
Wie und wann waren deine ersten musikalischen Gehversuche?
Tini Kainrath: Ich glaube, ich bin schon auf die Welt gekommen mit dem Bedürfnis zu singen. Das habe ich immer gemacht, auch schon als kleines Kind. Mir ist zum Beispiel in der Volksschule zum ersten Mal aufgefallen, dass ich etwas kann was die anderen nicht können, weil ich – zufällig – die Einzige in der ganzen Schule war, die eine zweite Stimme halten konnte. Auch alleine. (lachen) In der Unterstufe der Schule die ich besucht habe war aber nicht viel los mit Musik, das war eher so ein wissenschaftlicher Zweig. Dann habe ich die Schule gewechselt, bin dann in ein musisch-pädagogisches Oberstufen-Realgymnasium gegangen – eigentlich eh nur, weil es leichter war. (lachen) Aber es hat sich herausgestellt, dass es mir dort viel besser gefällt, weil es dort einen sehr guten Schulchor gegeben und da durfte ich mit 15 Jahren im großen Musikvereinssaal in Wien, bei Carmina Burana und Catulli Carmina – die brauchten immer Knabenchöre und haben in unserem Fall einen Mädchenchor genommen, Hauptsache junge Stimmen – mitsingen. Ich bin dort gestanden und habe mir gedacht „Boah, das ist super! Das will ich machen.“ Wie genau hab ich damals noch nicht gewusst, also ich war mir nicht sicher ob es Klassik sein wird. Das wäre auch eine Möglichkeit gewesen. Ab 17 hab ich mich aber doch eher in Richtung – was weiß ich wie man das nennt was ich mache – „Allround“, also alles außer Klassik (lachen), entschieden.
Du bist ja musikalisch extrem vielseitig!
Tini Kainrath: Wobei! Ich hatte einmal eine Sprechrolle in der Oper Klosterneuburg da habe ich sogar auch gesungen. Die wollten von mir so eine Art „Einlage“ und da habe ich einen Dudler gedudelt und war ganz stolz auf mich, weil ich rein lautstärke-mäßig – ich war unverstärkt und in einem offenen Hof, was schon schwer ist weil man da ganz schön angasen muss, um gehört zu werden – angeblich auch nicht leiser war als die Anderen, die studiert haben wie das geht.
Was ist der Unterschied zwischen Dudeln und Jodeln?
Tini Kainrath: Der Unterschied ist nicht so groß. Es geht auch hauptsächlich um diesen Überschlag. Die Jodelkönigin – sagen wir mal – ist die, die am schnellsten jodeln kann und so viele Überschläge wie möglich unterbringt. Und die Dudelkönigin muss nicht schnell sein. Die muss sehr träumerisch, ausdrucksstark sein. Wir dürfen die Töne anschleifen, das darf man – glaube ich – in den Alpen nicht. Das Dudeln ist ein wenig „operettig“, man darf den Ton vibrieren. Es klingt ein wenig anders. Auch der Zugang ist ein anderer, es ist mehr „verkünstelt“ im Vergleich zum Alpen-Jodler.
Ja, du machst alles – Soul, Rock, Wiener Lieder, Gospel und so weiter. Wie kam es zu diesem vielseitigen Interesse?
Tini Kainrath: Ich bin draufgekommen, dass das notwendig ist. Mit den „Rounder Girls“ wollte ich mich spezialisieren, hauptsächlich auf Gospel, aber die sind auch nicht ganz speziell, die machen ja auch Blues, Gospel, Soul, Pop. Das ist eh schon viel. Aber es ist doch ein bestimmter Stil. Ich habe mir gedacht, ich finde das vom geschäftlichen her klug, wenn man sich in einem Stil aufhält, weil sich dann jeder auskennt und man kann in dem Stil auch richtig gut werden und man kann das dann auch besser verkaufen. Ich bin da beinhart drauf geblieben bis mir fast die Musik keinen Spaß mehr gemacht hat. Durch Zufall eigentlich bin ich dann draufgekommen, dass das für mich nicht gilt. Dieses Gesetz, das eigentlich logisch wär. Es ist schon schwierig für das Publikum. Die kennen sich natürlich überhaupt nicht aus was das jetzt ist, wenn sie zu einem Konzert von mir kommen, und sind teilweise völlig überrascht, weil sie sich genau was Anderes erwartet haben. Aber da müssen wir alle durch, weil es leider nicht anders geht. (lachen) Sonst macht es mir keinen Spaß.
