Wenn sich Ende Juni die Tore der Burg Feistritz öffnen, wird das niederösterreichische Wechselgebiet einmal mehr zum Treffpunkt internationaler Kammermusik auf höchstem Niveau. Vom 24. bis 28. Juni feiert das Festival „harriet&friends“ seine 15. Ausgabe – und setzt dabei erneut auf jene besondere Mischung aus künstlerischer Exzellenz, persönlicher Nähe und musikalischer Entdeckungsfreude, die die Veranstaltung seit Jahren auszeichnet. Gastgeberin und künstlerische Leiterin Harriet Krijgh versammelt für das Jubiläum eine beeindruckende Riege international renommierter Musiker:innen, um gemeinsam ein Programm zu gestalten, das Bekanntes und Seltengehörtes auf spannende Weise verbindet. Neben kammermusikalischen Meisterwerken stehen auch Werke zu Unrecht wenig beachteter Komponistinnen sowie stilistische Ausflüge jenseits klassischer Grenzen auf dem Programm. Im Interview mit Michael Ternai erzählt Harriet Krijgh über die Besonderheiten der Jubiläumsausgabe, die einzigartige Atmosphäre des Festivals und darüber, warum musikalische Begegnungen oft weit über das Konzertgeschehen hinausreichen.
15 Jahre des Festivals – wenn Sie auf die Anfänge zurückblicken: Mit welcher Idee oder Vision haben Sie das Festival damals ins Leben gerufen, und wie hat es sich seither verändert?
Harriet Krijgh: Die Vision war von Anfang an, einen Gegenentwurf zum oft hektischen und anonymen Musikbetrieb zu schaffen – eine Oase, in der das gemeinsame Musizieren und die menschliche Begegnung im Mittelpunkt stehen. Es ging darum, einen Raum zu kreieren, in dem Zeit eine andere Rolle spielt und in dem Künstlerinnen und Künstler ohne Druck, aber mit maximaler Intensität zusammenarbeiten können.
Über die 15 Jahre hinweg ist das Festival natürlich gewachsen, hat an Professionalität gewonnen und sich ein treues, wunderbares Publikum erarbeitet. Was sich jedoch nie verändert hat, ist der Kern: diese unverwechselbare Intimität, die Neugier und die kompromisslose Leidenschaft für die Musik.
Das Festival trägt einen sehr persönlichen Namen, lebt aber gleichzeitig stark von Freundschaften und musikalischen Begegnungen. Was macht den besonderen Geist des Festivals aus?
Harriet Krijgh: Der Name steht für eine Einladung und ein Versprechen. Der wahre Geist des Festivals ist jedoch ein tief kollektiver. Hier wird das Ego an der Garderobe abgegeben; es gibt keine Hierarchien, sondern nur das gemeinsame Ziel, die Musik in ihrer reinsten Form erlebbar zu machen. Das Publikum spürt diese familiäre, warme Atmosphäre sofort. Es ist kein steriles Konzertieren, sondern ein echtes Teilen von Emotionen und Momenten – sowohl auf der Bühne als auch abseits davon.
Für die Jubiläumsausgabe haben Sie eine große Gruppe internationaler Musiker:innen eingeladen. Nach welchen Kriterien stellen Sie das Ensemble jedes Jahr zusammen?
Harriet Krijgh: Das ist jedes Jahr ein komplexes und wunderbares Puzzlespiel. Natürlich müssen die Besetzungen für die ausgewählten Werke passen, aber das eigentliche Hauptkriterium ist die menschliche und musikalische Chemie. Gefragt sind Persönlichkeiten, die extrem feinfühlig, flexibel und offen sind. Für die Jubiläumsausgabe war es eine Herzensangelegenheit, eine Balance zu finden: langjährige Weggefährtinnen und Weggefährten, die die Identität des Festivals von Anfang an mitgeprägt haben, und neue, junge Stimmen, die frische Impulse und Energien in die Gruppe einbringen.
Viele der Mitwirkenden sind langjährige Weggefährt:innen. Welche Rolle spielen persönliche Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen in der Kammermusik?
