Bild (c) Stootsie

„Mir sind Songs, die eine subtile Schwere in sich tragen, immer schon lieber gewesen.“ – STOOTSIE im mica-Interview

Mit „Riverside Tales“ meldet sich die Salzburger Pop-Institution STOOTSIE (THE SEESAW) als Solo-Artist nach längerer Pause wieder mit einer Handvoll Songs zurück, die die lange Wartezeit mehr als wett machen. Getragen von einem unvergleichlichen Gespür für zündende Pop-Melodien, doppelte Böden (zwischen Melancholie und Lostanzen) sowie einer ungebrochenen Leidenschaft auf der „Suche nach dem perfekten Pop-Song“, begeistert STOOTSIE erneut in geradezu zeitloser Manier als einer der besten Pop-Songwriter des Landes. Für mica hat sich Didi Neidhart mit STOOTSIE über die „Riverside Tales“ unterhalten.

Dein Solo-Debüt “Running Around” ist 2011 erschienen. Wieso hat es für das Nachfolgealbum „Riverside Tales“ dann doch so lange gedauert?

Stootsie: Ja, schrecklich! Eine Ewigkeit… Es fühlt sich aber komischerweise gar nicht so lange an, weil ich doch in dieser Zeit viel gemacht habe. Ich spiele immer noch bei sechs Bands und betreibe Fulltime meinen Shop Riverside Guitars. Aber ich wollte es auch einmal halbwegs richtig machen. Beim ersten Soloalbum „Running Around“ hatte ich schon im Februar das Salzburger Rockhouse für die Präsentation im November gebucht, ohne auch nur einen Song geschrieben, geschweige denn aufgenommen zu haben. Dadurch entstand dann ein gehöriger Zeitdruck. Und das wollte ich jetzt vermeiden.

Was unterscheidet die beiden Alben hinsichtlich des jeweiligen Produktionsprozesses?

Stootsie: Diesmal war auf jeden Fall kein Release-Druck da! Niemand wartet darauf, dass ich jetzt ein Album mache. Diesmal wurde einfach nichts vorangekündigt. Ich habe die letzten vier bis fünf Jahre, während der Arbeitszeit im Shop ,meinem „Studio B“, an Songs gearbeitet und die dann dort auch gleich aufgenommen. Ich habe mir auch die Zeit genommen, die Songs liegen und „reifen“ zu lassen. Und das ist wirklich neu für mich. Bei The Seesaw haben wir ja oft „Zackzack“ die Demos auf die CDs gepresst! Neu ist auch, dass ich das erste Mal mit dem Computer gearbeitet habe. Das hat früher bei The Seesaw immer unser Gitarrist Max erledigt.

Mit deiner Band The Seesaw hast du bisher mehr als 17 Tonträger (LPs, CDs, EPs, Singles) veröffentlicht. Wie kommt es dann zur Entscheidung, es auch mal Solo zu versuchen?

Stootsie: Ich glaube, jeder Mensch/Musiker liebt „McCartney“, das erste Soloalbum von Paul, das er noch zu Beatles-Zeiten aufgenommen hat. Innerhalb einer Band geht es doch immer halbwegs demokratisch zu, die künstlerische Arbeit ist also mit Kompromissen verbunden. Das kann man bei einem Soloalbum dann völlig konfliktfrei umschiffen!

Du betreibst ja mit Riverside Guitars einen Gitarrenladen in Salzburg. Wenn du den nicht hättest, könntest du dann auch allein von der Musik leben?

Stootsie: Nein… oder vielleicht schon, wenn ich nicht so faul wäre und mich selber mehr um Gigs kümmern würde. Aber dadurch behalte ich mir das spielerische Gaudimoment, da es eben kein „Job“ ist.

Stootsie live

„Ich habe den Computer eher noch wie eine Art Bandmaschine verwendet. Auf der CD sind viele First Takes, inklusive vorbeifahrender Autos und einigem an Vogelgezwitscher.“

Du hast diesmal erstmals mit einem Computer gearbeitet, was jedoch überhaupt nicht auffällt. Wieso also diese Wahl?

