„Ö3 WAR DAMALS EIN RICHTIG GUTER SENDER“ – PETER ZIRBS IM MICA-INTERVIEW

Für PETER ZIRBS existiert Düsternis und Wärme, Romantik und Ausgelassenheit immer gleichzeitig. Der Wiener Produzent, der um die Jahrtausendwende das Electro-Pop-Projekt KONSORTEN TM gründete und 2018 auf FABRIQUE RECORDS sein Solodebüt veröffentlichte, liebt Acid im Club und Queen auf dem Band. Seit über 30 Jahren wandelt ZIRBS in der Wiener Szene – zuerst als Zuschauer, später als Mitwirker. Wenn er über diese Zeit spricht, fallen Worte wie „legendär“ oder „magisch“. So gern er zurückblickt, so sehr ist er in der Gegenwart verankert. ZIRBS will seine eigenen Grenzen durchbrechen, Neues ausprobieren, niemals stehenbleiben. Über die Vergangenheit redet der Produzent trotzdem gerne. Mit der AIDS-Diagnose von Mercury seien für ihn die 80er zu Ende gegangen. Anfang der 90er habe nicht nur im U4 alles nach Teen Spirit gerochen. Und als er sich das erste Mal auf einen Rave verirrte, merkte er, dass man lachen und tanzen könne, ohne deswegen uncool zu sein. Bevor im Oktober 2021 seine neue EP „Splinters“ auf FABRIQUE erscheint, hat PETER ZIRBS über sein Aufwachsen in einem verschlafenen Wien und seine musikalischen Erweckungserlebnisse zwischen P1, Musicbox und House-Partys im Underground gesprochen – um von dort aus den Blick in die Zukunft zu richten.

Ich würde heute gerne einen größeren Bogen spannen, weil du seit den 1990ern Musik machst, man darüber aber gar nicht so viel weiß.

Peter Zirbs: Ja, gerade in den späten 1980ern und frühen 1990ern herrschte in Wien Aufbruchsstimmung. Es hat sich so viel abgespielt, alles nicht im kommerziellen Bereich. Das war ein Traum.

Bist du in Wien aufgewachsen?

Peter Zirbs: Ja, ich bin ein Stadtkind. Wir verbrachten zwar viele Wochenenden und ganze Sommer in Reichenau an der Rax, weil meine Großmutter dort gewohnt hat. Aber wenn du mich heute länger als drei Tage aufs Land versetzt …

Wird dir fad?

Peter Zirbs: Nein, nicht fad. Ich mag die Natur. Aber ich brauch das Hin- und Herrennen in der Stadt. So bin ich aufgewachsen. Wenn man im Wien der späten 1980er an einem Dienstagabend auf ein Bier gehen wollte, hat es nichts gegeben – außer vielleicht drei Lokale wie das Chelsea, die Arena und das Schwarze Café. Gut, das U4 gab es auch, aber das war ein Club.

Hat es das Flex schon gegeben?

Peter Zirbs: Das war um 1989, ja. Da wurde es schon mehr. Davor wurde aber nach 22 Uhr fast überall das Licht abgedreht. Mit Beginn der 1990er hat sich das geändert. Plötzlich wurde Wien zur Stadt der jungen Leute. Oft kam die Polizei um sechs in der Früh in ein Lokal. Niemand war angesoffen, aber jeder putzmunter. Das war legendär.

An was machst du diese Veränderungen fest, wenn du zurückdenkst?

Peter Zirbs: Es entstand eine Indie-Kultur, die zum Beispiel das Chelsea gepflegt hat. Auf einmal spielten Bands, die man von Fanzines, oder aus Plattenläden wie dem Rave Up kannte, vor 70 Leuten in der Piaristengasse in einem Keller. Das Bach war auch genial, das ganze Lokal war fest in Frauenhand, das Musikprogramm super, jeden Montag spielte eine österreichische Band – und ich hab direkt um die Ecke gewohnt und war fünf Abende in der Woche dort. Da hatte man als Jugendlicher das Gefühl, es geht was. Es war eine unbeschwerte Zeit ohne Kommerz. Man hörte gute Musik und konnte was machen.

