Musiktheatertage Wien 2024: Du hast die Wahl, Fisch!

Wenn die MUSIKTHEATERTAGE WIEN ihr kommendes Festival unter das Motto “Du hast die Wahl, Fisch!” stellen, steht das nicht nur vor dem Hintergrund, dass auch dieses Jahr wieder – vom 18. bis 28. September – das Publikum aus einem reichhaltigen Programm wählen kann: Das Festival stellt uns viel mehr vor die Frage, wie weit wir eine Wahl haben, auf globale Situationen Einfluss nehmen zu können. So starten die MUSIKTHEATERTAGE WIEN mit GAIA 24. OPERA DEL MONDO der ukrainischen Formation Opera Aperta, einer multimedialen Apokalypse über das Aufbegehren der Natur gegen die zerstörerische Kraft des Menschen. Im ATMEN DER OZEANE taucht das Publikum in den mythischen Plastik-Kontinent “Atlantic Garbage Patch”. Und in der litauischen Produktion THE URBAN TALE OF A HIPPO verschwimmen die Grenzen von Natur und Stadt, Tier und Mensch sowie Vergangenheit und Zukunft.

“Angesichts der dramatischen Konflikte und globalen Krisenherde ist man versucht, den Kopf in den Sand zu stecken. Die MUSIKTHEATERTAGE WIEN wollen mit ihrem heurigen Programm zeigen, dass wir immer eine Wahl haben. Manchmal muss man sich diese Optionen aber erst bewusst machen. Doch darf es nicht beim ‘Wählen-Können’ bleiben, es muss auch tatsächlich gewählt werden! Raus aus der Passivität und rein in den Dialog! Dazu fordern die Beiträge im Festival auf. Begegnungen abseits ökonomischer und ideologischer Aggression bergen Zukunft. Um nichts weniger geht es.” meinen die beiden künstlerischen Leiter Georg Steker und Thomas Cornelius Desi.

Und so werfen die MUSIKTHEATERTAGEN WIEN vom 18. bis 28. September ihre Netze aus, um das Publikum einzufangen und für über 30 Veranstaltungen zu begeistern, die dieses Jahr auch wieder an verschiedenen Spielorten in Wien spielen: nämlich im Odeon und dem angrenzenden Festivalzentrum im Spitzer, weiters im Theater am Werk, im WUK, im Reaktor sowie im Schloss Neugebäude.

Darüber hinaus breiten Teresa Doblinger, Alexandra Radoulova und Yulan Yu einen Teppich an verschiedenen Plätzen in Wien aus: Mit ihrer zeitgenössischen Musik-Performance STRASSENWANDLER:IN laden sie das Publikum auf ihren 70m2 großen urbanen Klangteppich ein, sich auf eine mitreißende Fusion aus urbaner Kunst, zeitgenössischer Musik und Performance einzulassen.

Bild Gaia
GAIA (c) Denys Melnyk

Wenn der Damm bricht

Eröffnet werden die MUSIKTHEATERTAGEN WIEN von der ukrainischen Company Opera Aperta mit ihrer apokalyptischen Oper GAIA 24. OPERA DEL MONDO im Odeon Theater: Ausgangspunkt ist die Sprengung des ukrainischen Kachowka-Staudamms 2023 durch die russische Armee. So verhandelt GAIA das Aufbegehren der Natur gegen die zerstörerische Kraft des Menschen. Die Oper geht davon aus, dass dort, wo der Mensch jäh versagt, Mutter Natur ihre Kraft entfaltet und aus brennender Erde neue, lebendige Landschaften erwachsen lässt. GAIA – ein Tanz auf den Gräbern der Menschheit.

Mit der Late Night Performance MY VOICE MY VOID wird Marino Formenti am Eröffnungsabend anhand von Pop und Folk-Songs mit dem Klischee der Partyshow spielen und dabei die Idee der Stimme als persönlichstes Medium hinterfragen.