Stootsie: Weil ich ihn den ganzen Tag vor der Nase habe. Ich habe dessen Potentiale ja auch sechs bis sieben Jahre nicht genutzt. Max hat mich bei irgendeinem „Logic“-Update darauf aufmerksam gemacht, dass jetzt der beste Zeitpunkt für einen Einstieg wäre und ich endlich einmal den Hintern hochbekommen und nicht den ganzen Tag auf Ebay und YouTube herumzuhängen solle. Es hat ein paar Tage gedauert, aber dann hat es wirklich Spaß gemacht. Jedoch bin ich kein großer Editor und Herumschneider. Ich habe den Computer eher noch wie eine Art Bandmaschine verwendet. Auf der CD sind viele First Takes, inklusive vorbeifahrender Autos und einigem an Vogelgezwitscher. Dadurch haben die Aufnahmen auch eine gewisse Restanalogheit beibehalten.

Im aktuellen Promo-Text steht der Satz „Es war schon immer ein Kennzeichen großer Kunst, die eigenen Befindlichkeiten (Liebe, Trauer, Hoffnung, Verzweiflung) nicht als Quellen, sondern als Themen der jeweiligen Annäherungen, Ausarbeitungen und Analysen dessen, was gemeinhin ‚Leben’ genannt wird, zu verwenden.“ Das klingt einerseits sehr hochtrabend, andererseits geht es dabei auch darum, was Pop/Pop-Musik immer noch zu leisten im Stande ist. Geht es bei dir nach all den Jahren also immer noch um die popspezifische Suche nach dem idealen Pop-Song?

Stootsie: Texte sind bei mir immer Mikromomentaufnahmen, die ich mir zwei Stunden später schon kaum mehr erklären kann oder bei denen ich erst die nach Jahren einen komplett neuen, fast seherischen Sinn entdecke! Solange eine Song/Text-Kombination, auch wenn es nur eine kurze Textpassage ist, imstande ist, bei jemandem etwas im Hirn in Gang zu setzen, ist für mich schon das Maximum erreicht.

Was diesmal noch deutlicher als beim Debüt (und bei The Seesaw) auffällt ist eine gewisse Text/Musik-Schere, wo die Leichtigkeit der Musik auf die stellenweise nicht zu leugnenden Schwere der Texte trifft. Ist das Absicht? Von Brian Wilson/The Beach Boys abgeschaut?

Stootsie: Mir sind Songs, die eine subtile Schwere in sich tragen, immer schon lieber gewesen. Sei es, dass es rein in der Persönlichkeit des Schreibers liegt oder durch den Text. Die Musik darf da sehr gerne völlig konträr laufen. Ich bin ja auch ein großer Soul-Fan und da passieren in den Texten schon große Dramen und Tragödien, aber gleichzeitig schwingst du dazu flott das Tanzbein. Eben auch in dem Sinne von „Dance your tears away!“ Nicht umsonst heißt ein neuer Song auf dem Album „I dance“.

Was fällt dir in diesem Zusammenhang eigentlich leichter: Das Schreiben der Lyrics oder das Komponieren der Musik?

Stootsie: Ich habe da keine großen Schemata, die ersten zwei bis drei Zeilen kommen gleich einmal und geben mir den Rhythmus der Songs vor. Die eigentliche „Arbeit“ beginnt dann aber mit dem Finden des restlichen, rhythmisch stimmigen Textes.

„Ich denke natürlich bei den Songs auch immer wieder über eine Band nach.”

Stootsie (c) Andreas Obermayr

Mittlerweile gibt es ja weltbekannte Typen, die mit ihren akustischen Gitarren Riesenhallen füllen. Auch wenn „Riverside Tales“ kein typisches Singer/Songwriter-Album ist, stellt sich doch die Frage, inwieweit es hierbei auch darum geht, eine gewisse Art von Intimität – jenseits des „hohlen Pathos all der Mitsing-Refrains für die Mehrzweckhallen und Stadien dieser Welt“, wie es im Promotext heißt – wieder in die Pop-Musik zu bringen?