Für dich sicher verbunden mit musikalischen Erweckungserlebnissen.

Peter Zirbs: Ich habe mich schon als Kind für Musik interessiert. Mir hat einerseits Deep Purple getaugt – an meinem 16. Geburtstag war ich auf einem „Mark II“-Konzert in der Stadthalle, mit der 20-Minuten-Version von „Smoke on the Water“ – gleichzeitig bin ich auf Yello, Art of Noise und Kraftwerk abgefahren. Rock und Elektronik waren für mich nie ein Widerspruch. Das haben viele nicht verstanden. Mir war das egal. Ich lieb knochentrockenen Acid genauso wie den Sound von Queen.

„ALS MERCURY SEINE AIDS-DIAGNOSE BEKAM, GINGEN FÜR MICH DIE 1980ER ZU ENDE.“

Queen hast du auch gehört?

Peter Zirbs: Ich habe sie geliebt. Gleichzeitig war ich großer Fan von Spaceshuttles. Als dann Mercury seine AIDS-Diagnose bekam und die Challenger-Katastrophe passierte, gingen für mich die 1980er zu Ende.

Gleichzeitig war es Ende deiner Teenagerzeit, oder?

Peter Zirbs: Das war noch ein bisschen später. Ich bin 18 geworden als die Mauer fiel. Das war 1989 – an den Moment kann ich mich gut erinnern.

Da ging musikalisch sicher viel. Auch ein Grund, wieso du das Elektronische nie gegen das Rockigere ausgespielt hast. Heute entsteht allein durch das Distinktionsgehabe von manchen Leuten automatisch eine Einschränkung.

Peter Zirbs: Mittlerweile stellt die Musik nicht mehr denselben Distinktionsgewinn dar, wie es in den 1980ern war. Heute zählt der coole Hintergrundsound, aber nicht mehr die Frage, welche Bands du hörst. Und das ist auch OK, es verändert sich was.

Dafür kann man sagen: Zeig mir deine Spotify-Playlist und ich sag dir, wer du bist.

Peter Zirbs: Selbst die lässt keine Rückschlüsse auf eine Sub- oder Jugendkultur zu. Ich will aber nicht kulturpessimistisch rüberkommen, weil ich das nicht bin. Ich mag die Veränderungen, die passieren.

Peter Zirbs (c) Tim Cavadini

Man kann sagen, früher war es anders, ohne Stellung zu beziehen.

Peter Zirbs: Früher hast du eine Platte gekauft und gewusst, jetzt gehörst du dazu. Die frühen The Cure oder Depeche Mode-Sachen waren der Soundtrack, der mich gerettet hat. Da wusste ich: Es versteht mich jemand, man ist nicht allein. Während es die Älteren nicht kapiert haben, konntest du dich in die Musik einhüllen und trösten lassen. Das war der Hit für Teenager-Depressionen. Anfang der 1990er hat für mich der Rock also überhandgenommen. Grunge und Crossover waren schließlich die letzten großen Neuerungen im Rock, man musste dabei sein. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich nach einer Bandprobe nach Hause kam, MTV aufdrehte und zum ersten Mal „Smells Like Teen Spirit“ hörte. Das war so fresh, man kann sich das gar nicht vorstellen! Wir sind durchs Zimmer gesprungen, weil wir wussten, das ist es!

Kurt Cobain als letzter großer Aufstand gegen die existenzielle Leere im Rock-Herzen.

Peter Zirbs: Dabei ging es schnell weiter. Plötzlich kam Techno um die Ecke. Mein Erweckungserlebnis dazu war ein paar Jahre früher, 1989. Ich war mit meiner damaligen Band im Artis bei Christiane Fs „Kinder vom Bahnhof Zoo“. Danach gingen wir ins P1 in der Rotgasse zu einer Acid Night, die spielten „French Kiss“ von Lil Louis und solche Sachen. Überall war Nebel, das Strobo zitterte. Ich dachte nur: Bist du deppert, ist das geil!

Techno und Rock existierten nebenbei und funktionierten für dich gleichzeitig.

