Albert Hosp startet als künstlerischer Leiter des Imago Dei Festivals in Krems. Man kennt ihn als Moderator und Gestalter von Ö1-Radiosendungen und als Direktor des Glatt&Verkehrt-Festivals, bei diesem wurde sein Vertrag bis 2028 verlängert. Welche Visionen er für die heurige Ausgabe von Imago Dei (ab 29. März in der Minoritenkirche in Krems) hat, verrät er im Interview mit Theresa Steininger-Mocnik.
Wird sich unter Ihrer Leitung verändern, welche Art von Musik bei Imago Dei zu hören sein wird? Sie sagten, Sie denken nicht in Genres, sondern in Klängen.
Albert Hosp: So ist es. Und ich glaube, dass es auch Menschen, die Musik hören, nicht um Genres geht. Musik-Begriffe greifen meiner Ansicht nach zu kurz. Ob man etwas nun als klassische oder als Singer-Songwriter-Musik bezeichnet, ist nicht ausschlaggebend. So werden wir beispielsweise bei unserem Abend namens „Bach tanzt“ versuchen, Barockmusik und Performancetanz in Beziehung zu setzen. Und dieser Wunsch, Genres zu verbinden, zieht sich überhaupt durch das Festivalprogramm. Ob das bei einer kleinen Personale zu der Salterio spielenden Franziska Fleischanderl ist, wo sich Barock- und Volksmusik begegnen, oder bei einen ein bisschen mutig „Gipfeltreffen“ genannten Abend mit Wolfgang Muthspiel und Hopkinson Smith, wo diese mit akustischer Jazzgitarre und Renaissancelaute gemeinsam etwas entwickeln. Oder ob in dem Abend des schwedischen Kontrabassisten Anders Jormin, wo zwar Jazz die Grundsprache ist, aber auch Poesie, Volksmusik und Klassik hineinspielen werden. Bei jedem Konzert gibt es also Begegnungen der verschiedenen Ebenen.
Sie haben betont, dass Sie die spirituelle Kraft, Menschen zu verändern, in Ihrem ersten Imago Dei-Festival spürbar werden lassen möchten. Inwiefern?
Albert Hosp: Das ist überhaupt mein Wunsch in allem, was ich tue. Spirituell ist ein Ausdruck, der fast auf jede Kunst zutreffen kann, auf die Musik vielleicht ganz besonders. Sie ist nicht intellektuell fassbar. Ich habe einmal gehört, dass Musik osmotisch wirke, also über die Haut in den Körper einzieht. Das finde ich eine wunderbare Beschreibung.

Was lieben Sie besonders an der Atmosphäre Ihres Spielorts, der Minoritenkirche?
Albert Hosp: Sie ist magisch und unwiderstehlich. Ein Kirchenraum, der seit der Säkularisierung des Klosters keine Kirche mehr ist, ist sowieso schon ein interessantes Spannungsfeld. Er hat eine geballte Kraft an Spiritualität, man wird darin auf Grundsätzliches aufmerksam gemacht. Die gotische Gestaltung passt gut zu uns, der Spitzbogen ist nicht zufällig ein für uns passendes Symbol, er steht für Begegnung und Stabilität. Ich finde, der Raum der Minoritenkirche klingt schon in der totalen Stille und birgt eine Fülle von Details. In der Apsis gibt es Fresken musizierender Engel. Als ich als Leiter gerade erst bestellt war, saß ich darunter und dachte, man müsse ein Stück finden, das zu den Engeln passt. Und das tun wir diesmal – mit „Black Angels“ von George Crumb, interpretiert vom Koehne Quartett.
Sie haben im aktuellen Programm auch eine Hommage an Festivalgründer Jo Aichinger, was erwartet die Besucher hier?

Albert Hosp: Als ich vor knapp zwei Jahren bestellt wurde, fiel mir auf, dass Jo 2025 70 Jahre alt geworden wäre. Da war der Gedanke naheliegend, ein musikalisches Zeichen zu setzen mit Menschen, die fast alle Wegbegleiter und Wegbegleiterinnen waren, die von ihm gefördert oder teilweise auch entdeckt wurden. Da ist beispielsweise Clemens Wenger zu nennen. Das Konzert soll nicht nur eine Hommage an Jo Aichinger werden, sondern wieder eine Begegnung. Jo Aichingers brennendes Interesse, Dinge möglich zu machen, soll spürbar werden. Im weitesten Sinne wird das Konzert ein Liederabend. Es wird Lieder und Songs geben, die in Bezug auf Jo eine gewisse Bewandtnis haben. Clemens Wenger wird einige Neukompositionen besteuern, Maja Osojnik, für mich eine der ganz großen Stimmen, die viel zu selten zu hören ist, wird singen.
Unter den schon klassischen Stücken des Programms ist beispielswiese auch „The Wind Cries Mary“ von Jimi Hendrix, ein Song, der mit seiner Beschreibung von Glück als brüchigem Zustand wunderbar zeitlos ist. Und rund um dieses Programm herum wird ein Posaunenquartett vor und nach dem Konzert vor der Kirche spielen – in der Tradition, die aus New Orleans stammt, dass man mit einer Brass Band zu einer traurigen Begebenheit kommt und von dort fröhlich wieder weggeht. Also mit einem lebendigen, fröhlichen, vielleicht auch ekstatischen Abschluss.
Inwiefern sehen Sie eine Verbindung, inwiefern eine Abgrenzung Ihrer Arbeit für Glatt und Verkehrt und für Imago Dei?
Albert Hosp: So unterschiedlich die beiden sind – eines open air und mit traditioneller und Weltmusik, eines, das im Kirchenraum stattfindet und vielleicht mehr der Klassik verpflichtet ist und gleichzeitig so vieles hineinnimmt –, lässt es sich in meiner täglichen Arbeit doch nicht trennen. Und das ist auch gut so. Ich möchte immer beide Festivals im Auge haben. Ich habe nur eine Mailadresse – und es liegt dann an mir, das, was dort reinkommt, dem einen, dem anderen oder aber meinen Radiosendungen zuzuordnen. Es ist eine spannende Aufgabe, zu sehen, was wo besser aufgehoben ist. Und es gibt mittlerweile einige Agenturen und Künstler, die mir schreiben: „Das geht für beides, schau du, wo du es möchtest.“
Inwiefern spielt Ihre Radio-Vorgeschichte, aber auch Ihre Vergangenheit als Sänger und Chorleiter nun eine Rolle?

