„Oh mein Gott, Kendrick, scheiß mich an“ – BRENK SINATRA im mica-Interview

BRENK SINATRA liefert geschmeidige Beats in die ganze Welt. Für sein sommerlichstes Album bis dato haben sein Team und er ein Label gegründet.

Warst du schon einmal kurz davor, alles hinzuschmeißen?

Brenk Sinatra: Mr. L war mein erster Release, ein Rapper aus Frankfurt. In Wien sind 2003 schon Beats kursiert. Alle, mit denen ich aufgewachsen bin, sind die normale Route gegangen mit Kindern und verschuldet für eine Eigentumswohnung. Ich bin drangeblieben, obwohl mir jeder den Vogel gezeigt hat. Als Schulabbrecher hatte ich damals nur beschissene Jobs. Das war echt schwer. Ich habe nichts geschenkt bekommen. Mit 17 Jahren bin ich ausgezogen. Ich war mit dem Rücken zur Wand und habe alles auf eine Karte gesetzt. Die Hoffnung nur von Musik leben zu können, war das Allerhöchste. Ich wollte den Leuten auch zeigen, dass wir uns nicht vor deutschen Produzenten verstecken müssen, dass wir in Wien sogar innovativer sind. Für meinen ersten Verlagsdeal habe ich viel Lehrgeld gezahlt. Damals war es die einzige Option, um das zu ermöglichen, was ich heute mache.

Dann kam Gumbo.

Brenk Sinatra: Dass ein Wiener ein Instrumental-Album macht, war 2008 nicht das Normalste. Es wurde eher belächelt. Aber es hat begonnen, sich in Deutschland durchzusetzen. Dann war „Gumbo 1“ unter den besten 20 Instrumental-Alben aller Zeiten in der in der Juice. Das war natürlich eine große Ehre und Riesenfreude. Und der Startschuss für alles. Leute hatten mich am Schirm. Ungefähr Ende 2012 ging es sich nur mit der Musik aus.

Was kostet ein Beat von dir?

Brenk Sinatra: Das ist so wie die Frage, was kostet ein Auto? Es ist wirklich von bis. Es hängt von so vielen Faktoren ab. Beats verkaufen ist außerdem nicht die Haupteinnahmequelle der meisten Produzenten, die ich kenne. Meistens einigt man sich auf Punkte und keinen Buyout. Gerade bei Leuten, die gut im Streaming performen, sind Prozente zehnmal besser, als mit einem Buyout abgespeist zu werden. Know your worth, wie die Amis sagen. Man muss seinen Standpunkt vertreten, aber realistisch bleiben.

Wie lange hast du dein Business selbst geregelt?

Brenk Sinatra: Seit zwei Jahren habe ich ein starkes Team um mich. Jetzt stemmen wir diese Riesendinger zu viert. Davor haben meine Frau und ich alles selbst gemacht.

Wie schwer ist es, über den Teich zu kollaborieren?

Brenk Sinatra: Der Traum mit amerikanischen Rappern zu arbeiten, ist natürlich bei jedem Produzenten da. Das sind nunmal die besten. Sie haben das erfunden und setzen die Trends. Aber leider ist es immer noch so, dass Sachen verloren gehen, das Management von nichts mehr etwas weiß und du deinen halben Beat später ohne Credits hörst. Viele Rapper sind verpeilt. Die ASCAP rechnet es nicht gescheit ab. Der Verlag scheißt herum. Die Distanz kommt dazu. Es ist wirklich schwierig. Die ticken einfach nicht so, wie wir ticken. Zumindest die Leute, mit denen ich bis jetzt gedealt habe. Du brauchst drüben einen starken Partner. Sonst ist es nur pain in the ass. Das sagen leider viele.

Wie ist es im Vergleich dazu in Deutschland?

Brenk Sinatra: Wir haben Strukturen in Deutschland. Die meisten halten sich an Regeln innerhalb dieser Musiklandschaft. Klar ist es ein Haifischbecken. Man muss Zähne zeigen. Einige Producer sind introvertiert und Kanonenfutter für Manager-Haie. Bis heute gab und gibt es aber keine andere Option. Die meisten Leute schaffen es nur über Deutschland. In neuneinhalb von zehn Fällen. Das hat Falco schon gesagt.

Wie kam es zur Kollabo mit Xatar?

Brenk Sinatra: Meine Instrumental-Alben haben sich teils in Kreise gespült, von denen ich das nie gedacht hätte. Und dann schreibt dir jemand, hey, ich habe einen Song drauf gemacht, wollen wir das raushauen. So sind einige Sachen entstanden. Das war mit Xatar genauso. Ich habe ihn kennengelernt, da war er noch im Gefängnis in Köln und hatte Ausgang. Ich habe die wildesten Stories gehört.

Brenk Sinatra
Brenk Sinatra (c) Daniel Shaked

Und das letzte Album von Kreiml & Samurai?

Brenk Sinatra: Das war eine eher spontane Geschichte. Wir hatten uns kennengelernt. Ihre Konzerte sind halt komplett Mayhem. Das hatte ich nicht am Schirm. Das Album haben wir in zwei oder drei Monaten aus dem Boden gestampft. In Österreich war es auf Platz 4. Dann kam Corona. Sie hatten davor viel live gespielt. Die Tour hätte der Platte den nächsten Boost gegeben. In Wien waren sie im Gasometer angesetzt.

Mit wem würdest du nicht arbeiten?