Peter Zirbs: Wenn man beides ernsthaft und mit Gefühl macht, kann es kicken – auch wenn beide Richtungen unterschiedliche Zwecke verfolgen. Tatsächlich gibt es wenig Genres, mit denen ich nichts anfangen kann. Selbst im High-Class-Kommerz-Pop steckt viel Know-how, dafür bin ich aber 35 Jahre zu alt.

Für den High-Class-Pop?

Peter Zirbs: Na, da komponieren drei Leute ein Lied, fünf schreiben den Text und zehn arrangieren das Ganze – das könntest du in Österreich nicht machen, weil es dafür kein Budget gibt.

Einen Jack Antonoff, von dem man immerhin sagt, dass er die Melodie zurück in den Pop gebracht habe, kann hier niemand bezahlen, ja.

Peter Zirbs: Da gibt es noch einige andere wie Mark Ronson, die eigentlich Oldschool-Musik produzieren, sie durch ihre Produktionsweise aber modern klingen lassen.

So weit, dass man nicht mehr weiß, ob Amy Winehouse in den 2000ern überhaupt existierte oder nicht doch ein unentdeckter Star der 1980er war.

Peter Zirbs: Na, Amy Winehouse war ein Glücksfall, obwohl sie total anachronistisch rüberkam. Sie hatte Erfolg zu einer Zeit, in der es ihre Musik eigentlich nicht mehr gab …

Oder geben hätte dürfen.

Peter Zirbs: Und trotzdem hat es funktioniert! Sie bekam ja einer der letzten richtigen Deals bei Universal – für eine Jazzplatte gab es eine Viertelmillion Dollar Vorschuss. Das ist irre, ihre Geschichte ist ein Drama, das fasziniert mich. Auch weil ich mit so unterschiedlicher Musik aufgewachsen bin.

Was lief im Hause Zirbs?

Peter Zirbs: Zwischen Beethoven, den Stones und Jazz spielten meine Eltern die größten Hits der 1960er und 1970er.

Ziemlich normal, oder?

Peter Zirbs: Totales Bildungsbürgertum, ja. Auf diese Musik steh ich aber immer noch, das bekommst du nicht mehr aus mir raus. Die Synthesizer-Sachen von Kraftwerk und Jean-Michel Jarre habe ich allerdings mit zehn Jahren selbst entdeckt. „Autobahn“ lief im Radio, ich nahm es auf Kassette auf und spürte: Das ist die Zukunft, weil es was ausgedrückt hat, das die andere Musik nicht ausdrücken konnte.

Du hast Kraftwerk mit zehn Jahren entdeckt?

Peter Zirbs: Ja, dabei war das 1980 schon ein alter Hut. Im Zuge dessen bin ich allerdings einige Jahre später auf New Wave gestoßen. Das war die eigentliche Abnabelung meines bildungsbürgerlichen Aufwachsens. Bis heute bin ich großer Fan von Police und Ideal.

Welchen Rahmen gab es dafür in Wien?

Peter Zirbs: Wien war in Sachen New Wave vorn mit dabei. Ich war zu dem Zeitpunkt aber noch zu jung. Im U4 war ich 1988 das erste Mal, da war der Hype schon vorbei. Trotzdem liefen die Sachen viel auf Ö3, damals ein richtig guter Sender.

Lange vor den FM4-Zeiten.

Peter Zirbs: Ja, zwischen 1980 und 85 liefen im Hauptprogramm die ärgsten Sachen. Die haben „O Superman“ von Laurie Anderson drei Mal am Tag gespielt, das musst du dir vorstellen! Für mich war das Science-Fiction, weil es ein Gefühl befriedigte, das bis heute nur selten befriedigt wird.

„ICH BIN MIT DEM TASCHENGELD HIN UND MIT EINER GEILEN PLATTE NACH HAUSE.“

Das heißt, die Musicbox und Ö3 waren dein musikalischer Ausbruch.

Peter Zirbs: Absolut, es hat etwas eröffnet. Plötzlich hattest du Namen von Platten, mit denen du in Läden wie das Carola marschiert bist und dort tatsächlich bekommen hast. Für mich war das Audio Center auch speziell.

Wo war das?

