Porträt: Lakis & Achwach

Im Jahre 1922 endete der Griechisch-Türkische Krieg. Die Befreiungskämpfe, die das ehemalige Osmanische Reich um annektierte Gebiete Anatoliens führte, betrafen auch die wichtige Handelsstadt Smyrna (heute: Izmir). Unter anderen war diese im Zuge des Ersten Weltkriegs von griechischen Streitkräften besetzt worden. Viele der etwa 150.000 dort ansässigen griechisch-orthodoxen Christen sahen sich aufgrund der drohenden Gefahr, Opfer türkischer Vergeltung zu werden, gezwungen, ins hellenische Kernland zu flüchten. In den Folgejahren vermischte sich deren kulturelle Prägung durch Kleinasien auf musikalischer Ebene mit der griechischen Folklore und gedieh schließlich zu jener Tradition, die gemeinhin unter dem Namen Rembetiko bekannt wurde. Da dessen Pflege anfänglich vom einfachen Arbeitervolk und Straßenmusikern besorgt wurde und die Texte naturgemäß von Alltagsnöten und dem tagtäglichen Überlebenskampf berichteten, war bald vom „griechischen Blues“ die Rede. Wesentlich für das Klangbild des Rembetiko war die Durchmischung zweier volksmusikalischer Sprachen, die auf künstlerischer Ebene gerade das aushandelten und vorwegnahmen, was im Gesellschaftspolitischen seinerzeit nicht möglich schien.

Jene Gedanken des Austauschs und der Zusammenführung sind auch Grundpfeiler im musikalischen Schaffen von Lakis Iordanopoulos. Seit respektablen 30 Jahren praktiziert er mit seinem Langzeitprojekt Lakis & Achwach interkulturelle und internationale Weltmusik. Vom „griechischen Blues“ kommend schöpft er neben Eigenkompositionen auch aus dem reichhaltigen Oeuvre des Rembetiko. Seit 1983 arbeiten Iordanopoulos und sein umfangreiches Ensemble daran, dieser einflussreichen musikalischen Strömung ein zeitgenössisches Gepräge zu geben. So werden etwa traditionelle Lieder neu interpretiert, arrangiert oder textlich aktualisiert und Bouzuki-Melodien auf E-Gitarre, Saxophon oder die arabische Oud übertragen. Seine Mit-Musiker, aus Ländern wie Österreich, Liechtenstein oder der Türkei stammend, lassen neben ihrem sprachlich-kulturellen Background auch ihre unterschiedlichen stilistischen Kompetenzen einfließen. So verdichten sich Jazz, Rock und Volksmusik zu einem neuen Ganzen, dem so genannten „Neorembetiko“.

Vertrieben werden die Album-Veröffentlichungen von Lakis & Achwach seit jeher auf Harald Quendlers Label Extraplatte. Neben Iordanopoulos’ moderatorischem Engagement in der ORF-Sendung „Heimat, fremde Heimat“ und einer Vielzahl journalistischer Tätigkeiten findet sich auch noch Zeit für weitere musikalische Projekte: So tritt er gelegentlich mit der zypriotischen Sängerin Loukia Agapiou auf, die sich ebenso der ostmediterranen Klangwelt verpflichtet fühlt. Ähnlich verhält es sich mit der „Tsatsiki Connection“, die er vor vielen Jahren mit dem Philosophen Hakan Gürses gegründet hat. All diese Ensembles durchzieht als gleichsam roter Faden der Blues der Griechen und die emotionale Ausdrucksfreude der levantinischen Musik.

Damit vollzieht der aus Thessaloniki stammende Wahl-Wiener Lakis Iordanopoulos zusammen mit seiner weitläufigen Kollegenschaft eine ähnliche künstlerische Bewegung wie seinerzeit die Flüchtlinge Anatoliens. Als Musiker öffnet er sich und seinen kulturellen Background gegenüber der musikalischen Topographie des Einwanderungslandes. Bloß, dass er im Österreich der 1980er Jahre nicht mehr eine in jenem Maße autochthone Prägung vorfinden konnte, wie sie anno 1922 noch in Griechenland vorgeherrscht hatte. Stattdessen entsteht das Neue an der Schnittstelle von traditionellem Rembetiko und popkultureller Vielfalt, für die sich anzueignen es heutzutage gar keines Ortswechsels mehr bedürfte. Denn das Lokale ist mittlerweile überall: Jazz und Blues (sowie dessen Inkarnation im Rock’n’Roll) sind längst omnipräsente, globale Sprachen ohne regional begrenzter Deutungsbefugnis.

Der eklektische Zugang zur Musik von Lakis & Achwach darf somit auch als Absage an Genrepurismus und renitentes Bewahrertum gewertet werden. Implizit decken sie mit ihrem Schaffen den vielleicht größten Widerspruch des Kulturkonservatismus auf: Zwar kann dieser jede künstlerische Strömung inhaltlich festhalten – nicht jedoch jenes Moment, das die Musik zu ihrer Entstehungszeit als neuen Stil, als Abweichung von der Norm hat auftreten lassen. Um diese Zäsur, an der etwas bislang (im Wortsinne!) Unerhörtes in die Welt gesetzt wurde, mitzudenken und ihr gerecht zu werden, müssen auch die Motive der Bewegung und des Weiterdrängens, die einem Genre erst zur Eigenständigkeit verholfen haben, in einem lebendigen Sinne aufbewahrt werden. Lakis & Achwach haben dies begriffen und bewerkstelligen es auf hohem musikalischen und menschlichen Niveau – seit mehr als 30 Jahren.

Besetzung:
Lakis Jordanopoulos:  Gesang, Gitarre, Baglama
Antonis Vounelakos: Kl. Gitarre, Gesang
Christian Gruber-Ruesz: Bouzouki, Gitarre
Manfred Balasch: Klarinetten, Saxophone, Flöte
Herwig Thoeny: Bässe, Gesang
Metin Meto: Perkussion, Gesang
Yusuf Topcu: Schlagzeug
Reimar Fochler: Tontechnik

David Weidinger

http://www.lakis-achwach.com/