mica-Interview mit Ute Pinter

„Es hat mir einfach keinen Spaß gemacht, mir zuzuhören.“ Hart, aber lachend urteilt Ute Pinter über ihre Vergangenheit als Klavierschülerin. Um ihre Leidenschaft für die Musik und ihre „Liebe zum Rampenlicht, auch hinter dem Rampenlicht“ auszuleben, musste sich die gebürtige Leobenerin also einen anderen Weg suchen – und fand ihn in der Kulturvermittlung und -organisation. Nach dem Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in Graz und einem Postgraduate-Lehrgang Kulturmanagement in Linz und Salzburg arbeitete sie lange für das Kulturzentrum bei den Minoriten Graz. Es folgte die Jeunesse in Wien, für die sie bis heute Konzertzyklen programmiert; zudem leitet sie die Grazer Neue-Musik-Reihe Open Music und organisiert seit drei Jahren Impuls Graz.

Diese von Beat Furrer und Ernst Kovacic begründete Ensemble- und Komponistenakademie bietet jungen Musikern und Komponisten aus aller Welt jedes zweite Jahr einen umfassenden Zugang zu zeitgenössischer Musik in Theorie und Praxis – eine intensive, rund 14-tägige Arbeitsphase mit renommierten Instrumental- und Kompositionsdozenten. Parallel zur Akademie versorgt das Impuls Festival die Stadt mit Konzerten, Präsentationen, Vorträgen und Musikvermittlungsprogrammen, mit Minutenkonzerten in Galerien und öffentlichen Workshops. Ein eigener Kompositionswettbewerb, dessen Gewinner vom Klangforum Wien uraufgeführt wird, ergänzt das Angebot.

In wenigen Wochen ist es wieder soweit, von 5. bis 16. Februar findet die siebte Ausgabe von Impuls Graz statt. Hier spricht Ute Pinter über die wirtschaftlichen und künstlerischen Rahmenbedingungen junger Komponisten und ihrer Interpreten, über den relativierten Anspruch auf Neues, überwundene Genregrenzen und aktuelle Trends.

Ist es eher Fluch oder Segen, am Beginn des 21. Jahrhunderts ein junger Komponist zu sein?

Ute Pinter: Wenn man von etwas beseelt ist, ist es immer ein Segen, das gilt für Komponisten früher wie heute. Ich weiß nicht, ob es vor dreihundert Jahren wirklich besser war – für Frauen jedenfalls sicher nicht, für die ist es heute ein Segen, selbst im Vergleich zu noch vor hundert Jahren. Ansonsten hat sich immer schon diese Frage gestellt: Akzeptiere ich es als Künstler, auch Aufträge anzunehmen – sozusagen angewandte Kunst zu machen –, um mir meinen Lebensunterhalt zu sichern? Und da gibt es heute vielleicht doch mehr Möglichkeiten als früher, Stichwort Medien oder Werbung. Trotzdem: Ich finde, es ist in jedem Beruf ein Blödsinn, etwas zu machen, nur um Geld zu verdienen. Wenn ich weiß, was ich machen will oder beseelt bin davon, ist es immer besser, als an irgendeinem Fließband zu stehen, ohne Bezug zu den Dingen. Daran hat sich in den letzten Jahrhunderten nichts Wesentliches geändert.

Das ist die wirtschaftliche Seite. Und wie sieht’s ästhetisch aus? Ist die Musikgeschichte nicht längst zu einer unüberwindlichen Bürde geworden? Können Komponisten heute überhaupt noch Neues finden?
Ute Pinter: In dieser Hinsicht hatten es die Gregorianiker noch einfacher! Wobei ich mich, nebenbei gesagt, ja immer frage, was eigentlich davor war. Egal – sicherlich ist es eine Bürde, so viel Information zu haben wie wir sie heute haben können, und wenn ich von alldem nichts weiß, bin ich womöglich tatsächlich ein glücklicherer Mensch. Trotzdem ist der Anspruch, permanent Neues, gänzlich Ungehörtes zu schaffen, längst schon relativiert. Das war vielleicht in den 70er- bis 90er-Jahren noch so, aber es ist nicht mehr der Anspruch von 2010. Mittlerweile hat man eingesehen, dass es darum geht, wie Dinge verarbeitet werden und was die Aussage ist. Nehmen Sie nur die Elektronikwelle der Nullerjahre, bei der ja auch Wien eine international bedeutende Rolle spielte. Da hat man zunächst einmal ganz viel neues Klangmaterial gefunden und gleich präsentiert. Das befriedigt mich heute nicht mehr. Die spannenden Fragen sind: Wie bediene ich mich des Materials, welche Form finde ich dafür, wie baue ich es zusammen, was mache ich draus, was will ich damit sagen? Ich glaube nicht, dass das Neue noch einen Wert an sich darstellt, wenn es nicht mehr als eine sozusagen sinnlose Erfindung ist.