Peter Zirbs: Es gab sogar zwei davon. Einen am Judenplatz – den gibt es heute noch – und einen anderen in der Ungargasse im Dritten. 120 Schilling hat damals eine LP gekostet. Ich bin mit dem Taschengeld hin und mit einer geilen Platte nach Hause. Das war eine Zeit, in der meine Liebe zur Elektronik immer größer wurde, bis ich irgendwann auf einer House-Party im Technischen Museum gelandet bin.

Im Technischen Museum?

Peter Zirbs: Ja, da waren Partys, die waren … magic! Aber wir waren auch in der Szene Wien unterwegs, beim Technodrome 1991. Da habe ich eine Nacht durchgetanzt und war plötzlich drinnen im Geschehen.

Weil du Techno verstanden hast?

Peter Zirbs: Man kommt drauf, wie Musik ohne Erzählebene funktionieren kann. Wo einem niemand etwas erklärt, sondern du selbst die Geschichte erzählst. Zu Platten, die ein DJ in der Finsternis auflegt. Das geht direkt rein in den Körper.

Eine total körperliche Erfahrung.

Peter Zirbs: Ich war nie wieder so gut in Form wie damals. Schließlich habe ich keinen Tropfen Alkohol getrunken, weil ich nicht müde werden wollte. Dafür war ich drei Mal in der Woche unterwegs. Und dadurch fit wie ein Turnschuh!

Wenn ich dir zuhöre, unterstreicht das die Erzählungen von anderen Musikmachenden zu dieser Zeit. Es war was möglich …

Peter Zirbs: Everthing goes, ja!

Heute ist die Stimmung eher umgekehrt. Man blickt nostalgisch zurück, während in der Gegenwart nur noch wenig möglich scheint.

Peter Zirbs: In den 1990ern gab es viel, gegen das man als Jugendlicher rebellieren konnte. Daraus konnte musikalisch etwas entstehen, auf dem das heutige Geschehen aufbaut.

Wenn man nicht gerade auf White Collar-Clubs der Schickeria steht, wird es in Wien aber knapp.

Peter Zirbs: Roughe Technoclubs gibt es keine mehr – außer Das Werk.

Man kann eine illegale Party unter der Tangentenbrücke aufziehen. Das ist …

Peter Zirbs: Dann eh ein bisserl so wie damals!

Aber mit umgekehrten Vorzeichen. Damals gab es nichts, man musste etwas machen. Heute gibt es sehr viel, aber nichts für die Nische. Die Szene hat sich ausdifferenziert.

Peter Zirbs: Extrem! Inzwischen hat sich die Szene so weit ausdifferenziert, dass alle nur noch ihr Ding und viel zu selten etwas gemeinsam machen. Würde ich heute Raves programmieren, wäre unterschiedliche Musik zu hören. Am Anfang House, dann Techno, irgendwann Jungle und neben dem oargen Zeug bis sieben in der Früh gäbe es wie früher Chillout-Räume. Heute gibt es zwar überall drei Floors, auf denen nur draufgedroschen wird und man das Gefühl bekommt, dass sich der Beat nie ändert. Das hätte ich nicht ausgehalten. Es musste eine Reise sein. Mit unterschiedlicher Musik.

Diese Grundhaltung gibt es nicht mehr, oder?

Peter Zirbs: Es gab damals nicht mal Club Wear. Die Leute kauften auf Flohmärkte alte Sachen und nähten sie um. So ging man dann weg und zeigte den anderen, was man unter der Woche gefunden hatte. Das war die Grundhaltung und super. Gerade zu Beginn konnte Techno schließlich die Wiener Subkulturszene vereinen. Punks kamen genauso wie Mods, die durch Soul-All-Nighter ohnehin Amphetamin-erprobt waren und in Techno etwas Neues fanden. Außerdem waren Goths da. Und Skins, die plötzlich nicht mehr rechts waren, weil sie Ecstasy einwarfen, begeisterte Raver wurden und ihre Ideologie auf den Kopf stellten. Rave hatte, man glaubt das heute kaum noch, etwas Verbindendes. Die Leute redeten miteinander. Und fanden zueinander. Diese Erlebnisse bleiben, auch weil sie aufzeigen, dass – egal wie schlecht die Umstände sind – immer etwas möglich sein wird.

