
Sixtus Preiss, Sie bauen ein analoges Mikrofon. Wieso ist gerade jetzt die Nachfrage danach groß, ein Instrument zu bauen, das sich technisch auf dem Stand von vor hundert Jahren befindet?
Sixtus Preis: Dadurch, dass digitale Interfaces kamen, die besser aufnehmen als analoge, gibt es eine Renaissance. Weil man vom Perfekten wegkommen will, aber auch weil diese alten Mikros in ihrer Blüte funktionieren. Ein Problem der neuartigen, hochempfindlichen Aufnahmetechnik ist, dass man mehr aufnehmen kann, als man hört, man aber nicht weiß, was das mit dem Klang macht.
Das verstehe ich voll und ganz. Andererseits gibt es schon Plug-ins, die ein Kratzen simulieren.
Sixtus Preis: Ist das wirklich wichtig? Ich gehe davon aus, dass teure analoge Dinge vor allem deshalb gekauft werden, um einen zu motivieren.
Klaus Mitter: Es geht immer auch um die Limitierung. All dieses Equipment kann weniger, aber das, was es kann, kann es dafür gut. Die Frage, die sich oft stellt, ist doch, ob man ewig herumtüfteln will, um etwas, was es schon gibt, zu imitieren. Und wie viel Zeit verwendet man darauf?
Gregor Samsa, wieso wurde Supersense gegründet? Ist das ein schlichter Hype oder tatsächlich etwas Nachhaltiges?
Gregor Samsa: Ich selbst bringe seit 17 Jahren Platten raus, ich kann nichts anderes. MP3s haben mich nie interessiert, weil zu viel verloren geht. Steve Reich auf MP3 – da hat man doch nichts davon. Die Leute sind auf der Suche nach etwas, was sie anfassen können. Digital bedeutet, dass alles zu jeder Zeit, zu jeder Stunde verfügbar ist. Dadurch wird aber verhindert, dass ich mich mit dem Speziellen beschäftige. Oft fehlen die grundlegendsten Informationen. Die Musik lässt sich schwer verorten. Aber die Menschen brauchen nun einmal Zuordnungsmöglichkeiten, sonst macht es keinen Sinn.
Jogi Neufeld: Die Zeichen der Zeit sind anders. Meinen Söhnen ist es scheißegal, wo und wie etwas aufgenommen wurde. Meine Platten interessieren sie nicht. Letztlich ist das ganze Revival des Analogen ein schöner Anachronismus. Sie probieren, es zu verstehen, hören Musik aber auf YouTube. Das Digitale hat gesiegt.
Klaus Mitter, nutzt Kreisky das Digitale als Chance, um mehr Leute zu erreichen, um eine größere Plattform zu haben?
Klaus Mitter: Klar. Als Band kommt man nicht daran vorbei. Ob ich es schlecht oder gut finde … Es gibt einfach Werkzeuge und man nimmt die, die einem probatest erscheinen. Die beste Werbung ist aber noch immer das gut gespielte Konzert. Oder, um mit den Worten von Franz Wenzl, alias Austrofred, zu sprechen: „Einen Schas kann man nicht hypen.“ Irgendwann wird es keine CDs mehr geben. Das Medium, das Vinyl gekillt hat, liegt im Sterben, und das ist super und unbedenklich. Denn Bands und Musik wird es immer geben. Wie Musik distribuiert wird, wird überbewertet, das ganze Rundherum ist ein Zwischending. Ein großes Problem der 2000er-Jahre war, dass nur noch über Formate und Copyrights gesprochen wurde. Niemand hat sich mehr über Musikinhalte unterhalten. Genau deshalb war das ein verlorenes Jahrzehnt. Allerdings: Selbst wenn ich die gleiche Menge an Leuten erreiche wie früher, kommt digital einfach weniger Geld rein. Merchandising aber hat nach wie vor eine gute Spanne. Randgeschäfte werden immer wichtiger. Live und Merchandising boomen. Die Satelliten werden gestärkt. Die unnahbaren Stars sind greifbar geworden.
