritt, die Form Deiner musikalischen Darbietung, schlicht alles transportiert wird. Das alles ist Inhalt, der codiert wird.

Gibt es nicht einen Unterschied zwischen einer gewissen Haltung und einer definitiven Ideologie? Man muss doch nicht unbedingt politisch werden, um Haltung zu bewahren. Oder anders gesagt: Ist es von der Grundhaltung zur Message nicht noch ein großer Schritt, den ich als Musiker tun muss?

Rainer Binder-Krieglstein: Da gebe ich dir recht. Dann bin ich wohl nicht definitiv politisch.

Aber “Alles verloren” ist doch politisch.

Rainer Binder-Krieglstein: Im Klestil-Kontext schon. Aber in der nunmehr überarbeiteten Version mit Text von Rainer von Vielen eher nicht mehr.

Hast Du deshalb eigentlich nie Probleme bekommen?

Rainer Binder-Krieglstein: Im Rabenhof haben sie schon aufgepasst. Dann hat aber der ORF selbst ein Filmchen geschnitten, um die Ankündigung vom Protest-Songcontest zu unterlegen.
Abgesehen davon finde ich, dass politische Messages, die über einen öffentlichen Fernsehsender verkündet werden, ohnedies öffentliches Gut sind. Wenn mir jemand sagt, wie ich mich zu gebärden habe oder womit ich mich abfinden muss, sehe ich keinen Grund, dass die Verwendung einer solche Passage zu irgendwelchen Problem führen könnte. Urheberrechtlich ist das natürlich etwas Anderes. Wir haben den Track ja aber nie auf Platte veröffentlicht. Mit dem Sample von Juliane Werding ist das schon ein bisschen spezieller: Die Originalmelodie wurde zwar stark verändert, aber vom Mechanischen her ist das trotzdem ein Problem. Um uns die Rechteklärung zu sparen, haben wir probiert, die Zeile noch einmal neu einsingen zu lassen, die Ergebnisse waren aber bei weitem nicht zufrieden stellend. Das Flair ging einfach verloren. Niemand weiß, bei wem die Rechte dafür liegen, denn schon Juliane Werding hat den Refrain gecovert.

Ein Glücksfall?

Rainer Binder-Krieglstein: Nicht wirklich, weil du je unglaublich viel Geld für Recherche ausgeben musst.

Aber desto unwahrscheinlicher ist es doch, dass jemand aufschreit.

Rainer Binder-Krieglstein: Das wiederum glaube ich nicht. Das Recht liegt 100%ig bei irgendeinem Subverlag einer großen Firma. Wenn das Ding aufgeht, dh wenn unsere Version kommerziellen Erfolg hat, steht garantiert jemand auf der Matte. Es ist doch so: So lange du nur anklopfst, interessiert das niemanden. Erst sobald Geld da ist, kommen Reaktionen. So funktionieren große Firmen eben. Erst wenn du 100.000 Stück verkaufst, wird die Geschichte interessant. Die Nummer ist einfach stark, deshalb vertragt sie auch so viele Versionen. Das mache ich ja auch nicht wegen des Geldes, sondern einfach weil es noch nicht ausgestanden ist. Das Klestil-Ding war nur eine Idee, kein Song.

Dafür, dass es nur eine Idee war, habe ich sie aber ziemlich oft auf fm4 gehört.

Rainer Binder-Krieglstein: Man kann von Glück reden, wenn man vom einzigen Sender, den es gibt, gespielt wird. Denn erst wenn du gespielt wirst, hast du den Status, dass du an Live-Auftritte kommst.

Wie läuft das Live-Geschäft?

Rainer Binder-Krieglstein: Gut.

Haupteinnahmequelle?

Rainer Binder-Krieglstein: Im Prinzip schon. Den Plattenverkauf kannst du vergessen. Vom neuen Album müssten wir um die 10.000 Stück verkaufen, damit einmal irgendetwas ins Rollen kommt.

Aber doch wohl nicht nur in Österreich?

Rainer Binder-Krieglstein: Nein. Gott bewahre. In Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Was muss passieren, dass man als anspruchsvoller Künstler über die fm4-Grenze und 5.000 Stück-Grenze hinaus bekannt wird?

Rainer Binder-Krieglstein: Kiddy-Contest, dumme Pop-Skandälchen, Seitenblicke-Magazin.

