Mit „Reverberations“ (THOKO Records; VÖ: 30.1.) zeigt MIKK, wie anspruchsvolles, vielschichtiges Songwriting und unmittelbare Zugänglichkeit einander beflügeln. Zwischen klaren Poplinien und feinen Brüchen entsteht ein Sound, der sich aus innerer Tiefe speist und die Seele berührt. Ein positiver Vibe trifft auf leise Nachdenklichkeit, Leichtigkeit auf emotionale Schwere. Ihre Songs erzählen vom Loslassen, vom Schwanken zwischen Nähe und Freiheit – und klingen dabei lange nach. Im Interview mit Michael Ternai spricht die Songwriterin über die musikalische Freiheit, die sie sich nimmt, den positiven Effekt des Loslassens und ihren Willen, Musik vor allem für Menschen zu machen.
Mit „Reverberations“ hast du nun deine zweite EP veröffentlicht. Im Vergleich zu deinem Debüt klingen die fünf neuen Songs sehr unterschiedlich – von locker und leichtfüßig bis hin zur Abschlussnummer, die deutlich rockiger klingt. Diesmal fügen sich die einzelnen Facetten zu einem vielschichtigen Ganzen zusammen, wobei vor allem die gelungene Balance zwischen der Nachdenklichkeit der Texte und dem optimistischen Grundsound hervorsticht. Würdest du sagen, dass es dir gelungen ist, deinem Stil und deiner eigenen musikalischen Sprache noch näherzukommen?
Mikk: Ich glaube, dass mich die neuen Songs noch stärker widerspiegeln. Anfangs hatte ich tatsächlich einige Bedenken, weil – wie du richtig sagst – die Songs sehr unterschiedlich sind. Aber so bin ich eben auch. Ich bin eine vielschichtige Person: Ich habe eine gewisse Grundmelancholie, bin aber zugleich ein positiver Mensch. Deshalb klingen viele meiner Songs auch so uplifting. Ich würde schon sagen, dass dieser abwechslungsreiche Sound zu meiner musikalischen Sprache gehört.

Ist „Reverberations“ für dich auch ein bewusster Schritt weg von äußeren Erwartungen – hin zu mehr Intuition und künstlerischer Eigenständigkeit?
MIKK: Ich arbeite inzwischen bereits an meiner dritten EP, und dabei zieht sich ein klarer roter Faden durch: Ich möchte mich weder in Schubladen stecken lassen noch mich selbst einschränken. Manches ist sehr verträumt, wie bei „Shades Fade“, anderes geht wieder deutlich nach vorne, wie bei „I Gotta Go“. Diese Freiheit ist mir wichtig. Und ich glaube, du hast recht damit, dass die zweite EP insgesamt nachdenklicher ist – vielleicht auch ein Stück mutiger als die erste, auf der ich noch versucht habe, den vermeintlichen Anforderungen des Radios ein wenig gerecht zu werden, in der Hoffnung, dort gespielt zu werden.
Für mich als Künstlerin habe ich inzwischen entschieden, dass mir Radio und Streaming egal sind. Ich habe mir mein berufliches Leben so aufgebaut, dass das für mich keine große Rolle spielt. Ich möchte mir meine künstlerische Freiheit bewahren und kann mir das auch leisten, weil ich glücklicherweise nicht finanziell vom Musikmachen abhängig bin. An diesen Punkt zu kommen – eben nicht fürs Radio zu produzieren –, war mir sehr wichtig. Ich möchte für die Menschen produzieren. Ich möchte Musik machen, die widerspiegelt, was mich gerade bewegt – und auch, was die Menschen im Moment beschäftigt. Gerade in Zeiten von KI wird es, glaube ich, immer spannender, wenn Musik wieder echter wird. Ich mag raue Sounds sehr gern und werde sie künftig auch wieder stärker einbauen.
Das Grundthema der EP ist „Loslassen“. Was bedeutet Loslassen für dich?
MIKK: Ich finde, Loslassen ist unglaublich wichtig. Für mich ist es auch eine Art Verzeihungsprozess – es hat viel mit Vergebung zu tun. Außerdem steckt darin eine starke Sehnsucht nach Freiheit. Meist lässt man ja Dinge los, die einem nicht guttun, oder Konflikte, die einen belasten.
