Bild Coco Bechamel (c) The Future Vienna

„Sichtbarkeit und Raum für Ausdruck zu schaffen und Widerstand zu leisten“ – TONY RENAISSANCE und TAO YAN (THE FUTURE VIENNA) im mica-Interview

Die neue Eventreihe THE FUTURE VIENNA setzt auf Zukunftsmomente in der Gegenwart. Im Zentrum steht der Versuch eines künstlerischen Widerstands gegen eine heteropatriarchale Gesellschaft und den damit zusammenhängenden Mechanismen. Die Reihe möchte Räume öffnen, in denen sich unterrepräsentierte Communitys stärken und dabei gemeinsam alternative, zukunftspositive Realitäten und Perspektiven schaffen können. Die nächste Ausgabe – THE FUTURE VOL. 02 – findet am 2. Juni 2018 im Wiener AU statt. Die Veranstalter*innen TONY RENAISSANCE und TAO YAN sprachen mit Ada Karlbauer über den physischen Raum als verbindende Kraft und darüber, den Status quo zu hinterfragen und Ungleichheiten in den Szenen zu adressieren.

Aus welchen Anlass wurde die Veranstaltungsreihe THE FUTURE VIENNA gegründet? Wie lassen sich die Ziele der Reihe konkret zusammenfassen?

THE FUTURE ist eine queere und Postgender-Veranstaltungsreihe gegründet von Tao Yan [Melissa Antunes de Menezes; Anm.] und Tony Renaissance [Antonia Wagner; Anm.], inspiriert von österreichischen und internationalen Clubkulturen, Kollektiven, Plattformen und Projekten, die sich dafür einsetzen, mehr und mehr Raum für Frauen*, Trans* und gender-nonkonforme Musiker*innen in der Clubszene zu schaffen.

THE FUTURE glaubt daran, dass die Kraft des Widerstands gegen eine heteropatriarchale, kapitalistische Gesellschaft und restriktive, repressive Systeme darin besteht, beständig und konsequent solidarische Räume und proaktive Initiativen zu gründen, in denen Communitys lustvoll ihre Identitäten leben und feiern, sich gegenseitig bestärken und gemeinsam alternative, zukunftspositive Realitäten und Sichtweisen schaffen.

Die Intention von THE FUTURE ist es, Sichtbarkeit und Raum für Ausdruck zu schaffen und Widerstand zu leisten. Die Begriffe „queer“ und „Postgender“ sind dabei natürlich sehr verallgemeinerte Bezeichnungen und sollen als Überbegriff wirken. Sie sollen vor allem Personen repräsentieren, die sich überall auf dem enorm breiten Spektrum von Gender identifizieren, und auch außerhalb – daher der Begriff „Postgender“.

Was bei THE FUTURE auf künstlerischer und inhaltlicher Ebene verhandelt wird, reflektieren die Arbeiten der Künstler*innen, die mit THE FUTURE kollaborieren. Die Inhalte werden bei jeder Ausgabe etwas anders aussehen, da die Acts mit ganz unterschiedlichen Sounds und Thematiken arbeiten.

Diese Begriffe stehen hier in enger Relation zu einer elektronisch geprägten Clubkultur. In welcher Form werden diese Ansätze in den körperlichen Raum übertragen?

Wir identifizieren uns selbst als queer und non-binary. THE FUTURE zielt auf die Bildung einer Community, in der Musiker*innen ihre Projekte sichtbar und hörbar machen, ihr Publikum finden und sich über technische Skills, Politiken und kreative Prozesse austauschen können. THE FUTURE ist offen für alle, die Teil dieser Clubkultur sein wollen. (Elektronische) Musik und auch der physische Raum wirken hier als verbindende Kräfte.

Bild (c) Ana Paula F

„Wenn wir über Zukunftsvisionen sprechen, brauchen wir vor allem in Österreich mit unserer Geschichte und politischer Gegenwart durchgehend mehr aktiv antidiskriminierende, antirassistische, antikoloniale und inklusive Initiativen.“

Welche Problematiken sind aktuell in der Wiener Club- und Partykultur zu verzeichnen?