Stootsie: Beim Schreiben der Songs war es mir dieses Mal wirklich wichtig, dass ich das Album halbwegs unpeinlich alleine, komplett und überall spielen kann. Man schreibt ja selten absichtlich für versiffte Kellerlöcher, aber auch da sollte ein Song funktionieren. Genauso wie im Stadion, aber das muss ich noch ausprobieren… [lacht] Ich denke natürlich bei den Songs auch immer wieder über eine Band nach. Zudem habe ich eh viele Freunde, mit denen ich gern spiele. Mal sehen….
Das Stadionlive-Ding ist noch ein bissl unausgegoren, ich bin aber spontan und offen.

Viele Songs drehen sich um verlorene, vergeudete, verschwendete Lieben, sind also durchaus melodramatisch angelegt und „spielen“ dabei fast immer im Herbst. Ist das jetzt, weil der Herbst eben nach dem Sommer kommt, oder ist der Herbst (neben dem Sommer) nicht auch ein quasi für Pop prädestinierter quasi „Zustand“? Schön, aber melancholisch, bunt aber auch grau?

Stootsie: Der Herbst ist großartig. Man kann sich endlich wieder gscheit anziehen. [lacht] Nichts gegen den Frühling, aber der Herbst ist ein grandioser Zustand. Gerade auch für Songs, die nicht Oktoberfesttauglich sein müssen.

Musikalisch fällt auf, dass Brit-Pop gar nicht mehr so wichtig zu sein scheint. Weder als x-tes Revival der Sixties, noch als 80s/90s-Paraphrase klingt da was durch. Vieles erinnert eher an frühe 1970er Post-Sixties-Melancholien. Ist das bewusst passiert, oder einfach so?

Stootsie: Bewusst wäre jetzt übertrieben, aber diese frühsiebziger Pop-Phase ist ja auch ein musikalischer Herbst. Nach dem Beat-Frühling 1963 bis 1966, dem „Summer of Love“ von 1967/1968 kommt 1969 bis 1973 der melancholische, introvertierte Songwriter-Herbst. Als wir (mit The Seesaw und Solo) den Stempel „BritPop“ hatten, war es dann halt einfacher und bequemer, das zu übernehmen, als immer zu erklären „Eigentlich wollen wir Beach Boys mit The Who und Burt Bacharach verschmelzen“.

Die CD ist ja quasi komplett in Eigenregie entstanden. Wie schaut es da mit Vertrieb, Verkauf, etc. aus?

Stootsie: Da versuche diesmal auch vieles alleine zu machen. Robert Rotifer und Andy Lewis haben mir Bandcamp empfohlen. Das find ich bis jetzt eine geniale Sache, weil man von einer Band alles komplett hat. Sei es der digitale Download in CD-Qualität, aber auch Merchandising, Vinyl und CDs bestellen kann. Von dem ganzen anderen Download-Streaming-Dingsbums versuche ich mich fern zu halten und kontrolliere das auch nicht. Aber anscheinend finden die Leute trotzdem alles.

Wird es eine Tour geben?

Stootsie: Eine Tour im klassischen Rock’n’Roll-Sinn wird es bis auf weiters nicht geben. Es sind schon einige Gigs da und dort angedacht, wo ich mich nur noch melden muss. Faulheit siegt! Da freu ich mich aber schon sehr drauf.

Gibt es schon Songs/Pläne für das nächste Solo-Werk?

Stootsie: Ich muss mich da sehr zurückhalten und darf keine Gitarre angreifen. Es würde schon wieder sprudeln, aber jetzt will ich mich auf „Riverside Tales“ konzentrieren. Der nächste Herbst kommt bestimmt!

Danke für das Interview.

Didi Neidhart

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„Riverside Tales“ erscheint am 01.11.2019 auf bandcamp

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