Wie hat sich das auf dich ausgewirkt?

Peter Zirbs: Es hat mich in meiner Persönlichkeitsentwicklung unterstützt. Davor war die Stimmung dark und deprimiert. Mit Rave merkte ich, dass ich lachen, tanzen und mich wohlfühlen darf, ohne deswegen uncool zu sein. Auf einmal konnte ich offen auf Leute zugehen. Rave hat mir das beigebracht. Es war wie eine Therapie.

Wobei New Wave genauso Therapie war, nehme ich an.

Peter Zirbs: Klar, dark und romantisch hatte seine Zwecke. Trotzdem muss man manchmal die Decke vom Kopf reißen. Das bringt den Ausgleich.

Das Dunkle hast du in deiner Musik immer mit dem Heiteren verbunden.

Peter Zirbs: Nix gegen ihn, aber ich bin nicht Marilyn Manson. Genial fand ich allerdings Robert Smith, der sich Lippenstift auftrug – und nie depressiv auf Fotos rüberkommt, obwohl er durch das restliche Styling eine gewisse Dunkelheit transportiert. Das Lustige und Melancholische zu verbinden, ist für mich aus diesem Grund interessant. Gerade entdecke ich den 80s-Underground wieder, unterdrücke aber meinen Impuls, ihn komplett auszuleben, weil ich nichts nachmachen möchte. Sonst würde vermutlich ein Retro-Album entstehen. Das habe ich nicht vor, weil ich dazulernen und meine eigenen Grenzen durchbrechen will. Fabrique Records, mein Label, bestärkt mich darin sehr.

Diesen Rückhalt stell ich mir wichtig vor.

Peter Zirbs: Ich brauch das, weil ich musikalisch auf der romantischen Seite veranlagt bin, also immer die Versuchung habe, schöne Refrains zu produzieren. Damit kommst du aber nur zu einem gewissen Punkt, zu einer Grenze, die ich mit den neuen Stücken überwinde. Es muss nicht immer ein Song sein, es darf auch experimentell werden.

„MINIMAL MUSIC IST WIE EIN BINDEGLIED, MIT DEM ICH MICH KLASSISCH AUSLEBEN KANN, WÄHREND ICH GLEICHZEITIG EINEN POPPIGEN ZUGANG BEWAHRE.“

Das merkt man in deinen Anleihen zur Minimal Music.

Peter Zirbs: Minimal Music ist für mich wichtig, seitdem ich in den 80ern den Film „Koyaanisqatsi“ mit dem Soundtrack von Philipp Glass gesehen habe. Danach war ich drin, entdeckte direkt die „Metamorphosis“-Serie von Glass. Etwas, das mich nach wie vor inspiriert, wie die Musik von Michael Nyman, Moondog und Steve Reich. Sie wirkt auf den Körper ein, in ihrer Repetition entfaltet sich etwas Magisches. Da trifft sie sich mit dem Techno.

Die Wiederholung in der Wiederholung, die alles verändert.

Peter Zirbs: Ja, Philipp Glass war ein Meister darin. Seine Musik liegt für mich zwischen Pop und Klassik, ist genauso zugänglich wie romantisch. Und hat seit dem ersten Hören eine Wirkung, die mich antreibt. Schließlich bin ich kein richtiger Klassiker, dazu fehlt mir die Ausbildung. Minimal Music ist wie ein Bindeglied, mit dem ich mich klassisch ausleben kann, während ich gleichzeitig einen poppigen Zugang bewahre.

Das umschreibt die kommende EP „Splinters“ gut.

Peter Zirbs: Da kommt noch der Einfluss von Brian Eno dazu. Es gibt keine Platte, die ich öfter gespielt habe, als die Rückseite von David Bowies „Low“.

„Warsaw“ und …

Peter Zirbs: Genau. Das war der Soundtrack meiner Jugend. Wenn’s mir beschissen ging, habe ich die Platte aufgelegt. Dann ging’s mir besser.