Ich glaube, dass wir eigentlich jeden Tag loslassen. Allein wenn man schlafen geht, lässt man den Tag hinter sich. Je anstrengender er war, desto schwieriger ist es manchmal, wirklich loszulassen und einzuschlafen – dann kreisen die Gedanken noch im Kopf. Trotzdem müssen wir den Tag loslassen, um zur Ruhe zu kommen. Das machen wir ständig: Wir lassen die Arbeit los, sobald wir nach Hause kommen.
Für mich ist Loslassen etwas sehr Positives. Es ist ein sehr ehrlicher Prozess mit sich selbst, weil es Reflexion braucht, um überhaupt loslassen zu können. Am Abend hat man oft zwei Möglichkeiten: Entweder man trinkt vielleicht ein paar Bier, um abschalten zu können, oder – so wie ich – man schreibt noch einen Song oder ein paar Gedanken auf, die einen beschäftigen. Manchmal entsteht daraus ein Lied, manchmal nicht.
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Was bedeutet Musik für dich generell? Du hast es vorhin schon erwähnt: Du bist nicht auf Musik angewiesen, um deinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber was waren deine Motive, überhaupt Musik zu machen?
MIKK: Für mich war das Musikmachen immer eine Form der Flucht. Ich erinnere mich noch gut an Robert, meinen Gitarrenlehrer aus der Oberstufe, der regelmäßig zu uns nach Hause gekommen ist. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und musste einen recht weiten Schulweg in Kauf nehmen, deshalb hat er mich auf seinem Heimweg immer wieder für die Gitarrenstunden besucht.
Schon damals habe ich in einer Punkrockband gespielt, und es war ein spannender Prozess, das, was ich im Unterricht gelernt habe, direkt in der Band umzusetzen. Er war ein cooler, alter Rocker. Leider ist er vor 13 Jahren gestorben. Ich erinnere mich, dass es mit ihm immer so war, dass alles andere völlig egal war. Wir haben einfach nur gelacht und Musik gemacht. Auch heute noch sind meine Konzerte ein bisschen wie eine Mischung aus Comedy-Show und Therapiesitzung, weil sie einer Berg-und-Tal-Fahrt gleichen. Ich habe beim Musikmachen nach wie vor großen Spaß und mache viele Scherze.
Interessanterweise hatte ich dieses Gefühl bei meinem Klavierunterricht nicht. Deshalb habe ich eine etwas komplizierte Beziehung zum Klavier. Mit dem Gitarrenspielen hingegen verbinde ich eine große Lockerheit und ein starkes Gefühl von Ehrlichkeit. Robert hat mich immer gefragt, was ich unter der Woche geübt habe – und er wusste ohnehin, dass ich meistens etwas anderes gemacht hatte. Das war genau das Schöne daran.
Daher verbinde ich mit der Gitarre dieses Gefühl von Freiheit. Musik ist für mich ein Zufluchtsort. Deshalb war es auch ein wenig seltsam und zugleich schwierig, die Musik zu veröffentlichen, weil sie für mich etwas sehr Persönliches ist.
Du beschreibst Musik als Zufluchtsort und Freiheit – hattest du damals schon das Gefühl, dass Musik für dich mehr als nur ein Hobby sein würde? Oder ist diese Bedeutung erst im Laufe der Zeit entstanden?

MIKK: Musik zu machen ist für mich ein Ausdruck von Freiheit. Ich habe ja nie Musik studiert – es war für mich nie etwas, das ich „musste“. Meine Motivation war in erster Linie, Musik für mich selbst zu machen. Umso größer war dann die Herausforderung, das Ganze auch so umzusetzen, dass es sich für mich stimmig anfühlt.
Wenn man studiert hat, hat man oft andere Zugänge. Die Akkordfolge bei „I Gotta Go“ zum Beispiel würde jemand, der ein Instrument studiert hat, vermutlich nie so wählen. Ich gehe von Dur nach Fis – das ist eigentlich ein kleines No-Go. Aber ich erlaube mir in meiner Musik alles. Ich frage mich nicht: „Oh mein Gott, darf ich das jetzt?“ Diese Freiheit möchte ich mir bewahren.
