
Sechs Jahre nach ihrem letzten Album kehren sie mit neuem Material in Form von der LP „All Is Fever“ zurück. Dieses Album hat mit seinen vielseitigen Songs nicht nur Ohrwurm-Potenzial, sondern legt auch die Messlatte für anspruchsvolle Independent Musik hoch. Die Songstrukturen sind nicht übertrieben verästelt und verspielt, sondern jedes Lied hat einen gewissen – fast schon zielstrebigen – Flow, der von starken Instrumenten getragen wird.
Das Genre Indie wäre zu weit-, und Indie-Pop zu enggefasst um die Musik zu beschreiben. Vom Notwist inspiriertem Alternative-Rock hat sich Naked Lunch wegbewegt, und ihren musikalischen Reifungsprozess bringen sie auf dem neuen Album auf den Punkt. „All Is Fever“ ist gespickt mir Chorgesang, der aber komplett verschiedene Stimmungen hervorrufen kann. Mal ist er folkig und erinnert an Grizzly Bear und Fleet Foxes, mal hört es sich nach einem sanften Kirchenchor an. Und auch in der Musik spiegeln sich diese Strömungen wieder. Der Kirchenchor bekommt ein verstärkendes Echo und langatmige Instrumentierungen. Die Folk-Sänger werden mit starken Drums und kreativen Melodien unterstützt.
Und immer wieder lassen sich Musical Anspielungen heraushören. Keine bestimmten, sondern das Gefühl „Musical“ wird mit großen Melodien hervorgerufen. Vor allem „The Sun“ hat mit der üppigen Instrumentierung mit Pauken, Streichern und Glockenspiel nicht nur Weihnachtslied-Qualitäten, sondern auch Soundtrack-Potenzial. Ebenso ist es bei „At the Lovecourt“, das neben „Shine On“, bestens geeignet wäre, eine Hochzeitsszene in einem Indie-Film zu untermalen. „Shine On“ hat auch ein bisschen Beatles-Charakter ab Minute zwei, wenn zum repetitiven Refrain gerasselt wird und die E-Gitarren harmonisch mit den Drums verschmelzen.
Einen besonderen Ohrwurm beschert „41“. Die Melodie ist so ausgeklügelt, das sie beim ersten Hören richtig glücklich erscheint, und die unterschwellige Verzweiflung erst langsam durchsickert. Den Köder wirft dieser Song aber ganz anders aus. Um beim Filmmusik Vergleich zu bleiben: Willy Wonka hätte sich keinen schöneren Chorgesang für seine große Einweihung der Schokoladenfabrik wünschen können. Leider kommt dieser Hook nur noch im Hintergrund vor, aber dieser Song hat ohnedies immens viel Power, so dass er, wenn er langsam von einem elektronischen Flimmern überlagert wird, klingt als würden den Jungs die Batterien ausgehen. Ein schönes Ende, vor allem wenn man bedenkt, dass es zurzeit eher ein harscher Schluss, dem Fade-Out vorgezogen wird.
Ein vielseitiges Album wie dieses gibt aber auch weniger powervollen Liedern Raum sich zu entfalten. Trauer beherrscht Naked Lunch besonders. Deswegen machen auch „Dreaming Hiroshima“ und „The Funeral“ ziemlich unglücklich, vor allem wenn man auf den Text hört. Denn obwohl der Wille da ist, das Positive an einer schlechten Situation zu sehen, ist der Sachverhalt einfach zu frustrierend um so leicht überwunden zu werden.
„The Funeral“ hat eine ziemlich zurückhaltende Melodie, mit einem Klatschen, das als Beat verwendet wird. Der Text hat es aber in sich, so dass man diesen Song nur öfter hören kann, wenn man hart im nehmen ist. Wie der Titel schon sagt geht es um das Begräbnis der Frau der Protagonisten, die sich das Leben genommen hat. Zwar gibt es einen Refrain, doch die Songstruktur ist eher eine Schilderung des Alltags, vom Tod der Person bis zum Tag des Begräbnisses. Natürlich wird die Frage nach einem Jenseits aufgeworfen, und so machten einem die Zeilen „Will I meet you again? Is it the start or is it just the end?“ nicht unbedingt Hoffnung.
„All is Fever“ vollzieht einen harmonischen Bogen. Angefangen mit einem perfekten Opener „Keep It Hardcore“ mit langem Intro und jugendlichem Größenwahn in den Lyrics und der Attitüde. Bis hin zu „The Funeral“, dass einen beim ersten Mal Hören vielleicht niederschmettert. Harmonisch ist das Album wegen dem zielstrebigen und sehr überdachten Stil der Band. Nicht zu erwähnen, dass es auch angenehm zu hören ist, also sollte nichts gegen ein Probehören sprechen!
Anne-Marie Darok
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