Das ist das Paradoxe. Dass man mit dunkler Musik so viel …

Peter Zirbs: Wärme erzeugen kann, ja! „Low“ war für mich wie ein Lagerfeuer – es fröstelt dich vielleicht, aber aus den Speakern knistert es und du merkst, dass du mit deinen Gefühlen nicht allein bist.

Zur Dunkelheit in deiner Musik hast du aber erst gefunden. Die letzten Veröffentlichungen schlugen stärker in die Pop-Richtung.

Peter Zirbs: Ich darf hier das kommende Album für nächstes Jahr ankündigen. Darauf werde ich wieder eine Balance zwischen Instrumentals und Popsongs halten, weil es für mich zusammenhängt und eine Erzählung bildet. Das war für mich schon zu Zeiten von Konsorten TM so. Wir saßen immer zwischen den Stühlen, hatten Acid, Wave, Funk – und aus den Plattenläden kam immer nur die Frage, wo man uns einreihen soll. Als Peter Zirbs geht es mir mittlerweile genauso. Zum Glück habe ich den Rückhalt des Labels. Ich darf es machen.

Wie funktioniert das live? Kennen sich die Leute aus?

Peter Zirbs: Das wird demnächst interessant. Ich habe in den letzten Jahren mit vielen Vocal-Artists zusammengearbeitet.

Die zum Teil aus der ganzen Welt kommen. Das ist für Live-Gigs eher schwierig, oder?

Peter Zirbs: Ja, die kann ich nicht für einen Song einfliegen lassen. Außerdem wäre es komisch, wenn extra jemand auf die Bühne kommt und nach einer Nummer wieder geht. Trotzdem will ich nicht nur mit einem Laptop auf der Bühne stehen, das ist uninteressant. Ich möcht was fürs Hirn tun – nicht nur Mails checken.

Was 80 Prozent der experimentellen Auftritte heute ausmacht.

Peter Zirbs: Deswegen bin ich an einer Technik dran, die erst mit dem Album schlagend werden wird. Ich möchte das nicht vorwegnehmen, nur so viel: Die Artists werden mit mir auf der Bühne stehen, wenn auch nicht in Persona.

Das klingt nach ABBA im Kleinen.

Peter Zirbs: Andi Berhmani, ein Spezialist für LED und Beaming, setzt eine Show für mich um. Er hat auch schon LED-Kostüme für mich entworfen und hilft bei der Live-Umsetzung, damit ich alles alleine aufbauen kann. Am Ende soll es eine Live-Show sein, die was rüberbringt. Um nur mit dem Laptop auf der Bühne zu stehen, schau ich nämlich nicht mehr gut genug aus.

Das Laptop-Rauschen wird auch nicht besser, wenn es von irgendeinem Mittzwanziger kommt.

Peter Zirbs: Na, schau dir Deadmau5 an, der hatte eine Lasershow, Nebel, den riesigen LED-Kopf. Der nagelt zwar seine Show auf zwei CDJs runter, aber die Show wirkt.

Wir reden aber von Leuten, die ihren Laptop aufklappen und an drei Schaltern drehen.

Peter Zirbs: In den 1990ern – gerade im Kontext der Mego-Veröffentlichungen – war das eine neue Kunstform. Mittlerweile ist das 25 Jahre her.

Der Neuigkeitswert hat sich abgenutzt.

Peter Zirbs: Ja, das entspricht nicht meinem Anspruch der Inszenierung. Ich möchte den Leuten etwas bieten. Wenn ich auf ein Konzert geh, geht’s mir weniger darum, wie gut jemand sein Instrument beherrscht. Das weiß ich eh, weil ich die Nummern kenn. Ich möchte eher etwas erleben.

Eine Show sehen also.

Peter Zirbs: Ja, es soll ein Rave mit Intro sein, ich will einen Spannungsbogen aufmachen, der nach dem Konzert in eine Feier übergehen kann.

Quasi ein Warm-up für die Clubnacht.

Peter Zirbs: Oder für eine Afterparty. Hauptsache, man kann etwas entdecken und nimmt was mit.

Albumcover “Splinters”

Wir haben vorhin über „Koyaanisqatsi“ gesprochen. Im Film geht die Show von der Immersion zwischen Video und Sound aus. Ich habe deine EP „Splinters“ heute im Zug von Innsbruck nach Wien gehört. Die Landschaft zog vorbei, während ich tiefer in deine Musik eingetaucht bin. Das war ein Deep Listening-Moment.