Wer waren deine frühen musikalischen Vorbilder und hast du jetzt noch Vorbilder?
Tini Kainrath: Frühe Vorbilder waren schwarze Soul- und Gospelsängerinnen. Da gab es Mahalia Jackson, Aretha Franklin, Etta James. Dann gab es in der Rock-Richtung Chaka Khan, sie war eher „funkig“ und „Baby Jean“ Kennedy von Mothers Finest. Sie war für mich eine starke Inspiration, weil ich mich immer gefragt habe woher sie diese Power hernimmt, die ich auch immer haben wollte. (lachen) Das waren meine Lehrmeister. Damals gab es keine Schule für so etwas. Also ich habe gewusst, es gibt Jazz und es gibt Klassik und dazwischen nichts und das Angebotene wollte ich nicht. Damals. Also habe ich mir meine Vorbilder reingezogen bis zum erbrechen und versucht irgendwie rauszufinden wie die das technisch machen. Irgendwann habe ich es kapiert.
Learning by doing also.
Tini Kainrath: Ja. Ich habe keine Ahnung wie es dann geklappt hat, aber es hat irgendwie geklappt. (lachen)

Tini Kainrath: Das kann ich nicht beurteilen weil ich nicht weiß wie schwer es wo anders ist, im Vergleich. Ich kann mich nur auf das verlassen, was andere so erzählen. Und da würde ich sagen es hat jedes Land so seine Schwierigkeiten. Alle versuchen sich immer an den USA zu orientieren, aber ich glaube nicht dass es dort leichter ist. Dort gibt es noch mehr. Man kann sich vielleicht leichter ein Ziel setzen, weil hier weiß man gar nicht „Wo soll man hin?“ Die erste Schwierigkeit ist „Was will ich eigentlich?“ Oder „Womit kann ich überhaupt irgend jemanden interessieren in diesem Land?“ Das ist die Hauptschwierigkeit die wir haben. Dafür gibt es bei uns irrsinnig viele Nieschen, die bei uns funktionieren und wo anders nicht. In London zum Beispiel kann man nicht einfach irgendwo hingehen und sagen „Geh, lass mich spielen. Teilen wir den Eintritt.“ Oder so. Da sagt man dir knallhart „Ja, du kannst gerne spielen. Miete meinen Raum. Das kostet nur 3.000 Euro.“ Oder eben Pfund. Und dann kannst du machen was du willst. Aber wie soll man sich so ein Publikum aufbauen als kleiner Anfänger quasi? Das ist schwierig.
Ich höre immer wieder, dass das zum Beispiel in Wien auch immer öfter so gemacht wird.
Tini Kainrath: Es wird schlechter, ja. Weil die Förderungen wegfallen. Es liegt einfach daran. Es ist bei den Engländern früher passiert. Ich nehme an Magaret Thatcher war daran beteiligt. Und bei uns ist das jetzt so. Es ist sparen angesagt, angeblich, also ich glaube, dass das Geld sehr wohl noch da ist, aber irgendwo anders. Und wo wird man sparen. Klar, Kultur ist ein Luxus. Das ist nicht wie Brot, also Lebensmittel oder Heizöl oder so.
Du hast schon mit unzähligen großartigen Musikern wie zum Beispiel Joe Zawinul, Gloria Gaynor, Willi Resetarits oder Harri Stojka zusammengearbeitet. Wer war dein persönliches Highlight? Kann man da eine Person überhaupt besonders hervorheben?
Tini Kainrath: Also der Willi Resetarits ist mir sehr ans Herz gewachsen. Das war schon immer so. Wir kennen uns jetzt schon sehr lange und mit ihm würde ich jederzeit überall hinfahren und alles machen (lachen). Aber du hast jetzt so viele aufgezählt. Mit Joe Zawinul kann ich leider nicht mehr viel machen und wer mir wahnsinnig abgeht und mit dem ich auch noch wahnsinnig gerne was gemacht hätte ist der Hansi Lang. Aber das habe ich verpasst. Gut, ich habe vieles verpasst. Die Musik in den 60er Jahren zum Beispiel. Ich war gerade in Memphis, Tennessee, und habe mir angesehen was da in den 60er Jahren abgegangen ist. Also da wäre ich gerne dabei gewesen. Oder in Österreich in den 20er Jahren. Also vor dem ganzen Scheiß mit dem 2. Weltkrieg muss es hier kulturell ein Paradies gewesen sein.
