Bild Rosa Rendl
Rosa Rendl (c) Anais Horn

„Performen klingt wie sich verstellen“ – ROSA RENDL im mica-Interview

Seit bereits zehn Jahren ist ROSA RENDL Teil des experimentellen Pop-Duos LONELY BOYS und wandert als Sängerin, Produzentin und klassisch gelernte Pianistin zwischen den Bereichen Musik und bildende Kunst umher. Kürzlich erschien ihre Solo-Debütsingle „Okay Now“, in der durch Fragilität und Reduktion eine besondere Art der Unmittelbarkeit erzeugt wird. Im Herbst folgt ihr Debütalbum auf „Seayou Records“. ROSA RENDL sprach mit Ada Karlbauer über musikalische Zurückhaltung und Intimität, das „you“ als fiktives Gegenüber, die Verweigerung des Happiness-Diktats, den Wunsch nach einer Szenenerweiterung, die Verzerrung der Stimme als Schleier der Sicherheit und den Zweifel an Streaming-Konzerten.

Man kennt deine Arbeit bereits von dem Duo Lonely Boys. Wie kam es zu der Entscheidung, solo zu arbeiten?

Rosa Rendl: Ich hatte schon länger den Wunsch eines direkteren Ausdruckes mit einfachen Mitteln, reduziert auf nur Klavier und Stimme. Die Musik von Lonely Boys basiert sehr stark auf dem Experimentieren mit Samples, Sounds und Effekten. Bei meinem Soloprojekt liegt der Fokus auf einer Unmittelbarkeit des Ausdrucks durch Improvisation. Während einer Artist Residency 2016 in New York habe ich dann begonnen, an den ersten Solotracks zu arbeiten. 

2016 liegt schon etwas zurück. Welche Gründe gab es für diese lange Zeit bis zum Release von „Okay Now“? 

Rosa Rendl: Ich habe zwischen 2016 und 2017 fast alle Tracks des kommenden Albums komponiert. 2017 hatte ich die ersten Gespräche mit „Seayou Records“ und sie haben mir damals schon den Vertrag geschickt. Ich wusste allerdings zu dem Zeitpunkt noch nicht, in welchem Kontext und auf welche Art ich meine Musik herausbringen möchte. Außerdem war ich gerade sehr mit meinen anderen Projekten beschäftigt. Mit Lonely Boys [zusammen mit Daphne Ahlers; Anm.] waren und sind wir sehr in der Kunstszene verhaftet. Da werden wir fast mehr als Performance-Künstlerinnen wahrgenommen als von der Musikszene als Musikerinnen. Das ist einerseits wirklich spannend und hat uns viele Möglichkeiten eröffnet, aber in mancherlei Hinsicht ist es auch frustrierend, da wir eigentlich Pop machen und unsere Musik durchaus auch anders verortet funktionieren könnte. Daher wollte ich für mein Soloprojekt sehr genau überlegen, wie ich es positioniere. Andererseits kann man das ja am Ende auch nicht wirklich kontrollieren und meine ersten Solokonzerte waren dann wieder im Kunstkontext [lacht]. Das erste in der Galerie LambdaLambdaLambda in Pristina 2017, dann 2018 im Rahmen einer Reihe des KW – Institute for Contemporary Art in Berlin und im vergangenen Jahr im Belvedere21 im Rahmen der Show „Über das Neue”.

Das klingt fast wie eine „Wiedergeburt“, obwohl du schon seit Jahren Musik machst.

Rosa Rendl: Für mich eher wie eine Geburt, da ich mit Lonely Boys noch nicht wirklich in der Musikszene angekommen bin. Daher hat es sich für mich dann wie ein richtiger Schritt angefühlt, mein Soloalbum mit einem Label wie „Seayou Records“ herauszubringen.

Wie kam es eigentlich zu der Kooperation mit „Seayou Records“?

