Purple Muscle Car heißt das erfolgreiche Projekt des Saxophonvirtuosen Fabian Rucker, das an den Sound seines erfolgreichen Trios Namby Pamby Boy anschließt, ihn aber um Einflüsse aus Rock und Elektronik erweitert und so ein Gefühl verbreitet, das irgendwo zwischen Freeway, French Dinner und French-Connection liegt. Markus Deisenberger traf Fabian Rucker, um mit ihm über breite Teppiche, fliegende Bläser und instrumentalen Avantgarde-Pop zu sprechen.
Das gleichnamige Debüt-Album deiner Band Purple Muscle Car ist vor etwas mehr als einem Jahr erschienen. Wenn man das Album dann ein Jahr nach seinem Erscheinen aufführt, so wie ihr das beim Kickjazz-Showcase-Festival im Porgy vergangenen Dezember getan habt, ist man mit dem Kopf meistens schon ganz woanders. Wo bist du denn gerade im Kopf?
Fabian Rucker: Ich bin, wie immer, auf vielen Baustellen unterwegs. Privat bin ich im Kopf vor allem bei meiner fünfzehn Monate alten Tochter.
Und wie geht es dem Schlaf?
Fabian Rucker: Ich schlafe ganz okay, meine Frau ein bisschen weniger. Aber das wird alles wieder. Musikalisch bin ich tatsächlich schon bei den nächsten Platten. Im April nehmen wir die nächste auf, den nächsten Part von Purple Muscle Car. Das Album wird dann in knapp einem Jahr rauskommen. Und dann bin ich noch beim Abschließen von zwei anderen Produktionen, die rauskommen sollen, und bei einer Solo-Plotte, die ich gerade mache.
Kannst du die anderen Projekte kurz beschreiben?
Fabian Rucker: Das eine trägt den schlichten Namen „Rucker“ Das ist die Platte zum Kompositionsauftrag für die Eröffnung in Saalfelden vor drei Jahren. Jetzt habe ich endlich Zeit gefunden, das Material zu editieren und zu produzieren. Und dann spielen wir im Mai in der Elbphilharmonie mit Bobby Previte, d.h. mit seinem Voodoo Orchestra. Da stelle ich gerade eine Tour zusammen drumherum, mit einer anderen Besetzung, mit dem Philipp Nykrin, der Beate Wiesinger und der Anna Tsombanis. Und an der Uni habe ich gerade ein Curriculum entwickelt. Es sind einfach ganz, ganz viele Baustellen. Aber ich bin das gewohnt, ich mag das so. Das passt ganz gut.
Wie bist du zum Projekt Purple Muscle Car gekommen? Philipp Nykrin kennst du ja schon aus anderen Projekten. Wie haben sich die vier zu einer Bande zusammengefunden?
Fabian Rucker: Naja, das ist ganz einfach. Der Philipp und ich kennen uns schon über zwanzig Jahre. Philipp ist u.a. mein Trauzeuge und einer meiner ganz, ganz engen Freunde. Wir spielen schon seit Ewigkeiten gemeinsam. Der ist wie Familie. Und wir wollten einfach wieder eine groove-orientierte Band haben. Sicher kein Trio mehr, sondern es war einfach für mich wichtig, ein zweites Blasinstrument zu haben. Und wir wollten immer mit dem Alois Eberl – wir haben ja gemeinsam mit ihm studiert – gemeinsam eine Band machen. Mit dem Herbert haben wir schon immer zusammengespielt, und dann hat eins das andere ergeben, es hat sich einfach gefügt. Wir haben zueinander gefunden. Es hat sich von Anfang gut anfühlt, und es war schnell klar, dass da etwas entsteht.
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Lustig, wenn du sagst, dass es darum ging, „groove-orientiert“ zu spielen, weil es doch meistens der Bass ist, der den Groove in eine Band bringt. Gerade der fehlt aber. Ihr spielt ohne Bass. Warum?
Fabian Rucker: Da ging es uns um die Freiheit von Philipp, und natürlich darum, dass er mit der linken Hand an den Keyboards einfach die ganze Zeit irre Basslines spielt. Das haben wir also schon früher gehabt, sozusagen ein Trio-Konzept ohne Bass, und das haben wir mitgenommen und erweitert, und es ist alles ein bisschen elektronischer geworden.
Keyboard und Synth spielen eine tragende Rolle bei Purple Muscle Car, oder?
Fabian Rucker: Eine ganz, ganz wichtige, genau. Das macht einfach das Sounddesign der Band aus. Es wird ein breiter Teppich ausgelegt, über den dann die zwei Bläser drüber fliegen können.
