mica-Porträt: ALEXANDER STANKOVSKI bei „Wien modern“

Jahrelang ist es oft sehr still um ihn, bis man dann plötzlich nicht nur mit einem, sondern gleich mehreren seiner Werke in kurz aufeinanderfolgenden Konzerten konfrontiert wird. Diesmal ist es WIEN MODERN, bei dem ALEXANDER STANKOVSKI  (* 1968) gleich mit zwei Aufführungen präsent ist. Und auch rund um diese gibt es Aktuelles zu vermelden.

Hörstück für „Wien modern“-Ohren

Die Stamm- und Neubesucher von Wien Modern können schon am 15. November ihre Ohren auf „In diesem Augenblick” richten, das gemeinsam mit Werken von Christof Dienz, Gerhard E. Winkler und Tristan Murail durch das Ensemble PHACE, technisch betreut von Johannes Schütt (ICST Zürich) und Alfred Reiter im Berio-Saal des Konzerthauses aus der Taufe gehoben wird. Auf Basis eines Textes von Xaver Bayer schuf Stankovski ein „szenisch-konzertantes Hörspiel“, das außer den akustischen Ensembleinstrumenten eine Sprecherpartie (Julian Loidl) und elektronische Zuspielungen vorsieht, wobei auch die räumliche Komponente eine Rolle spielt. Ist man es als Zuhörer gewohnt, in der heutigen Musikszene vor allem Ideen zu finden, die es in irgendeiner ähnlichen Form schon vor Jahren oder Jahrzehnten gab, so scheint mir in diesem Fall die Gegenüberstellung einer Erzählstimme auf der Bühne und einer Gegenstimme aus dem Lautsprecher tatsächlich „relativ“ neu und jedenfalls vielversprechend in Bezug auf die dadurch entstehende Atmosphäre und Spannung. Zu dieser Wortebene bilden die Instrumente eine Art „musikalische Bühnenbilder“ (Stankovski), die akustische Räume für die Instrumente schaffen. Das Weiterleben des Stücks ist jedenfalls garantiert, wird es doch abgesehen von der ersten Konzertaufführung auch eine reine Hörspielfassung geben, die vom ORF-Kunstradio produziert wird.

Aus alt wird neu

Stankovski gehört nicht zu jenen Komponisten, die ein einmal geschriebenes Werk für ewig in dieser Form gültig erachten. Mit „Spiegel-Maske-Gesicht” für sechs Instrumente begegnet man am 29. November ebenfalls bei Wien Modern (ensemble xx. jahrhundert, Leitung: Peter Burwik) einem solchen Work in Progress, das nach seiner ursprünglichen Form von 1997–1999 vor einigen Jahren eine teilweise Revision erhielt. Der Komponist schuf dabei, wie er selbst es beschreibt „drei Sätze,  die als musikalisch inkommensurable [nicht vergleichbare, Anm.] Ereignisse nebeneinandergestellt werden.“ – Man darf jedenfalls neugierig sein, ob (oder wie sehr) man in der Aufeinanderfolge der deutlich verschieden gearbeiteten Stücke eine Einheit und vor allem die Klangsprache ihres Komponisten als verbindendes Moment wahrzunehmen vermag. Stankovski zitiert zum unterschiedlichen Herangehen in Hinblick auf Material, Ausdruck, Technik und Zeit den belgischen Schriftsteller und Maler Henri Michaux: „Es gibt kein Ich. Es gibt nicht zehn Ichs. Es gibt kein Ich. ICH ist nur eine Position des Gleichgewichts (eine unter tausend anderen unentwegt möglichen und jederzeit abrufbereiten).“

