
Nach wie vor stellt der Norden, die Musik der skandinavischen Länder und Finnlands in Österreich abseits der klassischen Trias Grieg – Sibelius – Nielsen eine große Unbekannte dar. So wenig an Neuerem im Repertoire verankert ist, so groß ist die Faszination und die Neugier, mit der man auf einschlägige Möglichkeiten zur Begegnung hier reagiert. Entsprechend wirkungsvoll war ein um Sibelius zentriertes Festival der Jeunesse in Wien 1994, das Festival Nordlicht ’96 des Kunstvereins Wien/Alte Schmiede oder ein Schwerpunkt Norden beim Komponistenforum Mittersill 2003. Seither blieb es bei uns wieder allzu ruhig um die nördliche Musik, sodass die Thematisierung beim diesjährigen Klangspuren-Festival in Schwaz wieder eine wichtige Lücke schließt. Auffällig und erfreulich: Wurden mit dem dänischen Composer in Residence Hans Abrahamsen und vielen im Programm vertretenen Werken arrivierte Komponisten ausgewählt, die Spezialisten schon bekannt sein dürften, so wurde auch ein besonderer Akzent auf die Präsentation der jungen Generation gelegt. Unter den zehn aufgrund der räumlichen Entfernung per E-Mail an den Klangspuren-Intendanten gestellten Fragen, wählte dieser vier zur Beantwortung aus, darunter jene, die sich mit der hiesigen Rezeption des Nordens und dem Angebot bei den Klangspuren befasst.
Norden in Tirol. Der Norden übt hier nach wie vor die Faszination des Unbekannten aus. Trotz entsprechender Neugier gelangt wenig an nordischer Musik in das mitteleuropäische Repertoire. Sollen die Klangspuren da heuer größeres Bewusstsein schaffen?
Matthias Osterwold: Neue Musik aus den nordischen Ländern ist in Mitteleuropa sicher zu wenig bekannt, aber auch nicht unbekannt. Sie wird durchaus beachtet und geschätzt, gerade auch bei einem breiteren Publikum. Denken Sie an Kaija Saariaho, Magnus Lindberg, Rolf Wallin, Arne Nordheim oder eben Hans Abrahamsen, denken Sie auch an die Musik aus Baltischen Ländern mit Arvo Pärt, Erkki-Sven Tüür, Peteris Vasks, Helena Tulve, Vykintas Baltakas und anderen. Denken Sie auch an die herausragenden Dirigenten und Interpreten, die aus diesen Ländern kommen, denken Sie an die Popmusik und an Konzeptkünstler wie Björk, Ragnar Kjartansson, Sigur Rós, um mich hier auf die Isländer allein zu beschränken, denken Sie an den Jazz und die Improvisationsmusik aus Norwegen und Schweden, denken Sie an finnischen Tango. Die nordische Musikkultur ist lebendig, vielschichtig, sie ist aktiv im Leben der Menschen verankert und sie strahlt nach Mitteleuropa aus. Aber natürlich stellen wir viel Neues und viele Neue vor, gerade auch die jüngeren Generation der Komponisten, etwa Lars Petter Hagen, Simon Steen-Andersen, Christian Winther Christensen, Anna Þorvaldsdóttir (Thorvaldsdottir) oder Juliana Hodkinson. Sie teilen mit jungen Strömungen in Mitteleuropa die Haltung, die Musikgeschichte und die Musikkulturen der Welt als Steinbruch zu behandeln, aus dem es gilt, mit dekonstruktiver, aber auch liebevoller Distanz, mit Humor, Witz und Konzept neue hybride musikalische Gebilde zu schaffen. Diese Generation ist eigentlich erst in den letzten Jahren ins Rampenlicht getreten.
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Wie fiel die Wahl auf den 1952 geborenen Dänen Hans Abrahamsen als Composer in Residence? Was erwartet uns bei seiner Musik?
Matthias Osterwold: Mit der Wahl von Hans Abrahamsen knüpfen wir unter der Hand an das Leitthema des letzten Jahres „Neue Musik und romantisches Erbe“ an und führen es weiter. Hans Abrahamsen ist eine einzigartige Komponistenpersönlichkeit. Er war unter den ersten, die in den 1970er-Jahren die Abschottung der Avantgarde durchbrachen und zu einem tonalen, wenngleich verwandelten Komponieren fanden. In den 1990er-Jahren zog er sich fast ganz zurück und tritt jetzt wieder mit neuen Werken an die Öffentlichkeit, die an sein Frühwerk anknüpfen. Sie finden mehr und mehr internationale Anerkennung und Beachtung. Noch im Dezember 2013 erlebte Abrahamsen bei der Uraufführung von „Let me tell you“ mit den Berliner Philharmonikern und der Sopranistin Barbara Hennigan unter Andris Nelsons einen fulminanten Erfolg. Hans Abrahamsen schreibt eine nur scheinbar einfache Musik, die sich bei näherem Hinhören als extrem vielschichtig, fein und anspielungsreich erweist. Seine Werke zeigen vielerlei Bezüge untereinander und bilden zusammen einen individuellen musikalischen Kosmos.
Zweiter Composer in Residence wird der den Klangspuren-Stammgästen gut bekannte Tiroler Wolfgang Mitterer sein. Wie würden Sie ihn im Verhältnis zu Abrahamsen beschreiben? Eine zufällige Kombination dieser beiden oder gibt es auch eine Verbindung?
Matthias Osterwold: Wolfgang Mitterer und Hans Abrahamsen sind keine Wahlverwandten. Sie haben unmittelbar nichts miteinander zu tun. Hier kam es mir auf Kontrast an. Ihre Ästhetik unterscheidet sich radikal. Sie repräsentieren gewissermaßen zwei entgegengesetzte Pole im Kosmos musikalischer Positionen. Wolfgang Mitterer ist vielmehr eher mit den Jungen Wilden aus dem Norden und ihren hybrid-spielerischen Ansätzen verwandt. Diese Verbindungslinie gilt es nachzuzeichnen.
Mit Wolfgang Mitterer ist zugleich eines der konstanten Elemente der Klangspuren gewahrt: die schwerpunktmäßige Auseinandersetzung mit Musik von Tiroler Komponisten. Dies in Verknüpfung mit den international orientierten Programmpunkten sichert Schwaz die Einzigartigkeit. Wie sieht der Intendant das Festival und seine Wirkung nach außen positioniert?
Matthias Osterwold: Klangspuren Schwaz ist das Tiroler Festival für neue Musik. Es hat in seiner nun schon 21-jährigen Geschichte internationale Ausstrahlung und Reputation entwickelt. Diese Position wollen wir halten und weiter ausbauen. Gleichzeitig ist das Festival mit Land und Leuten verhaftet, indem ganz Tirol zur Spielstätte gemacht wird. Klangspuren ist ein Festival in Bewegung, in künstlerischer und räumlicher und sozialer Bewegung; es sucht nach Brückenschlägen zwischen lokalen Kräften, Talenten und Traditionen und internationalen Strömungen. Zu dieser lokalen Verankerung gehören auch über das ganze Jahr laufende Vermittlungs- und Workshop-Programme mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und schließlich mit der „Klangspuren Internationale Ensemble Modern Akademie“, die junge Profis aus der ganzen Welt für zwei Wochen zusammenbringt, um ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in der Aufführung neuer Musik weiterzuentwickeln.
Mehr über die diesjährigen Klangspuren Schwaz und eine Übersicht über die heuer dort aus der Taufe gehobenen Werke finden Sie hier.
Christian Heindl
Foto Matthias Osterwold: Kai Bienert
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Klangspuren Schwaz