Früher hat man mal, wenn viele Genres zusammenkommen, „Fusion Jazz“ dazu gesagt, aber mit dem Begriff ist heute eine ganz spezifische Schublade belegt.
Fabian Rucker: Ich störe mich jetzt an dem Begriff Fusion gar nicht so, muss ich gestehen, weil es natürlich irgendwo genau das ist. Es ist Fusion, aber es ist jetzt nicht Fusion wie Masterplan von Dave Weckl, oder Tribal Tech. Das ist für mich mehr Fusion als das, was wir machen. Wir kommen halt stärker aus der elektronischen Musik. Früher sind diese Mergers aus Prog-Rock und Jazz immer sehr technisch und virtuos geworden. Und das ist es natürlich bei uns auch ein bisschen. Man muss schon spielen können, damit das locker daherkommt, natürlich.
Es ist schon ausgecheckt.
Fabian Rucker: Ja, es ist schon ausgecheckt, aber ich finde nicht, dass die Virtuosität bei uns im Vordergrund steht. Ja, es braucht wahrscheinlich eine gewisse Form der Virtuosität, um diesen Stil bedienen zu können, aber sie ist nicht das Wichtigste an unserer Musik.
Ändert sich das Verhältnis zwischen Ausgechecktem und Impro, wenn ihr das Programm live spielt, oder spielt ihr die Nummern annähernd gleich wie auf der Platte?
Fabian Rucker: Live ist immer anders. Ich würde schon sagen, dass der Jam eine wesentliche Rolle spielt, Wir haben teilweise ganz klassische Soli, so wie das im Jazz üblich ist. Und dann gibt es Räume, wo man sich gemeinsam etwas neues „erjammt“, und das zelebrieren wir schon. Vom Konzept und vom Verhältnis zwischen Improvisation und Komposition sind wir wahrscheinlich näher an dem dran, was Frank Zappa gemacht hat, dass sehr viel durcharrangiert ist und auch so gespielt wird. Die Freiheit liegt dann darin, es jedes Mal ein bisschen anders zu spielen. Das ist es, worum es in weiterer Folge in unserer Musik geht.

Man muss kein großer Freund von Pressetexten sein, um euren zu mögen. Darin ist von „Verfolgungsjagden auf kurvigen Küstenstraßen mit anschließender Versöhnung im Strandcafe“ die Rede, die ebenso auf dem Programm stünden wie „das gemütliche Cruisen mit Tempomat auf dem Freeway Richtung Sonnenuntergang, um noch das Midnight Special im American Diner zu erwischen.“ Ich fand das sehr treffend. Eure Musik hat etwas sehr Soundtrack-artiges, finde. Ich fühlte mich manchmal an eine wilde Verfolgungsjagd wie in French Connection erinnert. Die Themen sind sehr eingängig und auch sehr wichtig, oder?
Fabian Rucker: Was Philipp und ich vielleicht nicht in all unseren Kompositionen, aber in vielen, gernhaben, sind deutliche, oder klar erkennbare Melodien, Hooks und Refrains, wie man das aus der Popmusik kennt. Das ist es, womit wir kokettieren: stadionrockartige Hymnen mit komplett vertracktem Zeug zu vermischen. Da kommen wir her. Das ist was der Philipp und ich gemeinsam gemacht haben. Wir haben tatsächlich oft vor sehr vielen Leuten große Hymnen gespielt. Wenn du mit Filmmusik kommst, dann verstehe ich das sehr gut.
Ein französischer Geiger, dessen Name mir gerade nicht einfallen will, hat nach unserem ersten Gig in Leibnitz damals zu mir gesagt, er habe selten eine Band gesehen, die so viele Stile auf einmal auf die Bühne bringt und es sich trotzdem nebeneinander alles ausgeht und jedes Ding und jedes Genre, das bedient wird, auch vom Sound her so daherkommt. Das ist es, was es vielleicht besonders macht: Dass wir das, woher die Ideen kommen, durch die Wahl der Sounds und wie wir das spielen, unterstreichen. Für mich ist das immer lustig, wenn andere Leute die Musik beschreiben, die man selber macht, weil uns oft gar nicht so leicht fällt zu beschreiben, was genau wir da machen. Philipp hat es einmal „Instrumental Avantgarde Pop“ genannt, weil ihm einfach nichts Besseres eingefallen ist. Es kommt einfach sehr viel zusammen. Aber der Verweis auf Filmmusik macht auf jeden Fall Sinn. Es ist auf jeden Fall eine Art Soundtrack, auf die eine oder andere Art und Weise.
