Mit „In Your Face“ (Konkord Records) legt Florian Kmet ein Album vor, das konsequent auf Reduktion setzt und gerade daraus seine Wirkung bezieht. Die Stücke kreisen um Wiederholung, Verdichtung und klare musikalische Gesten: Gitarren, Stimmen und zurückgenommene Arrangements erzeugen eine unmittelbare Präsenz. Zwischen Songform und offener Struktur entwickelt sich eine eigene Sprache, die Nähe herstellt, ohne sich festzulegen. Im Interview mit Michael Ternai spricht Florian Kmet über seinenWunsch nach Klarheit und einer Nachvollziehbarkeit der Klänge, die Stille als Gegenbewegung und genau welche Art von Lied er spannend findet.
Wir haben gerade darüber gesprochen, dass zwischen deinen Solosalben oft sieben, acht Jahre liegen. Das bislang letzte ist 2018 erschienen. Warum dauert es so lange? Bist du zu sehr mit anderen Projekten beschäftigt, oder ist es eher so, dass du ein Perfektionist bist und nicht gleich alles herausbringst, was du schreibst und aufnimmst?
Florian Kmet: Eigentlich würde ich mich nicht als Perfektionist bezeichnen, aber schnell etwas herauszubringen, ist auch schwierig. Das Soloprojekt ist der einzige Bereich, in dem ich im Timing komplett auf mich selbst zurückgeworfen bin. Bei Theaterpremieren, Hörspielpremieren oder Stummfilmprojekten gibt es in der Regel feste Release-Daten – da ist das Material meistens ohnehin früher fertig. Beim Solo dauert es durch die völlige Freiheit, das zu machen, was für mich wirklich wichtig ist, einfach länger.
Inhaltlich ist dieses Album auch sehr anders als das letzte. Zwischen dem letzten Album und dem neuen lag ja diese ganze Corona-Geschichte. Beim letzten Mal ging es viel um Dinge und den Umgang damit. Jetzt stehen eher Brüche und große Veränderungen im Mittelpunkt. Du zeigst auf deinen Alben immer wieder, dass du ein Meister darin bist, Spagate zu machen. Du hast Berührungspunkte zum Jazz, zur experimentellen Musik, aber auch zum Pop …
Florian Kmet: Ich habe ein paar Mal mit Max Nagl gespielt, und war zwei Jahre Teil von Fatima Spar and The Freedom Fries und dem Trio Exklusiv. Das war wahrscheinlich das Nächste, dem ich je an Jazz herangekommen bin. Aber ja, das Experimentelle war schon immer mein Feld. Ich weiß eigentlich gar nicht so genau, wo meine musikalischen Wurzeln liegen. Wenn ich es kurz runterbreche: In meiner Jugend war ich zunächst eher auf der Rockschiene unterwegs, die mich auch für mehrere Jahre ins Ausland geführt hat. Und dann habe ich Klassik studiert. Das Jazz-Idiom habe ich nie so richtig bedient, dafür war ich aber sehr experimentell.
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Das Experimentelle spiegelt sich natürlich auch in deiner Musik und vor allem auf deiner Platte wider, weil du den Begriff Songwriting oder Pop sehr eigen interpretierst. Es sind zwar Lieder, aber sie sind vom Sound, von der Energie und von der Stimmung her ganz anders ausgestaltet als gewöhnlicher Pop. Deshalb auch meine Frage am Anfang nach dem Perfektionismus. Man merkt nämlich, dass zwar Songstrukturen vorhanden sind – diese vermeintlich einfachen Formen –, aber das, was du mit der Gitarre und mit dem Sound machst, geht schon in eine andere Richtung. Vielleicht auch in eine etwas jazzigere.
Florian Kmet: Das mit dem Perfektionismus finde ich sehr interessant. Diesen Aspekt gibt es sicher auch, aber spannender finde ich eher – und ich hoffe, das hört man auch auf dem Album –, dass die Musik etwas Raues, Kaputtes, Staubiges, Nebliges transportiert. Das interessiert mich. Mir geht es nie um den klassischen, perfekten Klang, sondern eher um den vielleicht perfekt Unperfekten. Mit dem habe ich sehr gespielt. Und auch mit den Beats. Ich finde es ja immer wieder interessant, mit Maschinen zu arbeiten, knacke das aber nie wirklich und komme dann eigentlich immer wieder dahin zurück, doch alles mit Instrumenten zu machen und zu spielen.