Whisky als Begleitumtrunk

Glaubt man an Zufälle, dann ist es ein solcher, dass es in den kommenden Wochen auch unabhängig von Wien Modern noch eine ganze Reihe weiterer Veranstaltungen mit Werken Alexander Stankovskis geben wird. Auf dem Programm steht gleich dreimal eines der Stücke aus seiner Linien-Reihe, in diesem Fall „Linien II” (2001/2014), das in seiner ersten Fassung von Ernesto Molinari und Donna Wagner-Molinari aus der Taufe gehoben wurde und nunmehr im Repertoire des Duos Stump–Linshalm ist, die es am 25. November in Graz bei open music, am 2. Dezember im Echoraum Wien sowie am 5. Dezember in Wels zur Aufführung bringen. Dass bei den  Konzerten in Graz und Wien jeweils auch eine Whiskyverkostung geplant ist, schreibt Stankovski ausschließlich dem dramaturgischen Konzept der Ausführenden zu, werden doch die Duos zuerst als Block und dann zwischen den Whisky-Proben noch einmal einzeln gespielt. Wenn man bedenkt, dass es sich um immerhin neun Einzelsätze (für verschiedenste Kombinationen von der Es- bis zur Kontrabassklarinette) handelt, könnte dies ein besonders aufgelockerter Konzertabend werden und zudem eine „freundliche“ Einstellung der Zuhörerinnen und Zuhörer gegenüber Neuer Musik begünstigen. Wenn die promillehältige Begleitung zur Musik auch nicht in der Partitur festgehalten ist, so spricht Stankovski ihr immerhin zu, dass seine Duos eine ähnlich lange Reifungszeit gehabt hätten wie guter Whisky.

Zerrspiegel in der Kirche

Gespannt erwarten darf man schließlich als Schlusspunkt dieser „Stankovski-Wochen“ eine Aufführung des Streichquartetts „A House of Mirrors III” (2010–2014) am 12. Dezember durch das ensemble LUX in der Lutherischen Stadtkirche in der Wiener Dorotheergasse. Ähnlich wie bei Linien ist auch „House of Mirrors III” ein Stück aus einer gleichnamigen Werkreihe, und auch hier besteht hinsichtlich der Instrumentenwahl keine Verbindung zwischen den einzelnen Werken. Dass sich Stankovski nicht klassischen Formen und Besetzungen verwehrt, sieht man an der kammermusikalischen Königsdisziplin Streichquartett, die der Komponist insbesondere „ihrer klanglichen Homogenität und spieltechnischen Vielfalt wegen“ (Stankovski) wählte. Dass er gleichzeitig die Gelegenheit nutzt, das Alte mit neuesten technischen Entwicklungen zu versehen, spiegelt seine Neugier auf das, was er dadurch zu erschaffen in der Lage ist. Stankovski: „Wichtigstes Hilfsmittel bei der Realisierung […] ist eine schon zuvor mehrmals händisch erprobte, nun mit Hilfe des Computers gleichzeitig verfeinerte und verallgemeinerte Technik der ‚verzerrten Spiegelung‘. Ausgehend von einer rhythmisch-intervallischen Zelle bildet sich durch fortgesetzte Spiegelung eine Kette von Mikrovariationen, die durch geringfügige Abweichungen in Bezug auf Intervalle, Dauern, Spielweisen und Dynamiken miteinander verbunden sind. Der weitere Verlauf ist abhängig von der Spiegeltiefe (wie viel von dem zuvor gespielten Material gespiegelt wird), vom Grad der Abweichung (wie sehr dieses Material verändert wird) und von der Anzahl der Instrumente, die derselben Spiegelung unterliegen (wie ‚kompakt‘ oder ‚individualisiert‘ die vier Instrumente auftreten).“

Bleibt zu hoffen, dass Stankovski nicht zuletzt auch mit dieser beeindruckenden aktuellen Aufführungsserie Aufmerksamkeit bei Interpreten und Veranstaltern erregt und wieder etwas anhaltender in Spielplänen zu finden sein wird. Und falls doch nicht, dann sollte man umso neugieriger sein, was der Komponist aus den jetzt uraufgeführten Stücken in fünf, zehn oder zwanzig Jahren gemacht haben wird. Jetziges Dabeisein und aufmerksames Anhören lohnt sich jedenfalls.

Christian Heindl

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