Michael-Behrend (c) Ernst Stratmann

Von Provokationen und Provokatiönchen: Michael Behrendt

Das Buch „Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en“ kämpft sich durch die Jahrzehnte der Popkultur und fördert ein Sammelsurium von rund 70 Songs zutage, die in irgendeiner Form für Aufsehen gesorgt haben.

Vor zwei Jahren hat der deutsche Musikjournalist Michael Behrendt mit „I don’t like Mondays. Die 66 größten Songmissverständnisse“ falsch verstandene und missinterpretierte Inhalte von Popsongs aufgegriffen, um ausgiebige Songbeschreibungen in Buchform abzuliefern. Nun liegt Behrendts Folgewerk vor, das einem ähnlichen Strickmuster folgt. Dieses Mal geht es dem Autor um Songs, die für Kontroversen und Skandale gesorgt haben.

Provokation! Cover

Michael Jacksons „Thriller“ und Wandas „Bologna“ sind ebenso Thema wie „The Queen Is Dead“ von The Smiths, aber auch Jesus Christ Superstar, Rammstein, Georg Kreisler, Conchita Wurst, Bob Dylan, Heino, Bushido und als jüngstes Beispiel Kollegah & Farid Bang. Eine äußerst subjektive Auswahl an Songs, die in der Chronologie ihres Erscheinens vorgestellt werden. Auf den kulturgeschichtlichen Hintergrund der popkulturellen Provokationskraft geht der Autor nur sehr knapp ein.

Und Behrendt spannt den titelgebenden Sammelbegriff „Provokation“ sehr weit. Musikalischer Ideenklau und Playback-Skandale werden ebenso als Provokation aufgefasst wie sexuell Anrüchiges, Antisemitismus, politische Kontroversen, Horrorästhetik als Stilmittel und die Forderung nach der Legalisierung von weichen Drogen. Das Buch arbeitet sich an Songs ab, die in irgendeiner Form für Aufsehen gesorgt haben, und versprüht damit eine gewisse Beliebigkeit.

Über weite Teile erschöpft sich der Schmöker in Inhaltsanalysen der Songs und verarbeitet Anekdote um Anekdote, ohne dabei besonders tiefgründig auf die provokanten oder kontroversen Elemente der Songs einzugehen. Freundinnen und Freunde des unnützen Wissens werden ihre Freude haben. Doch zu großen Teilen streift das Buch am eigentlichen Thema vorbei. Dementsprechend bescheiden ist der Erkenntnisgewinn: Was einst zu provozieren wusste, kostet heute kaum mehr ein müdes Lächeln. Wo früher linksliberales Denken die Hoheit hatte, so ist Popkultur längst zum Träger aller möglichen Ideologien geworden. Andere Zeiten, andere Provokationen – Popkultur als ein Spiegel der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse.

Wobei der Autor sehr eindrücklich unter Beweis stellt, wovon er sich provozieren lässt. Im letzten Teil des Buches, der in FAQ-Form Fragen und Antworten zum Thema kontroverse Songs bietet, arbeitet sich Behrendt (Jahrgang 1959) in erster Linie am Thema Gangsta-Rap ab, um zwischen den Zeilen sein Ressentiment gegenüber dem Genre deutlich spüren zu lassen. Eines der Musikbücher des noch jungen Jahres, das man nicht unbedingt gelesen haben muss.

Johannes Luxner

Michael Behrendt: Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en. Theiss/WBG, 296 Seiten