Musikvermittlung: Proberäume der Demokratie

Im Gastblogbeitrag der IG Musikvermittlung Österreich schreibt Axel Petri-Preis über den Wandel der Musikvermittlung hin zu einem gesellschaftlich engagierten Feld, das über klassische Konzertvermittlung hinaus neue Formen musikalischer Zusammenarbeit und Teilhabe ermöglicht. Dieser Text erscheint als Initiative der IG Musikvermittlung auch auf derstandard.at – der Diskurs im dortigen Forum und das Teilen der eigenen Sicht auf die Musikvermittlung sind erwünscht!

Musikvermittlung und Community Music sind in aller Munde. Wer heute einen Blick in die Programme von Konzert- und Opernhäusern, Orchestern und Ensembles wirft, sieht schnell: Angebote für junge Menschen, inklusive Formate, neue Konzertformate für ein erwachsenes Publikum und Community-Projekte gehören inzwischen fest zum Portfolio. Längst handelt es sich dabei nicht mehr um ein bloßes Add-on zum künstlerischen Kernprogramm. Vielmehr sind Musikvermittlung und Community Music selbst in diesen Kern vorgedrungen und Teil des Selbstverständnisses von Kulturinstitutionen geworden. Auch eine blühende freie Szene verweist auf die hohe Bedeutung, die Musikvermittlung und Community Music heute für das Musikleben haben.

Vom Publikum von Morgen zur Gesellschaft von heute

Musikvermittler:innen und Community Musicians haben das Musikleben in den vergangenen Jahren nachhaltig geprägt und verändert. Sie haben neue Zielgruppen angesprochen und mit einer Vielzahl von Dialoggruppen gearbeitet, die bis dato im Musikleben marginalisiert waren. Sie haben neue Formate entwickelt, die künstlerischen und gesellschaftlichen Anspruch in Verbindung bringen, und haben so zu besserem Zugang zu Musik und zu mehr Inklusion und Partizipation beigetragen. Während Musikvermittlung sich zunächst auf Audience Development fokussierte – also die Idee, ein „Publikum von Morgen“ zu gewinnen – entwickelten sich die Zielsetzungen in letzter Zeit stärker hin zu Community Engagement – der Interaktion mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Diese, oft als „Social Turn“ beschriebene, Entwicklung steht nicht zuletzt im Zusammenhang mit der besorgniserregenden aktuellen gesellschaftlichen Situation, die von Polarisierung und erodierenden demokratischen Verbindlichkeiten geprägt ist. Parallel zum „Social Turn“ in der Musikvermittlung gewann auch die Idee der Community Music aus dem United Kingdom im deutschsprachigen Raum an Bedeutung. Als Grassroots-Bewegung hat sie eine ganz andere Tradition und Geschichte als die Musikvermittlung, die im klassischen Musikleben entstand. Und doch teilen Community Musicians und Musikvermittler:innen gemeinsame Anliegen und Ziele. Im Zentrum steht dabei, so vielen Menschen wie möglich kulturelle Teilhabe und Zugang zu Musik zu ermöglichen – sei es aktiv musizierend oder zuhörend.​​​​​​​​​​​​​​​​

Musikvermittlung hat sich von der Ausrichtung auf Audience Development und das "Publikum von morgen" hin zu stärkerem Community Engagement und der Interaktion mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen entwickelt.
Musikvermittlung hat sich von der Ausrichtung auf Audience Development und das “Publikum von morgen” hin zu stärkerem Community Engagement und der Interaktion mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen entwickelt. © c-mavric

Viele Musiken. Viele Begegnungen.

Musikvermittlung und Community Music stellen vielfältige Beziehungen zwischen Menschen und Musiken her. Ich verwende ganz bewusst den außerhalb von akademischen Kontexten eher ungewöhnlichen Plural von Musik. Denn auch wenn viele Projekte der Musikvermittlung im Kontext klassischer Musik angesiedelt sind, so sind Musikvermittler:innen und Community Musicians allen musikalischen Stilen und Genres gegenüber offen. Sie begreifen klassische Musik nicht als höherwertig gegenüber anderen musikalischen Ausdrucksformen oder gar als jene vielbeschworene universelle Sprache der Menschheit. Vielmehr bringen sie unterschiedliche Musiken bewusst in einen produktiven Austausch. Denn echte Beziehungen zwischen Menschen und Musiken entstehen nur dann, wenn eine Begegnung auf Augenhöhe erfolgen kann.

Proberäume der Demokratie

In diesem Zusammenhang liegt das große Potential von Musikvermittlung und Community Music aktuell für mich darin, Menschen in, mit und durch Musiken zusammenzubringen, die einander ansonsten nicht begegnen würden, ästhetische Räume für Austausch zu eröffnen und gemeinsame künstlerische Prozesse zu initiieren. Denn angesichts auseinanderdriftender Gesellschaften, einer zunehmenden Polarisierung und erstarkenden autoritären und nationalistischen Bewegungen halte ich genau das heute für demokratiepolitisch enorm wichtig.

Musikvermittler:innen und Community Musicians werden damit zu Akteur_innen, die Proberäume der Demokratie eröffnen und gestalten, und die mit viel Wissen, Kreativität und Hingabe daran arbeiten, nicht nur das Musikleben inklusiv, zugänglich und anregend zu gestalten, sondern damit gleichzeitig auch einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zu einem guten Zusammenleben leisten.

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Der Standard: Blog Musikvermittlung NOW!

Axel Petri-Preis ist Professor für Musikvermittlung und Community Music an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

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