„Wir wollen Musik für alle Ohren machen”, sagt ANNA BLASKÓ und meint: BEAT THE SILENCE, ein Konzertformat, das die Kulturmanagerin und Chorsängerin 2023 mit MARIANN GRUNENWALD gestartet hat. Das Projekt soll „akustische Barrierefreiheit” schaffen, also: Musik anbieten für Menschen, die sie eigentlich nicht hören können.
Die Konzerte würden aber für alle funktionieren, so BLASKÓ. „Auch Menschen, die hören können, erkennen den künstlerischen Wert unserer Events.” Bisher fanden Veranstaltungen im Konzerthaus, im WUK oder in der Sargfabrik statt. Am 10. April 2025 findet das erste Mal ein Event von BEAT THE SILENCE in Niederösterreich statt. Über Konzept und Kunst hat ANNA BLASKÓ aufgeklärt.
Du veranstaltest Events für Gehörlose, was verbindet dich mit ihnen?
Anna Blaskó: Ich studiere mit Mariann (Grunenwald, Anm.) an der Musikuni – dort haben wir uns im Fach Projektmanagement kennengelernt. Es sollte ein Kulturprojekt entstehen, in dessen Rahmen wir von der Uni ein Coaching bereitgestellt bekommen. Wir haben herausgefunden, wie wichtig uns Musik ist – und wie schlimm es wäre, wenn wir sie nicht mehr so hören könnten. Aus diesem Gedanken haben wir zu recherchieren begonnen. Schließlich wurden wir mit der Sängerin Laura Korhonen verbunden, die mit zwei Cochlea-Implantaten singt. Zum damaligen Zeitpunkt habe ich außerdem bereits eine Percussion-Gruppe gemanagt, die auf Events von uns spielt. Und: Ich singe auch selbst, in einem Chor.
Du hast dazu Wirtschaft studiert.
Anna Blaskó: Genau. Ich habe meine wirtschaftlichen Kenntnisse mit meinen Menschenkenntnissen in das Bandmanagement gepackt. So hat sich der Gedanke zu Beat The Silence weiter geformt, auch mit der Frage: Wie erzählt man Menschen, dass Musik etwas Schönes ist, obwohl sie sie noch nie wahrgenommen haben? Wir haben Kontakt zu Vereinen und Organisationen aus der Gehörlosen-Community gesucht. Es hat aber gedauert, bis sie uns ernst genommen haben.
Als Person, die von außen kommt – also nicht aus der Community – stelle ich mir das einigermaßen schwierig vor.
Anna Blaskó: Ja, wir wurden zu Beginn mit Kritik konfrontiert. Wir planten mit vibrotaktiler Wahrnehmung von Musik zu arbeiten, da hat die Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes (ÖGLB) gemeint: Wenn sie ein Wummern fühlen will, kann sie sich auch ins Auto setzen. Dazu sage ich: Wir nehmen Feedback ernst, natürlich auch, weil wir selbst nicht gehörlos sind. Mariann hat inzwischen aber starke Verbindungen in die Community geknüpft. Sie lernt die Gebärdensprache. Nimmt an Stammtischen teil.
Seit der Gründung von Beat The Silence ist das Programm deshalb breiter aufgestellt. Es gibt nicht nur Konzerte …
Anna Blaskó: Inzwischen integrieren wir Gebärdenpoesie und können so Performances liefern, die über die Songs und ihre Texte hinausgehen, ja.
Wie funktioniert diese Gebärdenpoesie?
Anna Blaskó: Wir haben zwei Gebärdenpoeten, die die Lyrics der Musik übersetzen und performen. Das hat etwas Spielerisches, vor allem, weil es nicht immer direkte Wort-zu-Wort-Übersetzungen der Songtexte sind. Teilweise übersetzen sie auch Teile der Musik, die zwangsläufig ohne Text auskommen. Die Gebärdenpoeten spielen also Szenen nach, die zu dem Song passen.
Die Band rückt dadurch in den Hintergrund.
Anna Blaskó: Es ist nicht selbstverständlich, dass der Leadsänger einer Band plötzlich nicht mehr im Mittelpunkt steht, ja. Wenn zu viel Ego involviert ist, kann Beat The Silence deshalb nicht funktionieren. Erkennt man aber den Wert des Konzepts, kann eine Ebene an künstlerischer Qualität entstehen, die nicht nur Gehörlose spannend finden. Es rührt auch das hörende Publikum, das eine erste Begegnung mit einer anderen Sprache hat.
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Beat The Silence ist eine Art Bildungsauftrag für Gehörlose und Hörende?