Rosa Rendl: Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich 2017 ein Demo des Tracks „Opportunity Lover“ auf SoundCloud gestellt und dann auf Facebook geteilt. Ich glaube, darüber kam Ilias auf mich.

Man merkt, dass zwischen der Kunstszene und der Musikszene immer noch eine starke Trennlinie mit wenigen Berührungspunkten verläuft. Woran könnte das liegen?

Rosa Rendl: Es sind zwei sehr unterschiedliche Szenen. Ich versuche, das aber in meiner Arbeit zu überbrücken, und sehe nicht wirklich einen Grund dafür, dass nur entweder das eine oder das andere möglich ist. Ich arbeite generell gerne medien- und szenenübergreifend.

„Ich habe nicht wirklich den Wunsch nach einem Szenenwechsel, eher nach einer Szenenerweiterung“

Im Kunstkontext verschieben sich oft auch die Parameter, was aus welchem Grund funktioniert. Da geht es meist weniger um eine musikalische oder kompositorische Qualität als vielmehr um eine Klangästhetik oder eine Atmosphäre, die gerade in die dort herrschenden Diskurse passt, um es überspitzt zu formulieren. War das ein Grund für den Wunsch nach einen „Szenenwechsel“? 

Rosa Rendl: Ich habe nicht wirklich den Wunsch nach einem Szenenwechsel, eher nach einer Szenenerweiterung. Mein erster Zugang zur Musik war, dass ich mit sechs Jahren begonnen habe, Klavier zu spielen, und dann bis achtzehn Klavierunterricht hatte. Für mich hat es sich immer am natürlichsten angefühlt, am Klavier zu sitzen und dort Lieder zu schreiben. Ich denke, ich wollte an diesen Punkt zurückkehren. Als Teenager hatte ich immer die Vorstellung, später klassisches Klavier zu studieren. Es ist dann anders gekommen und ich habe Mode studiert, zuerst in Wien, dann in London. Ich weine dem auch nicht nach, nur ein bisschen [lacht]. Ich bin sehr geprägt durch die Musik, die ich als Kind gehört habe. „Female Singers“ von Nina Simone über Whitney Houston bis Sade. All diese Künstlerinnen singen sehr emotionale Lieder und verkörpern diese Gefühle mit ihren Stimmen. Das ist schon stark in meine Arbeit eingeflossen. Es hat meine Liebe zur Musik verursacht und mir sehr früh vermittelt, was für ein starkes Mittel Musik sein kann, um Emotionen auszudrücken.

Kürzlich erschien deine Debütsingle „Okay Now“. Was wird darin verhandelt? 

Rosa Rendl: In „Okay Now“ geht es im Prinzip um ein Ansprechen eines Gegenübers und den Versuch, dieser Person die Absicht zu vermitteln, sie in ihren Wünschen und Bedürfnissen zu verstehen und ihr darin zu begegnen. Gleichzeitig drückt der Track auch eine Verzweiflung über das Scheitern dieses Versuches aus und die Leidenschaft, weiter für diese Person zu kämpfen.

Deine Songs adressieren immer ein you, ein Gegenüber. Wer ist dieses you eigentlich? 

Rosa Rendl: Da es in meinen Texten immer um Beziehungen in jeglicher Form, also um Beziehungen nicht ausschließlich romantischer Natur, geht, richtet sich das you immer an dieses Gegenüber, an dem ich mich in dem jeweiligen Track abarbeite. Das you ist in dem Sinn eher ein Platzhalter für ein fiktives Gegenüber, an das ich mich mit meinen Gedanken richte, und ist nicht unbedingt als eine konkrete Person aus meinem Leben zu verstehen.

„Oft geht es um Misskommunikation, Unverständnis, irgendeine Art der Verzweiflung“

Zwischenmenschlichkeit, Beziehungen und die damit zusammenhängende Erfahrung scheinen ein zentraler Ausgangspunkt für deine Lyrics, deine Musik im Allgemeinen zu sein.