Du hast hast ja zahlreiche Projekte. Welches ist jetzt gerade aktuell? Die Rounder Girls?
Tini Kainrath: Die Rounder Girls sind sehr aktuell, denn wir sind gerade am Feilen am „20 Jahre Fest“. 20 Jahre, stell dir das vor, Wahnsinn! Dann habe ich mit „Freihaus 4“, das ist eine Formation mit Sigi Finkel, Melissa Coleman und Monika Lang, „Brecht, Weill“ gemacht, auf wienerisch. Das ist super gewesen. Ich glaube die Leute haben das nicht ganz… also ich glaube Brecht ist nicht ganz so beliebt, bin ich draufgekommen. (lachen) Irgendwie war es schwierig für die Leute. Also die, die da waren haben es sehr genossen, aber die Leute sind nicht gekommen. Egal. Man muss auch manchmal, du weißt schon. Darum sag ich, es muss nicht alles funktionieren, aber man muss auf alles stolz sein was man gemacht hat. Das eine ist der Kommerz – ich singe ja auch am Kaffeesiederball, das ist halt quasi der Kommerz. Nicht, dass mir das keinen Spaß machen würde, aber das macht mir nur Spaß, weil ich dann mit „Freihaus 4“ „Brecht, Weill“ spiele. In der Kombination geht sich das alles für mich wunderbar aus. Da muss ich auch in Kauf nehmen, dass das eine mit viel Publikum verbunden ist und das andere mit wenig. Aber wir arbeiten bereits an unserem nächste Programm, das wird auch wieder sehr spannend. Das wird sogar ein wenig Klassisch werden, da versuchen wir die Musik aus der Klassik zu nehmen. Also Klassik-Superhits auf wienerisch. Und auch ziemlich deftig. So lege ich es zumindest an. Also Faust aufs Aug. Ein bissl. Das finde ich verlockend, weil Klassik so eine hohe Kunst ist, vor der sich alle immer verneigen – schon seit Jahrhunderten. Und ich habe den Drang da richtig reinzuschlagen. (lachen) Also nicht brutal, aber die Sprache verändern. Denn damals waren die auch nicht so fein wie man heute glauben würde, wenn man sich die Musik anhört.
20 Jahre Rounder Girls ist ja eine „ewige Zeit“!
Tini Kainrath: Ja, das ist ein Wahnsinn. Das gibt es normalerweise kaum.
Euer letztes Album kam im Herbst 2012 heraus, richtig?
Tini Kainrath: Genau, das war das Gospel-Album.
Ja, du bist immer wieder im Mostviertel.
Tini Kainrath: Ja, schon auch. Ich habe ein besonderes Nahverhältnis zum Upper Austrian Jazz Orchestra zum Beispiel. Das hat mich oft in die Gegend gebracht mit dem Programm „Wein, Weib und Gesang“. Ein großartiges Programm. Nachher haben wir noch ein Programm gemeinsam mit Ali Gaggl, der Stammsängerin des Upper Austrian Jazz Orchestras, gemacht. Das war, ahm, das werde ich mir nie merken „Sieben Laster und vier Musen“ oder umgekehrt? (lachen) Vier Laster können es nicht sein. Egal. Hochinteressant! Da hat man Dichter, Österreichische Lyriker, um Texte gebeten, die wir dann vertont haben. Das waren teilweise hochkomplizierte Texte (lachen), die sich schwer vertonen ließen.
Wer zum Beispiel?
Tini Kainrath: Semir Insayf hat einer geheißen. Ich habe auch einen Text geschrieben, was ich dann aber kurzfristig bereut hatte, weil ich mir dachte „Oh Gott, was schreiben denn die für Texte, das passt ja überhaupt nicht zu mir und wie ich schreibe“. Ich bin mir da ganz läppisch vorgekommen, aber im Endeffekt hat es dann eh gepasst. (lachen) Dann war noch Elisabeth Schweiger, so glaube ich hat sie geheißen. Ich kann mir Namen ja so schlecht merken. Man kann das aber im Internet finden. Da waren wirklich super Leute dabei.
