Aya Yoshida (c) Shigetolmura
Aya Yoshida (c) Shigetolmura

„Musik ist eine Sammlung von Bewegungen“ – AYA YOSHIDA im mica-Interview

Im Rahmen seines Artists-in-Residence-Programms stellt das BUNDESKANZLERAMT in Kooperation mit KULTURKONTAKT AUSTRIA ausländischen Kulturschaffenden Stipendien zur Verfügung. Im Frühsommer 2018 war die japanische Komponistin AYA YOSHIDA zu Gast in Österreich. Marie-Therese Rudolph sprach mit ihr über ihren Bezug zu Mode, der sich auch in ihrer Musik wiederfindet, und darüber, warum sie ihre erste Oper „Skyggen“ auf Basis einer Geschichte von HANS CHRISTIAN ANDERSEN geschrieben hat.

Sie studierten in Japan und später am Konservatorium in Kopenhagen Komposition. Welche Unterschiede sind Ihnen an den Universitäten aufgefallen?

Aya Yoshida: Für mich persönlich war es eine völlig andere Situation, weil es jeweils eine andere Lebensphase war, als ich in Japan und in Europa studierte. In Japan war ich erst 18 Jahre alt und ich war mir nicht sicher, ob ich zeitgenössische Musik wirklich mochte. Ich hörte sehr viel Musik unterschiedlicher Stilrichtungen, weil ich sehr neugierig war. Mein Kompositionsstil war sehr offen und ich orientierte mich an den anderen, hatte keine eigene Handschrift.

In Kopenhagen war das Studium viel freier, alle konnten so schreiben, wie sie wollten. Dort schloss ich ein Masterstudium an, das ja per se schon mehr Selbstständigkeit verlangt. Das unterstützt auch die eigene künstlerische Entwicklung. Einen großen Unterschied gab es auch im Selbstverständnis der Lehrenden. Sie waren Komponistinnen und Komponisten, nicht primär Unterrichtende. Das macht viel aus. Sie sagten auch nicht: „Du sollst solche Phrasen nicht schreiben und besser dies oder das machen.“ So etwas kam ihnen gar nicht in den Sinn. Wir lernten dort auch, was alles zu der Arbeit einer Komponistin bzw. eines Komponisten gehört. Also wie man sich auf der Bühne bewegt, wie man sich bei Proben konstruktiv einbringen kann, was die Kommunikation mit den Musikerinnen und Musikern verlangt und vieles mehr. Das, was auf dem Papier steht, ist das eine, das, was man daraus machen kann, das andere. Ohne gespielt zu werden, ist es noch keine Musik.

Wie sah die Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte in Japan aus?

Aya Yoshida: Sie war fokussiert auf die europäische Musikgeschichte. An anderen Universitäten gibt es mehr Angebote, die sich traditioneller japanischer Musik widmen. Manche Komponistinnen und Komponisten schreiben Stücke für traditionelle japanische Instrumente. An meiner Universität oblag es also jeder und jedem selbst, sich dieses Wissen anzueignen.

Lustigerweise hat sich mein Interesse an der japanischen Musik erst entwickelt, nachdem ich mich in Europa niedergelassen hatte. Das spielt natürlich auch eine große Rolle in der Identitätsfindung.

„Meine Bezüge sind verdeckter, geheimer […]“

Beziehen Sie sich in Ihren Werken auf japanische Musik?

Aya Yoshida: Ja, von Zeit zu Zeit, diese Bezüge sind aber nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Das heißt: Ich verwende keine japanischen Instrumente oder kleide die Musikerinnen und Musiker in Kimonos. Meine Bezüge sind verdeckter, geheimer, etwa indem ich ein japanisches Harmoniesystem einbaue, das ich aber leicht verändere.

Woran arbeiten Sie derzeit?

Aya Yoshida: Ich schreibe ein Stück für vier Celli, konkret für das Quartett eXtracello, das am 8. September beim Festival Allegro Vivo in Schloss Göpfritz uraufgeführt wird. Für „Romantic Highheel“ werde ich mit den Musikerinnen sehr eng zusammenarbeiten und eventuell ein wenig Performance einbauen.

In einer Woche geht Ihr dreimonatiger Aufenthalt in Wien zu Ende. Welche Erwartungen an diese Zeit haben sich erfüllt, was hat bei Ihnen besonderen Eindruck hinterlassen?

Aya Yoshida: Kopenhagen und Wien sind sehr unterschiedlich. Ich hatte hier in Wien viel Zeit, mich auf meine kompositorische Arbeit zu konzentrieren. Die Menschen rundherum waren sehr nett und unterstützend. Ich konnte in der Musikszene sehr viel netzwerken, das ist auch für zukünftige Aufenthalte in Wien ideal.