Wenn man sich durch deine Songs hört, kann man den Eindruck gewinnen, dass du musikalisch ein Kind der 1990er-Jahre bist – oder zumindest, dass du die Musik dieser Zeit stark in dich aufgesogen hast.
MIKK: Ja, auf jeden Fall. Ich bin definitiv ein 90er-Kid und mag diese Zeit sehr. Manchen hat vor allem mein Song „Lost Souls“ an Fleetwood Mac erinnert, wobei wir dann nicht mehr bei den 1990ern sind, sondern eher bei den 1960ern. Generell mag ich Acts, deren Songs vielschichtig sind und einen gewissen zeitlosen Charakter haben. Das ist genau der Sound, in dem ich mich wohlfühle.
Ich kann mir nur schwer vorstellen, einmal etwas in Richtung Neo-Austropop zu machen – das passt für mich einfach nicht. Sachen wie Resi Reiner finde ich zwar wirklich cool, aber es ist nichts für mich. Dasselbe gilt für Deutschrap und andere Genres. Ich fühle mich in diesem zeitlosen Popsound einfach am wohlsten.
Und klar beeinflusst mich auch das, was ich gerne höre. Ich finde es schön, mir die Songs der ersten EP anzuhören und die Entwicklung bis zur neuen zu beobachten. Ich habe das Gefühl, dass die neuen Stücke schon ein Stück erwachsener klingen als die der ersten EP.
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Wie sieht bei dir der Songwriting-Prozess aus? Bist du eher gefühlsgeleitet und spielst einfach drauflos, oder gehörst du zu jenen, die so lange an den Schrauben drehen, bis alles funktioniert? Inwieweit treibt dich dabei ein gewisser Perfektionismus an – arbeitest du an einem Song so lange, bis er für dich wirklich stimmig ist?
MIKK: Ich muss sagen, dass der Schreibprozess bei mir an sich ziemlich schnell ist. Die Grundstruktur eines Songs steht rasch, Gitarre und Lyrics sind manchmal schon in fünf Minuten da. Wenn es dann aber darum geht, die Songs auszuarbeiten, dauert es deutlich länger, weil mir sehr wichtig ist, wie sie am Ende klingen. Deshalb habe ich bei der neuen EP ganz bewusst begonnen, mit zwei Produzenten zu arbeiten. Mit Max (Hauer; Anm.), der Multiinstrumentalist ist, arbeite ich viel an den Instrumentals. Mit David (Furrer; Anm.) mache ich dann anschließend die Postproduktion und das Mixing. Ich finde diesen Prozess extrem spannend, weil man zunächst ein bisschen „crazy“ sein kann und erst einmal alles hineinpackt. Danach geht es Schritt für Schritt, Phrase für Phrase darum zu prüfen: Ist das wirklich gut so? Kann es drinnen bleiben? Ist es zu viel oder zu wenig? Wie funktionieren die Übergänge, wie die Strukturen?
So genau habe ich bei der ersten EP noch nicht gearbeitet, diesmal aber schon – und ich habe diese Herangehensweise sehr genossen. Ich würde das allerdings nicht als Perfektionismus bezeichnen, sondern eher als eine Form der Reflexion, wirklich Phrase für Phrase. Auf Hörer:innen mag das vielleicht etwas perfektionistisch wirken, mir macht es aber großen Spaß, hier ein bisschen zu basteln, dort etwas wegzunehmen oder auch länger nach einem Element zu suchen, das sich wirklich richtig anfühlt.
Wir haben auch viel mit „Happy Accidents“ gearbeitet, und das liebe ich. Gerade bei Shades Fade kann man sozusagen den Boden knacken hören, und das finde ich ziemlich cool. Für mich ist es sehr wichtig, solchen zufälligen Momenten und auch ungewöhnlichen Sounds Raum zu geben.
Ich muss auch sagen, dass ich mich dabei ein wenig vom letzten Lana-Del-Rey-Album habe inspirieren lassen, das ich sehr gefeiert habe. Sie arbeitet darauf teilweise ziemlich unsauber, aber auf eine bewusste Art und Weise. Das finde ich spannend, weil ein zu cleaner Sound oft zu glatt oder nicht wirklich greifbar wirkt.