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Rosa Rendl (c) Anais Horn

Rosa Rendl: Oft geht es um Misskommunikation, Unverständnis, irgendeine Art der Verzweiflung oder darum, dass man die andere Person nicht erreicht und sich nicht verstanden fühlt bzw. mit den eigenen Bedürfnissen niemanden erreicht. In gewisser Weise geht es auch um die Beziehung mit sich selbst, wie man mit den gemachten Erfahrungen umgeht, wie man sich entwickelt und zu welcher Person man dadurch wird, wogegen man sich auflehnt, wovor man sich schützen will und wofür man sich öffnet.

Zu „Okay Now” erschien ein Video der Künstlerin Anaïs Horn. Darin sieht man verschiedenartig inszenierte visuelle Ebenen, die miteinander korrespondieren. Man denkt an die „Ophelia“ von Millais oder an „Blair Witch Project“. Was war die Idee dazu?

Rosa Rendl: Das Video visualisiert eigentlich zwei unterschiedliche Persönlichkeiten. Auf der einen Seite die verletzliche, fragile Seite in einem hauchzarten Kleid, feenhaft im Wald. Dem gegenüber stehen die Szenen, in denen ich eher stark und kämpferisch inszeniert bin. Es ist wie ein emotionaler Zwiespalt oder eine multiple Persönlichkeit, die hier dargestellt wird, die sich einerseits in ihrer Verletzlichkeit zurückzieht, aber auch die Stärke hat weiterzukämpfen.

Welche Rolle spielen Performativität und Gedanken aus deiner Tätigkeit innerhalb der bildenden Kunst für dein Soloprojekt? 

Rosa Rendl: Ich möchte eigentlich nicht performen, wenn ich meine Musik vorführe. „Performen“, das klingt wie „sich verstellen“. In allem, was ich tue, suche ich aber immer nach einem sehr ehrlichen Weg des Ausdruckes und verzichte daher auf alles mir unnötig und ablenkend Erscheinende. In der Kunst wie in der Musik. Ich verstelle mich auf der Bühne nicht, im Gegenteil, ich glaube, ich bin auf der Bühne mehr ich selbst als sonst. Auf der Bühne zu sein ist deshalb ein sehr fragiler, ungeschützter Moment, das macht ihn so besonders.

Wie würdest du dein Produktions-Setting beschreiben?

Rosa Rendl: Ich setze mich ans Klavier und improvisiere. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich an einem Punkt bin, wo ich es aufnehmen will, mache ich das. Oft nehme ich einem Take auf, oft editiere ich am Ende noch. Ich versuche, die Komposition aber immer so unbearbeitet und so unmittelbar wie möglich zu lassen, dadurch können die Aufnahmen auch nicht perfekt sein, aber das ist Teil der Aussage.

„Die Verzerrungen in der Stimme und dieser Schleier, der über dem Sound liegt, geben mir schon eine gewisse Sicherheit (…)“

Durch diese Arbeitsweise entstehen auch gewisse Risse oder Brüche, die den Sound ausmachen und eine besondere Intimität erzeugen.

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Rosa Rendl (c) Anais Horn

Rosa Rendl: Diese Brüche sind wichtig, weil das Ganze sowieso sehr intim und entblößend ist. Dahinterzustehen ist eine Überwindung, aber wichtig. Die Verzerrungen in der Stimme und dieser unklare Schleier, der über dem Sound liegt, geben mir eine gewisse Sicherheit in dem, was alles gesagt wird. Die Lyrics und Vocals sind ja eigentlich sehr verständlich, auch wenn die Stimme zum Teil mit Autotune aufgenommen wurde. Dadurch wird das an sich sehr Persönliche etwas anonymisiert. Wenn alles ganz klar und präzise aufgenommen würde, dann gäbe es keinen Schutz mehr. Was ich an meiner Situation schön finde, ist, dass ich trotzdem die Möglichkeit habe, bei Konzerten auf einem Piano oder Flügel zu spielen, ganz ohne Effekte. Und wenn ich möchte, kann ich es auch digitaler aufzuziehen.

