Bild Veronika Morscher
Veronika Morscher (c) Taya Chernyshova

Sich selbst verwurzeln und in andere Perspektiven hineinversetzen. Veronika Morscher im Interview

Spätestens seit der Verleihung des Vorarlberger Jazzpreises 2017 ist die Singer-Songwriterin und Jazzsängerin VERONIKA MORSCHER vielen Musikbegeisterten ein Begriff. Die in Lauterach in Vorarlberg geborene Musikerin lebt seit Jahren in Köln, wo sie als freischaffende Musikerin und als Gesangsdozentin arbeitet. Überdies ist die 28-jährige Künstlerin als Yogalehrerin tätig und schließt in Kürze ihr Studium der Psychologie ab.

International viel Beachtung findet Veronika Morscher auch als Mitglied des Vokalquartetts mit dem ausgefallenen Namen Of Cabbages and Kings. Dessen Debüt-Album „Aura“ stieß Ende 2018 auf viel Resonanz und brachte einige Auszeichnungen und Engagements mit sich. Doch seit einem Jahr startet Veronika Morscher mit ihrem Soloprojekt unter dem Motto „Solitary Bird“ voll durch. Im Gespräch erzählt mit Silvia Thurner erzählt Veronika Morscher von den Beziehungen zwischen Yoga, Psychologie und ihrer Musik, aktuellen Projekten, vom Komponieren eigener Songs und Inspirationsquellen.

Als Singer-Songwriterin und Jazzsängerin hast du in den vergangenen Jahren international namhafte Erfolge gefeiert. Darüber hinaus bist du ausgebildete Yogalehrerin und schließt bald dein Psychologiestudium ab. Wie treten Yoga, Psychologie und Musik in deinen Songs in Beziehung zueinander?

Veronika Morscher: Ich mag ehrliche Unterhaltungen, Begegnungen und Menschen ohne viel Wirbel drum herum. Das versuche ich auf meine Musik zu übertragen – eine Interaktion auf Augenhöhe – zwischen den Bandmitgliedern und den Zuhörern. Eine Zerbrechlichkeit, eine Ehrlichkeit, eine Kraft. Auf der Bühne – so exponiert man auch ist – fühle ich mich irgendwie sicher, das zu sagen, das zu sein, was ich fühle, dass ich bin.

Mit eurem Vokalquartett Of Cabbages and Kings, in dem du mit deinen Gesangskolleginnen Zola Mennenöh, Laura Totenhagen und Rebekka Salomea Ziegler zusammenwirkst, seid ihr sehr erfolgreich unterwegs. Schreibt ihr eure Kompositionen selbst?

Veronika Morscher: Ja, jede von uns ist kompositorisch tätig. Das ist uns ein Anliegen und hat sich in den letzten Jahren sehr bewährt. Wir haben auch ganz bewusst entschieden, uns keinem bestimmten Genre zuzuschreiben, damit wir uns in unserem Komponieren nicht einschränken müssen. Weil dennoch viele Menschen fragen, was für Musik wir machen, nennen wir unsere Stilrichtung „Neo-A-Cappella“, was ein erfundener Genrebegriff ist.

Neben dem Vokalquartett auch ein Soloprojekt

Als Unterstützung unter anderem für dein im Frühjahr 2019 begonnenes Soloprojekt hast du das mit 5.000 Euro dotierte 5x5GO-Stipendium des Landes Vorarlberg erhalten. Hast du bereits konkrete Pläne?

Veronika Morscher: Ich hatte schon länger das Gefühl, mir für mein Songwriting mehr Zeit nehmen zu wollen. Gerade auf einer Auslandsreise in die USA erreichte mich die Nachricht, dass ich vom Land Vorarlberg mit dem 5x5GO-Stipendium ausgezeichnet wurde. Dadurch habe ich zusätzlich große Motivation bekommen, „Solitary Bird“ weiterzuspinnen. Ich nehme Unterricht bei internationalen Songwriterinnen und Songwritern und habe einen „Songclub“ gegründet, bei dem sich die Mitglieder vornehmen, wöchentlich jeweils ein neues Lied zu schreiben. Seit Oktober 2019 klappt das sehr gut. Regelmäßig zu schreiben, hilft mir sehr, den Perfektionismus beiseite zu schieben. Ich weiß dann für mich, das nächste Lied muss kein Meisterwerk werden, denn ich werde noch viele weitere Stücke schreiben.

Was inspiriert dich? Sind es Texte, Beobachtungen, Literatur, Malerei, die Natur?

Veronika Morscher: Vielmals sind es Beobachtungen auf der Straße oder im Café, Begegnungen mit Menschen und die Natur. Ich mag es aber auch, in Museen zu gehen und mich vor Bilder oder Skulpturen zu setzen und frei zu assoziieren, einfach eine Geschichte zu erfinden, die mir dazu gerade einfällt.

Neue Lieder dürfen Zeit in Anspruch nehmen

In einem Interview hast du einmal gesagt, du seist eine langsame Hörerin, und dass du dir Stücke so lange anhörst, bis du sie in- und auswendig kannst. Hat sich deine Hörweise auch auf deine Art zu Komponieren übertragen?

Veronika Morscher: Ich bin definitiv eine eher langsame Songwriterin und finde den Prozess wahnsinnig spannend. Ich gehe relativ intuitiv mit dem eigentlichen Schreiben um. Damit ich ab dem Zeitpunkt nicht mehr viel überlegen muss, versuche ich, mir vorab ein Gerüst zu bauen, mir sozusagen einen Fahrplan zurechtzulegen, damit ich weiß, welche Geschichte, welches Kernthema, welche Bilder ich unterbringen möchte. Wenn ich das für mich geklärt habe, geht es ans Schreiben. Ab dann versuche ich eher zu hören und zu suchen als zu denken. Ich versuche dabei etwas zu produzieren, das mir gefällt und mich wach und aufmerksam bleiben lässt. Ich könnte mir vorstellen, dass meine Hörweise das schon irgendwie inspiriert hat, ja. Beide Arbeitsphasen sind von Wachheit und Ruhe geprägt, mehrschichtig und dürfen Zeit in Anspruch nehmen.

Gehst du beim Komponieren deiner Lieder vom Text aus?

Veronika Morscher: Nein, nicht unbedingt. Das kommt eher drauf an, welche Idee ich habe, wenn ich ein Stück komponiere. Meistens habe ich im Vorhinein schon Ideen gesammelt, zum Beispiel eine Melodie oder eine Metapher oder einen Rhythmus, auf den ich etwas aufbauen möchte oder eine Geschichte, die ich ausbauen will.

Mit Worten spielen

Schreibst du deine Texte selbst?

Veronika Morscher: Ja, ich schreibe alle Texte selbst. Das ist für mich eine große Herausforderung. Ich bewundere Menschen, die mit Worten spielen können, die nur durch ihr Erzählen die Phantasie so anregen können, dass sich plötzlich in einem Selbst große Gefühle regen und die Neugierde in Bewegung gerät.

Welchen Stellenwert hat die instrumental geführte Stimme innerhalb deiner Songs?

Veronika Morscher: Die Stimme auch instrumental einzusetzen, ist für mich als Sängerin sehr wichtig. Der Scat-Gesang hat einen Effekt, den ein anderes Instrument nicht bieten kann: Eine Stimme mit dem Potenzial zu erzählen, alles preiszugeben, die sich dazu entscheidet, wortlos zu bleiben. Das finde ich immer eine spannende Abwechslung zu den eh schon vielen Worten, die in meinen Stücken vorkommen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Sylvia Thurner


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Veronika Morscher

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im Februar 2020 erschienen.