„Musik ist ein Moment, der einen aus der Realität rausreißt.“ –  Anna und Katharina Kurz im mica-Interview

Der Tourismus prägt Tirol – und damit auch die Arbeitsrealität seiner Kunstschaffenden. Musikalisch ist die Destination vorrangig für Dauerbeschallung und Après-Ski-Hits bekannt. Gleichzeitig gibt es eine vielfältige lokale Kulturszene, engagierte Vereine und Musikschaffende, die neue Räume für ihre Arbeit suchen. Eine Förderung der Tiroler Wirtschaftskammer für Live-Musikveranstaltungen in Gastronomiebetrieben soll hier jetzt Synergien schaffen. Aber kann so auch kulturelle Vielfalt gefördert werden?

Das fragen wir Katharina und Anna Kurz aus Ischgl, einem Tiroler Bergdorf und weltweit bekannten Tourismus-Hotspot. Katharina lebt als Jazz-Trompeterin und Mundart-Singer-Songwriterin in Innsbruck. Ihre ältere Schwester Anna ist dagegen nach vielen Jahren in Wien, in den elterlichen Betrieb in Ischgl zurückgekehrt. Sie betreibt ein Hotel und einen Club und ist außerdem Obfrau der Fachgruppe Gastronomie der Wirtschaftskammer. Sie hat die neue Förderung für Live-Musikveranstaltungen maßgeblich initiiert. Es geht um faire Bedingungen für alle, Widersprüche, Chancen und den Hunger auf Kultur.

Ihr habt beide eine große Liebe zur Musik. Wie ist es dazu gekommen?

Anna: Mein erster Kontakt mit Musik war der Unterricht bei meiner Tante an der Zither. Dann sind wir Geschwister alle in die Musikhauptschule in Kappl gegangen. Danach klassisch zur Musikkapelle.

Wie ist es in einem Ort wie Ischgl bei der Musikkapelle zu sein?

Katharina: Es ist schon touristischer ausgelegt. Aber man merkt auch, dass die Infrastruktur für Proben sehr modern ist, weil die Gemeinde einfach viel Geld hat. 

Bild von Katharina und Anna Kurz
Katharina und Anna Kurz © Lisa Prantl

Ischgl ist ein Ort, wo regelmäßig Weltstars wie Christina Aguilera auf der Bühne stehen und gleichzeitig vielerorts Après-Ski-Hits aus den Lautsprechern dröhnen. Wie prägt einen das?

Katharina: Es läuft gefühlt 24 Stunden am Tag Musik in Ischgl. Das ist nicht normal. Aber ich frage mich auch, ob eine gewisse Affinität für harmonisches Denken und Melodien schon als Kind gebildet wird, wenn man dauernd mit Musik konfrontiert ist. Also das hat positive und natürlich auch Schattenseiten.

Anna: Mich hat Ischgl dahingehend beeinflusst, dass man dort leicht Events machen kann. Die dürfen auch ein bisschen verrückter sein. Dass unsere Eltern eine Bar hatten, hat mir früh das Gefühl gegeben, dass Ideen verwirklicht werden können. Ich habe dann auch in meiner Zeit in Wien viele Partys organisiert. Das ist ja die Quintessenz von einem Touristiker, einen Ort zu schaffen, wo sich die Menschen wohlfühlen können.

Katharina, du studierst am Mozarteum Trompete und Gesang und machst sehr stimmungsvolle Musik im Paznauner Dialekt. Wie erlebst du Tirol als Arbeitsort für professionelle Musikschaffende?

Katharina: Da müssen wir zwei Dinge unterscheiden. Zum einen gibt es im dörflichen Bereich viele Kulturvereine, wo Privatpersonen viel Zeit für Freiwilligenarbeit investieren, und so Möglichkeiten schaffen. Dann gibt es für professionelle is Aufträge, durch eine Gastronomie und Hotellerie, die auf extrem hohem Niveau arbeitet. Live-Musik wird da oft als Prestige angesehen. Da verdient man nicht schlecht, gleichzeitig gibt es wenige Musiker, die das Bespielen.

Anna, Du hast die Förderung für Live-Musikveranstaltungen in der Gastronomie initiiert. Welches konkrete Problem wolltest du da angehen?

Anna: Ja, es gibt natürlich sehr hochwertige Hotellerie, in der Gastronomie gibt es aber auch sehr viele kleine Betriebe. Ich ziele aber auch auf den Underground ab: Auf die, die die an der Grenze zwischen Kulturschaffen und Unternehmertum stehen, die die eine günstigere Preisgestaltung haben, weil sie für die Studierenden oder für die Familien auch leistbar sein wollen. Hier soll wieder Raum geschaffen werden, dass sich die Band auch noch ausgeht. Ganz wichtig ist auch die Nachtgastronomie, die Club- und Bar-Szene. Innsbruck ist das beste Beispiel: Warum gibt es nur noch so wenige Orte für Live-Musik? Ich denke, wenn eine gewisse finanzielle Unterstützung da ist, könnten es sich wieder mehr Veranstalter leisten, etwas Außergewöhnliches zu machen.

Ob die Förderung tatsächlich kulturelle Vielfalt ermöglicht oder zum großen Teil in Unterhaltungsmusik fließt, kann mit dem Instrument aber nicht beeinflusst werden.