Jogi Neufeld: Wenn es darum geht, Geld zu verdienen, fällt mir Crowdfunding ein. In der Spielebranche hat sich auch die Vorgehensweise etabliert, das Spiel an sich, das Grundprodukt also, gratis herzugeben und für bessere Versionen, Waffen und so weiter Geld zu verlangen. Wäre das ein Modell für die Musikindustrie? Was wäre der Mehrwert?
Klaus Mitter: Das hat es doch alles schon vor zehn Jahren gegeben. Mit dem T-Shirt kommt das Album. Alter Hut.
Gregor Samsa: Durch Napster und vergleichbare Modelle wurden die Leute enteignet. Durch Spotify wird es nicht besser, aber legalisiert. Wenn wir Platten machen, haben die Leute sie schon, bevor wir sie auf den Markt bringen. Wenn man nicht mitspielt, findet man nicht statt. Ganze Presswerke wurden verschrottet, heute sind die Werke daher so ausgelastet, dass man mehrere Monate auf die Pressung seines Albums warten muss. Platten werden nur noch als Merchandise gehandhabt.
Sixtus Preiss: Durch die Liberalisierung bin ich weltweit verbunden, ich bekomme aus der ganzen Welt Nachrichten. Aber klar ist auch, dass die Leute mehr Geld für Formate als für Inhalte ausgeben. Deshalb habe ich mich auch schon damit abgefunden, dass ich für meine Musik nichts mehr bekomme. Ein Beispiel für die Formathörigkeit ist die Röhrenschaltung. Derzeit werden massenhaft alte Senderöhren gekauft, weil die Leute glauben, dass sie einen besseren Klang hätten. Das ist eigentlich ein Blödsinn, aber man kauft das Format. Aber die Leute stellen sich das zu Hause hin und genießen Musik. Das Format führt also auch dazu, dass Leute wieder Musik bei sich zu Hause genießen.
Jogi Neufeld: Vinyl mit Download-Code ist so zu sehen: Der Code ist das „Free to go“, das Vinyl ist das Merchandise.
Klaus Mitter, stellt Kreisky ihre Singles gratis ins Netz? Ist das ganze Album auf YouTube hörbar?
Klaus Mitter: Wenn es jemand hochlädt, dann ja. Wir machen es aber nicht.
Sixtus Preiss: Das Livespielen ist enorm wichtig. Für mich ist es wichtig, auf die Bühne zu gehen und den Leuten zu zeigen, was momentan bei mir passiert.
Klaus Mitter: Wo viel Licht ist, findet sich auch viel Schatten. Das Livespielen ist nun einmal die sichere Einkommensquelle. Dadurch stehen Bands auf der Bühne, die nicht unbedingt auf der Bühne stehen sollten. Liveauftritte sollten nicht die Liveaufführung der Musik sein, sondern eine Show bieten. Im Idealfall ist man von Leuten umgeben, die unter dem Einfluss diverser Substanzen stehen, auf engstem Raum, und zieht eine Show ab.
Sixtus Preiss: Ich hab neulich vor Snoop Dogg gespielt. Die Arena war voll. Die Band hatte einen grandiosen Schlagzeuger, den man nicht gehört hat. Offenbar hat das Playback gereicht. Er wurde nicht aufgedreht. Super Show, aber von der Band war nichts zu hören.
Gregor Samsa: Diese Fragen stellen sich aber im weitesten Sinne nur im westlichen Pop. Nicht im afrikanischen Funk oder dergleichen. Die Menge ist gefährlich, dann schalten die Leute ab. Deshalb stellt sich die Frage, wie wir es hinkriegen, dass die Leute wieder bewusst wahrnehmen.
Sixtus Preiss: Braucht es edukative Maßnahmen?