Und eine gewisse Opulenz ist gewollt, oder?
Fabian Rucker: (lacht) Ja, durchaus. Wir sind uns dessen bewusst, dass es mitunter durchaus breit daherkommt.
Wie seid ihr auf den Bandnamen gekommen?
Fabian Rucker: Ein Freund von uns hat die Musik gehört, ein befreundeter Schlagzeuger, und dann lakonisch gemeint: „This band should be called Purple Muscle Car.“ Er hat gemeint, das würde doch gut passen. Und wir haben den Namen dann lange mit uns herumgetragen. Und irgendwann waren wir dann so weit, anzuerkennen, dass es ein guter Name ist und haben gesagt: Gut, dann nennen wir das Ding halt Purple Muscle Car. Und die Farbe Purple spielt natürlich eine Rolle, weil wir große, große Prince-Fans sind. Das passt ganz gut. Das Album ist aber alles andere als Purple. Nur das Vinyl selber ist wirklich Purple, wenn man es gegen das Licht hält.
Weil du die stilistische Breite angesprochen hast, bzw. die unterschiedlichen Genres. Wer ist denn da wofür verantwortlich oder kann man das nicht genau sagen?
Fabian Rucker: Also der Philipp und ich schreiben die Musik gemeinsam. Ich habe in letzter Zeit vielleicht mehr die Produzentenrolle übernommen, aber das Komponieren selbst passiert in einem steten Austausch. Herbert und Alois sind dann in den Arrangementprozess eingebunden, beim Proben, und kommen mit Ideen daher. Aber die hauptsächliche Arbeit, was das Arrangement betrifft, liegt beim Philipp und bei mir. Und was die Kompositionen und die Abstimmung betrifft hilft uns beiden, dass wir beide auch Produzenten sind und die Alben deshalb auch aus diesem Blickwinkel betrachten.

Wer hat dich stilistisch beeinflusst beim Saxophonspiel? Gibt es Vorbilder?
Fabian Rucker: Ja. Also saxophonistisch würde ich sagen, dass mein größter Held sicher der Wayne Shorter ist. Wenn ich von den ganz Großen jemanden nennen müsste, würde ich ihn nehmen.
Ich habe insgesamt das Glück gehabt, dass ich sehr bald mit tollen Leuten zusammenarbeiten durfte, die mich immer einen Schritt weitergebracht haben. Also beeinflusst hat mich sicher in meiner Jugend zum Beispiel, dass der Jim Black mich zu Andrew D’Angelo geschickt hat. Dann hatte ich ein paar Stunden bei Andrew D’Angelo, und das war einfach großartig, was der zu mir gesagt hat. Der hat Sachen gesagt, als ich ihm frei vorgespielt habe, wie: „Ist eh alles okay, aber ich will jetzt nur Sachen von dir hören, die du in deinem ganzen Leben noch nie gespielt hast.“ Und das hat mich natürlich plötzlich vor ganz arge Herausforderungen gestellt.
Wird man da nicht nervös?
Fabian Rucker: Nein, nervös war ich nicht. Da stellt man sich einfach dieser Aufgabe, und weiß in dem Moment aber auch, dass es jetzt ums „Next Level“ geht. Dass das nichts ist, was sich jetzt in zwei Minuten bewerkstelligen lässt, sondern es um eine Haltung und eine Philosophie geht, die man verinnerlichen darf, wenn einem das naheliegt. Aber wenn wir schon von großartigen Saxophonisten reden: Ich habe bei Harry Sokol und beim Allan Praskin studiert, was irre war. Und in letzter Zeit würde ich sagen, dass mich die Zusammenarbeit mit Bobby Pivot sehr geprägt hat. Wo er mich hingebracht hat, was ich von dem alles habe lernen dürfen, war einfach gigantisch.
Ich bin damals auch in einer Band eingestiegen, wo ich den großen Greg Osby ersetzen durfte, was für mich wie ein Ritterschlag war. Das ist einfach einer meiner allergrößten Heroes überhaupt. Und dann passiert dir plötzlich sowas. Ich habe wirklich das Glück gehabt, dass ich durch eine Schule gehen habe dürfen, wo ich durch großartige Menschen Sachen an mir, an der Musik und der Welt entdecken habe dürfen, die unglaublich waren und von denen ich vorher nicht wusste, dass es sie gibt.
Vielen Dank für das Gespräch.
Markus Deisenberger
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Links:
Purple Muscle Car (bandcamp)
Purple Muscle Car (Instagram)
Fabian Rucker