Zurück zum Mostviertel. Im Juni bist du wieder in Melk tätig.
Tini Kainrath: Juli, also ab Juni probe ich da. Im Juli und August spielen wir dann wieder eine Revue. Das mache ich jetzt schon die dritte Saison.
Und in Lunz/See bist du bei den „wellenklängen“ heuer dabei.
Tini Kainrath: Ja, man hat mich gebeten da etwas zu machen.
Wie kam es dazu?
Tini Kainrath: Es war ein Anruf, ich soll Jazz singen. Da habe ich mir gedacht „Ok?! Was meint Suzie Heger, wenn sie das sagt?“ Weil Jazz – du weißt – heißt viel heutzutage. Sie meinte dann, es soll entspannt sein. Nichts zu künstlerisches. Da wusste ich, das bringe ich hin. (lachen)
Mit welcher Band wird das sein?
Tini Kainrath: Das sind durchwegs Freunde von mir. Ich habe zuerst den Geri Schuller angerufen. Er ist ein langer Weggefährte von mir, auch bei den Rounder Girls und bei der Hallucination Company. Also wir kennen uns schon sehr, sehr lange. Wir haben auch sieben Jahre unseres Lebens zusammen verbracht. Ja, und ihn habe ich angerufen und gesagt „Du, Jazz?“ (lachen) „Was machen wir?“ Er meinte dann, wir fragen erst einmal richtige Jazzmusiker. Also solche, die nicht wie wir „Allrounder“ sind, sondern echt speziell. Denn dann klingt das alles schon ganz anders. Nun gut, genau so werden wir es nicht machen, aber das war einmal der Ansatz. Dann haben wir Joris Dudli gefragt, Hans Strasser und Dominik Stöger, der sich unglaublich gewundert hat warum wir gerade ihn fragen. Das war so lustig! (lachen) Wir wollten ein Soloinstrument, das der Stimme nicht im Weg ist, darum eine Posaune. Die ist immer eine Oktave tiefer als meine Stimme und da kann man sich ein wenig in die Quere kommen ohne sich in die Quere zu kommen. Der war süß, weil er gemeint hat „Wieso fragst du mich?“ Und ich sagte „Ich mag dich einfach.“ (lachen) Da war er ganz gerührt. Dann Edi Köhldorfer an der Gitarre. Der von den Global Kryner. Er spielt auch bei einem Orchester, das ausschließlich Moderne Klassik spielt. Ganz heftig. Er ist auch in der Modernen Klassik sehr versiert, nicht nur bei den Oberkrainer-Klängen (lachen). Er kann alles. So, hab ich jetzt alle aufgezählt? Ich glaube schon. Ja, darauf bin ich schon sehr gespannt. Auch sehr gespannt bin ich auf Otto Lechner. Mit ihm spiele ich in der Nähe von St.Pölten, im Geburtshaus von Joseph Haydn. Dort spielen wir Haydn. Otto Lechner und das König Quartett, die haben schon ein Haydn-Programm und die Veranstalter wollten, dass wir beide, Otto und ich, für das erste Set etwas zu zweit machen. Das ist auch eine große Herausforderung. Also richtige Klassik, aber die soll nicht so sein, wie sie immer ist. Es sind ja so Lieder, getragene Lieder. Das Programm heißt „The Haydn Groove Project“. Da werden wir dann zu zweit versuchen zu grooven. (lachen)
Interview: Petra Ortner
Termine:
9.6. Im Rahmen der „wellenklänge“ – „Gipfelklänge“ Göstling/Ybbs
Melk: „I Want It All“-Revue – Sommerspiele 4.Juli bis 14. August
Mit den Rounder Girls:
21.9. Gresten, Kulturschmiede
5.10. St.Pölten, Kulturhaus Wagram
24.10. Casa Nova, Wien (das wird im September eröffnet)
Foto Tini Kainrath 1: Manfred Baumann
Foto Tini Kainrath 2: Franco Grazarolli