Während Hatsune Mikus Stimme noch durch einen Vokal-Synthesizer generiert wurde, wird der Gesang der Musik-Avatare heutzutage durch künstliche Intelligenz erzeugt. Ein besonders erfolgreiches Projekt stellt ABBA Voyage dar. Dabei wurden mit großem technischem Aufwand die Avatare der vier ABBA-Mitglieder Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad in London auf die Bühne gebracht und damit eine neue Publikumsattraktion geschaffen, die in Teil 3 der Serie zu „Virtuellen Musikwelten“ genauer untersucht wird.
Ein frühes Beispiel für KI-generierte Musik-Avatare ist der wohl erfolgreichste schwedische Musikexport aller Zeiten: ABBA. Nachdem Agnetha Fältskog, Björn Ulvaeus, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad im Dezember 1982 den folgenreichen Entschluss gefasst hatten, nicht mehr gemeinsam aufzutreten, gab es immer wieder Gerüchte einer Wiedervereinigung. Zuletzt wurden diese Gerüchte durch den Riesenerfolg des ersten „Mamma Mia!“-Kinofilms,1 der auf dem gleichnamigen Musical, das 1999 im Londoner Westend Premiere feierte,2 beruhte, im Jahr 2008 befeuert. ABBA-Mastermind Björn Ulvaeus sah sich sogar genötigt, in einem Interview mit dem Sunday Telegraph zu betonen: „We will never appear on stage again. There is simply no motivation to re-group. Money is not a factor and we would like people to remember us as we were – young, exuberant, full of energy and ambition.“3 Nicht einmal das Angebot von US $1 Milliarde durch ein amerikanisch-britisches Finanzkonsortium für eine gemeinsame Tournee, das der Pop-Gruppe bereits im Jahr 2000 gemacht wurde, konnte die Stars dazu bewegen, wieder gemeinsam aufzutreten.4
Diese Einstellung sollte sich zwar später auch nicht mehr ändern, aber von einer virtuellen Wiedervereinigung war damals noch nicht die Rede. In einem Interview mit dem Billboard Magazin Ende Oktober 2016, kündigte der Erfinder der TV-Casting-Show „American Idol“ und CEO von 19 Entertainment, Simon Fuller, an, ABBA in der virtuellen Realität unter dem Einsatz von neuesten Technologien und künstlicher Intelligenz wiedererstehen zu lassen. Er konnte die vier ABBA-Stars von seiner Idee überzeugen und lud sie zur aktiven Mitarbeit ein: „We are exploring a new technological world, with virtual reality and artificial intelligence at the forefront, that will allow us to create new forms of entertainment and content we couldn’t have previously imagined.“5
Ein erster Schritt in diese Richtung war die Aufnahme eines neuen Albums. Dafür haben sich ABBA im Frühjahr 2018 in einem Tonstudio in Stockholm zusammengefunden, wo sogar zwei neue Songs – „I Still Have Faith in You“ und „Don’t Shut Me Down“ – aufgenommen wurden. In einem Interview mit der BBC blieb Björn Ulvaeus allerdings recht vage über das virtuelle ABBA-Projekt. Nur so viel konnte ihm im Gespräch entlockt werden, dass an der Erstellung von Avataren – auch ABBA-tare genannt – gearbeitet werde, die statt der menschlichen ABBA-Mitglieder auf Tournee gehen sollten.6
Der nötige Schwung kam ins Projekt, als der britische Musikvideo-Regisseur, Baillie Walsh, zum Entwicklerteam stieß. In einem ausführlichen Interview für den „Esquire“ erzählte er, wie er von den beiden Executive Producers, Svana Gisla und Ludvig Andersson, der Sohn von Benny Andersson, eingeladen wurde, das virtuelle ABBA-Projekt ab 2019 weiterzuentwickeln.7 Ursprünglich gab es die Idee, ABBA als Hologramme auf die Bühne zu bringen. Da die Technologie aber als veraltet und wenig zufriedenstellend galt, setzte sich Walsh mit VertreterInnen der Firma Industrial Light & Magic (ILM) von Star-Wars-Erfinder George Lucas zusammen, um die technischen Möglichkeiten KI-generierter ABBA-tare auszuloten, die in Lebensgröße auf einer Bühne performten. Die Lösung war eine in etwa 10 Meter hohe LED-Wand, bei der die Innenbeleuchtung und die Bühnenbeleuchtung mit Hilfe zahlreicher Kameras so abgestimmt wurde, dass die Illusion einer dreidimensionalen Präsenz der projizierten Avatare entstand.8 Dazu mussten aber die Avatare erst einmal mit der Motion-Capture-Technologie, ähnlich wie bei Hatsune Miku, erstellt werden. So trafen sich die vier ABBA-Stars im Winter 2020 in einem darauf spezialisierten Studio in Stockholm, um in die Spezialanzüge zu schlüpfen, die an bestimmten Stellen des Körpers mit kleinen kugelförmigen Markern versehen waren, über die die Bewegungen von 160 Kameras aus verschiedenen Blickwinkeln eingefangen wurden.9 Fünf lange und intensive Wochen dauerte es, bis die Tanzeinlagen zu den jeweiligen Songs mit den vier Mitgliedern von ABBA10 und zahlreichen jüngeren Body-Doubles unter Leitung des Star-Choreografen Wayne McGregor mit Motion Capture aufgenommen werden konnten.11 Auch die Gesichter von Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid wurden im Detail erfasst und mithilfe von KI verjüngt. Auf diese Weise wurde sichergestellt, dass die vier ABBA-Mitglieder auf der Bühne überzeugend echt wirkten.12
Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, als am 26. Mai 2022 in der ABBA-Arena, die ganz in der Nähe des Queen Elizabeth Olympic Park in London für 3.000 ZuseherInnen errichtet worden war, die Premiere mit prominenten Gästen, darunter auch das schwedische Königspaar, über die Bühne ging. Aber nicht nur das zahlreich erschienene Publikum, sondern auch die Medien schwärmten von der überzeugend echt wirkenden Avatar-Show,13 die mit einem Budget von US $175 Millionen die bis zu diesem Zeitpunkt aufwändigste Bühnen-Produktion war.14
Die Investitionen haben sich aber rasch bezahlt gemacht. Bereits 2022 wurden 675.600 Tickets für die „ABBA Voyage“ verkauft, die der für die virtuelle Show zuständige Firma Aniara Ltd. einen Umsatz von GBP 97,1 Millionen und einen Gewinn vor Steuern von fast GBP 3 Millionen bescherten. 2023 stieg die Zahl der verkauften Tickets auf 1,1 Millionen, was sich in einem Umsatz von GBP 103,7 Millionen und einem Vorsteuergewinn von GBP 6,1 Millionen niederschlug.15 Im Dezember 2024 wurde bekanntgegeben, dass „ABBA Voyage“ seit der Premiere 3 Millionen Tickets verkauft und eine Bruttowertschöpfung von GBP 775 Millionen für die Londoner Wirtschaft in den ersten beiden Jahren erzeugt hat.16 Es verwundert daher nicht, dass die Verantwortlichen einen Weg suchten, dass „ABBA Voyage“ über das geplante Ende spätestens im April 2026, wenn die Bewilligung für die Arena ausläuft und einem Wohnbauprojekt Platz machen soll, weiterhin für das Publikum in London zugänglich bleibt.17 Die wie ein Ufo anmutende Konzerthalle kann nämlich vollständig abgebaut und an anderer Stelle wieder aufgebaut werden, weil von Anfang an daran gedacht war, dass „ABBA Voyage“ auf eine internationale Tournee geht.18
Die ABBA-tare als Vorbilder für andere Musik-Avatare: Avicii und KISS
„ABBA Voyage“ könnte aber bald Zuwachs erhalten, weil das von Björn Ulvaeus 2014 mitbegründete Veranstaltungs- und Musikrechteunternehmen Pophouse Entertainment, das auch an „ABBA Voyage“ als Investor beteiligt ist, seit 2022 Musikkataloge von zahlreichen KünstlerInnen aufgekauft hat. Im März 2022 gab Pophouse bekannt, die Master- und Verlagsrechte der schwedischen EDM-Formation Swedish House Mafia gekauft zu haben.19 Für Aufsehen sorgte dann aber die Akquisition von 75 Prozent der Master- und Verlagsrechte des jung verstorbenen schwedischen DJs Avicii von dessen Erben, der Bergling-Familie, durch Pophouse Ende September 2022.20 Es lag die Vermutung nahe, dass in Zukunft Avicii als virtueller Musiker wieder „auferstehen“ könnte. Bestätigung fand diese Vermutung, als im April 2024 Pophouse nicht nur den Songkatalog und die daraus fließenden Künstlertantiemen der Glam-Rockband KISS, sondern auch deren NIL-Rechte (name, image, likeness) inklusive der Rechte an ihrer markanten Gesichtsbemalung um US $300 Millionen erwarb. Der nunmehrige Pophouse-CEO und frühere Chef von Universal Schweden, Per Sundin, erklärte: „Our partnership will fuse the rich history and iconic status of KISS with cutting-edge technology, allowing fans – now and in the future – to experience the band like never before.“21 Das inkludiert auch die Schaffung von Avataren der Musiker nach dem Vorbild der ABBA-tare, die dann als virtuelle Band auf Tournee gehen können, wie eine Vereinbarung belegt, die KISS vier Monate vor dem Rechte-Deal mit Pophouse geschlossen hatte.22 KISS haben bereits Erfahrung mit Auftritten ihrer Avatare. So ließ die US-Kultband am Ende ihres Konzerts im Madison Square Garden in New York City ihre KI-Klone als Zugabe „God Gave Rock And Roll To You“ performen, wie ein Promotion-Clip auf YouTube belegt.23
Wir stehen also am Beginn einer Entwicklung, in der lebende und bereits verstorbene KünstlerInnen als KI-generierte Avatare die Konzertbühnen erobern werden. Das hätte massive wirtschaftliche Auswirkungen. Die Avatare der Superstars könnten an verschiedenen Orten gleichzeitig auftreten und ihre menschlichen Vorbilder entlasten, wenn diese nicht auf Tournee gehen können oder wollen. Damit würde der ohnehin sehr stark von Superstar-Effekt dominierte Live-Musikmarkt noch mehr konzentriert werden und es jüngeren MusikerInnen erschweren, sich eine Karriere aufzubauen. Zusätzlich gewinnen die Musikrechte, vor allem die Persönlichkeitsrechte (NIL-Rechte), weiter an Wert, weil diese die Voraussetzung für Schaffung von MusikerInnen-Avataren sind. Der Musikrechtemarkt und der Musikveranstaltungsmarkt würden auf diese Weise enger miteinander verknüpft werden und die schon bestehende Tendenz zur Oligopolisierung beider Märkte noch weiter vorantreiben.