Bild SIMMERRING
SIMMERRING (c) Alexander Chernyshkov

Falsch gelandet

Aus Fehlern lernen ist auch das Motto des ERRORTHEATERS: Alexander Chernyshkov und Philipp Lossau lassen einen Komponisten in Simmering landen, der eigentlich zum Semmering wollte und fernab der Stadt nach Inspiration für seine neue Oper sucht. Und so findet sich der Komponist im ungeliebtesten Schloss der Stadt – dem Schloss Neugebäude – wieder, wo ihn die Inspiration nicht nur findet, sondern, begleitet vom verstörenden Klang des Instrumental-Ensembles und dem Dröhnen eines Blasorchesters, heimsucht. So nehmen Chernyshkov und Lossau in DER SIMMERRING ironisch den Gedanken des Genies auf, der davon überzeugt ist, das Wahrhaftige nur in der Natur finden zu können.

Nilpferd im Nebel

In einer Landschaft aus Nebel, Licht, Naturelementen, Klang und Bewegung taucht es auf: Hippo, Anima, Totem des Bewusstseins und der Vielfältigkeit. In der litauischen Musikperformance THE URBAN TALE OF A HIPPO wird im Großen Saal des WUK ein multisensorischer Raum kreiert, in dem das Publikum auf die eigenen geschärften Sinne zurückgeworfen wird. Verschwimmen am Ende sogar die Grenzen von Natur und Stadt, Tier und Mensch sowie Vergangenheit und Zukunft?

Atmende Ozeane

In seinem dritten Kapitel der KOLLAPSOLOGIE als ein “Theater der Begegnung” geht Thomas Cornelius Desi unter Wasser: In DAS ATMEN DER OZEANE diskutiert das Publikum den mythischen Plastik-Kontinent “Atlantic Garbage Patch”, taucht ein in die Tiefe und stellt bei angehaltener Luft Lebenssituationen nach. Sokrates und seine singende Frau sind auch dabei.

Bild Atlantis
ATLANTIS (c) Peter Koger

In die digitale “opera@home” ATLANTIS, als zeitsynchrones Pendant zum ATMEN DER OZEANE gelangt man über eine Internet-App, die Peter Koger für dieses Projekt entwickelt hat. Das Publikum taucht in versinkende Plastik-Kontinente ein. Alle Teilnehmer:innen können Sounds und andere Inhalte direkt in die Inszenierung hineinspielen.

Abgerundet wird dieser dritte Teil der KOLLAPSOLOGIE durch die von Thomas Ballhausen kuratierte Kurzfilm/Diskurs-Schiene SINKING IN THE RAIN, die – sowie DAS ATMEN DER OZEANE – im Reaktor gezeigt werden.

Talentierter Schmetterling

Zu Puccinis 100. Todesjahr überschreibt Thomas Cornelius Desi die Oper “Madama Butterfly” und entwirft mit THE BUTTERFLY EQUATION eine musiktheatrale Talente-Show: 5 Kandidatinnen für die Rolle der Butterfly mit 5 Pianisten und 5 Konzertflügeln stellen sich einem Juror. Dieser aber ist niemand anderer als der Sohn von… Cio-Cio-San, eben jener berühmten Madama Butterfly! War der letzte der großen Melodramatiker gar einer der Ersten des Neuen Musiktheaters? Eine Produktion der MUSIKTHEATERTAGE WIEN gemeinsam mit dem Chigiana International Festival und der Universität Mozarteum Salzburg.

Bild Dream Machine
DREAM MACHINE (c) Thomas Rabsch

Schlaflos träumen

“Wovon träumen die Menschen?” fragt die deutsche Musikerin und Regisseurin Anke Retzlaff. In einer einzigartigen Mischung aus Theater, Performance und Konzert im Theater am Werk / Kabelwerk macht DREAM MACHINE die Welt der Träume bei vollem Bewusstsein gemeinschaftlich erlebbar. Ausgehend von einem Monolog über einen unmöglichen Abschied geht es auf einen rasenden Trip durch das Unbewusste, in dem auch die Träume des Publikums widerhallen.

