Hotel Palindrone (c) Julia Wesely

mica-Porträt: Hotel Palindrone

Unter dem reichlich unspezifischen Label „Weltmusik“ versammelt sich so einiges an Musikschaffen, das im Grunde nichts miteinander verbindet. Im Unterschied zu anderen Genres – deren Daseinszweck ja gerade die Subsummierung  stilistischer Ähnlichkeiten sein sollte! – lässt diese Gattung nicht einmal vage auf einen solchen verwandtschaftlichen Klangkosmos schließen. Vielmehr fungiert er als unscharfer Überbegriff für all die musikalischen Traditionen sämtlicher Volksgruppen des Erdenrundes. Angesichts von Bands wie Hotel Palindrone muss man jedenfalls zwischen zwei Stoßrichtungen unter den „Weltmusik“-Combos unterscheiden: Solchen, die sich als Botschafter ihrer jeweiligen Heimat sehen und das traditionelle Liedgut hegen und pflegen, mitunter auch weiterentwickeln, und jenen, die diesen ihnen zugemuteten Begriff sehr wörtlich nehmen und im Spielerischen offenbar diese gesamte „Welt“ zu integrieren und kombinieren versuchen.

Hotel Palindrone gehören zweifellos zu letzteren. Die seit 1995 aktive, multiinstrumentell agierende Combo gehört zu Österreichs Aushängeschildern in Sachen Stilvielfalt bei gleichzeitig gewahrter Stilsicherheit. Diese in ihrem Schaffen höchst kultivierten Vollblutmusiker bedienen sich dabei virtuos vor allem am folkloristischen Erbe Europas. Der integrative Kreuzzug führt von skandinavischen Folk-Traditionals über die Bordunmusik deutsch-fränkischer Färbung in den Alpenraum, wo der Ländler und die Jodelkunst freudigst aufgenommen werden. Das alles oszilliert irgendwo zwischen der lebensbejahenden Spielfreude der im Jazz grundierten Improvisation und dem feinfühlig-kontemplativen Ausarrangieren der klassischen Komposition.

So polyglott sich die vier Musiker schon in stilistischer und instrumenteller Hinsicht geben, man findet auch in deren Biographien Entsprechendes: Deutschland, Österreich, Irland und die USA sind ebenso als Nationen in die Lebensläufe der Bandmitglieder eingeschrieben. Die divergierenden musikalischen Backgrounds wurden schließlich, quasi als geburtliche Mitbringsel, im Ensemble auf den größten gemeinsamen Nenner gebracht. Bereits auf ihrem ersten, 1999 bei Extraplatte erschienen Album „Elegance“ wird deutlich, dass der musikalische Fokus von Hotel Palindrone nicht auf einer abbildhaften Wiederbeschwörung des Vergangenen liegt, sondern auf einer zwischen alle Stühle gezurrten Neuformulierung von Folklore. Da diese – in ihrer ursprünglichen Form! – selbst nie in einem definierenden Sinne festgehal-ten wurde, sondern durch die stetige Pflege der lebendigen Aufführungspraxis immer für Interpretation und Variation empfänglich gehalten wurde, stellt sie das Selbstverständnis der Band lediglich in aller Folgerichtigkeit dar.

Konsequent daher auch die Aufführungspraxis von Hotel Palindrone – neben ganz Europa beehrte die Band bisher auch entlegenere Länder wie etwa Mexiko und Malaysia. Der unermüdliche Spieleifer und die detailverliebt gestalteten Studioalben überzeugten Publikum wie Juroren gleichermaßen: Nach beinah 20jähriger Geschichte darf die Band nun beispielsweise auf folgende, prestigeträchtige Auszeichnungen zurückblicken: den österreichischen World-Music-Preis 2005, die begehrte Auszeichnung „Bravos!!!“ des Trad Magazines (F) 2007, den Europäischen Folkpreis „Eiserner Eversteiner“ 2009, sowie den renommierten Preis der deutschen Schallplattenkritik für das vierte Album „Jodulator“ im Jahr 2011.

Die Nähe aller herbeizitierten Folktraditionen zum Tanz hat die Band 2005 schließlich dazu bewogen, ihren eigenen Ball ohne Kleiderzwang und ohne klassische Standardtänze ins Leben zu rufen. Dabei bieten sie, untermalt von internationalen Gastgruppen und natürlich ihnen selbst, Nachhilfe in Sachen Kreis-, Reihen- und Paartanz, wie etwa Scottish (Europa), Plinn (Bretagne), Polska (Schweden), Bourree (F), Schleuniger (Ö), Wickler (Ö) und Mazurka (Europa). Er findet etwa vierteljährlich in ausgewählten Wiener Klubs statt.
Mit dem Haydn Crossover Projekt wurde 2009 ein weiterer sidekick aus der Taufe gehoben, in welchem gemeinsam mit der klassischen Pianistin Marialena Fernandes den volkstümlichen Elementen im Schaffen Joseph Haydns nachge-spürt wird.

Hotel Palindrone sind:
Albin Paulus – Dudelsäcke, Klarinette, Maultrommel, Jodeln & Gesang, Schalmei-en, Flöten
Stephan “Stoney” Steiner – Geige, diat. Akkordeon, Drehleier, Nyckelharpa
Peter “Nag” Natterer E-Baß, Tenorsaxophon, Human Beatboxing, Klavier
John Morrissey – Mandola, Bouzouki, Valisette, Gesang

David Weidinger

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