Peter Tschmuck
Dieser Artikel erschien erstmal am 20. Oktober 2025 auf der Seite https://musikwirtschaftsforschung.wordpress.com/2025/10/20/virtuelle-musikwelten-teil-3-abba-voyage/
Teil 1: Virtuelle Musikwelten – Teil 1: Ein historischer Rückblick
Teil 2: Virtuelle Musikwelten – Teil 2: Hatsune Miku
Peter Tschmuck ist Professor am Institut für Popularmusik (ipop) der mdw.
Endnoten
- Wikipedia, „Mamma Mia! (film)“, Version vom 22. August 2025, Zugriff am 26.08.2025. ↩︎
- Wikipedia, „Mamma Mia! (musical)“, Version vom 24. August 2025, Zugriff am 26.08.2025. ↩︎
- Zitiert in The Guardian, „Abba reunion: Don’t hold your breath“, 7. Juli 2008, Zugriff am 26.08.2025. ↩︎
- Business Insider, „Why ABBA Turned Down $1 Billion To Reunite In 2000“, 9. Juli 2014, Zugriff am 26.08.2025. ↩︎
- Billboard, „‚Virtual‘ ABBA Coming Soon Through Partnership with Simon Fuller and Universal Music“, 26. Oktober 2016, Zugriff am 26.08.2025. ↩︎
- BBC News, „Abba announce first new music since 1982“, 27. April 2018, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Esquire, „Super Trouper“, 21. Juli 2022, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Eine detaillierte Beschreibung der technischen Umsetzung des virtuellen ABBA-Projekts findet sich in der Zeitschrift Ingenia, „How ABBA Voyage was made“, September 2022, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Ibid. ↩︎
- Im Esquire-Beitrag vom 21. Juli 2022 findet sich ein Foto, in dem alle vier ABBA-Stars mit den Motion-Capture-Anzügen abgebildet sind. ↩︎
- NME, „ABBA Voyage’s creators tell us how they made the show, and what’s next“, 28. Mai 2022, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Ingenia, „How ABBA Voyage was made“, September 2022, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Siehe beispielsweise The Guardian, „Abba Voyage review: jaw-dropping avatar act that’s destined to be copied“, 26. Mai 2022, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Musically, „Bloomberg breaks down numbers behind ABBA Voyage’s success“, 5. September 2023, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Music Business Worldwide, „ABBA Voyage generated $129m in 2023, as virtual concert series attracts 1.1m visitors“, 1. Oktober 2024, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- ITV News, „Abba Voyage to sell its 3,000,000th ticket this month after London show brought £1.4bn economy boost“, 9. Dezember 2024, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Metro, „Could Abba Voyage be leaving London for good?“, 2. April 2024, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Ingenia, „How ABBA Voyage was made“, September 2022, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Music Business Worldwide, „Swedish House Mafia sell master recordings and publishing catalogs to Pophouse“, 29. März 2022, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Music Business Worldwide, „Pophouse Entertainment buys 75% of Avicii master recordings and publishing“, 28. September 2022, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Music Business Worldwide, „KISS sells song catalog, name and IP to Pophouse, company behind ABBA Voyage, in $300m deal“, 4. April 2024, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- Music Business Worldwide, „KISS to stage avatar show in partnership with Pophouse Entertainment, following the success of ABBA Voyage in London“, 4. Dezember 2023, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
- YouTube, „KISS – A New Era Begins“, 3. Dezember 2023, Zugriff am 27.08.2025. ↩︎
