Waves Vienna Konferenz: Der slowenische Musikmarkt

Einblicke in einen vielversprechenden Markt? Es diskutierten: Andraz Kajzer (Kapa Records; Sl), Matjaz Mancek (Kino Siska; Sl) und Miran Rusjan (Moonlee Records; Sl). Gastgeber war: Luka Zagoricnik (SIGIC/Radio Student).

Allgemeine Marktsituation

Veranstalter Matjaz Mancek stellt einleitend fest, dass es in Slowenien eine ganze Menge an reizvollen Venues und Bars gebe, in denen internationale Acts auftreten können. Die Möglichkeiten für junge Bands würde er aber am ehesten mit einem ständigen Up and Down beschreiben. In den letzten Jahren sei es allerdings zusehends schwieriger geworden. Am schlechtesten gehe es ohne Zweifel dem Tonträgermarkt. Damit spricht er einen Punkt aus Gastgeber Zagoricniks Eröffnungspresentation an, wonach es in Slowenien und speziell in Ljubljana heute (ganz im Gegensatz zur Situation während der 1990er-Jahre) kaum noch Plattengeschäfte gebe. Die meisten Labels würden ihre Tonträger daher auf den Konzerten ihrer Acts anbieten. Und die schwierige wirtschaftliche Gesamtsituation, so Mancek, treffe freilich auch den Musikmarkt. Er ist der Auffassung, dass es, um diese schwierigen Bedingungen abzufangen, viel an Unterstützung brauche. In concretu spricht er die Selbstorganisation der Künstler an, die er für ausbaufähig hält. Aber auch das staatliche Förderwesen könnte seiner Auffassung nach weiter zulegen.

Moderator Zagoricnik ergänzt, dass in Slowenien – wie in den meisten anderen europäischen Ländern auch – der wichtigste Part das Live-Geschäft sei, wobei es dabei auf relativ kleinem Niveau leichter sei.

Förderungen

Mancek meint, dass das Kulturministerium seinen Veranstaltungsort zwar unterstütze, aber in einem doch sehr bescheidenen Rahmen. Diese bescheidenen Beträge seien in der Vergangenheit allerdings überlebensnotwendig gewesen.
Mittlerweile unterhalte auch die Stadtverwaltung von Ljubljana eine eigene Abteilung, die sich mit der Förderung von Kulturveranstaltungen beschäftigt.
Ohne die Unterstützung von Stadt und Land wäre es jedenfalls nicht möglich, gewisse zugkräftige internationale Acts nach Slowenien zu holen bzw. die bei einem solchen Unterfangen anfallenden Kosten abzudecken.

Luka Zagoricnik möchte in diesem Zusammenhang klargestellt wissen, dass er es für eine ganz allgemeine Entwicklung halte, dass viele Veranstalter bzw. überhaupt Proponenten der Kulturbranche in zunehmendem Ausmaß von der öffentlichen Hand abhängig seien.

Tour-Möglichkeit

Was aber bedeute das bisher Gesagte – die Schwierigkeiten, aber auch die Chancen des Marktes betreffend – für eine österreichische Band, die eine Tour durch Slowenien organisieren will?
Andraz Kajzer meint, das komme ganz auf die angedachte Größe an. Zwischen 100 und 300 Leuten könne man bis zu drei Orte in Slowenien bespielen. Das sei in einem größeren Zusammenhang gedacht durchaus lohnenswert.

Miran Rusjan stimmt dem zu. Es gebe viele Clubs, das öffentliche Interesse schwanke allerdings sehr und sei sehr schwer prognostizierbar. „Man kann schwer vorhersagen, wie es laufen wird. Von totaler Reinfall bis großer, unerwarteter Erfolg ist alles drin.“

Netzwerke/ Go east, go west!

Zagoricnik möchte wissen, wie es um das Networking bestellt ist, ob es vorhanden sei und ob es Promotern wie Veranstaltern die Arbeit erleichtere.

Mancek meint, es sei geradezu essenziell für einen kleinen Markt wie den slowenischen, Kooperationen einzugehen und sich möglichst gut zu vernetzen. Gerade Österreich sei für den slowenischen Musikmarkt enorm wichtig. Und die Möglichkeiten für eine Band, sich zum Beispiel hier beim Waves Festival zu präsentieren seien von enormer Wichtigkeit.