Wie ist es mit der Vernetzung der Komponisten heute? Beethoven möchte man sich in einem Komponistenworkshop ja lieber gar nicht vorstellen. Komponisten wie Schubert oder Schönberg aber haben sich sehr wohl auf eigene Faust den Austausch unter Kollegen organisiert. Heute ist auch dieser Bereich institutionalisiert, etwa durch die Darmstädter Ferienkurse oder eben Impuls Graz.
Ute Pinter: Vieles entsteht im unmittelbaren Austausch zwischen Komponisten und Interpreten, das ist heute nicht grundsätzlich anders als früher. Mir scheint allerdings, dass es heute sogar noch wichtiger geworden ist, dass Komponisten Informationen bekommen, was ein Instrument kann, welche anderen Möglichkeiten als die üblichen es bietet. Diesen Austausch im Rahmen einer Institution zu organisieren, ist also sicher eine gute Sache. Dazu kommt die Internationalität: Wenn Leute aus der ganzen Welt in so einer „Lagersituation“ zusammenkommen, setzt das ganz andere Kräfte frei, als wenn ich allein im stillen Kämmerlein vor mich hin arbeite. Ich sehe auch einen Vorteil darin, dass man da für relativ kurze Zeit sehr intensiv zusammenkommt, für zwei, drei Wochen wahnsinnig viele Einflüsse bündelt und nicht, wie etwa in einem postgradualen Studium, zwei Jahre lang in einer festen Gruppe arbeitet.

Ist Impuls also auch eine Kompensation mangelnder Ausbildungsmöglichkeiten an den Universitäten?

Ute Pinter: Sagen wir so: Selbst wenn die Universitäten die Ausbildung vorbildlich abdecken würden, bin ich überzeugt, dass Einrichtungen wie Impuls noch immer einen Zweck erfüllen. Natürlich ist Impuls auch mit dem Wunsch entstanden, eine Lücke zu füllen, die das universitäre System damals hatte und zum Teil noch immer hat – auch wenn schon vieles besser wurde: In Graz zum Beispiel gibt es seit zwei Jahren ein Postgraduate-Studium mit dem Klangforum, dass dort als Ensemble eine Professur hat. Ähnliches findet man auch in Basel, bei der Ensemble Modern Akademie, beim Ensemble ictus – interessanterweise meist von den Ensembles initiiert und nicht von den Unis. Aber ganz abgesehen davon, dass es viel zu wenige solcher Angebote gibt, haben sie eben nicht diese hochenergetische Kompaktheit einer intensiven Arbeitsphase wie bei Impuls. Auch die Verschränkung von teilnehmenden Komponisten und Interpreten können die Unis in aller Regel nicht so gut gewährleisten – samt der Möglichkeit, sich in kürzester Zeit in den verschiedensten Kontexten zu vernetzen. In dieser Hinsicht ist Impuls natürlich auch so etwas wie eine Jobbörse. Das schafft eine Akademie einfach leichter als eine fixe Professorenschaft.

Apropos Jobbörse: Spürt man während der Akademie einen Konkurrenzdruck unter den Teilnehmern?
Ute Pinter: Natürlich, das lässt sich ohnehin nie verhindern und gehört ja auch dazu. Es brächte doch auch nichts, wenn man ganz in Abgeschiedenheit sein Studium abschließt und dann erst anfängt, sich auf dem Markt zu orientieren. Es ist gut, dass bei Impuls Leute zusammenkommen, die nicht alle gleich weit oder gleich gut sind. So lernt man sehr schnell, sich selbst einzuschätzen: Wo stehe ich? Wo könnte ich sein? Wo will ich hin? Man hat eine Möglichkeit, sich zu vergleichen, seinen eigenen Status abzuklären und zu schauen, wie es besser gehen könnte.

Die Teilnehmer bei Impuls kommen fast im Wortsinn aus aller Welt. Werden da auch ästhetische Unterschiede deutlich?

Ute Pinter: Wirklich kompetent beantworten kann ich das gar nicht, weil ich während der Akademie überhaupt keine Zeit habe, in den Kursen zu sitzen und zuzuhören. Ich kann mich nur auf die Resultate in den Konzerten berufen und auf Gespräche mit den Dozenten, wenn ich glaube, dass es durchaus Unterschiede vor allem zwischen asiatischen und europäischen Ländern gibt. Das ist jetzt natürlich ein Pauschalurteil, und es gibt ganz viele Gegenbeispiele, aber es wundert mich schon immer wieder, dass viele Asiaten erst versuchen, das zu lernen, was es hier zu lernen gibt, und relativ wenig von ihrer eigenen Identität und Geschichte einbringen. Das ist im Bereich der Klassik wohl noch viel stärker ausgeprägt, doch auch unter den Komponisten gibt es nur wenige, die schon ihre eigene Identität gefunden haben, die ihr Wissen um die eigene Musikkultur einbringen können, wenn sie nach Europa kommen. Aber natürlich: Es gibt schon auch Asiaten, die sagen, okay, ich komme jetzt nach Österreich, um die abendländische Musikkultur zu lernen, aber meine Pipa oder meine Sheng nehme ich trotzdem mit.