Harriet Krijgh: Vertrauen ist das absolute Fundament der Kammermusik. Auf der Bühne macht man sich verletzlich. Nur wenn man sich blind aufeinander verlassen kann, entsteht die Freiheit, im Moment zu improvisieren, Risiken einzugehen und musikalisch ganz aus sich herauszugehen. Wenn man sich über Jahre hinweg kennt, braucht man in den Proben oft keine Worte mehr. Ein Atmen, ein Blick genügt, und alle wissen, wohin die Reise geht. Diese tiefe Vertrautheit überträgt sich direkt auf die Intensität des Klangs und ist für das Publikum spürbar.
Das Programm verbindet bekannte Meisterwerke mit selten gespielten Werken und musikalischen Entdeckungen. Was war Ihnen bei der Gestaltung des Jubiläumsprogramms besonders wichtig?
Harriet Krijgh: Für das 15-jährige Jubiläum wollten wir eine Brücke schlagen: einen Blick zurück auf das Fundament werfen, das uns trägt, und gleichzeitig mutig nach vorne schauen. Wichtig war eine Dramaturgie, die die ganze Bandbreite und Neugier des Festivals videogespiegelt. Die großen Klassiker des Repertoires bieten dem Publikum einen vertrauten emotionalen Ankerpunkt. Die Entdeckungen und selten gespielten Werke wiederum sorgen für das spürbare Prickeln im Saal und zeigen, wie unerschöpflich die Musikwelt ist.
Ein Schwerpunkt liegt auf Werken von Komponistinnen wie Amy Beach, Henriette Bosmans oder Ethel Smyth. Warum ist es Ihnen ein Anliegen, solche Stimmen stärker ins Rampenlicht zu rücken?
Harriet Krijgh: Weil diese Musik von herausragender künstlerischer Qualität ist und viel zu lange völlig zu Unrecht im Schatten der Musikgeschichte stand. Gerade bei Persönlichkeiten wie Henriette Bosmans und Ethel Smyth kommt noch eine wichtige Dimension hinzu: Sie mussten sich nicht nur als Frauen in einer männerdominierten Musikwelt behaupten, sondern lebten auch ihre queere Identität in Zeiten, in denen das mit enormen gesellschaftlichen und persönlichen Widerständen verbunden war. Ihre Lebensgeschichten und ihre Liebe spiegeln sich tief in ihrer Musik wider.
Es ist mir ein ganz persönliches und dringliches Anliegen, mich für diese unterdrückten und vergessenen Stimmen enorm einzusetzen. Es geht hier nicht um eine rein programmatische Geste, sondern um Gerechtigkeit und um die Bereicherung unseres kollektiven Musikverständnisses. Diese Werke besitzen eine ungeheure Kraft, die endlich dauerhaft auf die Bühne gehört.

Mit spartenübergreifenden Formaten überschreitet das Festival bewusst Genregrenzen. Was reizt Sie an der Begegnung von klassischer Musik und anderen Stilrichtungen wie dem Jazz?
Harriet Krijgh: Es ist das Aufbrechen von Denkschablonen. Das Überschreiten von Genregrenzen lüftet den Kopf durch und bringt eine wunderbare Spontaneität in den Festivalalltag. Klassik und Jazz oder Swing haben viel mehr Gemeinsamkeiten, als man auf den ersten Blick meint – vor allem, was die Freude an der Improvisation und den Dialog im Moment angeht. Wenn diese unterschiedlichen Welten aufeinandertreffen, entsteht eine ganz frische, vitale Energie, von der beide Seiten künstlerisch enorm profitieren.
Ein wesentliches Merkmal des Festivals ist der Symposion-Charakter: Die Musiker:innen leben während der Festivaltage gemeinsam vor Ort. Wie wirkt sich dieses intensive Miteinander auf die künstlerische Arbeit aus?
