Nachruf Willi Resetarits

Wer musikalisch in den 1980er und 1990er-Jahren in Österreich sozialisiert wurde, ist auch mit Willi Resetarits bzw. der von ihm verkörperten Kunstfigur Ostbahn-Kurti groß geworden. Am 24. April 2022 ist Resetarits im Alter von 73 Jahren verstorben.

Mein erstes Konzert von Ostbahn-Kurti und der Chefpartie war Ende der 1980er-Jahre. Mit unglaublicher Kraft, Präzision und Witz stand da einer auf der Bühne, der sich selbst nicht allzu wichtig nahm und die Karriere hindurch mit dem Image seiner Kunstfigur kokettierte. Und mit toller Live-Band im Rücken fortan einen Rock’n’Roll auf die Bühne wuchtete, den man in Österreich noch nicht gehört hatte. Legendäre Konzerte fanden in den 1990er Jahren u.a. am Ostbahn 11-Fußballplatz in Simmering und am Wiener Großgrünmarkt statt. Zahlreiche Tourneen führten die Gruppe durch ganz Österreich und ins benachbarte Ausland. Die Fans pilgerten von Konzert zu Konzert und nannten sich – in Anlehnung an die berühmten Deadheads, die Fans von The Grateful Dead – zunächst Chefheads und später Kurtologen.

Kurtologen-Kränzchen

Lange nachdem der „Kurtl“ dann 2003 in Pension gegangen und die Band nicht mehr live aufgetreten ist, haben sich die Fans des Ostbahn-Kurti zu diversen Anlässen regelmäßig versammelt. Eine Online-Petition der Fans mit riesiger Beteiligung war der Grund, warum Resetarits sich überreden ließ, den Ostbahn-Kurti unregelmäßig bei großen Open-Airs, etwa auf der Kaiserwiese im Wiener Prater, wiederauferstehen zu lassen.

Erst im Dezember 2021 habe ich dem Live-Streaming eines Kurtologen-Stammtisches im Bezirksmuseum Rudolfsheim-Fünfhaus beiwohnen dürfen: in diesem Rahmen wurde aus dem Krimi „Blutrausch“ von Günter Brödl gelesen, in dem die Figur des Ostbahn-Kurti eine literarische Verarbeitung erfahren hat. Günter Brödl, auch „der Trainer“ genannt, war der kongeniale Texter der Ostbahn Kurti-Lieder, der sich auch das ganze Konzept der Band ausgedacht hatte.

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Kurzum: Ostbahn-Kurti war Kult.

Warum Übertragungen von englischsprachigen Liedern sein sollen, habe ich bei anderen Musikern und Musikerinnen nie verstanden. Ist es am Ende nur als Hilfe für all jene gedacht, die im Englischunterricht geschlafen haben oder nie auf Reisen gewesen sind? An alle, die damit liebäugeln: bitte schreibt eure eigenen Texte. Ostbahn-Kurti lieferte, mit dem Autor Günter Brödl an seiner Seite und dank Brödls Genialität, eine der wenigen gelungenen Umsetzungen von Übertragungen: „Fire“ oder „Point Blank“ von Bruce Springsteen etwa funktionieren in der Wienerischen Version ebenso gut wie in der Originalversion.

In weiterer Folge begab sich Willi Resetarits selbst in Radiosendungen wie Trost und Rat – ähnlich zu Bob Dylans „Theme Time Radio Hour“ – auf musikalische Entdeckungsreise und beschäftigte sich insbesondere mit Musik aus dem Süden der U.S.A., Stichwort Cajun, Blues und Country. Im Gegensatz zu anderen Interpreten hatte Resetarits zudem die street credibility für das Singen solcher Musik aus der Kindheit in Favoriten mit auf den Weg bekommen.

Folk- und Volksmusiktraditionen waren Resetarits seit seiner Zeit bei der Band Die Schmetterlinge ohnehin nicht fremd: er hat immer wieder über den Tellerrand geschaut und etwa mit dem kurdischen Musiker Sivan Perwer oder der Wiener Tschuschenkapelle zusammengearbeitet. Es war nur folgerichtig, dass er nach der Jahrtausendwende die Formation Stubnblues etablierte, die mit ihrer Mischung aus Vertonungen von Texten des Literaten H.C. Artmann, Eigenkompositionen und Covers noch zwei Tage vor seinem Tod in St. Pölten zu hören gewesen ist.

Soziales Engagement

Was von Willi Resetarits bleibt, ist ein umfangreiches musikalisches Schaffen und ein jahrzehntelanges soziales Engagement, das er etwa in die Gründung des Integrationshauses und von SOS Mitmensch kanalisiert hat. Willi Resetarits hat sich immer wieder dezidiert gegen Ausländerfeindlichkeit und rechte Tendenzen engagiert, etwa beim Lichtermeer am Wiener Heldenplatz im Jahr 1993. Willi Resetarits, „der Kurtl“, wird fehlen.

Jürgen Plank

 

www.williresetarits.at
www.integrationshaus.at
www.sosmitmensch.at