Allerdings, ergänzt Kajzer, stoße man als slowenische Band gerade beim Vorhaben, den gesamten ex-jugoslawischen Markt zu bearbeiten, auf natürliche Grenzen. Vor zwanzig Jahren, also vor dem Krieg, sei das noch anders gewesen. Er würde sogar so weit gehen, von einem Scheideweg zu sprechen, an dem sich slowenische Band gerade befänden. Sollen sie sich nach Osten oder Westen orientieren?

Mancek antwortet: „Beides natürlich!“ Wobei sein Vorredner schon insofern Recht habe, als es für slowenische Bands tatsächlich ein massives Sprachproblem gebe. So habe slowenischer Hip Hop keine Chance in den übrigen übrigen Nachfolgestaaten Ex-Jugoslawiens, während umgekehrt bosnischer Hip Hop sehr wohl ein Publikum in Slowenien fände. Aus dem Publikum kommt der Vermerk, dass es in Mazedonien ganz genauso sei. Das heißt also: Aus jenen Nachfolgestatten, die nicht Serbokroatisch als Landessprache haben, stammende Bands, die in dieser ihrer Landessprache singen wollen, haben einen echten Nachteil. Eine „One-Way-Barrier“, so Mancek.

Unabhängigkeit  – gibt es so etwas überhaupt?

Zagoricnik möchte in weiterer Folge wissen, ob die Unabhängigkeit von der angloamerikanischen Szene eine Illusion sei.

Mancek führt diesbezüglich die estnische Szene als lobenswertes Beispiel an. Dort habe die Tallin Music Week viel zum Positiven hin verändert. Aufgrund des gewaltigen Aufwands, den man dort auf sich nahm, sei man heute im Vergleich viel weiter als die slowenische Szene. Dort sei es nämlich mittlerweile möglich 150 Leute für eine völlig unbekannte Band zu bewegen. Es gehe, so Mancek, beim Veranstalten schließlich darum, nicht nur die üblichen Verdächtigen für das ewig gleiche Publikum zu veranstalten. Ganz im Gegenteil: Es gebe doch derart viele interessante Projekte, dass es eine Schande sei, sich nur auf das Logische, das risikolos Gefällige zu beschränken. Das Publikum jedenfalls goutiere den Weg, den man bei Kino Siska Ljubljana eingeschlagen hat.

Dennoch stehe man, so Zagoricnik, als Band wieder am Anfang. Das Formatradio spiele nur noch etwa 20 Tracks in Dauer-Rotation, was es für junge Bands schier unmöglich mache, Airplay zu bekommen. Und im slowenischen Fernsehen finde so gut wie keine Musik mehr statt – Entwicklungen, die wir auch aus Österreich nur zu gut kennen.

Wie überlebe man nun in dieser feindseeligen Umgebung, will Zagoricnik wissen.
Kajzer: Die genannten Gründe seien Gründe dafür, dass sich Labels zusehends bei Live-Konzerten ihre Zielgruppe direkt suchen. Ein weiterer Nachteil sei aber auch die Tatsache, dass er die meisten Downloads von Tracks seiner Bands im Ausland erziele. Auch das sei bemerkenswert. Der Online-Markt sei also in Slowenien vergleichsweise schwach ausgeprägt.

Rusjan und Kajzer führen sodann gemeinsam aus, dass es Plattformen mit guten Infos über slowenische Indie-Bands und darüber hinaus Radio Student gebe, das einen wertvollen Beitrag zum slowenischen Musikleben liefere. Deshalb auch würden die beiden äußerst zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Eine Wortmeldung aus dem Publikum bezieht sich sodann darauf, dass es zwar gute Bands, gute Clubs und gutes Radio gebe, aber ganz wesentlich an Management-Strukturen und entsprechenden Promotern mangle, die slowenischen Bands unter die Arme greifen könnten. Die Wortmeldung erntet am Panel breite Zustimmung.

Aber auch das Networking müsse, wenn auch schon gut installiert, noch weiter verbessert uns ausgebaut werden, fügt Mazek an. Darüber hinaus aber würden ihn die derzeitigen Gespräche über die Gründung eines Music Export Offices zuversichtlich stimmen. Mit diesem teils positiven, teils selbstkritischen Ausblick endet die Gesprächsrunde.
Markus Deisenberger

 

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