Albert Hosp: Zunächst einmal verstehe ich gut, was es heißt, auf der Bühne zu stehen. Man entwickelt eine gewisse Demut. Durch meine Tätigkeit als Chorleiter habe ich eine große Liebe zur A cappella-Musik. Außerdem habe ich 13 Jahre lang Violine gespielt, die Geigenmusik ist mir daher sehr nahe. Und ich muss mich immer wieder bei den Ohren nehmen, damit ich Streichermusik beim Programmieren nicht den Vorzug gebe. Auch unsere heurige Artist in Residence, Lena Willemark, spielt ja Violine. Radiomachen wiederum heißt ja bei mir, eine gute Abfolge von Musikstücken zusammenzustellen, dabei wie auch bei der Programmierung eines Festivals ist Dramaturgie das Zauberwort und das Um und Auf. Dadurch ist mir die Einbettung durch Einführungen, Lesungen, Künstlergespräche und ähnliches wichtig.
Konrad Paul Liessmann wird die Eröffnungsrede halten. Was ist hier zu erwarten?
Albert Hosp: Ich habe ihn gefragt, ob er sich über Frieden Gedanken machen will, allerdings ohne auf aktuelle Vorkommnisse Bezug zu nehmen. Es wird in seiner Rede, die er „Zum ewigen Frieden“ nennt, nicht um Kriege gehen, sondern darum, was Frieden für einzelne Menschen bedeutet.
Über Konflikte hinweg verbindend ist bestimmt der Abend „Israel in Egypt – From Slavery to Freedom“ gemeint, der Händel-Musik mit jüdischer und muslimischer zusammentreffen lässt…
Albert Hosp: Die Botschaft dieses Abends ist natürlich die Gemeinsamkeit der Religionen und ihrer Denkweisen und ein Appell für Verständnis. Das Spannende: Dass wir diesen Abend machen, wurde beschlossen, bevor der Krieg im Nahen Osten ausbrach. Durch diesen hat er nun eine Aktualität und Dramatik bekommen, die wir gar nicht vorhatten. Bei dem Projekt werden aus Händels Werk nur Chöre und Orchesterpassagen verwendet, keine Solostellen. Und dann wird Musik aus dem Nahen Osten eingeflochten, die auf ähnlichen Texten beruht. So oszilliert alles zwischen Christentum, Islam und Judentum – und das Verbindende kommt stark hervor.

Stellen Sie uns bitte die Artist in Residence Lena Willemark vor.
Albert Hosp: Sie ist in Schweden eine hochverehrte Vertreterin traditioneller Musik, die dafür bekannt ist, diese neu zu interpretieren. Sie war noch selten in Österreich und ist Sängerin und Geigerin. Abgesehen von herrlicher Weltmusik hat sie ein Album mit einer klassischen schwedischen Violin-Virtuosin aufgenommen, in der diese die d-Moll-Partita von Bach spielt und Lena Willemark mit ihrer von der Volksmusik geprägten Stimme Melodien singt, die mit Vergänglichkeit zu tun haben. Das wollte ich unbedingt im Programm haben.
Was wird nun bei Ihrem Imago Dei anders als unter ihren Vorgänger:innen?
Albert Hosp: Damit habe ich mich gar nicht beschäftigt, obwohl ich mit Jo Aichinger viele Jahre zusammengearbeitet hatte und Nadja Kayali ewig kenne. Es geht mir auch nicht so sehr darum, etwas anders zu machen, sondern etwas, zu dem ich wirklich stehen kann. Um die eigenen Ideen in die Tat umzusetzen, braucht man natürlich auch Mut zum Risiko. Gleichzeitig ist es eine tolle Möglichkeit. Auch Jo Aichinger und Nadja Kayali sind ganz eigene Wege gegangen. Wie das, was ich mir überlegt habe, ankommt, wird das Publikum dann beurteilen.
Herzlichen Dank für das Interview.
Theresa Steininger-Mocnik
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Imago Dei
29. März bis 21. April 2025
Klangraum Krems Minoritenkirche
Infos und Programm
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