Anna Blaskó: Unbedingt, Beat The Silence bringt Gehörlosen Musik näher und Hörenden einen künstlerischen Mehrwert. Außerdem arbeiten wir mit der Ausstellung Hands Up – eine, die interaktiv und spannend gestaltet ist, und vor allem zeigt: Wie leicht es letztendlich ist, mit einer Person zu kommunizieren, die nicht hören kann.
Trotzdem müssen dafür die Rahmenbedingungen stimmen, oder?
Anna Blaskó: Ja, das merken wir an der Organisation unserer Veranstaltungen. Es braucht einen besonders starken Beamer für deutlich sichtbare Visualisierungen. Wir buchen Schriftdolmetscher:innen. Wir installieren eine induktive Höranlage. Machen einen Soundcheck. Inzwischen sind so viele Leute involviert, die zu Beat The Silence beitragen.
Ist das bereits Inklusion, die ihr in dem Projekt anführt?
Anna Blaskó: Wenn man als Externe:r liest, dass es sich um ein inklusives Projekt handelt, glauben manche, dass es ein liebes Sozialprojekt für Gehörlose ist. Dabei arbeiten wir auf allen Ebenen professionell. Beat The Silence hat also einen künstlerischen Wert, der sich nicht nur an Gehörlose widmet, sondern an alle Hörgrade. es sind auch Personen mit Cochlear Implantaten und Hörgeräten willkommen.
Die Konzerte können dabei …
Anna Blaskó: Für sich allein stehen. Sie funktionieren also als Performance, aber auch akustisch. Dazu versuchen wir, möglichst viele Musikstile und Kunstformen an einem Abend abzudecken. Wir müssen die Events zwar noch als inklusiv labeln. Es wäre aber unser Ziel, dass es nicht mehr nötig ist. Es geht schließlich um Sensibilisieren ohne Belehrung.
„DA STEHT MAN SCHON MAL UM HALB ACHT VOR DEM FINANZAMT, UM SICH EINE STEUERNUMMER ABHZUHOLEN.”
Du hast deine Masterarbeit erwähnt: War dieses Ziel Teil deiner … Hypothese?
Anna Blaskó: Wir hätten jedenfalls nicht gedacht, dass es so groß wird. Meine Kollegin hat sich dabei stark auf die Community-Arbeit konzentriert. Ich habe mich vor allem mit den Konsequenzen dieser Arbeit auseinandergesetzt, also: die organisatorische und die rechtliche Infrastruktur. Da steht man dann schon mal um halb Acht vor dem Finanzamt, um sich eine Steuernummer abzuholen.

Beat The Silence existiert inzwischen über zwei Jahre, ihr hattet Events im Konzerthaus, beim …
Anna Blaskó: Kultursommer, im Porgy & Bess, im WUK und replugged. Zuletzt waren wir auch in der Sargfabrik und demnächst veranstalten wir erstmals in Niederösterreich, in der Bühne im Hof in St. Pölten. Mittlerweile wissen wir also, was wir für Beat The Silence brauchen. Deshalb müssen wir aber auch wählerisch sein. Es braucht einen Vorraum für die Ausstellung, die Zustimmung der Location zur Installation unserer Höranlage. Außerdem muss es barrierefreie Zugangsmöglichkeiten geben. Diese Aspekte sind nicht überall gegeben.
Wo kann sich akustische Barrierefreiheit weiter entwickeln?
Anna Blaskó: Wir wollen live mit Sand-Zeichnungen arbeiten, also: die Geschichte des Songs auf einer neuen visuellen Ebene präsentieren. Als Chorsängerin ist es außerdem mein Traum, einen Chor davon zu überzeugen, in Gebärdensprache zu singen. Ich sehe aber auch bei Orchesterwerken die Möglichkeit, sie bei uns zu integrieren. Schon jetzt kann man uns zum Beispiel für Kongresse anfragen – wir setzen aber darauf, nicht nur die technische Expertise mitzubringen, sondern auch die künstlerische. Musik ist schließlich das Herzstück von Beat The Silence. Deshalb erfahren wir aus der Community inzwischen immer mehr Akzeptanz. Das führt auch zu neuen Formaten, wie Deaf Slams, also gehörlose Poetry Slams. Oder Beatbox-Sessions. Das Format soll jedenfalls immer ein Türöffner sein. Ein Angebot. Nicht nur für Gehörlose, sondern für alle.
Danke für deine Zeit!
Christoph Benkeser
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Links:
Beat The Silence (Homepage)
Beat The Silence (Instagram)
ORF-Beitrag: Beat The Silence (Verfügbar bis 3.4.2025; 13 Uhr)
Alle kommenden Termine von Beat The Silence finden sich hier.