Auf diesem Album gibt es schon ein paar Beat-Geschichten, die aber als cleaner Sound überhaupt nicht funktioniert hätten. Ich wollte sie daher immer irgendwie verfremden, um vielleicht noch mehr Raum zu geben. Das ist auch bei den Hörspielen und bei den Theatersachen ein ganz wichtiger Aspekt: Räume zu schaffen, in denen diese Geschichten passieren können.
Was bei diesem Album für mich ebenfalls heraussticht, ist dieser sehr minimalistische Ansatz. Es ist ja überwiegend fast nur die Gitarre, die in Erscheinung tritt, und ein paar Beats. Das schafft auch für deine Stimme sehr viel Raum. War dieses Zurückschrauben der Mittel ein bewusster Teil deines Konzepts?
Florian Kmet: Eigentlich schon, ja. Gerade beim ersten Stück zum Beispiel – da war der Beat am Anfang. Und da gab es dieses große Interesse daran, wie man das mit sehr viel Raum gestalten kann. Dieses Reduzieren und Weniger ist jetzt kein durchgehendes Konzept, aber mich hat total interessiert, wie man mit den wenigen Klängen, die da sind, arbeiten kann – auch mit der Temperatur der Klänge oder mit ihrer Farbe. Darauf habe ich mich mehr konzentriert, anstatt sehr viele Schichten zu addieren.
Das Album ist auch von seiner Stimmung her sehr eigen und steht für mich irgendwie für einen Gegensoundtrack zu der im Moment sehr lauten Welt.
Florian Kmet: Das Album ist in einer Zeit entstanden, in der, wenn man hinausschaut, politisch irrsinnig viele Dinge passiert sind, die sehr verunsichert haben und große Veränderungen mit sich gebracht haben. Und das nicht nur im Großen, sondern auch im ganz Nahen.
Irgendwie hat sich in den letzten Jahren daher in mir immer mehr der Wunsch nach Klarheit und einer Nachvollziehbarkeit der Klänge entwickelt. Und ja, man kann es vielleicht schon so sehen: Stille als Gegenbewegung – vielleicht nicht wirklich konkret formuliert, aber auf jeden Fall als Wunsch und Bedürfnis.
Ich höre ja selber nur wenig Musik, weil ich neben dem Musikmachen das Gefühl habe, dass ich dann eher Ruhe und Stille brauche. Im Arbeitsalltag wechselt sich das halt ab: Manchmal ist es irrsinnig dicht, dann passiert wieder ganz wenig. Und damit umzugehen und sich weniger davon beeinflussen zu lassen, ist schon auch eine Herausforderung.

Weil du sagst, dass du eigentlich wenig Musik nebenbei hörst: Was sind denn trotzdem deine Inspirationen? Beziehst du dich eher auf Dinge, die du bereits gemacht hast, oder geht es mehr um das Ausprobieren neuer Ansätze?
Florian Kmet: Auf jeden Fall ums Ausprobieren und Suchen. Die Leute, mit denen ich im Theater- oder Hörspielbereich arbeite, sind auch die Hauptquelle für neue Zugänge. Dort wird ja immer etwas anderes gebraucht, und dann mache ich mich auf die Suche.
Die Stücke, die ich in den letzten zwei, drei Jahren gemacht habe, waren thematisch komplett unterschiedlich. Dadurch war auch immer andere Musik notwendig – und damit verbunden neue Prozesse oder Herangehensweisen: wie man etwas erarbeiten kann oder wie man zu einer bestimmten Stimmung kommt, die es vielleicht braucht. Ich glaube eigentlich, dass das fast das Wichtigste ist.
Aber natürlich gibt es schon auch Dinge, die mich inspirieren. Zum Beispiel eine Band, die ich früher fast nie gehört habe: Einstürzende Neubauten. Die finde ich vom Klang her jetzt total spannend.
Inwieweit ist so ein Soloalbum – es ist ja mittlerweile dein viertes – auch ein Ort, an dem du etwas Persönlicheres zeigst als in anderen Projekten? Also etwas, in das du mehr von deiner Seele, deinem Herzblut und deinem Ich hineinlegst und dich damit vielleicht auch angreifbarer machst. Inwiefern ist so ein Soloalbum auch mit einer Art persönlicher Katharsis verbunden?