Und der Boomerang-Effekt über Deutschland?

Rainer Binder-Krieglstein: Ja. Oder eine Sparte, in der du auf der ganze Welt reüssierst. Sobald Deutschland dazu kommt, hast du leicht einmal 10.000 Stück mehr verkauft. Der Markt ist einfach zehn Mal so groß wie der österreichische. Vorausgesetzt der Vertrieb läuft. Davor habe ich immer die größte Angst. Dass alles gut läuft, die Platte trotzdem nicht in den Regalen steht und sie folglich auch niemand kaufen kann. Wie schon gesagt: Man kann froh sein, wenn man überhaupt wahr genommen wird.

Welchen Vertrieb habt ihr?

Rainer Binder-Krieglstein: Universal.

Glaubt Du, dass der Name Shantel dem Verkauf des Albums helfen wird?

Rainer Binder-Krieglstein: Hoffentlich. Mein Album ist der erste Release seines Labels, der keinen weltmusikalischen Touch hat, die erste Produktion sozusagen, die aus diesem Metier raus geht. Die Gefahr ist natürlich, dass das Album trotzdem in diesem Kontext rezipiert wird. Was aber beim Radio-Airplay ganz sicher helfen wird, ist sein Status als Remixer mit weltweitem Ruf.

Kann eine solche weltmusikalische Rezeption hinderlich sein? In dem Sinne, dass der Weltmusik doch auch der Ruf anhaftet, lässig aber nicht schick zu sein.

Rainer Binder-Krieglstein: Freilich. Es funktioniert ähnlich wie in der Volksmusik: man kann sich mit Hilfe der Musik schnell in eine trunkene Stimmung versetzen. Die Sause ist gut, aber das elegante Ding, das ich meinen Freunden im Wohnzimmer bei einem gemeinsame Gläschen vorspiele, ist die Balkan-CD sicherlich nicht, obwohl sie voll im Trend liegt.

Was assoziierst Du mit dem Musikstandort Graz?

Rainer Binder-Krieglstein: Graz ist eine gute Stadt, um konzentriert Musik zu machen. Durch die Jazz-Hochschule ist man schnell vorgebildet, aber auch schnell verbildet.

Hast Du selbst die Hochschule besucht?

Rainer Binder-Krieglstein: Ja, zwei Jahre lang als außerordentlicher Hörer. Aber insgesamt war es mir zu viel musikalische Mikro-Geschichte. Acht Jahre, um herauszufinden, ob etwas swingt oder nicht, war für mich uninteressant.

Aber es gibt für eine Stadt dieser Größe doch einige Locations?

Rainer Binder-Krieglstein: Seit 2003. Man darf dabei nicht vergessen, dass 2003, als Graz Kulturhaupstadt wurde, eine neue Zeitrechnung begann. Vorher wurden Bands aus Graz außerhalb der Stadt einfach nicht wahrgenommen. Bevor ich auf den Plan getreten bin, war Graz völlig außen vor. Deshalb habe ich damals auch nie damit gerechnet, von fm4 überhaupt gespielt zu werden. Außer im Forum Sttadtpark gab es keine Auftrittsmöglichkeiten. Postgarage, Generalmusikdirektion und Dom im Berg, das alles gabs damals noch nicht.

Klingt grausam.

Rainer Binder-Krieglstein: Nicht wirklich. Das war einfach die Realität. Das wirklich Grausame ist doch das Ablaufdatum von Pop-Musik. Du arbeitest unglaublich konzentriert an einer Abfolge an Songs. Dann nimmt man drei heraus, die laufen kurz und dann ist es auch schon wieder vorbei. Auf dem Album wären aber noch einige andere, meist viel schönere Stücke gewesen, mit denen einfach nichts passiert. Dass diese Vielfalt verloren geht, ist traurig. Und davon gibt es nur wenige Ausnahmen.

“Punkige Lo-Fi-Attitüde, trashigen Elektronik-Sound und eine gute Portion Humor” attestierte fm4 einmal Rainer Binder-Krieglsteins Musik. Mit seinem neuen, von Weltmusik-Innovator Shantel produzierten Album “Alles verloren” will der Grazer endgültig in den österreichischen Pop-Olymp. Das Gastspiel am Freitag, den 29.10., im Radiokulturhaus, ist die mit Spannung erwartete Live-Premie

Link:
Binder & Krieglstein