Peter Zirbs: Diese Wirkung würde ich mir wünschen. Wobei auch die billigste und trashigste New-Age-Esoterik-Musik – wo’s mich reckt, wenn ich sie höre – eine Wirkung hat. Nur nicht die, auf die abziele. Mit „Splinter II“ habe ich deshalb probiert, alle Taktarten auf Basis von Primzahlen zu wählen. Die Nummer endet, wenn sich alle Elemente in ihrer Gesamtheit wiederholen würden. Das hat für mich eine magische Wirkung. Auch wenn das wissenschaftlich nicht hält, glaube ich, dass der Track etwas mit den beiden Gehirnhälften anstellt. Er de-synchronisiert sie und führt sie wieder zusammen. Das ist erfrischend wie eine Dusche, weil unterbewusst etwas passiert – und ganz anders ist wie das Stück „Dance of the Morgellons“.

Gut, dass du das ansprichst. Ich habe es gegoogelt und mir danach gedacht, hätte ich es lieber nicht getan.

Peter Zirbs: Ich habe mir lang überlegt, wie ich auf die Frage nach diesem Stück antworten kann, ohne politisch zu werden oder klar Stellung zu beziehen.

Wieso?

Peter Zirbs: Ich will ja keinen Blödsinn sagen. Deshalb sag ich, dass es weniger um die Morgellons und mehr ums Tanzen geht. Und Tanzen ist etwas Schönes. Also passt das offiziell. Inoffiziell ist es meine Art, mit einer Form des Wahnsinns in der Gesellschaft umzugehen. Der destruktive Mensch in mir meint, dass die Corona-Situation etwas aufgebrochen hat, dass gesellschaftlich ohnehin schon eine Weile mitgeschwungen ist: das Zerbrechen ihrer Struktur und der Sieg der Faktenfreiheit. Das ist ein Wahnsinn. Trotzdem möchte ich das aus meiner Musik raushalten.

Aber Morgellons steht im Titel. Ich kann das nicht wegdenken, wenn ich ihn lese.

Peter Zirbs: Ich habe lange nach einem anderen Titel gesucht, nachdem mich das Label gefragt hat, ob ich das Stück wirklich so benennen wolle. Tatsächlich bin ich draufgekommen, dass ich diesen Titel verwenden muss. Es ist meine Art der Verarbeitung der aktuellen Situation. Trotzdem hoffe ich, dass mich niemand darauf anspricht.

Ich würde dich eher bestärken, Stellung zu beziehen. Wer macht das sonst schon?

Peter Zirbs: Es gibt nur ein paar Musiker, die es geschafft haben, gute Musik zu machen und glaubhaft Stellung zu beziehen. The Cure und David Bowie hatten auch eine politische Meinung, trotzdem haben sie sie von der Musik getrennt. Eine Entscheidung, die ich für mich als richtig empfinde, obwohl ich ein politischer Mensch bin. Aber Politik macht den Pop kaputt.

Die Musik soll also für sich stehen?

Peter Zirbs: Lass es mich so erklären: Meine Mutter war Buchhändlerin, ich bin mit Bernhard und Dostojewski aufgewachsen. Bücher, die lang nach ihrer Veröffentlichung immer noch bedeutsam sind, weil sie dir eine Herzensbildung mitgeben als eine kurzfristige Erkenntnis in der Gegenwart. Man lernt etwas, das einem unabhängig von der Zeit, in der man lebt, hilft. Ein guter Freund hat einmal zu mir gesagt, dass Romane Zeitverschwendung seien. Ich sage nicht, dass es genau umgekehrt ist, aber Sachbücher haben ihre Zeitlichkeit. Gute Romane nicht.

Wie führt das jetzt zu der Frage, ob Musik für sich stehen kann?

Peter Zirbs: Ich hoffe, dass ich nichts sagen muss in der Musik und trotzdem klar ist, was ich meine. Es geht mir eher um das psychologische Rüstzeug, als um einen konkreten Inhalt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser

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