Hier komme ich vielleicht wieder ein wenig zu meiner Persönlichkeit zurück. Ich bin ein bisschen schwer einzuordnen. Und das macht Leben, muss ich sagen, nicht leicht. Ich gehe mir manchmal damit selbst auf die Nerven und denke mir, dass es schon ein bisschen weniger On-The-Edge sein könnte. Gleichzeitig aber finde ich es anders aber total fad und werde mich daher wahrscheinlich nie ganz ändern. Natürlich merke ich, dass sich mit dem Alter auch meine die Bedürfnisse oder die Prioritäten ändern, aber so richtig gesellschaftskonform werde ich, glaube ich, nicht mehr werden. Dafür ich bin immer viel zu gerne einen bisschen anderen Weg gegangen. Und das spiegelt sich auch in meiner Musik wider.
Du hast früher auch in einer Punkband gespielt. Wieviel Punk ist in deiner Musik enthalten?
MIKK: Dass ich bewusst mit Menschen zusammenarbeite, die nicht unbedingt „Radiotauglich“ sind, ist für mich eine bewusste Entscheidung. Natürlich könnte ich auch so wie Marco Klebauer arbeiten und würde dann vielleicht im Radio gespielt werden, aber mir ist es wichtiger, die Kultur zu erhalten. Ich finde es vollkommen verständlich, dass Radio gewisse Strukturen hat: Songs sollten eine bestimmte Länge haben, es gibt Trends, an die man sich anpassen muss – das ist logisch und nachvollziehbar. Ich glaube, das Punkige hat auch etwas mit Ehrlichkeit zu tun – sich nicht immer zu beugen. Gleichzeitig ist der uplifting Sound trotzdem vorhanden, weil ich immer kooperationsbereit bin und sehr gern mit anderen Menschen zusammenarbeite.
Auch jetzt am Freitag bei meinem Releasekonzert – wir sind zehn Leute auf der Bühne – wird natürlich nichts perfekt sein. Aber das Coole ist: Es werden sicher ein paar Momente dabei sein, in denen wir uns wirklich, wirklich exakt treffen. Und genau das finde ich so spannend, weil hinter dem Musikmachen, hinter dem Künstlerischen, hinter dem Schreiben so viele Menschen stecken.
Weil du gerade das Releasekonzert erwähnt hast: Wie setzt du deine Lieder live um? Ihr werdet ja nicht immer zu zehnt auf der Bühne stehen. Im Grunde könntest du deine Songs ja alle auch solo auf der Gitarre performen. Wie bringst du den Sound der EP auf die Bühne?
MIKK: Den Sound der EP werden wir wahrscheinlich am Freitag am besten zusammenbringen, weil für die Chorparts sowie die Synthesizer- und Klavierparts wirklich zehn Leute nötig sind. Bei diesem Konzert werden wir dem EP-Sound also am nächsten kommen.
Aber es funktioniert auch zu dritt sehr gut. Ich spiele live oft in eher kleinen Venues, meistens zu dritt mit Klavier, Gitarre und Bass. Ich übernehme Gitarre und Gesang, manchmal mit einem Vocal-Coder, um die Chor-Sounds nachzubilden. Bei manchen Songs ist das Schlagzeug als Backing-Track dabei, wobei ich ehrlich sagen muss: Ich arbeite live nicht besonders gern mit Backing-Tracks. Ich weiß, dass das viele Bands tun – viel mehr, als man denkt – und das ist natürlich total okay, gerade wenn man einen dicken Sound braucht.
Ich merke aber auch, dass es trotz der aufwendigen Produktion der EP Momente und Venues gibt, in denen es sehr gut funktioniert, die Songs solo zu spielen, einfach auf Gitarre. Denn der Grundkern jedes Songs ist ja immer noch Gitarre und Stimme. Bei der Produktion haben wir deshalb bewusst darauf geachtet, dass jeder Song auch solo funktioniert und ich ihn mit nur meiner Gitarre live tragen kann.
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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MIKK live
13.02. Sargfabrik, Wien (A) (Albumrelease Show)
28.03. NUN Kulturraum, Karlsruhe (D)
28.04. The Gladstone Arms, London (UK)
13.05. Deichdiele, Hamburg (D)
17.05. Artliners (Poison), Berlin (D)
20.05. Tonfink, Lübeck (D)
22.05. Kaufbar, Baunschweig (D)
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