Brenk Sinatra: Wenn man Rap mit Amerikanern macht oder auch mit Deutschen, gibt es viele, die schon einmal eingesessen sind wegen diverser Gewaltdelikte. Ich bin mit solchen Leuten aufgewachsen. Weißt du, ich kenne Leute, die auf die schiefe Bahn geraten sind. Wenn sich zwei Leute vor ein paar Jahren geprügelt haben und einer hat dem anderen die Nase gebrochen, ist das halt dumm. Aber das als Grund … dann könnte ich mit der Hälfte nicht mehr arbeiten. Bei ganz hässlichen Dingen würde ich aber sofort die Notbremse ziehen, wenn Kinder im Spiel sind, rassistische Sachen oder Antisemitismus. Keine Debatte.

Welche Projekte liegen noch im Schließfach?

Brenk Sinatra: Ich habe ein paar Demos auf meinen Festplatten. Keine ganzen EPs oder Projekte. Angeblich gibt es einen Verse von Kendrick auf einem meiner Beats. Auf Kendricks Album „Good Kid M.a.a.d. City“ war MC Eiht drauf. Und es soll einen Gegendeal gegeben haben. Ich war damals viel mit MC Eiht unterwegs. Und Kendrick soll auf einem meiner Beats gerappt haben, den wir verwenden hätten sollen. Aber ich hab’s nie gehört. Ob das existiert, weiß ich nicht. Laut MC Eiht gibt es das. Du hörst das so, denkst dir, oh mein Gott, Kendrick, scheiß mich an. Aber man wird abgehärtet in jeder Hinsicht. Ich glaube das erst, wenn ich es Schwarz auf Weiß sehe.

Wie arbeitest du?

Brenk Sinatra: Früher nur am Rechner. Ich hatte von Anfang an Acid. Das kann ich im Schlaf bedienen. Von Fruity Loops bin ich schnell auf eine Wavelab und Acid-Kombination umgestiegen, später auch noch Native Instruments. Von denen bin ich endorsed. Mittlerweile habe ich ein großes Studio mit vielen Instrumenten. Ich sammle viel Vintage. Ich liebe wie es klingt, die Haptik, Knöpfe drücken, Slider, Fader. Das Tüfteln taugt mir. Auch wenn die große Auswahl einen manchmal fast hemmt.

Und Sampler?

Brenk Sinatra: Ein Sampler war wie eine Uniform. Du hast einen haben müssen, wenn du Hip-Hop gemacht hast, einen SP 1200, MPC oder Akai. Ich hatte nie das Geld dafür. Deswegen hat bei mir gecrackte Software auf einem hinigen Rechner herhalten müssen.

Klärst du alle Rechte ab?

Brenk Sinatra: Ich verwende mittlerweile Samples, die ich selber gemacht habe, solche von Kollegen oder solche, die gecleart sind. Es wird einfach immer heißer. Whosampled ist für Konsumenten super. Für die Macher ist es ein Alptraum. Deine Sachen sind on display. Angeblich ist die Idee zu der Plattform von Major-Labels geboren worden, um einfach zu sehen, wer ihre Rechte verletzt. Und dann hat es irgendwer umgesetzt. Mir kommt das Grausen, wenn ich höre, dass mein Name dort steht. Die alten Platten kannst du nicht löschen. Da waren keine großen Streams, es war ja alles Liebhabereien, da ist nicht viel zu holen.

Gibt es „Gumbo” deshalb nicht zu streamen?

Brenk Sinatra: „Gumbo 1” kommt bald. Unser neues Label macht einen Re-Upload. Dann gibt es fast meine ganze Diskografie. Einzelne Tracks sind tatsächlich nicht oben, weil das Sample zu heiß ist, da gebe ich dir recht.

Was planst du mit Wave Planet Records?

Brenk Sinatra: Als Label kannst du nur bestmögliche Startbedingungen schaffen, also dass Mix, Master oder Cover wirklich top notch sind. Was danach passiert, ist random und wird random bleiben. Das kannst du als Label nicht steuern. Unser Vertriebspartner sind Groove Attack und Believe. Wir haben außerdem einen Verlag gegründet. Wave Planet ist in erster Linie für Nachwuchstalente gedacht. Wir sind stilistisch auch überhaupt nicht beschränkt und haben schon gut vorgearbeitet. Klar ist das Label eine Heimat für meine Sachen. Aber das nur für mich zu gründen, das wäre auch so ein Nordkorea-Move.

Was bringt das neue Album „Boss Spieler University“?

Brenk Sinatra: Ich singe halt faktisch. Bei manchen Tracks war es eine Mischung aus Vocoder, Talkbox und Autotune, die ich gelayert habe. Es ist nicht so gemischt, dass es so komplett heraussticht wie eine Stimme, sondern eher ein Teil des Beats. Irgendwann hatte ich einige Tracks und dachte, dass sie hintereinander geil klingen. Über die Skizzen spiele ich drüber, nehme zehn Spuren auf, lösche die Hälfte, zerschneide das, und so weiter. Rhodes-Piano verwende ich oft. Das gibt dir sofort diese Wärme. Die Lead-Sounds von Synthesizern Ende der 70er sind in der West Coast Kultur tief verankert. Die verwende ich oft, manchmal vorne, manchmal hinten. Das Album ist die logische Fortführung von „Midnite Ride“. Da waren die Drums und das Programming zum ersten Mal völlig anders. Das Tempo war langsamer. Und diese Platte ist jetzt sehr sommerlich. Ich wollte einen Uplifter machen. Sie hat diese Ästhetik von No Limit, Suave House, Rap-A-Lot, Cash Money und Ende 90er. Das habe ich versucht, ins Jetzt zu tragen. Wir haben alle zwei richtig beschissene Jahre hinter uns. Ich wollte eine Platte machen, die ich gerne höre, wenn es warm ist. Das ist definitiv die Platte.

Herzlichen Dank für das Interview!

Stefan Niederwieser

„Boss Spieler University“ ist bereits via Wave Planet Records erschienen.

 

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Wave Planet Records