Anna: Es wird nicht jeder sein Lokal mit der gleichen Art von Musik bespielen wollen. Mit einer Gesamtfördersumme von 1.500 Euro, 250 Euro pro Veranstaltung, ist es bestimmt für eine Vielfalt von Betrieben interessant. In der Folge soll aber auch ein Netzwerk entstehen zwischen Musikerinnen, Veranstaltern und Gastronominnen.

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Welche Rolle spielt das Publikum? Ist es außerhalb der Ballungsräume schwieriger Menschen mit Musikveranstaltungen zu erreichen oder suchen die Menschen gerade in den Tälern solche Kulturerlebnisse?

Katharina: In kleineren Regionen ist ein kultureller Hunger da. Mein Eindruck ist, dass Konzerte dort sehr gut besucht sind. Das sind oft sogar Gartenkonzerte, wo die ganze Nachbarschaft zusammenkommt und der Veranstalter einen aus der eigenen Tasche bezahlt. Leider fehlen hierfür oft die kulturellen Förderungen. Dieses Jahr ist die Förderung sowieso unglaublich gering.

Anna: Ich denke, es kann auch spannend sein, etwas ganz Großes auf die Beine zu stellen. Ich habe versucht ein Kulturfestival zu initiieren und die Besucherzahlen waren lau. Dafür sind die Regionen noch nicht bereit. Da muss etwas investiert werden und dann braucht es natürlich höhere Eintrittsgelder. Daran scheitert es dann. Als Vorband für einen größeren Act zu spielen, könnte ein Sprungbrett für viele Künstler:innen sein. Auch wenn sie ein breiteres Publikum haben, weil Gäste dazukommen. Bei touristisch generierten Events stellt sich dann wieder die Frage zwischen Kultur und kommerziell. Ich glaube, es braucht beides. Großveranstaltungen fehlen hier in Tirol.

Katharina: Die Nischen gehen dann aber im kommerziellen Bereich wieder verloren, weil sie das Publikum nicht generieren können. Warum soll jemand zwei Stunden in ein Bergdorf fahren, um Musik zuhören, mit der er dann nichts anfangen kann.

Kann eine Nische auch zum Vorteil werden?

Katharina: Mit unserem Vokal-Ensemble DAHAM merke ich, dass es einen Unterschied macht, die passende Nische zu finden. Das Ensemble wurde nicht nur gegründet, weil ich diese Musik schreiben wollte, sondern auch, weil es den politischen Zahn der Zeit trifft und es damit leichter ist Förderungen zu bekommen. Wir sind sechs Frauenstimmen und wollen mit unserer Musik den Begriff „Heimat“ neu erfinden. Hier bekommen wir viel mehr Resonanz als mit meiner Band KAANTHINA. Die ist klassisch als Band besetzt.

Anna: Ich glaube, dass Zusammenarbeit auch da wichtig ist. Auch die Veranstalter brauchen den Support der Musikerinnen. Die wollen natürlich fair bezahlt werden, das ist auch ihr Recht. Mir kommt vor hier gibt es oft Groll auf beiden Seiten. Den gibt’s in der Volksmusik zum Beispiel nicht, weil, dazu haben Tirolerinnen und Tiroler oft mehr Bezug.

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Kommt das auch daher, dass sowohl bei den Musikschaffenden und bei den Veranstaltern, die Situation finanziell oft angespannt ist? Gibt es am Ende nur das eine oder das andere Extrem: viel Geld oder fast keines?

Anna: Ja, das beschreibt es gut. Hier braucht es mehr Beziehungen und Zusammenarbeit, damit Veranstaltungen zustande kommen.

Katharina: Ich beobachte, dass sehr viele ihre eigene Musik für sehr wenig Geld spielen. Ich auch. Aber für mich ist die Grenze, wenn ich in Obergurgl, Sölden oder Ischgl gebucht werde, um Après-Ski-Musik zu spielen oder Tanzmusik, dann nur für das Geld, das ich verlange.

Was braucht es noch, außer finanzielle Anreize und Netzwerke?

Anna: Es braucht neue Konzepte. Natürlich habe ich das Idealbild, dass Tickets verkauft werden, aber auch der Konsum für die Gastronomie stimmt, aber es braucht auch konsumfreie Konzepte.

Katharina:  Performative Konzepte oder Installationen können in der Gastronomie auch spannend sein. Dass Gastronomen, nicht nur den Musikern überlässt, einen schönen Abend zu schaffen, indem zum Beispiel ein besonderer Raum geschaffen wird. Musikveranstaltungen können auch wie ein Ritual wirken, wie ein Hoagascht der Kulturszene, wo man aber auch als Tourist ein Teil davon werden kann.

Anna: Ich denke für Urlaubende braucht es diesen Erlebnischarakter. Aber das ist natürlich schwierig, dass kein performativer Piefke-Saga-Charakter entsteht. Gastronomen müssen auch gut einschätzen, welche Musik zu ihnen passt.

Katharina: Ich denke auch, es ist ganz wichtig für die Gastronomie aus dem Radio-Mainstream mal wegzugehen, um für Gäste einen Moment zu kreieren, der vielleicht magisch wird. Musik ist ein Moment, der einen aus der Realität rausreißt.

Vielen Dank für das Interview.

Lisa Prantl

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Katharina Kurz (Instagram)