Unmittelbar nach Retzlaffs Traummaschine – ebenfalls im Theater am Werk – vermuten Clara Frühstück, Sylvi Kretzschmar und Samuel Schaab in ihrer Late Night Performance für Schlaflose: OHNE NACHT. KEIN TAG. Zwischen akustischem Experiment, Punk-Konzert und Live Art wird die meist einsame Erfahrung von Schlaflosigkeit in gemeinsame und kollektive Un-Ruhe übersetzt. OHNE NACHT. KEIN TAG ist ein Spin-off der Produktion “Die Versammlung der Schlaflosen” und wird exklusiv als Verdichtung und Erweiterung bei den MUSIKTHEATERTAGEN WIEN präsentiert.

Bild Irrlicht
IRRLICHT (c) Erik Pekny

Im Rausch

Mit IRRLICHT UND RAUSCHORGEL werden zwei Arbeiten von Georg Nussbaumer in ein Format gegossen, in dem die Flasche das zentrale klangliche und szenische Medium ist. In IRRLICHT durchmisst Nussbaumer mit rollenden Flaschen und Lichtreflexionen einen Bildklangraum, der sich präzise auf den Projektraum im WUK einstellt und seine Geschichte durchhören lässt. In der RAUSCHORGEL wird das Publikum zu einem bacchantischen Spiel gebeten: Die Gäste erhalten unterschiedlich gefüllte Weinflaschen, auf deren Etiketten sich kompositorische Anleitungen befinden. Durch eine genaue Abfolge aus Trinken, Atmen und Blasen setzt das Publikum die kollektive Rauschorgel in Gang und bringt so den Raum gemeinsam zum Erklingen.

Aufstieg

Man könnte ASCENSION des niederländischen Scenographen Paul Boereboom und dem belgischen Theaterregisseur Leon Rogissartals eine gesungene VR-Opernperformance im Schwebezustand bezeichnen, in der fernab von Wellness und Spiritualitätstempeln das Konzept von Floating in eine VR-Performance verwandelt wird, die die Grenzen von Oper und unserer Realitätswahrnehmung auslotet. In der virtuellen Realität wird ein Zustand von Schwerelosigkeit erfahrbar, an dem sich für kurze Zeit die Wünsche des physischen Körpers und der Außenwelt auflösen. Alles, was bleibt, ist Existieren.

Bild Mosaik
MOSAIK (c) Georg Steker

Mosaikstücke

Auch dieses Jahr wird der Spitzer – einmal ums Eck vom Haupteingang des Odeons – wieder zum CLUB MOSAIK und Festivalzentrum. Damit schaffen die MUSIKTHEATERTAGE WIEN einen Raum für Begegnung abseits der Musiktheater-Projekte, der auch als ein ›Coming Together‹-Ort für Künstler:innen und Publikum in entspannter Atmosphäre dient. In frei zugänglichen Afterhour-Sessions kommen Künstler:innen aus Produktionen des diesjährigen Festivals zusammen oder treffen Kolleg:innen der zeitgenössischen Musik und Musiktheater-Szene, zu spontanen musikalischen Verabredungen.


Über die MUSIKTHEATERTAGE WIEN

Die Musiktheatertage Wien suchen immer wieder neue Verbindungen zwischen Musik, Text, Raum, Technologie, Künstlerinnen und Künstlern. Das jährlich im September stattfindende Festival bietet anspruchsvolle und zukunftsweisende Eigen-, Gast und Koproduktionen. Es schafft mit den Möglichkeiten des zeitgenössischen Musiktheaters einen unkonventionellen Zugang zu relevanten Themen. Als internationales Festival für neues Musiktheater beauftragt und kreiert es neue Projekte und vernetzt die nationale mit der internationalen Szene. Für die stete Weiterentwicklung des Genres haben die MUSIKTHEATERTAGE WIEN seit 2018 den AUSTRIAN MUSIC THEATRE DAY 2024 ins Leben gerufen, der auch heuer wieder stattfindet. Ebenso wie »What’s next?«, ein internationales Joint venture, um Arbeitsräume für Künstler:innen, Kulturmanager:innen, Aktivist:innen und Bürger:innen zu schaffen, in denen aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen reflektiert werden.

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