Florian Kmet: Natürlich sehr sogar. Es ist schon ganz anders, als wenn ich für eine Geschichte, die von jemand anderem kommt – wie bei einem Theaterstück oder bei einem Text – die Musik dazu mache. Da versuche ich mich immer in die Geschichte der anderen einzufühlen, um sie mitzutragen, zu heben oder wie auch immer zu unterstützen. Und ich meine, so eine Solo-Nummer ist eine Mischung aus Dingen, die meiner Fantasie oder meinen Beobachtungen entspringen, aber natürlich hat sie auch etwas mit mir selbst zu tun.
Und ja, die Frage der Angreifbarkeit finde ich sehr spannend, weil mich gerade in Zeiten wie diesen schon beschäftigt hat, was überhaupt Sinn macht, mit einem Album nach außen zu transportieren. Ich glaube, dass meine höchstpersönliche Geschichte oder Beobachtung, die vielleicht zu dem Song geführt hat, für die Zuhörer:innen nur sehr wenig Relevanz hat – außer jemand kennt mich sehr gut. Lieder, die ich spannend finde, sind solche, die für mich einen Raum aufmachen, in den ich meine eigene Geschichte hineinbringen kann. Insofern muss ich mich auch nicht übermäßig angreifbar machen, weil ich denke, dass es eigentlich ein Stück weit zuträglicher ist, wenn eine Geschichte erzählt wird, die jede und jeder sich zunutze machen kann und auf die man sozusagen aufspringen kann, um den eigenen Brüchen oder Veränderungen – in sich selbst oder vielleicht auch im eigenen Körper – ein wenig nachzuspüren.
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Und inwieweit spiegeln sich diese Grundstimmungen auf dem Album wider? Auf jeden Fall ist es kein unbedingt fröhlicher Sound, den man präsentiert bekommt. Es ist eher ein nachdenklicher. Was macht das mit einem, mit der eigenen Kunst, wenn man solche Phasen erlebt?
Florian Kmet: Ja, nachdenklich ist ein gutes Wort, weil ungebremste Freude fände ich jetzt auch irgendwie etwas schwierig. Natürlich kann man immer sagen: Okay, ich mache jetzt eine komplette Gegenbewegung zu allem, was sich gerade abspielt, und liefere ein total happy Album ab. Aber so etwas wäre mir komplett unmöglich gewesen.
Das Album ist auf eine unbewusste Art schon sehr stark der Versuch, all die Dinge zu verarbeiten, die im Prozess des Machens dieser Nummern passiert sind. Es war so eine Art Vehikel, um einfach dranzubleiben, um im Tun, im Singen oder im Arbeiten an den Klängen irgendwie schöne Momente erleben zu können und Glück zu empfinden. Natürlich beeinflussen einen all diese Verunsicherungen, und Corona war wahrscheinlich die direkteste Art, wie es einen aus dem normalen Rhythmus herausgehauen hat.
Das Interessante ist, dass ich es immer noch spüre – in dem, wie ich jetzt arbeite und arbeiten kann. Es hat sich einfach verändert. Eine Rückkehr zu dem, wie es davor war, hat nicht wirklich stattgefunden. Es haben sich einfach andere Bereiche geöffnet, und in manchen kann ich jetzt mehr machen, in anderen weniger als vorher.
Inwieweit ist das Solo-Projekt im Vergleich zu den anderen Projekten – den Theaterprojekten und Hörspielprojekten – das persönlichste Baby?
Florian Kmet: Es ist mir total wichtig. Erstens, weil ich wahnsinnig gerne solo spiele. Es ist einfach ein riesiges Geschenk, wenn ich das Glück empfinden darf, dass die Sachen auf der Bühne wirklich aufgehen. Das ist immer sehr, sehr toll. Zweitens habe ich das Gefühl, dass ich aus diesem Soloprojekt doch einiges in die anderen Arbeiten mitnehme. Zum Beispiel bei „Testament“, dem Stück, das wir letztes Jahr gemacht haben und jetzt im Mai wieder aufnehmen. Für dieses Theaterstück habe ich sehr viel Musik für andere gestaltet.
Was sich für mich verändert hat, ist, dass ich früher mehr das Gefühl hatte, ich müsse die Dinge total pushen: Ein Album muss einfach raus, und ich habe auch sehr viel ins Booking und in alles Mögliche investiert. Bei diesem Album dagegen ist mir total wichtig, dass ich es zuallererst für mich gemacht habe. Ich freue mich natürlich sehr, dass es rauskommt, und habe das Gefühl, dass ich es jetzt ein bisschen mehr gehen lassen und einfach schauen kann, was damit passiert.
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
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