In Wien scheint die Musik ein wichtiger Teil des Lebens vieler Menschen zu sein. Lustigerweise wurde ich bei Konzerten hier oft angesprochen, ob ich selbst Musikerin sei. Keine Ahnung, ob ich so aussehe … Ich habe sehr viele Ideen bekommen und hoffe, dass ich viele davon umsetzen kann.

Sie knüpfen mit Ihren Kompositionen des Öfteren an Ideen aus der Modewelt an. Wie funktioniert das konkret?

Aya Yoshida: Ich setze mich viel damit auseinander, wie man eine Fashion-Idee auf eine Komposition übertragen kann. Manche meiner Werke sind auch eindeutig betitelt: „Polka dots“ (Punktmuster) oder „Double-face“ (ein spezielles Strick- bzw. Häkelmuster), das sind Begriffe aus der Modewelt. Mode ist für mich eine einzigartige Kunst. Da steckt auch viel Bewegung drinnen, wenn wir ein Kleidungsstück tragen, zum Beispiel einen Rock, dann bewegt der sich hin und her. Musik ist auch eine Sammlung von Bewegungen – da gibt es also Gemeinsamkeiten: Keine Fashion-Show ohne Musik und kein Konzert, bei dem die Musikerinnen und Musiker nicht irgendeine Kleidung tragen. Aber es interessiert mich nicht auf der Ebene, was ich selbst trage oder wie ich mich kleide.

Wie schlägt sich diese Verbindung nun in den Kompositionen nieder?

Aya Yoshida: In „Polka dots“ für Streichquartett finden sich die Pünktchen vielfach in den Bewegungen, also auch in den Phrasierungen. Bei anderen Stücken bin ich intuitiv durch die Form inspiriert. Aber ich suche immer noch nach der geeigneten Vorgangsweise der Transformation. Es wäre mein Traum, einmal die Musik für einen echten Catwalk zu schreiben.

Konnten Sie während Ihres Aufenthaltes in Wien österreichische Designerinnen und Designer kennenlernen?

Aya Yoshida: Ja! Ich war bei einer Abschlusspräsentation von Studierenden der Universität für angewandte Kunst. Es war so großartig, ich konnte nicht glauben, dass das die Produkte von Studierenden waren … Mit einem dieser jungen Designer unterhielt ich mich länger, er war sehr interessiert an meiner Arbeit. Vielleicht ergibt sich hier einmal eine Zusammenarbeit.

„Von Japan kannte ich diese Art der Unterstützung gar nicht.“

Nach Ihrem Aufenthalt in Wien werden Sie zurück nach Kopenhagen gehen. Was erwartet Sie dort? Wovon bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?

Aya Yoshida: In Dänemark gibt es glücklicherweise viele Stiftungen, bei denen ich ansuchen kann oder an die sich die Musikerinnen, Musiker und Festivals wenden können, die mich beauftragen. Dadurch ist es auch möglich, Projekte selbst umzusetzen, weil man da mit mehreren Förderern arbeiten kann. Von Japan kannte ich diese Art der Unterstützung gar nicht. Komponistinnen und Komponisten haben es in Dänemark viel leichter als in Japan, das ist unter anderem ein Grund, warum ich dortbleiben möchte.

Haben Sie nie daran gedacht, nach Japan zurückzugehen?

Aya Yoshida: Darüber nachgedacht habe ich schon öfter. Aber die zeitgenössische Musikszene ist nicht sehr groß und lebendig, Musik erfüllt eher Werbezwecke. Ich weiß eigentlich nicht, was ich dort tun sollte. Natürlich könnte ich unterrichten, aber für mich als Komponistin ist es wirklich schwierig. Vorerst bleibe ich also hier in Europa, ich bin ja erst 26 Jahre alt. In Japan gibt es nur wenige Neue-Musik-Festivals, bedeutende eigentlich nur zwei, drei im Jahr – und das auf ganz Japan gesehen! Ein paar spezialisierte Ensembles gibt es auch, doch das Hauptproblem ist das fehlende Publikum. Daher versuchen es viele Veranstalter mit Konzertprogrammen, die Werke aus unterschiedlichen Epochen kombinieren, darunter finden sich dann auch zeitgenössische Kompositionen. Denn bei einem ausschließlich zeitgenössischen Programm sitzen eigentlich nur Komponistinnen und Komponisten im Publikum.

Sie hielten vor Kurzem eine Vorlesung an der MUK – Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Was war das Thema und wie haben Sie die Studierenden erlebt?