Bei den Orchestern macht sich die Globalisierung längst durch eine Vereinheitlichung der Klangbilder bemerkbar. Haben Sie im Rahmen der Impuls-Akademie Ähnliches auch bei den jungen Komponisten beobachtet?
Ute Pinter: So eine Entwicklung könnte ich mir schon vorstellen. Was ich aber viel interessanter finde, ist, dass viele Komponisten aus dem reinen Bereich der Neuen Musik herausgehen und andere Dinge mit einbeziehen wollen, seien es Einflüsse aus der Elektronik, aus der Improvisation, aus Jazz, Rock oder Pop. Es gibt heute grundverschiedene Typen von Komponisten: Natürlich immer noch die klassischen Komponistenkomponisten, dann aber auch die Komponisten-Manager-Checker, die einen Verein gründen, Programme und Festivals machen wie etwa Platypus in Wien. Und dann gibt es ganz viele Komponisten, die selber auch spielen, also eigentlich Performer sind. Und gerade die grasen stark in andere Bereiche aus. Das ist dann sozusagen eine andere Form der Globalisierung. Und die interessiert mich als Hörer wesentlich mehr als der Vergleich zwischen einem australischen und einem österreichischen Komponisten.

Gibt es andere Trends, die Ihnen aufgefallen sind?

Ute Pinter: Viele Musiker verlassen die klassischen Besetzungen wie das Streichquartett und suchen Ensembles oder Kleinformationen, die schon ein Potenzial an neuer Klanglichkeit in sich bergen. Das Trio Amos mit Flöte, Violoncello und Akkordeon zum Beispiel. Oder das Ensemble Nikel, das sich auf relativ neue Instrumente konzentriert, Schlagzeug, E-Gitarre, Saxofon, kombiniert mit Klavier und Kontrabass. Schwer haben die es schon: Es gibt ja keine Literatur für diese Besetzungen, die müssen sich alles erst komponieren lassen.

Welche Rolle spielt die Elektronik bei Impuls?
Ute Pinter: Die ist mittlerweile fix dabei. Es gibt einen eigenen Workshop, in dem aber immer auch eine enge Zusammenarbeit mit den Instrumentalisten stattfindet.

Und die Improvisation?
Ute Pinter: 2011 wird es zum ersten Mal wirklich ein durchgängiges Angebot geben, mit Manon-Liu Winter. Das war schon letztes Mal in Spurenelementen dabei, aber quasi en passant, einfach weil Instrumentaldozenten wie Mike Svoboda, Uli Fussenegger oder Ernesto Molinari auch in diesem Bereich tätig sind. Ich persönlich würde die Improvisation ja gerne noch stark ausbauen – aber das ist natürlich immer eine Frage des Geldes.

Die Improvisation ist eine Ihrer Leidenschaften?
Ute Pinter: Mir ist es jedenfalls wichtig, sie bei Impuls mit Respekt und gleichwertig zu behandeln – auch wenn das Angebot nicht den Umfang der anderen Kurse hat. Ich finde, Improvisation ist genauso schwierig wie irgendetwas anderes. Und sie kommt klanglich oft genug zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie Komponisten, die mit klassischer Notation arbeiten. Interessant wird es, sobald jemand beim Improvisieren – vielleicht sogar zufälligerweise – etwas entdeckt, das dann aber auch wieder reproduzieren kann. Zufallsprodukte allein sind in der Kunst super, aber zu wenig. Da braucht es schon das Vermögen, Dinge wiederholen und gezielt benutzen zu können. So wie man sich ja auch in der Klassik ein Vokabular, eine Technik aneignen muss. Ich habe den Eindruck, dass es derzeit unter jungen Interpreten genau daran ein starkes Interesse gibt.

Und wie ist es mit dem Interesse nach Grenzüberschreitungen in Richtung anderer Kunstgattungen?

Ute Pinter: Das ist auf jeden Fall interessant! Nur, um es vorweg zu sagen: Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Musik in einem klassischen Konzertsetting stattfindet. Ich habe aber auch nichts dagegen, wenn es manchmal anders sein kann. Ein Beispiel: Wir haben 2009 erstmals kurze, so genannte Minutenkonzerte in verschiedenen Galerien veranstaltet, um die strenge Konzertsituation aufzubrechen und zu schauen, was dann passiert: Wie verändert sich die Aufmerksamkeit des Publikums? Wie reagiert ein Musiker darauf? Kann er damit umgehen, dass sich das Publikum im Saal bewegt, vielleicht sogar aus und ein geht? Das mag akustisch und von der Konzentration her nicht optimal sein, aber es schult auch die Flexibilität und die Bühnenpräsenz der Musiker. Und es gibt ihnen ganz unmittelbar und sofort eine Reaktion des Publikums. Auf der anderen Seite, beim Publikum, kann ein solches verändertes Setting auch manche Schwellenängste nehmen: wenn ich weiß, ich muss jetzt nicht neunzig Minuten lang still sitzen, sondern kann einmal für zwanzig Minuten reinschnuppern und darf sogar früher gehen, kann aber auch ganz nahe dabei sein, den Musiker aus nächster Nähe beobachten. Das verändert die Wahrnehmung. Und ganz abgesehen davon bringen solche Galerienkonzerte auch ein neues Publikum aus einer anderen Szene mit sich.

Das Interview führte Carsten Fastner.

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