Gregor Samsa: Nein. Nur Begeisterung. Man braucht nicht zu predigen. Entweder man kippt rein oder nicht.
Jogi Neufeld: Auch im Digitalen kann man Empathie finden Der Spielesektor ist ein riesiger Markt, um Geld zu verdienen. Der Sound wird endlos wiederholt, die sensitive Bindung ist sehr intensiv. Das gibt es sonst nirgendwo.
Gregor Samsa: Ja, da wird viel verdient. Dort reinzukommen, das ist der größte Traum vieler Bands.
Wie steht es um das Innovationspotenzial der geschickten Verbindung zwischen analog und digital?
Sixtus Preiss: Die Boiler-Room-Konzerte haben weitreichende Folgen: Ein Set wird mitgefilmt und man kann das online verfolgen. Für mich ist das besser, als den Leuten einen Mitschnitt mitzugeben.
Jogi Neufeld: Alpha-Releases ermöglichen es den Konsumentinnen und Konsumenten, mitzubestimmen, noch bevor das fertige Produkt auf dem Markt ist.
Gregor Samsa: Ich brauche das alles nicht. Ich kauf mir doch Musik, weil ich die Band geil finde. Die Einstürzenden Neubauten haben das so gemacht [mit Alpha-Releases, Anm.], aber es geht doch darum, ob ich die Platte mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner will oder ein Meisterwerk. Es passt, wenn man Fans binden will. Aber für das Kunstwerk funktioniert es einfach nicht.
Jogi Neufeld: Die Fans sollen ja auch nicht auf das künstlerische Werk Einfluss nehmen, aber sie sollen sich mit Bausteilen spielen können. Mit Samples etwa, die sie zur Verfügung gestellt bekommen. Dadurch werden sie gebunden, können teilnehmen und selbst zu einem kreativen Ausdruck finden.
Dazu fallen mir Mile me Deaf ein, die Videos von ihren Fans einforderten.
Jogi Neufeld: Der größte Vorteil ist, dass ich durch die neue Technik in Zimbabwe einen österreichischen Pop-Song hören kann und umgekehrt.
Gregor Samsa: Das gibt es doch schon. Wir müssen uns viel mehr damit beschäftigen, dass es wieder etwas anderes gibt als den Handysound.
Klaus Mitter: Natürlich ist das alles sehr praktisch und man hat sofort zwanzig Bands an der Hand, die den gleichen Sound spielen. Aber der Weg geht verloren: das Flohmarkt-Digging zum Beispiel. Natürlich habe er durch Napster Musik bezogen, die ich sonst nie bekommen hätte. Aber wenn man sich darauf beschränkt, gehen die Wege mit all ihren Übersetzungsfehlern verloren. Die Ästhetiken nähern sich so sehr schnell einander an. Holzwege aber sind ein probates Mittel, um etwas Neues zu schaffen.
Formulieren Sie bitte einen Wunsch.
Jogi Neufeld: Super, dass es alles auf einen Mausklick gibt. Man sollte den Konsumentinnen und Konsumenten allerdings mitgeben, wie man selektioniert und wie man im analogen Bereich künstlerisch wertvoll filtert.
Sixtus Preiss: Ich versuche, von der Generation nach mir zu lernen, die mit dem Datenüberschwall aufgewachsen ist und gut damit umgehen kann.
Gregor Samsa: Ich wünsche mir, dass Leute Musik hören und Spaß daran haben. Die Leute sollen sich das bewahren.
Klaus Mitter: All die Abkürzungen führen leider oft dazu, dass man nur das schnelle Beziehen nutzt, nicht aber den schwierigen Weg nach mehr. Es ist noch immer so, dass nur 13 bis 17 Prozent der aufgenommenen Musik digital erhältlich sind. Wenn sie niemand hört, wird sie niemand digitalisieren.
Danke für die Diskussion.
Fotos Popfest Sessions: Simon Brugner
http://www.popfest.at