Gibt es Aspekte, die durch diesen musikalischen Schleier bewusst verborgen bleiben? 

Rosa Rendl: Nicht wirklich, ich glaube, viel mehr öffnen kann ich mich nicht mehr [lacht]. Vielleicht meinst du mit Verborgenem, dass es trotz der Intimität auf irgendeine Weise doch anonym, abstrakt wirkt?

Was ist von deinem Debütalbum, das im Herbst erscheinen wird, zu erwarten?

Rosa Rendl: Das Album ist eigentlich wie ein Anthologie von offengelegten, durchlebten Emotionen. Es verhandelt Verletzlichkeit, Wut, Rebellion, Liebe, Ängste. Das Album ist eine Einladung, sich darauf einzulassen.

„Die permanente ‚Happiness‘ klingt für mich eher nach Burn-out-Faktor.“

Eine gewisse Form der Traurigkeit, der Melancholie charakterisiert deine Klangästhetik und verweigert sich dem vorherrschenden Happiness-Diktat.

Rosa Rendl: Mir geht es auch darum, traurige Emotionen zuzulassen. Viele dieser Emotionen werden vor allem in der Popmusik noch stark tabuisiert. Alle müssen immer super happy sein, alles muss lustig klingen und dabei noch Spaß machen [lacht]. Das eine ist nur möglich durch das andere. Positive Gefühle sind nur dann möglich, wenn es auch negative gibt. Ich bin absolut dagegen, immer nur eine Seite zeigen zu dürfen und die andere zu unterdrücken. Ich habe kein Problem, eine gewisse Form der unterschwelligen Traurigkeit in meiner Musik offenzulegen, denn ich spüre sie ja auch in meinem Körper und in meinem Leben und ich empfinde das auch nicht als etwas Negatives. Im Gegenteil, das anzunehmen, hat mich dazu befähigt, einen Ausdruck in meiner Musik zu finden. Dafür bin ich auch dankbar. Die permanente „Happiness“ klingt für mich eher nach Burn-out-Faktor. 

Isolation und soziale Distanz charakterisierten den nahe zurückliegenden Alltag der Corona-Pandemie. Hatte die Krise konkrete Auswirkungen auf deine Arbeit?

Rosa Rendl: Nicht so wirklich, weil ich die Zeit zum Produzieren und Arbeiten an meinem Live Set benutzt habe. Was mich aber in der Zeit abgeschreckt hat, sind die vielen Streaming-Konzerte, die jetzt stattfinden. Die Doktrin, jetzt alles online zu machen, überzeugt mich ganz und gar nicht. Ob Museumsbesuche, Konzerte oder Ähnliches. Nur weil es in dieser Zeit möglich ist, muss man nicht alles digital machen. Man sollte Momente und Gegebenheiten so nehmen und erkennen, wie sie sind, und nicht krampfhaft versuchen, etwas zu erzwingen, das nicht ist.

Die physische Präsenz eines Live-Konzerts lässt sich auf diese Weise auch nicht simulieren.

Rosa Rendl: Absolut. Man könnte das Konzert auch einfach vorher aufnehmen und sagen, dass es live ist. Wo ist der Unterschied? Man kann den visuellen und klanglichen Effekt eines Konzertes nicht über Handy oder Laptop erzeugen, außerdem lässt man damit den Einfluss des Publikums außen vor und vergisst, dass ein Konzert ja ein Austausch zwischen Performerin bzw. Performer und Publikum ist und nicht einseitig funktioniert. Ich fände es schade, wenn auf diesem Weg die Sensibilität für Musikhören und -erleben verloren ginge.

Herzlichen Dank für das Gespräch! 

Ada Karlbauer

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Seayou Records