Harriet Krijgh: Es verändert die Dynamik grundlegend. Wenn man nicht nach der Probe ins Hotelzimmer verschwindet, sondern den Tag gemeinsam verbringt, am selben Tisch isst und sich austauscht, entsteht eine ganz andere Ebene der Nähe. Die Proben hören eigentlich nie ganz auf; sie gehen beim Abendessen oder beim Spaziergang auf der Burg in inspirierende Gespräche über. Das baut Barrieren ab und schafft einen geschützten Raum, in dem man auf der Bühne viel mutiger und feinfühliger miteinander agieren kann.
Das Schönste daran ist jedoch die Nachhaltigkeit: In Feistritz entsteht etwas, das weit über die Festivaltage hinausreicht. Es ist zutiefst berührend zu sehen, wie die Musikerinnen und Musiker hier echte, tiefe Freundschaften aufbauen, im Austausch bleiben und nach dem Festival gemeinsame Konzerte und Projekte rund um den Globus planen. Der Funke, der in Feistritz gezündet wird, trägt Früchte für die Zukunft.
Die Spielstätte ist längst mehr als nur ein Veranstaltungsort, sie scheint Teil der Identität des Festivals geworden zu sein. Was macht diesen Ort für Sie so besonders?
Harriet Krijgh: Burg Feistritz ist nicht einfach nur eine Spielstätte – sie ist das Herz, die Seele und das Fundament dieses Festivals. Für mich persönlich ist sie noch viel mehr: Sie ist mein Zuhause. Dass dieses Festival hier stattfinden kann, verdankt sich dem unermüdlichen Einsatz meiner gesamten Familie. Alle packen mit an, unterstützen im Hintergrund und sorgen dafür, dass sich die Burg jedes Jahr in diesen magischen Ort für die Musik verwandelt.
Diese zutiefst familiäre Energie und die persönliche Geborgenheit spüren auch die Künstlerinnen und Künstler ab der ersten Sekunde. Die Abgeschiedenheit und die Historie der Burg erlauben es allen Beteiligten, den Alltag komplett hinter sich zu lassen und ganz in die Musik einzutauchen. Diese besondere Aura einer lebendigen, familiären Heimat überträgt sich direkt auf das Publikum. Ort, Familie und Festival bilden hier eine untrennbare, ehrliche Einheit.
Wenn Sie auf 15 Jahre des Festivals blicken: Gibt es einen Moment, ein Konzert oder eine Begegnung, die für Sie den Kern des Festivals besonders gut auf den Punkt bringt?
Harriet Krijgh: Es sind gar nicht so sehr die einzelnen, großen Highlights auf der Bühne, sondern die Momente der echten Begegnung dazwischen. Wenn nach einem intensiven Konzertabend die Anspannung abfällt und das Publikum sowie die Musizierenden im Innenhof oder in den historischen Räumen noch lange im Gespräch verweilen, merkt man, was hier gewachsen ist. Der Kern des Festivals erfüllt sich genau dann, wenn die Menschen durch die Musik so nah zusammenrücken, dass spürbar wird: Hier entsteht echte Gemeinschaft. Genau wegen dieses Gefühls – wie in einer großen Familie mit lieben Freunden – machen wir das Ganze jetzt schon seit 15 Jahren.
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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Infos zum Programm und Ticktes finden sie unter https://harrietandfriends.at
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mica – music austria verlost jeweils 1×2 Karten für zwei Konzerte im Rahmen von „harriet&friends 2026“:
FESTLICHE ERÖFFNUNG & ABENDKONZERT: „Kammermusik-Juwelen“
Ein glanzvoller Auftakt mit Raritäten und Meisterwerken.
24. Juni 2026, 19:00 Uhr
Alte Reitschule, Burg Feistritz
2873 Feistritz/Wechsel
Betreff der E-Mail: „Kammermusik-Juwelen“
ABENDKONZERT: „Classics & Swingtime“
Böhmische Romantik begegnet der Freiheit des Jazz.
26. Juni 2026, 19:00 Uhr
Alte Reitschule, Burg Feistritz
2873 Feistritz/Wechsel
Betreff der E-Mail: „Classics & Swingtime“
Wer an einem der Gewinne interessiert ist, schickt bitte bis 22. Juni 2026 eine E-Mail mit dem jeweiligen Betreff an office@musicaustria.at.
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