Aya Yoshida: Ich erzählte von meiner Oper, die im vergangenen Jahr uraufgeführt worden war. Und ich berichtete über die Lebensrealität einer Komponistin im 21. Jahrhundert, die sich ja doch sehr von der Mozarts oder ähnlichen Kolleginnen und Kollegen unterscheidet. Großes Interesse hatten die Instrumental-Studierenden an der Frage, wie ich als Komponistin Geld verdiene und wie ich zu Aufträgen komme.

Erzählen Sie ein wenig von Ihrer Kammeroper.

Aya Yoshida: Die Oper heißt „Skyggen“, also „Schatten“. Es ist eine Geschichte von Hans Christian Andersen, dem berühmten dänischen Märchenautor. Anlässlich des 150. Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Dänemark und Japan wurde das Werk von der Botschaft bei mir in Auftrag gegeben. Für diesen offiziellen Anlass organisierte ich alles selbst. Ich stemmte die gesamte Produktion, da ich ja nicht explizit den Auftrag für eine Oper erhalten hatte und daher für die Umsetzung auch kein Geld zur Verfügung stand. Ich gründete also gemeinsam mit Freunden eine Operngruppe, engagierte jemanden für die Buchhaltung, die Produktionsleitung usw. Ich kümmerte mich auch um die Maske der Sängerinnen und Sänger, das Bühnenbild, ich brauchte viel Unterstützung. Aber es machte großen Spaß.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ich diese Oper nach Japan bringen könnte. Sie ist zwar auf Dänisch, aber mit Untertiteln wäre es kein Problem. Ich habe sonst eigentlich nie für Stimme geschrieben, also weder Lieder noch Chorwerke

Woran liegt das?

Aya Yoshida: Ich möchte mich nicht von Worten und deren Bedeutung kontrollieren lassen. Die Stimme selbst hängt sehr eng mit dem menschlichen Organismus zusammen, der Mensch muss atmen, es gibt auch andere Beschränkungen … Die Verfassung ist jeden Tag ein wenig anders, diese Überlegung macht es aber auch wieder recht interessant.

Wie stehen Sie zur Einbindung von Visuals oder anderen visuellen und performativen Aspekten?

Aya Yoshida: Für mich spielt das eine wichtige Rolle, allerdings können es auch einfach Kleinigkeiten sein, wie etwa, dass die Musikerinnen und Musiker auf dieselbe Art gekleidet sind. Das vermittelt einen ganz intensiven energievollen Seheindruck. Ich habe ein Stück für zwölf Celli komponiert, von denen jedes ein Licht vor sich am Boden installiert hat, das über ein Fußpedal gesteuert wird. Das ist für die Musikerinnen und Musiker gar nicht so einfach, weil sie ja gleichzeitig spielen müssen. So kommt zur Musik ein starker optischer Eindruck dazu. Auch der Veranstaltungsraum selbst hat Einfluss darauf, wie Musik rezipiert wird.

„Diese genderspezifischen Unterschiede interessieren mich sehr.“

Welche Komponistinnen und Komponisten haben Sie besonders beeinflusst oder von welchem haben Sie am meisten gelernt?

Aya Yoshida: Für mich sind besonders die Komponistinnen von Interesse, weil ich denke, dass sie einen anderen Zugang zur Musik haben als Männer. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Partituren von Männern mathematisch konstruierter sind, von Frauen hingegen oft ein eher praxisbezogener Zugang gewählt wird. Vielleicht funktionieren unsere Hirne wirklich ein wenig anders. Leider gibt es immer noch viel weniger Komponistinnen als Komponisten. Diese genderspezifischen Unterschiede interessieren mich sehr.

Früher beschäftigte ich mich sehr viel mit der Musik von Kaija Saariaho, später mit Sofia Gubaidulina. Vor Kurzem lernte ich Unsuk Chin persönlich kennen und bin von ihr nachhaltig beeindruckt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Marie-Therese Rudolph

Die japanische Komponistin Aya Yoshida wurde 1992 in Kobe geboren. An ihr Bachelorstudium in Komposition an der Toho Gakuen School of Music in Tokio schloss sie weiterführende Studien bei Niels Rosing Schow und Jeppe Just Christensen an der Royal Danish Academy of Music in Kopenhagen an.

Aya Yoshidas Kompositionen wurden in Japan und Europa von SolistInnen, Ensembles und Orchestern wie den Curious Chamber Players, dem Arditti Quartet und dem Danish National Symphony Orchestra gespielt. Im vergangenen Jahr wurde ihre erste Oper „Skyggen“ („Schatten“) in Kopenhagen anlässlich des 150. Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Japan und Dänemark beim offiziellen Festakt der japanischen Botschaft und des dänischen Außenministeriums uraufgeführt. Die Oper wurde von der Danish Arts Foundation als eine der zehn besten Musikveröffentlichungen des Jahres ausgezeichnet.

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