Viele Clubs, Partys und Szenen sind immer noch vorwiegend von weißen, cis-männlichen Organisatoren, DJs und Künstlern repräsentiert. Es gibt aber immer mehr Kollektive und Formate, die sich nicht nur dafür einsetzen, Plattformen für Künstler*innen zu schaffen, Sichtbarkeit zu schaffen und die Ungleichheiten und Ismen in der Szene anzusprechen. Sie werden auch von als weiblich*, nicht binär, queer, gender-nonkonform und Trans* identifizierenden Personen, Black People und People of Color organisiert und ermöglicht, die aktiv den Raum einfordern und besetzen. In unseren Augen kann es gar nicht genug solcher Projekte geben, es geht ja darum, den Status quo zu hinterfragen und neue Sichtweisen auf das Zusammenleben in Gegenwart und Zukunft zu öffnen. Und wenn wir über Zukunftsvisionen sprechen, brauchen wir vor allem in Österreich mit unserer Geschichte und politischer Gegenwart durchgehend mehr aktiv antidiskriminierende, antirassistische, antikoloniale und inklusive Initiativen. Wir sehen auch immer mehr, dass Partys miteinander kollaborieren, sich gegenseitig unterstützen und einander pushen, anstatt um Aufmerksamkeit und Raum zu konkurrieren.

Spielt die virtuelle Community-Bildung von Künstler*innen auch eine Rolle für Sie als Veranstalter*innen? 

Es gibt kein Event, das heute nicht auf diverse Social Media zurückgreift, wenn es um Ankündigung und Verbreitung geht. Selbstverständlich sind wir virtuell sehr präsent. Wir lieben es, online queere Ästhetiken zu entdecken und selbst eine zu bilden – mit Bilder-, Sound- und Ideensammlungen, die repräsentieren, wer wir sind und worum es bei THE FUTURE geht. Es gibt online einen sehr wertvollen Austausch zwischen Kollektiven, Events und Künstler*innen, und das nicht nur in Österreich, sondern weltweit. Der Austausch mit Menschen, die dieselben Ansätze vertreten, ist etwas, was wichtig ist, wenn es um Repräsentation, Identifikation und Zugehörigkeit geht, und das kann auch durch das Internet ermöglicht werden.

Die Veranstaltung findet im Wiener Au statt, wie kam es zu dieser räumlichen Auswahl?

Wir haben momentan eine Vereinbarung mit dem Au für 2018. Wir schätzen das Au sehr, es hat ein inspirierendes Programm und großartige Kurator*innen. Die Zukunft ist weit offen.

Wann findet das nächste Event statt und was kann man sich davon erwarten? 

Am 2. Juni findet THE FUTURE VOL. 02 im Au statt, unsere zweite Veranstaltung. Bei VOL. 01 haben Mala Herba, Hextape aus Melbourne, Joie de Fille, Coco Bechamel und Tony Renaissance performt. VOL. 02 wird die drei großartigen Acts Dubais, Mataya Waldenberg und Absent Fathers featuren. Erwartet radikale Softness, kristallene Stimmen, dunkle Synthesizer und Beats, silberne, experimentelle Soundlandschaften, kompromisslosen Ausdruck, futuristische Meditationen und performative Politiken. Oder erwartet nichts und kommt einfach.

Was wäre der ideale Zukunftsentwurf einer Clubrealität, der THE FUTURE VIENNA zur permanenten Gegenwart machen würde? 

Wenn wir über die Zukunft der Wiener Clubkulturen, Kunst- und Musikszenen nachdenken, geht es nicht nur um unser Projekt, sondern generell um die Vorstellung blühender DIY-Szenen, in denen kollaboriert wird und alternative Realitäten, Kulturformen und Formate imaginiert werden. Wir stellen uns vor, wie es möglich wäre, physisch auch in großen Dimensionen utopische Räume zu schaffen, in denen Konzepte wie „Safer Spaces“ Realität gemacht werden können. Räume, in denen Leute politische Ansichten, Musik und Kunst teilen und diskutieren, wo Sexualitäten, Ausdruck der eigenen Identität und nonkonforme Körper nicht nur akzeptiert oder toleriert werden, sondern durch den Zusammenhalt entstehen.

Wir sehen derartige Projekte hier durchaus schon in kleinem Rahmen und in größeren Ausmaßen in anderen Städten. Die Frage ist bei größeren Initiativen sowieso, wie „Safe Spaces“ gewährleistet werden können und Kommerzialisierung vermieden werden kann. Wir sind gespannt auf die Entwicklung neuer, kreativer, radikaler DIY-Szenen und darauf, wie sich Formate in der Zukunft verändern werden, jenseits konventioneller Codes und Protokolle. Wie Sprache und Musik sich verändern und offener werden. Wie futuristische Technologien eingebunden werden und wie Inklusivität auf allen Ebenen zum Normalzustand wird.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Ada Karlbauer

Links:
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